Was verloren geht

Was verloren geht

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Neulich sah ich folgenden alten Sketch von Monty Python (aus ihrer Fernsehsendung „Flying Circus“): die „Summarize Proust“ – Competition. Im Stile einer abgehalfterten Gameshow treten verschiedene Gäste auf, um in der Stadthalle von Swansea innerhalb von 15 Sekunden das bekanntermaßen nicht sehr kurze Hauptwerk von Marcel Proust zusammenzufassen. Ein „Proustometer“ zeigt an, wie weit sie dabei kommen. Einer nach dem anderen scheitert daran, auch nur die Handlung des ersten Kapitels zusammenzufassen, zwischendrin gibt es Small Talk über die zum Teil sehr skurrilen Hobbies der Teilnehmer („Masturbation“). Höhepunkt ist schließlich der Auftritt eines Männerchors, der gerade in dem Moment, als er uns die „Absicht“ Prousts erklären will, ausgegongt wird. Terry Jones in der Rolle des schleimigen Showmoderators tritt dann auf und verkündet, dass leider dieses Jahr keiner der Teilnehmer den Preis gewonnen hat, und stattdessen der Preis nun an „the girl with the biggest tits“ gehen würde. Die Dame tritt auf (völlig normal aussehend übrigens), wird umjubelt, Ende des Sketches.

Als ich diesen Sketch sah, fragte ich mich natürlich sofort: hey, würde das heute gehen? Würde eine solche Pointe nicht einen gigantischen Aufschrei und eine endlose Woke-Debatte erzeugen, wenn sie zum Beispiel bei Böhmermann präsentiert würde? Gleichzeitig ertappe ich mich dabei, dass ich den ganzen Sketch urkomisch und brillant finde, und schäme mich dafür nicht im Geringsten. Bin ich ein schmutziger alter weißer Mann, ein Sexist? Ist diese Art von Humor heute nicht mehr gestattet, so wie der Klaps auf den Hintern am Anfang von „Goldfinger“ heute nicht mehr in einem James Bond-Film denkbar wäre?

Das Problem mit der ganzen Woke-Debatte ist beständig, dass sich auf beiden Seiten die Falschen echauffieren. Die meisten Menschen verstehen ganz genau, dass es sinnvoll ist, dass unsere Gesellschaft achtsamer, gerechter und toleranter wird, und dass dies auch ein beständiger Prozess ist. Diese Menschen können mit der ganzen Thematik relativ entspannt umgehen. Viele junge Menschen haben bestimmte Formen des Umgangs (wie zum Beispiel die von vielen Älteren abgrundtief gehasste Schreibweise mit :innen) schon komplett verinnerlicht und machen kein großes Ding draus. Dominiert wird aber die Debatte von denen, die eher brüllen als zu argumentieren. Auf der einen Seite extrem konservative Gesellen, die schon beim geringsten Anflug von Rücksichtnahme auf irgendetwas den Untergang der Menschheit aufziehen sehen, auf der anderen Seite überwoke Sittenwächter, die schon beim Anblick einer kleinen Rastalocke einen Herzinfarkt kriegen. Beides ist unerträglich.

Aber da dieses Brüllen und Zetern und die Polarisierung die ganze Diskussion vergiftet, ist es sehr schwer, irgendetwas dazu zu sagen, ohne von entweder der einen oder anderen Seite vereinnahmt zu werden. Für Menschen, die also einerseits Rassismus und Intoleranz verachten, andererseits aber den „wilden Raum“ der Kultur (in dem alles möglich sein sollte, also eben auch provokanter Humor und beißende Satire) als etwas erachten, das man erhalten sollte, wird es daher momentan schwer.

Ich versuche es dennoch mal. Warum bin ich der Meinung, dass ein Sketch wie der von Monty Python auch heute möglich sein sollte? Weil ich der Meinung bin, dass wir wieder lernen müssen zu unterscheiden zwischen etwas Dargestelltem und etwas Beabsichtigten.

In einem Theaterstück z.B. sollte ich erst einmal in der Lage sein, grundsätzlich alles darzustellen, denn das ist der Sinn dieser „Darstellenden Kunst“. Es wäre idiotisch zu verlangen, dass nur Serienmörder Hamlet spielen können, weil sie nur dann „das Morden“ verstünden. Shakespeare will nicht, dass die Kunst echtes Morden ist, er schrieb Stücke (u.a.) ÜBER das Morden, oder vielmehr über das, was es auslöst, hiermit ganz in der Tradition des kathartischen Theaters, das bis auf die griechische Antike (und vielleicht noch früher) reicht und das es in allen Kulturen in irgendeiner Form gibt.

Das „Darstellen“ ist nicht zu verwechseln mit dem „Sein“. Warum ist es aber beleidigend, wenn „blackfacing“ stattfindet? Die Beleidigung liegt nicht darin, dass ein Weißer sich schwarz anmalt, ebenso wie es im Theater auch möglich sein sollte, dass sich alle als alles anmalen. Nein, sie liegt darin, dass jemand eine schwarze Rolle spielt, obwohl es tatsächlich hervorragende schwarze Darsteller gäbe, die dies auch tun könnten. Die gerade in den USA mit einer Münze geehrte asiatische Schauspielerin Amy May Wong zum Beispiel empfand es zu Recht als beleidigend, dass eine ursprünglich für sie vorgesehene Filmrolle plötzlich mit einer Nicht-Asiatin besetzt wurde. Man muss nicht „woke“ sein, um das zu verstehen. Ebenso kann man es verstehen, wenn sich zum Beispiel Japaner über die stereotype und rassistische Darstellung eines Japaners durch Mickey Rooney (für den armen Kollegen war das einfach ein Job) in „Breakfast as Tiffany’s“ aufregen. Aber vielleicht hätten sie sich auch darüber aufgeregt, wenn ein Japaner diese Rolle als Klischeebild gespielt hätte, so wie viele amerikanisch-indianische Schauspieler sich über ihre Auftritte als „Wilde“ in klischeebeladenen Western schämen. Aber ganz so einfach ist es nicht, wie die „Winnetou“-Debatte zeigt – da werden zwar durch May Klischees bedient und die indigene Kultur hanebüchen dargestellt, gleichzeitig haben diese Filme/Bücher viel dazu beigetragen, um überhaupt auf das Leid der Ureinwohner aufmerksam zu machen und viele Menschen für ihre Kultur begeistert.

Und sind wir Deutsche es nicht gewohnt, in Hollywoodfilmen unweigerlich als zackige Nazis dargestellt zu werden, die mit blonder Kurzhaarfrisur Kommandos brüllen? Oder als lederhosentragende Seppeln, die schuhplattelnd durch die Gegend hüpfen, mit einem Maßkrug in der Hand?

Klischees, Parodien und Übertreibungen sind alles legitime Ausdrucksformen von Kultur. Afrikaner:innen haben Klischees über das Leben in Europa ebenso wie wir Klischees über das Leben in Afrika haben. Sie machen Witze, wir machen Witze. Unsere Witze haben einen schlechten Nachgeschmack, weil wir die Kolonialmacht waren, andererseits sind wir es aktuell nicht, sondern bemühen uns einigermaßen redlich um Entwicklungshilfe um Sünden wieder gut zu machen, die unsere Ur-Ur-Ur-Großväter begangen haben. Heißt das, wir dürfen nicht übereinander lachen? Das Lachen miteinander beinhaltet auch ein Lachen übereinander. Und das funktioniert, wenn beide Seiten sich nicht ernst nehmen. Es gibt sehr lustige TikTok-Videos von Schwarzen, die einerseits bewusst Klischees von Weißen über Schwarze bedienen (zum Beispiel mittels übertriebenem Augenaufreißen), und sich gleichzeitig über die Unbeholfenheit von Weißen lustig machen. Dass kann und darf funktionieren.

Zurück zum Monty Python-Sketch: Ist er nun frauenfeindlich oder nicht? Vordergründig ja, da hier ein Klischee von Cis-Männern bedient wird und die Frau im Sketch keinen einzigen Satz sagt. Aber wir dürfen nicht vergessen: Terry Jones als Moderator spricht hier nicht als Terry Jones der Mensch. Er stellt etwas dar, nämlich einen schleimigen, frauenfeindlichen Moderator, die es zu dieser Zeit im Fernsehen auf der ganzen Welt zuhauf gab. Er spricht nicht für die Kollegen von Monty Python, sondern Monty Python hat sich einen Sketch ausgedacht, in dem sich einerseits über die Interpretation von Literatur (Proust steht hier als eine Art heilige Kuh für Intellektuelle) wie aber auch über die Primitivität von Gameshows lustig gemacht wird, und zwar auf eine provokante, freche und überaus witzige Weise. Der einzige Grund, warum man heute einen solchen Sketch nicht mehr machen würde, wäre der, dass es diese Art von Frauenfeindlichkeit im normalen Fernsehen eher nicht mehr gibt (vielleicht eine steile These?), und damit der Grund für einen solchen Sketch wegfällt. Aus dem Rückblick heraus kann man aber immer noch darüber lachen, und es wäre auch falsch, diesen Humor rückwirkend zu zensieren, denn auch Humor ist Kulturgeschichte.

Manch Stummfilmgag zündet heute nicht mehr, weil vieles nur aus dem Kontext der Zeit zu verstehen ist. So war zum Beispiel der kleine schwarze Junge in „Die Kleinen Strolche“ einerseits Klischeebild eines schwarzen Kindes, gleichzeitig aber auch Vorreiter für Toleranz, da er im Bunde mit den anderen Kindern als frecher Protagonist proaktiv an ihren Streichen beteiligt war, was der Zeit weit voraus war. Wir können also solche Filme anschauen und sehr viel darüber lernen, wie es in der jeweiligen Zeit zuging und was sich (hoffentlich zum Positiven) verändert hat. Das können wir nicht, wenn wir in übereifrigem Woke-Gehorsam Worte in Kinderbüchern verändern und nicht erklären, warum wir das tun.

Wir können uns nicht die Vergangenheit zurechtbasteln, so wie sie uns heute gefällt. Und wir dürfen auf keinen Fall verlernen, was es heißt, im Rahmen von Kunst eine „Rolle“ einzunehmen. Und dass dies nicht dasselbe ist, wie das Dargestellte auch selbst zu glauben, sondern ein Spiel mit Möglichkeiten.

Denn wenn dies verloren geht, wenn das Lachen reglementiert und freudlos wird, weil alle immer sofort wegen allem beleidigt sind, dann stirbt Kultur und Freiheit.

Und jetzt überlegen wir uns alle mal, wie man den neuen Roman von Martin Mosebach in 10 Sekunden zusammenfassen kann. Und wenn das keiner schafft, dann geht der Preis an den Typen mit dem längsten….

Moritz Eggert, 21.10.2022

 

 

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