Beiträge zu einer Harmonielehre 2000

„Beiträge zu einer Harmonielehre 2000“

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Wer jetzt hier ob des Titels einen reißerischen ironischen Blogartikel erwartet, den muss ich leider enttäuschen. Dafür habe ich etwas Besseres: es geht um das vor kurzem erschienene Buch von Claus Kühnl mit dem gleichnamigen Titel.

Claus Kühnl, Komponist und Pädagoge, ist eine ganz besonders wichtige Figur in meinem Leben. Seit vielen Jahrzehnten unterrichtet er junge Komponist:innen in Frankfurt am Main (am Dr. Hochs Konservatorium und an der Musikhochschule) und alle die ihn kennen und als Lehrer erleben dürfen, werden ihn ganz sicher genauso wie ich unendlich schätzen, denn er ist ein besonderer Mensch und Künstler.

Meine Zeit bei ihm hat mich entscheidend als Komponist geprägt und seine Leidenschaft und Freude bei der Diskussion von Musik sind mir bis heute ein Vorbild. Bei ihm wurden kompositorische Konzepte und handwerkliche Techniken immer sorgfältig und gründlich auf eine Weise vermittelt, die nicht etwa die Technik an sich, sondern das sinnliche Erleben derselben in den Mittelpunkt stellte. Kühnl hatte immer ein großes Repertoire an „tollen Stellen“ verschiedenster Komponist:innen, die er uns im Unterricht begeistert vorspielte (oft am Klavier, denn er ist ein guter Pianist) um uns dann zu erklären, warum genau diese Stellen so gut funktionieren und welche Mittel angewendet wurden.

Umso schöner ist es, dass es nun ein Buch gibt, in dem Kühnl genau diese begeisternde Darstellung auch schriftlich festhält, als „Beiträge zu einer Harmonielehre 2000“.

Kühnl ist viel zu bescheiden, um seiner Harmonielehre den Anschein einer grundsätzlichen Lehre zu geben, daher der Titel „Beiträge“. Im Grunde handelt es sich um eine Sammlung verschiedenster Ansätze harmonischer Organisationsprinzipien aus dem 20. Und 21. Jahrhundert, ohne Anspruch auf Vollständigkeit und sehr oft in einen historischen Kontext eingebunden. Kühnls entscheidender Gedanke ist, dass die Idee einer „Harmonielehre“ keineswegs im 20. Jahrhundert an ein Ende gelangt ist, sondern dass es immer wieder neue Methoden gab und gibt, die versuchen eine Ordnung und inhärente Logik in Harmoniefolgen zu entwickeln. Für Komponierende ist dies also mehr ein Hand- als ein striktes Lehrbuch, es gibt ihnen Werkzeuge und Ideen, ganz eigene Wege zu gehen. Dies entspricht auch Kühnls pädagogischem Ethos: für ihn ist Musik eine beständige Entdeckungsreise, die kein festes Ziel und keine genaue Bestimmung hat. Es liegt ihm fern, seinen Schüler:innen genaue Vorschriften zu machen, wie sie zu komponieren haben. Aber was ihm wichtig ist: solange wir in der Lage sind, einzelne Klänge und andere musikalische Ereignisse auch isoliert als spannende Phänomene zu betrachten, wird uns auch interessieren, wie genau dieses „Spannende“ entsteht. Und das Wissen darum, wird uns zu einem besseren Komponieren verhelfen.

In meinem eigenen Unterricht habe ich Kühnls Buch ausgiebig besprochen und getestet. Tatsächlich habe ich mich mit meinen Studierenden über mehrere Wochen in jedem Seminar durch jedes einzelne Kapitel des Buchs gearbeitet, dabei jeweils auch immer die vielen guten Beispiele genau anhörend, die Kühnl im Buch gibt. Wir haben einzelne Aspekte und Ideen besprochen und diskutiert, manchmal auch kontrovers. Aber genau so muss Kompositionsunterricht sein, denn die eigene Handschrift entsteht nicht nur in der Affirmation, sondern auch im Widerspruch. Da Kühnl nicht bewertet, sondern nur präsentiert, ist dies auch im Sinne des Autors – das Denken der Studierenden bezüglich ihrer kompositorischen Techniken soll geschärft und erweitert werden.

Das größte Lob für Kühnls Werk ist die Tatsache, dass sich absolut alle meiner Studierenden das Buch anschließend gekauft haben. Denn es ist nicht nur gut zu lesen (Kühnl vermeidet stets trockene Didaktik und setzt auf Anschaulichkeit), sondern gibt einem auch viele praktische Werkzeuge in die Hand. Allein die Tabellen zur Bestimmung von Partialtonreihen (ein großer Teil des Buches ist der „Harmonielehre“ von z.B. Spektralmusik gewidmet) sind Gold wert.

Wenn man dem Buch einen einzigen Vorwurf machen kann: man hätte gerne mehr! Man kann nur hoffen, dass Kühnl sein Projekt fortsetzt, und weitere „Beiträge“ liefert, denn eines wird beim Lesen deutlich: das Thema ist noch längst nicht erschöpft! Und Kühnl erweist sich als ein grandioser Lotse durch die unendlichen musikalischen Möglichkeiten der Musik unserer Zeit. Man möchte ihm gerne weiterfolgen auf seinen Entdeckungsreisen.

Für alle Komponierenden und Studierenden also eine dringende Kaufempfehlung!

Moritz Eggert

 

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