Die verlorene Generation

Die verlorene Generation

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Wenn ich mit Kolleginnen und Kollegen dieser Tage spreche, kommt sehr schnell die Sprache darauf, wie viel sie im Moment zu tun haben. Bedingt durch coronabedingte Absagen und Terminverschiebungen hat sich ein riesiges Backlog an Aufträgen und Projekten angesammelt, das nun plötzlich so schnell wie möglich abgearbeitet werden muss. So viel Komponierstress war noch nie! Ähnliches höre ich von ausübenden Musiker:innen. Gleichzeitig ist Corona noch nicht vorbei – immer noch werden zahllose Konzerte abgesagt, weil große Teile der Mitwirkenden sich infiziert haben und nicht in der Lage sind aufzutreten. Diese Konzerte müssen dann auch wieder verschoben werden, was das Fortdauern des Chaos in den kommenden Monaten garantieren wird.

Viele von uns brachten seit 2020 kompositorisch weniger zustande als sonst, zumindest diejenigen, die auf Livekonzerte hin komponieren. Zu frustrierend war das ständige Hin-und-Her, die ständigen Absagen und Verschiebungen, die ständig neuen Bedingungen, unter denen die Aufführungen zustande kamen. Allein bei Studierendenkonzerten habe ich mehrfach erlebt, wie ganze Stücke mehrmals komplett uminstrumentiert wurden, um sie unter Coronabedingungen möglich zu machen, ein Zeitaufwand, der bei hauptberuflichen Komponierenden irgendwann nicht mehr in einem guten Verhältnis zum Auftragshonorar steht.

Das wesentliche Problem aber hat Wolfgang Rihm – der nach eigenen Angaben seit Pandemiebeginn bis heute überhaupt nichts komponiert hat – in seinem beeindruckenden Gesprächskonzert neulich in der Bayerischen Akademie sehr gut beschrieben: es ist die fehlende „Echokammer“, die unmittelbare Reaktion der Zuhörer, das Feedback der künstlerischen Setzung, das viele von uns – auch mich – zum zeitweiligen Verstummen gebracht hat. Kunst ist Kommunikation, und auch wenn neue Medien einen Teil dieser Kommunikation weiterhin auch in Lockdowns möglich machten, war dies nur ungenügender Ersatz für Uraufführungen und Konzerte mit Publikum.

Während den vergangenen Jahren bemühten sich Staat und Länder, Künstler:innen mit Förderungen unter die Arme zu greifen, mit unterschiedlichem Erfolg aber mit deutlich erkennbarer Absicht, hier zu helfen. Teilweise werden diese Projekte immer noch abgearbeitet, weitere Fördergelder wurden gerade bewilligt. Immer wieder finde ich daher in meiner Mailbox Nachrichten, in denen ich geradezu angefleht werde, bei irgendeinem Projekt noch auf den letzten Drücker etwas beizusteuern, denn ganz kurzfristig seien Gelder bewilligt worden, die man jetzt ausgeben müsse.

Das Deutsche Kulturfördersystem ist ein komplexes Gewerk aus Verantwortlichkeiten (Bund, Länder, Städte, Gemeinden), Fristen und Gremien. Bestimmte Budgets müssen zu bestimmten Zeiten ausgegeben werden, sonst muss man sie zurückzahlen. Solange eine Förderung sich nicht in einer realen Verwirklichung manifestiert hat, darf man auch diese Förderung nicht wieder beantragen, die alte muss abgearbeitet werden. Manche Kulturinstitution hat sogar einen viel größeren Etat im Moment (trotz Krise), da vieles zu Coronazeiten nicht realisiert werden konnte. Auch dies erklärt einen gewissen Aktionismus im Moment, Gelder unter die Leute zu bringen.

Ich will all dies nicht kritisieren. Ich bin froh, in einem Land zu leben, in dem eine Kulturförderung in großem Rahmen existiert, für die sich auch Individuen und Gruppen aus der „freien Szene“ bewerben können und die sich gleichzeitig um die bestehenden Institutionen kümmert und diese erhält. All dies ist ungemein wichtig. Wenn man aber die weltweiten Entwicklungen betrachtet, ahnt man, dass der momentane kurzzeitige Überfluss ein bisschen so ist, wie das letzte Aufbäumen eines Sterbenden: die Kraft kehrt noch einmal zurück, aber man weiß, dass es eher ein Zeichen für den nahenden Tod ist.

Ich will hier nicht schwarzmalen, aber wer angesichts der schon stattfindenden Inflation und neuer Prioritäten im Staatshaushalt (was zum Beispiel das Militärbudget angeht) erwartet, dass dies keinerlei Auswirkungen auf die Kulturförderung und damit auch auf die zeitgenössische Musik haben werde, lebt in dem, was man auf Englisch schön „La-La-Land“ nennt. Auf jeden Fall nicht in der Wirklichkeit.

Die satten Jahre sind vorbei, und das wird die Kulturlandschaft verändern. Ich vertraue darauf, dass es weiterhin ein Bekenntnis zur Kulturförderung in diesem Land geben wird, aber ich habe das Gefühl, dass wir mehr als bisher darum kämpfen werden müssen.

Und in dieser Situation macht mir eines ganz besonders Sorgen: die Situation der Jungen. Eine Kulturlandschaft zeichnet sich immer dadurch aus, wie sehr die junge Generation gefördert wird, wie gut die Chancen für Newcomer sind, wie sehr sie sich entfalten können. Der Wille hierfür ist sicherlich weiterhin da, aber viele dieser Chancen sind aus allen möglichen Gründen vereitelt worden. Wer z.B. das Programm der diesjährigen Münchner Biennale durchblättert, findet lauter Operntorsos junger Künstler:innen vor, Projekte, die auf halbem Weg zur Aufführung gestrandet sind. Diese Stücke finden irgendwie statt, aber nicht so wie ursprünglich intendiert, manches wird nur noch gestreamt oder es wird eine Art Werkstattzwischenstand präsentiert, der vielleicht in manchen Fällen das letzte sein wird, was von diesen Stücken zu hören ist. Man kann das niemandem zum Vorwurf machen, alle Beteiligten geben und gaben ihr Bestes, aber eine Art Friedhof der zu früh verstorbenen Kuschelopern ist es doch, um Stephen King zu paraphrasieren. Bei anderen Festivals geht es ähnlich zu.

Ich will nicht an die 3 aufgestauten Jahrgänge von Schauspielstudierenden denken, die sich jetzt alle gleichzeitig um wenige Stellen bewerben. Auch nicht an die tausenden von Orchestermusiker:innen, die es jetzt plötzlich mit der dreifachen Konkurrenz zu tun haben, darunter viele Studierende, die ihr Studium aufgrund von Corona verlängert haben und daher verspätet ihren Abschluss machen. Allein in meiner Kompositionsklasse tummeln sich aus diesem Grund doppelt so viele Studierende wie sonst, man kann verstehen, dass sie ihr Studium verlängern wollen, denn in den Coronasemestern konnte man nur wenig bieten im Vergleich zu den normalen Möglichkeiten.

Die junge Generation ist also die, die am meisten unter der Situation der kommenden Jahre leiden wird. Sie verdient unseren besonderen Schutz und unsere besondere Unterstützung. Und das hat nicht nur mit Corona zu tun – gerade strömen sowohl ukrainische als auch russische Kolleginnen und Kollegen in unser Land – Vertriebene des Krieges (wo Konzerthäuser in den großen ukrainischen Städten zerstört wurden, wird auf viele Jahre nur wenig möglich sein) und Vertriebene des Systems Putin. In ihren Ländern werden sie keine Perspektiven sehen, und das ist vollkommen verständlich. Die Chancen werden sie im Westen suchen – wir täten dasselbe an ihrer Stelle. Auch unter diesen Kolleginnen und Kollegen: viele junge Menschen, talentiert, hungrig und kreativ.

Wie wir diesem angewachsenen Pool an Talenten – sowohl den heimischen als auch den dazu kommenden – ein Podium bieten können, in dem sie sich entfalten können, wird eine der großen Herausforderungen der Zukunft sein, denn gleichzeitig müssen wir das, was es gibt, nach Möglichkeit erhalten. Wir sollten uns nicht anmaßen, im Alleingang die Weltkultur retten zu können, gleichzeitig sind wir dazu verpflichtet, unseren nicht unwichtigen Teil dazu beizutragen.

Ob es sich angesichts dieser Situation klassische Veranstalter und Opernhäuser überhaupt noch leisten können, ihr Repertoire zu 95% aus Musik der Vergangenheit zu bestreiten, wird dabei immer fragwürdiger. Ich hoffe darauf, dass der Ruf der Jungen nach mehr Präsenz stark genug sein wird, um diesen unseligen Zustand endlich zu beenden, es wäre ein Hoffnungsschimmer in dieser an Hoffnung armen Zeit.

 

Moritz Eggert

Miko Hughes in „Pet Sematary“, copyright Paramount

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