Das Donaueschingen-Dilemma

Das Donaueschingen-Dilemma

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Es ist schon auffällig, wie viele kritische Artikel es über Donaueschingen dieses Jahr gab. Manuel Brug in der „Welt“? Sagt, dass man bei Donaueschingen nicht von einem „Irrtum der Geschichte“ sprechen sollte, argumentiert aber dann genau so. Jan Brachmann in der FAZ wiederum spielt in einer anderen Liga und macht Aussagen, die man nicht komplett von der Hand weisen kann, da sie sich tatsächlich auch auf die gespielten Stücke beziehen. Es gab dieses Jahr noch viele weitere kritische Artikel. Was insofern verwundert, als anderswo selbst biederste Klassikprogramme in der Kritik abgefeiert werden wie der heißeste Scheiß beim „Neustart“ nach Corona, den wir gerade erleben.

Was ist es an D’eschingen das immer wieder auf diese Weise die Gemüter erregt? Tatsache ist, dass das Festival schon lange den Nimbus einer „Karriereschmiede“ verloren hat. Es ist nicht essenziell, dort aufgeführt zu werden, um eine Karriere als „Avantgarde-KomponistIn“ zu beginnen (einer Jobbezeichnung, bei der eh nicht lange Schlangen von BewerberInnen existieren). Aber natürlich ist „Karriereschmiede“ jetzt auch nicht wirklich ein Attribut bei der Beurteilung von Qualität und künstlerischem Gehalt einer Veranstaltung. Was ist es dann, was nervt?

Der häufigste Vorwurf an D’eschingen ist, dass dort die „Neue-Musik-Szene“ unter sich ist. Und natürlich stimmt das auch. Eine bekannte Komponistin freut sich z.B. auf Facebook darüber, dass sie endlich wieder in D’eschingen all ihre „Freunde“ gesehen hat und bestätigt damit den Familientreffcharakter des Ganzen. Für viele KollegInnen ist D’eschingen ein fester Termin im Kalender, eine Art kleine Leistungsschau momentaner Insider-Trends gepaart mit ein bisschen Geselligkeit, Gschafteln und Wiedersehensfreude. Ist es elitär, wenn FreundInnen zusammenkommen? Warum muss das „gesellschaftlich relevant“ sein? Waren nicht auch die „Schubertiaden“ solche Freundestreffen? Muss man das hassen?

„Steuergelder werden verschwendet!“ – deswegen. Oder anders gesagt: Familientreffen könnt ihr gerne machen, aber dann bitte ohne Unterstützung der öffentlichen Hand. „Bezahlt eure Musik, die eh keine alte Sau hören will, doch ganz allein!“. Das ist – auf den Punkt gebracht – das unterschwellige Hauptargument, das gegen D’eschingen vorgebracht wird.

Seltsam – bei den Bayreuther Festspielen (über die auch gerne mal hergezogen wird) wird dieses Argument relativ selten ins Feld gebracht. Obwohl die besonders leidensfähigen WagneranhängerInnen, die sich dort jedes Jahr treffen, gar nicht zahlreicher sind, als die Neue Musik-Interessierten weltweit. Sie sind aber zahlungskräftiger. Und das ruft eher den Sozialneid auf rote-teppich-überschreitende VIPs auf den Plan und man denkt automatisch, dass die das alles mit ihren Tickets finanzieren, es sich also „leisten“ können (im Gegensatz zu den Birkenstockträgern in D’eschingen).

Stimmt aber gar nicht – genau wie alle anderen Kulturveranstaltungen in Deutschland, wird auch Bayreuth massiv vom Bund bzw. Land unterstützt. Auf die 24 Plätze im Stiftungsrat der Bayreuther Festspiele entfallen nur 5 Plätze auf die Familie Wagner und private Mäzene, der Rest gehört Vertretern des Bundes, des Landes und der Region. Die mischen sich vermutlich wesentlich mehr ein als der SWR in die Programme von D’eschingen.

In Donaueschingen ist der SWR Hauptträger, aber auch die Ernst-von-Siemens-Musikstiftung spielt eine große Rolle, und die ist im Grunde privates Mäzenatentum, genau wie es auch in Bayreuth eine Rolle spielt. Nicht alles wird also „öffentlich“ finanziert, nur ein Großteil.

Stadtbibliotheken und Sportveranstaltungen sind selten Ziel eines Rechtfertigungsdrucks – warum also ist es so schlimm, wenn Neue-Musik-Freaks sich unter wesentlich unglamouröseren Umständen als in Bayreuth in einer Turnhalle treffen, um das neue Stück von Chaya Czernowin zu hören? Was ja irgendwie ein bisschen cooler und vor allem mutiger ist, als die hundertste Neuinterpretation immer desselben Opernkanons eines einzigen, antisemitischen Komponisten zu hören.

Brachmann sagt: weil die „wokeness“ von zum Beispiel Czernowins Stück Resultat einer komplexen Abhängigkeit von Förderstrukturen, nicht aber künstlerische Notwendigkeit ist. Das kann man diskutieren im Rahmen einer werkbezogenen Kritik. Aber muss man deswegen D’eschingen in die Tonne kloppen (was Brachmann in aller Fairness keineswegs direkt fordert, andere aber unterschwellig schon)? Warum kann man es nicht ertragen, dass es dort Werke unterschiedlicher Qualität gibt, die unterschiedlich beurteilt werden? Ist es nicht vollkommen unrealistisch zu erwarten, dass unterschiedliche Musik alle befriedigen kann? Niemand kritisiert ein Filmfestival dafür, dass dort im Programm auch mal ein „woker“ Film gezeigt wird. Was ist also das Problem?

Weil – und damit hat wiederum Brug recht – diese Werke dort aufgeführt werden, wo es nicht „wehtut“, oder vielmehr: wo man sie nicht wahrnimmt. Brug wirft dies aber eigentlich den Komponierenden, nicht etwa den Konzertveranstaltern vor – wir seien nicht mehr in der Lage, Musik zu produzieren, die anderswo gespielt werden kann. Dass Komponierende hier aber in einer „lose-lose“-Situation sind, verschweigt er dezent. Denn wie sollen wir dieses Paradox lösen: gleichzeitig komponieren, wie man es gerne hören will (denn das wollen die meisten klassischen Konzertveranstalter im allgegenwärtigen Ausverkaufsmodus), dabei aber gleichzeitig so widerborstig und widerspenstig sein wie möglich? Das soll mir mal eine/r vormachen: polarisieren, ohne zu polarisieren…

Würden wir so komponieren, wie es den Leuten angeblich gefällt, müssten wir auf das zurückgreifen, was es schon gibt und vertraut ist. Das Vertraute kann aber nicht anregen, sondern bewirkt genau das Gegenteil. Es „tut nicht weh“, wie es Brug fordert. Unvertrautes wird aber nur von den Konzertveranstaltungen aufs Programm gesetzt, die sich danach stolz eine Tapferkeitsmedaille im Krieg gegen die typischen Standardprogramme mit dem kleinen Neue-Musikstück vor der Pause verdient haben. Leider sind das aber viel zu wenige.

Aber wisst ihr was? Ich fände es auch toll, wenn es D’eschingen eines Tages in der Form wie wir es kennen, nicht mehr geben würde. Ich fände es hinreißend, wenn wir D’eschingen nicht mehr brauchten, verschrotten könnten. Und wisst ihr warum?

Weil das der Tag wäre, an dem Musik von heute mit so großer Selbstverständlichkeit in den Konzertprogrammen dieser Welt gespielt würde, dass man dafür gar keine Spezialveranstaltung mehr braucht. Oder anders gesagt: wenn man in den klassischen Konzertprogrammen dieser Welt Czernowin wirklich auf Augenhöhe mit Tschaikowsky bringt, könnte man auch in D’eschingen gleichberechtigt Alte Musik mit Neuer Musik konfrontieren. Und es wäre dann kein „Neue Musik – Festival“ mehr, sondern einfach ein „Musikfestival“.

Denn, wie oft im Leben: die richtige Mischung macht den Unterschied. Und die Mischung stimmt im Moment nicht, weder im normalen „klassischen“ Musikbetrieb, noch in den diversen Spezialfestivals, sei es Bayreuth oder auch D’eschingen. Letzteres mag der allzu leicht verfügbare Prügelknabe sein, das Problem ist aber wesentlich tiefgehender.

Denn diejenigen, die am lautesten D’eschingen kritisieren, sind vielleicht ausgerechnet genau die, die mit ihrer stets konservativen und dem Neuen gegenüber misstrauischen Haltung weiterhin dafür sorgen, dass D’eschingen weiterhin exakt so nerdig bleibt wie es ist. Weil es für die Musik, die dort gespielt wird, nirgends wo sonst einen Platz gibt. Und das hat mit der Qualität dieser Musik nicht das Geringste zu tun, auch nicht damit, dass FreundInnen sich das anhören.

Es ist nämlich eine kulturpolitische Entscheidung zahlreicher Verantwortlicher – auch der KritikerInnen – dieser Musik nicht den Platz zu geben, der ihr eigentlich gebührt.

Moritz Eggert

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4 Antworten

  1. Thomas Wunsch sagt:

    „Das soll mir mal eine/r vormachen: polarisieren, ohne zu polarisieren…“

    Das ist doch exakt das Problem. Das Polarisierungspotenzial der Neuen Musik geht inzwischen gegen Null.

    Und ist nicht inzwischen in jedem zweiten Orchesterkonzert ein „Alibistück“, das ja auch leider so gut wie nie ausgebuht, sondern freundlich gleichgültig toleriert wird.

    Wer wieviel Geld kriegt, ist mir völlig egal. Doch bin ich immer wieder deprimiert, wenn mir immer und immer wieder dasselbe Geräuschgekratze als cutting edge präsentiert wird, und mich nichts auch nur im Geringsten nachhaltig beschäftigt. Und, leider, bin ich vom dritten Akt „Tristan und Isolde“ auch nach dem 100. Hören oder Durchspielen, mehr begeistert und mehr verblüfft.

    Wenn ihr mir nicht auch nur 3 Minuten bieten könnt, die es mit Wagner aufnemen können, sage auch ich: Brennt Donaueschingen nieder, das braucht kein Mensch mehr.

  2. Alexander Strauch sagt:

    Dass Problem ist ein anderes: Brachmann, Brug und Co. können zwar Regie, Gesang, Interpretation beurteilen, aber zeitgenössische Partituren und der weit verzweigte nerdige Diskurs sagt ihnen einfach gar nichts. Das fällt einerseits ultrapeinnlich bei Chaya Czernowin ins Gewicht, deren Komposition man nur am Ausruf I can’t breath festmachen kann, aber sonst an nichts, da man ihre Kunst einfach handwerklich nicht zu umfassen in der Lage ist. Man hätte so auch Pnima von ihr durch diese Journalistik in den gleichen Topf werfen können, wenn man nicht die werk- und höranalytischen Tools dazu beherrscht und einsetzen kann.
    Erstaunlicherweise schrieb keiner über das wunderbare abgefackelte wackelkontakte von Annesley Black für Lupofon, No-Input-Mixer (selbstreferentielles Mischpult) und Orchester. Wunderbar schräg, da z.T. ganz gewöhnliche, aber unglaublich aparte dodekaphone Klänge auf elektronische und doppelröhrige Truthahnklänge trafen. Very nice. Das bekomme ich in Brugs und Brachmanns Jubelisarphilharmonie nicht geboten.

  3. Antwort auf https://www.linkedin.com/posts/moritz-eggert-30964934_ich-f%C3%A4nde-es-auch-toll-wenn-es-deschingen-activity-6860879342667350016-zVnA

    „Selbstverständlich kann und soll es Festivals geben, in denen zum Beispiel ausschließlich Barockmusik oder ausschließlich zeitgenössische Musik gespielt wird, das sind Liebhaberinitiativen, gegen die nichts einzuwenden ist“.

    Und ist Donaueschingen nicht ein Beispiel vom Letzteren? Ich denke nicht, dass wenn Neue Musik öfter in den „normalen“ Konzertsälen gespielt wird, würde es kein Donaueschingen, wie es das heute gibt, mehr geben. Im Gegenteil, wenn mehr Stücke der Neuen Musik (stilistisch „à la Donaueschingen“) Erfolg im Konzertsaal fänden, wäre Donaueschingen sogar wichtiger (mit mehr Anhängern) in seiner jetzigen Form. Dass es „Neue Musik“ und „klassische Musik“ gibt, hängt auch einerseits mit der Abkopplung von Teil der Neuen Musik von der Tradition als auch mit den «genieorientierten» Spielplänen der Konzertsälen zusammen. Auf der anderen Seite sind klassische Konzertsäle auch eine Repräsentation und Ergebnis der musikalischen Ausbildung, wo (heute wie in der Vergangenheit) Aspekte wie Status, Herkunft, Rasse, Raffinesse und Genialität noch eine immense Rolle spielen (Herkunft und Rasse auch noch in Donaueschingen! https://www.donaueschingen.de/musiktage2021/Programm vergleiche Konzerte 7, 8, 10b und 15b —welch exotische Leute im abgegrenzten Raum!— mit dem Rest).

    Stellen wir uns die umgekehrten Fragen: wie könnte ein Festival wie Donaueschingen den klassischen Konzertbetrieb beeinflussen? Und wäre dieser Einfluss automatisch positiv? Wie viel ästhetischen Reichtum haben eigentlich solche Neue Musik Festivals anzubieten, wo hauptsächlich die „avantgardistischen“, „widerborstigen“ und „widerspenstigen“ (jetzt auch die „exotischen“!) Komponisten eine Aufführung leichter bekommen als Andere? Haben mit dieser Art zu handeln —zumindest geheim— viele avantgardistische Komponisten nicht den Wunsch, durch „disruptiven Wandel“ irgendwann auch selbst als «Genies» (eine Figur, die erst im 19. Jahrhundert entstanden ist) wahrgenommen zu werden, und das mit dem Paradox, dass die vom Publikum wahrgenommenen und gefeierten germanischen «Genies» (e.g. Mozart, Beethoven, Brahms) hauptsächlich die sind, die in den klassischen Konzertsälen gespielt werden? Würde nicht dieser Wunsch der «neuen Genies», in die regulären Spielpläne hinzugefügt zu werden, die Allgegenwart der klassischen «Genies» nicht nur legitimieren sondern auch verstärken?

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