Ewigkeit

Tagebuch der Wörter (17)

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Ewigkeit

Foto: Star Trek TNG

Wer hat nicht schon mal über folgende Szene in einem Science-Fiction-Film oder einer Serie geschmunzelt: In einem Raumschiff im Jahre 2500, das mit mehrfacher Warp-Geschwindigkeit (wie in „Star Trek“) durchs All rast, genießen die Crew-Mitglieder ihre Freizeit und einen Kaffee aus dem Replikator, rollen ein Keyboard auf dem Tisch aus oder nehmen ein futuristisches Blasinstrument in die Hand…und spielen dann „Für Elise“.

Für die Drehbuchautorinnen einer typischen Hollywood-Produktion mag das eine witzige Idee sein: wir lassen die Protagonisten ein sattsam bekanntes klassisches Stück spielen, und zeigen damit, dass die Menschen der Zukunft Kultur und Bildung schätzen und sich des historischen Erbes der Menschheit weiterhin bewusst sind. Einerseits ist die Welt der Zukunft fremd und funktioniert nach anderen Regeln, aber schaut her: einige Dinge bleiben absolut gleich, die Menschen hören immer noch Bach, Beethoven und Mozart!

Ich persönlich finde die Vorstellung nicht nur schrecklich, sondern auch extrem unrealistisch. In „Star Trek“ zum Beispiel ist Geld komplett abgeschafft, niemand leidet Armut oder hungert, es herrscht absolute Geschlechtergerechtigkeit und auf der Erde scheint es auch keine Religionen oder Kirchen mehr zu geben, während die Menschen die gesamte Galaxis bereisen und mit unzähligen außerirdischen Zivilisationen in regelmäßigem Kontakt sind. Und in dieser ja durchaus märchenhaften Zukunft sollen die Menschen allen Ernstes immer noch dieselben ausschließlich männlichen Komponisten aus einer ganz spezifischen Periode der Vergangenheit unverändert wie heute verehren? Das wäre nicht nur unwahrscheinlich, sondern auch sehr traurig, denn es würde bedeuten, dass trotz all dieser vielen Veränderungen und Erfindungen jegliche Form von Kreativität zum absoluten Stillstand gekommen ist und nichts mehr Neues hinzukommt.

Tatsächlich agieren viele konservative Klassikhörer exakt so – wenn es nach den typischen Besuchern von typischen klassischen Musikfestspielen gehen würde, sollte das gespielte Repertoire in keiner Weise verändert werden, allein die Interpret:innen dürfen immer wieder für Belebung sorgen, und zwar in der Form, wie sie dem alten Repertoire gerecht werden oder es sanft „neu“ interpretieren. Im Kanon des Bildungsbürgers gibt es bestimmte „ewige“ Werte und Namen, die absolut unantastbar sind (die meisten davon aus dem 19. Jahrhundert), und im Grunde müssen wir uns bis in alle Ewigkeit nur noch an diesen abarbeiten.

Wenn man gegen diese starre Götzenverehrung argumentiert, kommt immer sofort das Argument, dass es sich um außergewöhnlich großartige Kunstwerke handelt. „Liebst Du denn Schubert nicht? Verehrst Du nicht die Symphonien von Beethoven? Huldigst Du nicht dem Genie Bachs?“ höre ich dann immer, und kann nur antworten: „Ja, ich verehre und liebe diese Musik, ich verneige mich vor ihr, sie bedeutet mir unendlich viel, aber gleichzeitig ist die Vorstellung, dass es nur noch diese Musik geben soll und alles Weitere nur noch Kommentar dazu ist, grauenhaft!“

Wer Musik wirklich liebt, wer sie als eine Kunstform begreift, die sich wie keine andere über die Zeit hin mitteilen und sowohl mit ihrer eigenen Vergangenheit als auch ihrer eigenen Zukunft kommunizieren kann, der kann nicht umhin, sie auch als stetigen Wandel zu verstehen. Musik muss sich immer erneuern, neue Sprachformen entwickeln, eine neue Grammatik, und in diesem natürlichen Prozess werden Namen und Ideen aufstreben aber auch wieder vergehen, daran ist nichts Schlimmes.

Genauso wie das Leben keine Bedeutung hat, wenn es keinen Tod gäbe, hat auch die wunderbarste Musik keinerlei Bedeutung, wenn sie keinerlei Vergänglichkeit kennt. Wer Beethoven wirklich liebt, kann auch akzeptieren, dass es eine Zeit geben wird, in der sowohl sein Name als auch seine Musik komplett vergessen oder nur noch wenigen Experten bekannt sein wird (so wie heute die wunderbare Musik von Perotin, Janequin oder Ockeghem). Das ist für mich kein schlimmer Gedanke, da Beethoven ja dennoch fortlebt. Seine Ideen leben fort, haben sich auf unendlich viel Weisen verwandelt, anverwandelt, adaptiert, sind eingegangen in neue Ideen, haben Widerhall gefunden. Es gibt überhaupt kein Verschwinden – alles ist Teil ein- und desselben großen menschlichen musikalischen Diskurses, der irgendwann begann, als ein Steinzeitmensch zum ersten Mal eine Knochenflöte schnitzte.

Dass man an besonderen Dingen ein Weilchen festhält und sie besonders innig bewahrt – daran ist nichts Schlechtes. Auch die Erinnerung ist Teil von Kultur. Aber irgendwann muss man auch loslassen können, um Platz für neues Lebendiges zu schaffen.

 

Berlin, 17.9.2021

Ein Besuch in Berlin geht immer so: man hat einen Termin nach dem anderen und legt zwischendrin gigantische Strecken mit der S-Bahn zurück, stets unterhalten von pittoresken Passagieren, die einen entweder anbetteln oder lautstark am Handy den gesamten Wagen mit ihrem letzten Besuch beim Gynäkologen unterhalten. Irgendwann landet man auf jeden Fall in einer Szenebar, in der einem innerhalb weniger Sekunden Drogen angeboten werden, auch wenn es 4 Uhr nachmittags ist. Dann fährt man erneut bis ans Ende der Stadt, wo zwischen Plattenbauten und in vollkommen desolater Umgebung plötzlich aus dem Nichts eine „Location“ auftaucht, in der sich dann plötzlich hunderte von Menschen für ein Konzert versammeln, um dann direkt danach sofort wieder zu verschwinden. Danach fährt man mit dem Zug wieder nach München und wundert sich, dass einen dafür alle bemitleiden.

Aber Spaß beiseite: heute war Uraufführung bei der Pyramidale, dem von der geschätzten Kollegin Susanne Stelzenbach (einer sehr guten Komponistin) geleiteten Neue-Musik-Festival in Marzahn. Eine Freude, nach langer Zeit wieder viele nette Kolleginnen und Kollegen live und nicht per Zoom  zu sehen, zu viele, um sie hier aufzulisten. Und immer wieder schön, engagierte jugendliche Musikerinnen und Musiker zu sehen, geleitet von meinem lieben alten Freund Jobst Liebrecht, der sich hier seit vielen Jahren engagiert. Einfach schön!

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