Freiheit

Tagebuch der Wörter (12)

Werbung

Freiheit

Foto: Sony Pictures

Vor kurzem lamentierte ein guter Freund von mir auf Facebook, dass der Freiheitsverlust der Menschen durch den immer größeren Wunsch nach Sicherheit seit dem 11. September ungeheuerlich sei und dass es eine neue 68er Generation bräuchte, um dagegen aufzubegehren. Er meinte damit auch die aktuellen (und sich gerade eher weltweit zunehmend lockernden) Coronamaßnahmen. Für mich ist das eine Anregung, über den Begriff „Freiheit“ nachzudenken, der ähnlich wie der Begriff „Grundrechte“ in der momentanen Diskussion zunehmend radikalisiert wird im Sinne von „Ihr nehmt uns unsere Freiheit, ihr nehmt uns unsere Grundrechte!“.

Dass diese Parolen vor allem von rechten Populisten instrumentalisiert werden, um eine Unzufriedenheit in der Bevölkerung zu schüren (hierzu wäre jedes Thema recht – es gibt Länder, in denen genau dieselben politischen Gruppierungen für strengere Coronamaßnahmen sind, weil die regierenden Parteien einen anderen Kurs fahren) stimmt mich zwar kritisch gegenüber allen Verlautbarungen dieser Art, nichtsdestotrotz darf man sehr wohl die Frage stellen, wie es mit unserer Freiheit denn nun wirklich aussieht.

Was ist „Freiheit“ überhaupt? Haben wir „Freiheit“ verloren in den letzten Jahrzehnten? Die östliche Hälfte Deutschlands hat ja eher Freiheit gewonnen (vielleicht reagieren sie deswegen so sensibel auf das, was sie als irgendeine Form von Freiheitsbeschränkung empfinden). Sind wir auf dem Weg in eine Diktatur in der die Menschen geknechtet und unterdrückt werden?

Nach den Definitionen unserer Demokratie heißt Freiheit unter anderem die Möglichkeit, jede Meinung zu äußern, ohne dafür verfolgt zu werden. Dafür, dass man zum Beispiel die Regierung öffentlich kritisiert, kommt hier keiner ins Gefängnis – Länder, in denen das nicht so ist, kennen wir zur Genüge. Dass manche Kräfte bewusste Falschinformationen, Hassreden und Lügen mit Meinungen verwechseln und sich als Märtyrer gerieren, wenn ihr youtube-Channel deswegen gesperrt wird, heißt nicht, dass diese grundsätzliche freie Meinungsäußerung in unserem Land in irgendeiner Form gefährdet ist. Tatsächlich ist es sogar leichter denn je, seine Meinung kundzutun.

War man früher auf seinen Stammtisch angewiesen, um über die Versäumnisse der Politik herzuziehen, kann heute im Grunde absolut jeder Mensch in diesem Land sich zum öffentlichen Influencer machen und einen großen Kreis von Menschen erreichen. Sei es durch Interaktion in sozialen Medien, einen eigenen Channel oder Blog oder viele andere Formen der Kommunikation. Selbst als Amateur kann man es zu gigantischen Zugriffszahlen bringen, man muss keineswegs wie früher den mühsamen Weg durch die Journalistenschule oder die Politik nehmen, um sich äußern zu können. Hierzu braucht es nichts weiter als ein einziges handelsübliches Handy.

Wenn man also die Freiheit der Meinungsäußerung betrachtet, so stehen uns mehr Mittel zur Verfügung als früher, nicht weniger. Die Freiheit nahm also hier zu.

Wie steht es nun um die persönliche Freiheit? Also dass man tun und lassen kann was immer man will? Wir sind uns allen bewusst, dass das menschliche Zusammenleben, damit es überhaupt funktionieren kann, allen möglichen Regeln unterworfen ist. Wenn ich auf das Eis eines vorübergehenden Passanten Lust bekomme, dann reiße ich es ihm nicht einfach aus der Hand. Wenn ich eine andere Person sexuell begehrenswert finde, dann falle ich nicht einfach über sie her. Wir beschränken uns in allen möglichen Situationen freiwillig und sind höflich und rücksichtsvoll, um andere Menschen nicht in ihren Kreisen zu stören oder ihnen Schaden zukommen zu lassen. Wir ächten diejenigen, die sich nicht an diese Regeln halten. Auch deswegen, weil wir dieselbe Höflichkeit uns gegenüber erwarten.

Es hat mir daher nie eingeleuchtet, warum manche Maskengegner so tun, als seien sie einer unzumutbaren grauenerregenden Einschränkung unterworfen, wenn man sie temporär bittet, in öffentlichen Situationen eine Maske aufzusetzen, wogegen sie jederzeit freiwillig eine Maske aufziehen würden, wenn sie ihren immunsupprimierten Schwager in der Chemotherapie im Krankenhaus besuchen würden. Die Gründe wären in beiden Fällen gleich – Rücksichtnahme gegenüber anderen. Es gibt immer wieder Situationen, in denen äußere Umstände eine besondere Rücksichtnahme erfordern. Diese sind temporäre Höflichkeitsregeln, die vielleicht auch per Gesetz kontrolliert werden, weil es eine momentane Situation erfordert. In einer lange anhaltenden Dürre ist es zum Beispiel bei Strafe verboten, Zigarettenkippen im trockenen Wald wegzuwerfen. Ist das eine unzumutbare Freiheitsbeschränkung? Nein, es ist einfach Vernunft. Dennoch werden sich manche Menschen nicht daran halten, und es bedarf einer gewissen Kontrolle, um schlimmeres zu verhindern. Ist das dann allen Ernstes „Freiheitsberaubung“? Ganz sicher nicht. All diese Maßnahmen fallen unter die Kategorie „rücksichtsvolles Zusammenleben“, nicht in die Kategorie „grundsätzliche Freiheitsberaubung“.

Diese Regeln der Rücksicht sind übrigens auch demokratischen Prozessen unterworfen. Wenn ich also zum Beispiel der Meinung bin (und diese Meinung ist weder strafbar noch kommt jemand dafür ins Gefängnis), dass Corona nichtexistent ist und es Blödsinn ist, irgendwelche Schutzmaßnahmen zu ergreifen, muss ich mich dennoch damit abfinden, dass eine Mehrheit der Menschen die Maßnahmen als sinnvoll erachtet und sich auch wünscht, dass man sich daran hält. Wenn ich ihnen gegenüber achtsam sein will, muss ich das akzeptieren, auch wenn es mir persönlich missfällt, einfach weil es mehr Menschen stört, wenn ich mich nicht daran halte, als die geringere Zahl von Menschen, denen es egal wäre. Es entsteht also eine Regel der Rücksichtnahme aus einer Mehrheitssituation heraus – das mag einem nicht gefallen, aber absolut alle Regeln des gesellschatflichen Umgangs entstehen aus solchen Mehrheitsentscheidungen. Einen Nudisten würde es zum Beispiel nicht stören, wenn alle Menschen nackt herumliefen, weil Nacktheit sie oder ihn nicht schockiert oder verwirrt, aber den meisten Menschen geht es eben nicht so, daher ziehen auch Nudisten in der Öffentlichkeit Kleider an und nutzen ihre Freiräume unter ihresgleichen.

Ein anderer Maßstab persönlicher Freiheit wäre die Möglichkeit, sich frei zu entfalten. Das heißt einen selbstbestimmten Lebensweg zu gehen, der eigene Entscheidungen beinhaltet, zum Beispiel die Entscheidung, einen bestimmten Beruf zu ergreifen, einer bestimmten Leidenschaft oder einem Hobby nachzugehen oder auch die Entscheidung darüber, wie man seine Sexualität empfindet oder erlebt, ohne irgendwelche Benachteiligungen zu erleben. Sind wir hier unfreier geworden in den letzten Jahrzehnten? Ganz im Gegenteil – wenn wir die heutige Situation mit der der oben zitierten 68er Generation vergleichen, so müssen wir feststellen, dass die Freiheit dramatisch zugenommen hat. Ich würde keineswegs behaupten, dass man heute als Frau oder homosexuelle Person keine Diskriminierung erlebt, auch nicht, dass wir uns in einer perfekten Welt befinden, in der es in dieser Richtung nichts mehr zu tun gibt, aber grundsätzlich ist ein coming out zum Beispiel heute mit wesentlich weniger Stigma versehen als in den angeblich so freien 70er Jahren. Heute wimmelt es geradezu von Politikerinnen und Politikern, Prominenten und Stars, die ihre Sexualität ganz offen ausleben, in meiner Jugend war es dagegen ein Riesenskandal, wenn so etwas herauskam (meistens wurde es vertuscht). Individuell erlebt man daher heute in dieser Richtung eigentlich eine noch nie dagewesene Freiheit, sie hat kontinuierlich zugenommen in den letzten Jahrzehnten und wird auch noch weiter zunehmen. Das sind alles eher Anzeichen für eine tolerantere und rücksichtsvollere Gesellschaft, die sich mit Themen von Achtsamkeit beschäftigt, d.h. wie kann ich anderen Menschen Freiräume ermöglichen, in denen sie sich frei entfalten können, wie kann ich ihnen möglichst viel Freiheit im Rahmen eines friedlichen Zusammenlebens gewähren. Wir können uns als Wohlstandsgesellschaft solche Tendenzen leisten, aber ist es deswegen dekadent, anderen Menschen ihre Entfaltungsmöglichkeit zu gönnen, wie manche religiösen Eiferer es zum Beispiel empfinden? Ganz sicher nicht.

All dies spricht also für eine dramatische Zunahme der persönlichen Freiheiten in diesem Land. Was ist also unfreier geworden? Denn wenn es dieses Gefühl gibt und es sich an den falschen Argumenten aufhängt, heißt es nicht, dass man das Gefühl nicht ernst nehmen muss. Darüber denke ich im nächsten Artikel nach.

Leipzig, 12.9.2021

Leider hat sich der Hexenschuss vom gestrigen Hyrox eher verschlimmert. Heute Morgen brauchte ich 20 Minuten, um mir Socken und Schuhe anzuziehen, wegen meiner kompletten Unfähigkeit, sich zu bücken. Da eine Zugreise mit mehrmals Umsteigen und Kofferschleppen daher nicht sehr attraktiv erscheint, warte ich lieber auf meine Sportsfreunde, die sich momentan Leipzig im Schnelldurchlauf anschauen. Ich hoffe dann auf eine möglichst schmerzfreie Rückreise auf dem Rücksitz. Gestern Nacht noch zum Ablenken „Once Upon A Time In Hollywood“ von Tarantino geschaut. Fand ich großartig. Man kann über Tarantino sagen was man will, aber ich finde es immer sehr beeindruckend, wie viel Begeisterung er seinen Themen entgegenbringt. Jede Einstellung ist mit Liebe gedreht, selbst wenn einfach nur ein Neonlicht angeht. Großartige Katharsis bei der fiktiven Verhinderung der Manson-Morde durch einen in diesem Film fast religiös überhöht coolen Brad Pitt, einen Hund und den Flammenwerfer von Leonardo di Caprio. Margot Robbie spielt die junge Sharon Tate genauso sympathisch, wie sie vermutlich im wirklichen Leben war. Ein schöner Film, der die Essenz von Hollywood als Projektion von Leidenschaften aller Arten wunderbar einfängt. Dass etwas im wirklichen Leben auch billig und verkommen sein kann (wie Hollywood), heißt nicht, dass die zugrundeliegenden Träume nicht dennoch unschuldig und anrührend sind. Früher konnte man einen solchen Film nur im Kino sehen, heute besitze ich die Freiheit, ihn auch auf meinem ipad anzuschauen (selbst wenn Kino natürlich besser ist). Auch hier Zunahme von Freiheit.

Moritz Eggert

1 Antwort

  1. Jan Eustergerling sagt:

    Freiheit. Ein großes Wort. Ich möchte ergänzend drei Anmerkungen machen:
    1. (die Grobe): „Freiheit ist der meistgefickte Begriff der Gegenwart“ (J.E.)
    2. (das pathetische Prinzip): „Freiheit ist die Freiheit der anderen“
    3. (der Senf): Was die meisten unter Freiheit verstehen, ist keine Freiheit, sondern Egoismus.
    4. (die Zugabe) – Conclusion: Wir haben kein Problem mit abnehmender Freiheit, wir haben ein Problem mit zunehmendem Egozentrismus.

    Bitteschön, Dankeschön. ((-:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

I accept that my given data and my IP address is sent to a server in the USA only for the purpose of spam prevention through the Akismet program.More information on Akismet and GDPR.