Laufen

Tagebuch der Wörter (3)

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Laufen

Es ist vielfach bemerkt worden, dass es noch nie so viele neue Hobbyläufer gab wie in diesen Coronazeiten. Ein Psychologe hat das damit erklärt, dass Laufen einen Urinstinkt darstellt, der einem in stressgeplagten Zeiten Abhilfe schaffen kann.

Klar, vor Vulkanausbrüchen, Kriegen und den Taliban kann man (wenn man Glück hat) wegrennen. Bei Corona dagegen ist unser urtümlichster Instinkt monatelang lahmgelegt worden, denn anstatt wegzurennen, saßen wir vor allem zuhause herum. Kein Wunder, dass manche Franzosen Marathons auf ihrem Balkon liefen!

Ich laufe nicht erst seit Coronazeiten, aber ich war immer wieder froh, gerade jetzt laufen zu können. Natürlich ist Laufen auch eine Art Droge – Endorphine werden freigesetzt und man verspürt das sogenannte „Runner’s High“. Und das Schönste daran: diese Droge ist vollkommen legal und wird von unserem eigenen Körper hergestellt! Man muss halt ein bisschen arbeiten dafür – das schreckt vermutlich viele ab.

Dass Laufen ein solcher Urinstinkt ist, hat damit zu tun, dass wir Menschen eine ganz besondere Begabung haben:  wir sind von allen Lebewesen auf diesem Planeten die besten Läufer.

Glaubt ihr nicht? Doch, stimmt. Geparde, Jaguare und Gazellen hängen auf kurzen Strecken natürlich sogar Usain Bolt locker ab. All diese Tiere sind verdammt schnell, besitzen größere Sprungkraft, haben unglaubliche Laufmuskeln. Sie haben aber alle ein Problem: sie können alle nicht lange laufen, nur kurze Strecken sehr schnell, dann müssen sie eine Pause machen. Wir Menschen dagegen haben ein sehr effizientes körpereigenes Kühlungssystem entwickelt – wir schwitzen kontinuierlich durch alle unsere Poren, nicht nur durch den Mund wie viele andere Säugetiere. Daher finden wir Laufen zwar anstrengend, aber wenn wir es trainieren, können wir unglaublich lange am Stück laufen. Die besten Ultraläufer – aber auch zum Beispiel der in Mexiko ansässige Stamm der Tarahumara  – können es tagelang. Und wer erinnert sich nicht an die schöne Szene in „Herr der Ringe“, bei der Aragorn, Gimli und Legolas endlos durch Mittelerde laufen? Dass Gimli dabei eine Kettenrüstung und eine riesige Axt mitschleppt, ist vielleicht der weniger realistische Teil, ansonsten ist das aber absolut vorstellbar.

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Unsere frühesten Vorfahren haben dieses Talent vielerlei genutzt, zum Beispiel für das „persistance hunting“, bei dem man ein Wild so lange kontinuierlich verfolgt, bis es sich einfach nicht mehr genügend erholen kann. Auch solche Jagden konnten Tage dauern, und werden von manchen Indigenen heute noch praktiziert. Aber auch bei Völkerwanderungen (z.B. bedingt durch extreme klimatische Ereignisse oder Verfolgung und Verdrängung) hat die Fähigkeit lange zu Laufen ganz sicherlich eine Rolle gespielt – Frauen, Männer, Alte und Kinder mussten enorme Strecken zu Fuß zurücklegen, um zu überleben. Manche Forscher halten dies auch für den entscheidenden evolutionären Vorteil gegenüber den Neandertalern, die uns ansonsten in den meisten Dingen überlegen waren.

Als wir Menschen sesshaft wurden und begannen in Städten zu leben, wurde diese Fähigkeit plötzlich nicht mehr genutzt und ist heute bei den meisten verkümmert dank endlosen Hockens in GEMA-Versammlungen oder durch Medienkonsum. Da aber rein evolutionstechnisch das städtische Leben mit mechanischen Fortbewegungsmitteln noch relativ jung ist (noch bis ins 19. Jahrhundert reiste man ausgiebig zu Fuß durchs Land, wenn nicht gerade eine Kutsche oder später eine Eisenbahn zur Hand war), kann die Fähigkeit zu Laufen grundsätzlich bei allen Menschen wiedererweckt werden, selbst bei denen, die sich das gar nicht zutrauen. Sie ist in unseren Genen. Wer es nicht glaubt, sollte es vielleicht einmal probieren – man ist dann von sich selbst überrascht! Man muss auch nicht die „perfekte Läuferfigur“ haben (eher klein und drahtig) um Marathons laufen zu können, ich habe schon Läufer mit Bierbäuchen und einigen Kilos zu viel gesehen, die irre schnell laufen können. Und noch nicht mal schnell muss man laufen – wer 42,2 Kilometer langsam, aber kontinuierlich durchlaufen kann, hat den meisten Menschen schon etwas voraus, denn das können gar nicht so viele. Ebenso bewundernswert sind Rollstuhlfahrer, die dasselbe mit ihrer Armleistung hinbekommen.

Ich selbst bin gar nicht mal ein besonders guter Läufer. Ich habe relativ spät, eigentlich erst vor wenigen Jahren, mit dem Sport angefangen. Es gibt viele 55jährige, die auf eine langjährige jugendliche Erfahrung als Leichtathleten zurückblicken können und mich jederzeit locker abhängen können. Das Schöne aber ist, dass man selbst im Alter noch besser werden kann. Die Fähigkeit zum Langstreckenlauf lässt angeblich sogar erst mit Mitte 60 langsam nach, verschwindet aber nie ganz, wenn man das Glück hat, dass die Knochen noch mitspielen. Ich persönlich finde 80 oder 90jährige Läuferinnen und Läufer, die immer noch Marathons laufen können, sehr beeindruckend, und träume davon, dies auch mal zu können. Auch 100jährige Läufer soll es geben – wenn ich noch kann, werde ich das gerne versuchen.

Denn Laufen hat mich verändert. Endorphine und die Freude an der Bewegung sind eine Sache, aber noch nicht alles. Für mich haben Langstreckenläufe auch etwas Philosophisches. Es kommt nicht darauf an, dass jeder Schritt perfekt ist. Bei jedem Lauf (vor allem beim Geländelauf) wird man auch mal stolpern, vielleicht sogar straucheln. Macht nichts: die Summe der Schritte zählt.

Wir leben in einer Gesellschaft, die unablässig und in jedem Moment Perfektion fordert. Aber die auch sehr ungeduldig ist – alles will sofort errungen sein, instant gratification ist das Mindeste. Es fehlt die Kraft, die in der Ruhe liegt. Ein langer Lauf dagegen braucht viel Geduld. Ein Schritt nach dem anderen. Irgendwann ist man da, weil es eine Summe von vielen Schritten gab, aber nicht jeder dieser Schritte muss der schnellste, schönste oder wunderbarste Schritt gewesen sein.

Nicht jeder Schritt braucht Einzelapplaus.

Neulich musste ich drei Worte aussuchen, die die Attribute darstellen, die mir persönlich am wichtigsten sind. Ich wählte diese Worte: Liebe. Kreativität. Und Beharrlichkeit.

Und letzteres trainiere ich beim Laufen.

Ramsvik, 3.9.2021

Morgens landete ich fast im Wasser, als die ablegende Fähre ignorierte, dass ich auch noch mitwollte, sehr zur Erheiterung meiner Mitläufer. Am Hafen von Hunnebö verteilten sich hunderte Läufer auf die Felsen und sonnten sich vor dem Start, ein lustiger Anblick. Wie immer ist man beim Start ein wenig nervös und läuft die ersten Meter viel zu schnell, doch gottseidank hatten die Rennplaner eine schöne Pause gleich zu Beginn eingebaut, die uns alle zwang, vor einer sehr engen Treppe erst einmal zu warten. Wie bei allen Läufen dieser Art entzerrt sich nach einer Weile das Feld und man läuft mit immer denselben Menschen zusammen, die dann leider meistens irgendwann schneller sind. Manchmal holt man sie aber auch wieder ein. Mein schönster Moment war mitten im Wald, als ich einen schwedischen Läufer winkte, dass er mich überholen könne (auf den engen Waldpfaden bedarf das manchmal einiger Koordination). Er winkte lachend ab und schrie mir zu, dass ich doch ein gutes Tempo hätte und er mich gerne noch ein Weilchen „jagen“ würde, um mir Dampf zu machen. Das fand ich psychologisch unglaublich hilfreich! Ich lief von Anfang bis zum Schluss des Laufs mit gleichbleibender Energie, kein „Einbruch“ wie oft bei Halb- oder Marathons zu erleben. Das hatte auch viel mit der wunderschönen schwedischen Landschaft und dem exzellenten Wetter zu tun. Und vielleicht auch mit den langbeinigen schwedischen Läuferinnen, die einen motivieren, dranzubleiben. Bei den Uphills hielt ich gut mit, wenn es downhill und sehr technisch wird, bin ich eher langsam, sobald sich der Pfad aber weitet, kann ich sehr viel Gas geben. Beim Ziel muss ich immer einen Endspurt machen, andere laufen gemütlich durch. Aber ohne Endspurt geht es für mich gar nicht. Ich habe mich nicht vollkommen ausgepowert, habe daher hoffentlich für morgen (30k) noch Reserven. Insgesamt aber ein guter Anfang – bei einigen Passagen war ich zumindest in den Top 10 oder 5 der Besten meiner Altersklasse (laut Strava). Danach: Genießen der spätsommerlichen Hitze, Schwimmen, „chillen“, wie mein Sohn sagen würde.

 

Moritz Eggert

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