Yoga

Tagebuch der Wörter (4)

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Yoga

Gestern nach dem Lauf tat ich das, was nach dem Laufen am schönsten ist, nämlich eigentlich nichts. Aber leider war das immer noch zu viel, denn ich machte einen schrecklichen Fehler: Yoga!

Bitte nicht missverstehen: ich habe überhaupt nichts gegen Yoga! Tatsächlich praktiziere ich es regelmäßig. Nicht unbedingt mit Weihrauchstäbchen und esoterischer Musik, aber die Grundprinzipien des Yogas, nämlich die damit trainierte „Mobility“, also Beweglichkeit, sind mir als Sportenthusiasten vertraut. Dehnübungen für „verkürzte“ Muskeln gehören definitiv zum Sport-ABC.

Als ich also nun gestern mit müden Gliedern den Strand am Ramsviker Campingplatz entlangschlenderte, sah ich etwas, was bei Laufevents oft im Beiprogramm angeboten wird: meine lieben Läuferkolleg:innen in einer riesigen Yoga-Session! Grund dafür war vermutlich eine zierliche hübsche Schwedin, die zu der (unvermeidlichen) esoterischen Musik beharrlich sanfte Kommandos zu verschiedenen Dehnübungen intonierte. Das kann auf Schwedisch extrem einlullend sein, besonders wenn man es nicht versteht, daher wurde ich wie von der Schlange Ka hypnotisiert und begab mich unter die sich Dehnenden.

Das Yogaprogramm dieser wie sich herausstellen sollte eher nicht so dollen (aber dafür charmanten) Lehrerin bestand aus grundsätzlich einfachen Positionen, die ich alle kannte, darunter auch der „Skorpion“, der vor allem die Wirbelsäule adressiert. Zunehmend eingeschläfert durch die leicht emotionslos vorgetragenen Kommandos in immer derselben Tonlage schweiften meine Gedanken ab.

Wisst ihr (fragte ich mich) eigentlich, dass hier unter euch ein zwar nicht direkter, aber immerhin doch eng verwandter Nachfahr des Mannes weilt, der einst Yoga nach Deutschland brachte? Ja, ich verrate hier etwas, das nur meine engsten Freunde wissen: Winfried Eggert, auch bekannt als Yogavyayamacharya Sri (wie gut, dass es heute die Kopierfunktion gibt), war mein Halbonkel, also der Halbbruder meiner Mutter. Und eben dieser Winfried Eggert war für die Einfuhr der großen Yogalehre in Deutschland hauptsächlich verantwortlich, nämlich durch die Gründung der „Ersten Deutschen Yogaschule“ in Heidelberg! Da staunt ihr, was? Ohne die Eggert-Sippe gäbe es weder hübsche Yogalehrerinnen noch -lehrer in Deutschland, und ein ganzer Wirtschaftszweig läge komplett brach. Das Bruttosozialprodukt wäre geringer, und die vielen Yogastudios, die es heute in D gibt, stünden entweder leer oder wären dunkle Kaschemmen, in denen zwielichtige Gestalten ihr Unwesen treiben.

Apropos Eggert-Sippe: Winfried Eggert hinterließ auch zahllose Kinder mit zahllosen Frauen (noch heute schreiben mich einige der Nachfahren an, es kommen immer wieder neue hinzu), aber das ist eine ganz andere Geschichte. Vielleicht gibt es über ihn einmal eine Netflix-Serie. Zu der ich aber nur wenig beitragen könnte, denn ich kannte ihn quasi nicht.

Wie auch immer – gerade dachte ich daran, dass es doch lustig ist, dass ich aus einer richtigen Yogafamilie (Winfried Eggert galt bei uns in der Familie als „schwarzes Schaf“, vermutlich weil Yoga zuerst einmal ein bisschen anrüchig wirkte) komme und jetzt Yoga am Strand von Ramsvik in Schweden mache, als mich bei der vermutlich nicht ganz korrekten Ausführung des „Skorpion“ ein grauenhafter Schmerz durchfuhr.

Ich wusste sofort, was es war: ein Hexenschuss. Da das jeder von euch schonmal gehabt hat, will ich es nicht näher beschreiben, aber ihr wisst dann auf jeden Fall, dass man so etwas nicht mitten in einem Laufwettbewerb haben will. Denn es tut scheiße weh, vor allem, wenn man sich bückt oder die Hüfte bewegt. Letzteres ist beim Laufen leider essenziell, und bei vielen anderen Tätigkeiten natürlich auch, vor allem den sippenvergrößernden, aber ich schweife ab.

Verzweifelt beendete ich die Yoga-Session und versuchte alle Tricks aus dem Buch, um den Schmerz zu lindern. Leider gibt es auf dem Campingplatz in Ramsvik keine heiße Badewanne, das fiel also schon mal aus. Und alles andere leider auch, denn nichts half. In düsterer Stimmung beschloss ich, mich früh schlafen zu legen, doch auch das half nicht, denn in den nur ungefähr 10 cm breiten Betten der winzigen anmietbaren Bootshäuser dieses Campinglatzes ist der Bewegungsspielraum gering, und jede Bewegung schmerzte wie die Hölle.

Man kann sich also vorstellen, dass ich die Nacht über kaum schlief, meinen Onkel Winfried nicht nur einmal verfluchend, dass er diese Höllentechnik der Hexenschusserzeugung über die Menschheit brachte.

Am nächsten Morgen: Situation unverändert. Ich las bei wikipedia nach: Hexenschüsse sind nicht heilbar, gehen aber irgendwann von allein weg. Nur wann, verdammt nochmal? Weiter las ich, dass es besser ist, sich zu bewegen, als sich nicht zu bewegen. Super, dachte ich, dann war es komplett falsch, im Bett zu liegen, danke auch!

Auf dem frühmorgendlichen Weg zum Beginn des Laufes nahm ich mir also vor, mich direkt bis zum Start ständig zu bewegen. Vereinfacht wurde dies leider nicht durch die arktische Kälte, die auf der Insel Malmön plötzlich herrschte, kombiniert mit einem Wind, der dem Eisplaneten Toth aus „Star Wars“ alle Ehre gemacht hätte. Aber nun denn: ich ging das ganze Bewegungsprogramm durch. Alles, nur kein fucking Yoga natürlich. Mein coup de grace war mein stacheliger kleiner blauer Ball, denn ich sonst zur Fersenaktivierung nutze, und den ich nun an einer Wand platzierte und mir in die Hüften rammte, sehr zur Erheiterung meiner Mitläufer.

„Wie soll ich diesen Lauf nur überstehen?“, dachte ich mir. Schon nach wenigen Metern würde mich der Schmerz übermannen und ich würde auf den Felsen von Malmön zusammenbrechen. Als nächstes sicherlich: Noteinsatz, Hubschraubertransport, die deutsche Botschaft fliegt mich aus.

Noch wenige Minuten bis zum Start. Ich ließ alle Hoffnung fahren und bereitete mich innerlich auf den Abbruch des Rennens vor. Aber ich wollte es zumindest ein paar Schritte versuchen.

9,8,7…auf Schwedisch (das für uns Deutsche immer ein bisschen unaufgeregt neutral klingt) zählte die Moderatorin die Sekunden herunter. Ich dachte an Dante: „Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren“, vor mir das Höllentor des Starts, durch das ich gleich laufen musste.

3,2,1…Los!

Ich lief los.

Nach ca. 10 Sekunden hatte ich die Schmerzen vergessen. Es tat dann auch im ganzen Lauf nicht mehr weh, nur jetzt, nachher. Noch ein bisschen.

Yoga sei Dank.

4.9.2021, Ramsvik, Schweden

Heute hatten wir knapp 30 Kilometer Laufpensum, davon viel technisch sehr anspruchsvoll (=über Stock und Stein). Mich zerlegte es gleich nach 30 Minuten, aber außer ein paar Schrammen war nichts, also weiter. Insgesamt sehr schöner Lauf. Vor mir lief ca. 30 Minuten lang ein mittelalter Läufer, der so aussah, als bewege er sich sehr langsam, der aber wegen seiner Länge (in Schweden sind alle mindestens 2 Meter groß) immer ein kleines Stück schneller als ich war. Ich schnaufte kontinuierlich hinter ihm her, mit fast exakt demselben Tempo. Ich war sehr erleichtert, ihn irgendwann zu überholen, denn er war dann doch von seinem lässigen Laufen etwas müde geworden. Besonders lustig: an gefühlt jeder zweiten Ecke tauchte immer derselbe schwedische Radfahrer auf, der mich anfeuerte. Grund: Seine Frau lief immer in meiner Nähe, und er fuhr hektisch zwischen den verschiedenen Etappenstationen mit dem Rad, um sie immer wieder anzufeuern. Wovon ich natürlich profitierte. Ich war sehr zufrieden mit meinem Lauf, leider scheine ich aber aus irgendeinem Grund aus der Datenbank der Teilnehmer verschwunden zu sein. Das muss noch geklärt werden, denn ich war gut, habe aber gar kein Resultat!

 

Moritz Eggert

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