Regeln

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Tagebuch der Wörter (2)

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Eine kleine Anekdote: als ich gestern am Göteborger Busbahnhof mein Ticket nach Ramsviksvagen kaufte, merkte ich plötzlich, dass ich meinen Koffer im Flughafenbus vergessen hatte. Das ist etwas für mich sehr Typisches und nicht das erste Mal, das mir ein Koffer abhandengekommen ist. Gottseidank sind schwedische Busfahrer sehr hilfsbereit. Der Bus war nicht gleich wieder zum Flughafen zurückgefahren, die Busfahrerin machte Pause in einem Depot. Ihre Kollegin war dann so nett, mir den abgestellten Bus zu öffnen, ich konnte meinen Koffer holen und es gerade noch so zum Zug schaffen. Als ich nach all dieser Aufregung vom Schaffner nach meinem Ticket gefragt wurde, stellte ich plötzlich fest, dass ich zwar noch die Quittung für mein Ticket besaß, aber nicht mehr das Ticket.

Mit typisch schwedischer Gemütsruhe schaute mich der Schaffner von oben bis unten an und sagte: „Seltsam, das ist nur die Quittung aber nicht das Ticket.“ „Äh, ich habe nichts anderes…“ stotterte ich. Erneut musterte mich der Schaffner und ich konnte es hinter seiner Stirn arbeiten sehen: ist dies jemand, der mich anlügen und schwarzfahren will, oder ist es ein zerstreuter deutscher Tourist, der in der Hektik sein Ticket verloren hat? Schnell zog er seinen Schluss – mit den Worten „das wird schon in Ordnung sein“ gab er mir das Ticket zurück und ging weiter. Ich wurde noch 2x kontrolliert auf meiner weiteren Reise, und jedes Mal ließ man mich ziehen.

Ich erzähle dies, weil ich nicht so sicher bin, ob es in Deutschland auch so gelaufen wäre, denn wir Deutschen lieben Regeln und Ordnung. Das fiel mir gerade neulich wieder in der Berichterstattung über die Evakuierung in Afghanistan auf: der deutsche Botschafter wurde interviewt, warum er denn so lange gewartet hätte mit dem Ausfliegen seines Botschaftspersonals aus Kabul und damit deren Leben riskiert hätte. Seine Antwort war, dass er ja der Ordnung halber auf das ok vom Auswärtigen Amt und dem zuständigen Minister warten musste – ohne Dienstanweisung war es ihm unmöglich, selbstständig die Evakuierung einzuleiten. Für viele Menschen scheint gar nichts zu gehen, wenn sie sich nicht stets streng an die Regeln halten. Denn dahinter scheint eine Art grauenhafte Leere zu schlummern, die gruselige Leere der Eigenverantwortung.

Ganz ehrlich: wenn ich Botschafter wäre und in Kabul stehen die Taliban vor der Tür, während die letzten Flugzeuge abfliegen, dann würde ich einen Scheiß darauf geben, ob mir das jemand erlaubt oder nicht – ich hätte mein Personal evakuiert und gegebenenfalls einen Anschiss riskiert. Das mag zwar nicht Dienst nach Vorschrift sein, aber es wäre vernünftig, und das ist in diesem Moment wichtiger als jede Regel. Denn es gibt einfach Situationen, in denen es klar ist, dass alle überfordert sind (auch das Auswärtige Amt) und es dann am besten ist, wenn man selbstständig nach gesundem Menschenverstand Entscheidungen trifft.

Regeln sind absolut sinnvoll im menschlichen Zusammenleben. Sie sind sogar essenziell für eine gewisse Grundgerechtigkeit und ein angenehmes Miteinander. Aber sie müssen stets „weich“ sein, es muss stets einen Entscheidungsspielraum geben, in dem man eine Regel auch mal ignorieren kann, wenn es darum geht, anderen zu helfen oder eine unvorhergesehene Situation zu meistern. Hat sich nicht jeder von uns schon einmal über den Busfahrer gefreut, der die Tür nochmal aufmacht, obwohl ihm sein Fahrplan das eigentlich verbietet? Und geärgert über den Busfahrer, der immer streng Dienst nach Vorschrift macht und dem es scheißegal ist, ob da eine Frau mit Kinderwagen und zwanzig Einkaufstüten im Regen stehen bleibt?

Zu oft ist in der deutschen Geschichte Dienst „nach Vorschrift“ gemacht worden, der in Unmenschlichkeit und Grausamkeit mündete. Individuell hätten vermutlich viele Leben gerettet werden können, wenn die Regeln nicht „hart“, sondern stets „weich“ interpretiert worden wären.

„Weich“ heißt nicht, dass einem Regeln egal sind. „Weich“ heißt nur, dass man in der Lage ist, individuell abzuwägen, ob die Durchführung der Regel mehr Schaden als Gewinn bringt. Und das ist die berühmte Eigenverantwortung, mit der sich viele schwer tun.

Vielleicht ruht daher auch die fanatische Angst vieler Coronaleugner vor auch nur den kleinsten Coronavorschriften, denn sie können sich gar nichts anderes vorstellen, als dass die Regeln stets und in jedem Moment „hart“ interpretiert werden. Vielleicht würden sie es selbst so tun, wenn die Regeln von ihnen wären.

Aber jegliche fanatische und unnachgiebige Interpretation von Regeln ist etwas Dummes. Ich muss auch als Unterstützer der Coronamaßnahmen nicht gleich Zeter und Mordio schreien, wenn jemand im Supermarkt die Maske kurz von der Nase rutscht, wenn er eine Aubergine aus dem Regal holt. Wenn alle sich zu 99% und nicht zu 100% an Abstandsregeln halten, heißt es nicht, dass gleich eine Lawine von Superspreaderevents in Gang gesetzt wird. Die 1% sind für die unvorhersehbaren Momente oder kleinen Fehler da, die 99% sorgen dafür, dass das Ganze dennoch funktioniert.

Tatsächlich sind Regeln schon mit einer bestimmten Unschärfe kalkuliert, das kennt jede Person, die Kinder erzieht oder es je mit der italienischen Bürokratie zu tun hatte. Wie oft sagt man als Eltern Sätze wie „wenn Du das noch einmal machst, dann…“ und lässt dann doch Gnade vor Regel walten, wenn nicht alles stets perfekt läuft. Es gehört zum Leben, dass nicht immer alles perfekt läuft, und dann müssen wir darauf reagieren können. Die Coronamaßnahmen sind sinnvoll, aber das heißt nicht, dass man stets mit einem Zollstock herumlaufen muss, um immer und in jedem Moment den Abstand messen zu können.

Wir brauchen also die Regeln als Leitfaden, müssen sie auch ernst nehmen, aber wir müssen darin nicht bis in letzte Konsequenz unerbittlich sein. Denn dann werden wir zum Sklaven unserer eigenen Regeln.

Daher kommt auch mein tiefes Misstrauen gegen alle Menschen, die z.B. musikalische Regeln erlassen und deren strenge Befolgung fordern. Denn es liegt in der Natur der Kunst, dass sie immer wieder alte Regeln bricht und neue Regeln erlässt. Das ist ein ständiger Prozess, der nie zur Ruhe kommt, und entspricht ungefähr den Regeln eines Spiels: innerhalb eines Spiels macht das Spiel nur Spaß, wenn alle sich an die Regeln halten, aber dieses gemeinsame Abkommen ist stets freiwillig und kann jederzeit durch ein neues Spiel ersetzt werden. Und wenn ein Spiel – zum Beispiel eine bestimmte Ästhetik – endet, treten die Regeln außer Kraft. Es gibt Komponisten, die zum Sklaven ihrer eigenen Regeln wurden. Eigentlich wollen sie schon längst etwas anderes machen, aber da das Erfüllen ihrer eigenen Regeln ihnen Erfolg und Sicherheit brachte, machen sie einfach immer so weiter. Das sind dann die Komponisten, die im Alterswerk immer langweiliger werden, da sich ihre Regeln immer mehr abnutzen und ihre Musik in Gleichförmigkeit und Vorhersehbarkeit erstickt.

Musikalische Regeln haben also nur so lange Bestand, solange alle dasselbe Spiel spielen – da aber nie alle im selben Spiel sind, kann es gleichzeitig mehrere Regelsysteme geben, die sich vielleicht sogar komplett widersprechen. Welches ist „besser“, welches ist „schlechter“? Diese Frage lässt sich nur beantworten, wenn man sich mit Neugier und Empathie auf die jeweiligen Regelsysteme einlässt. Denn in jedem dieser Systeme kann ein eigener, ganz spezieller Reiz entdeckt werden, den man als „schön“ wahrnehmen kann.

2.9. Ramsvik, Schweden

Die schönsten Tage sind die, an denen man gar nichts bestimmtes machen muss. Während sich der Campingplatz langsam mit den Teilnehmern des „Icebug Experience“ – Laufs füllt, genieße ich einen lockeren Trainingslauf, ein bisschen Schwimmen und ein bisschen „Mobility“ (= Beweglichkeitstraining). Eine Icebug-Verkäuferin erschüttert mein Weltbild als sie mir nach Begutachten meiner Füße sagt, dass ich gar keine Plattfüße hätte, sondern tatsächlich mit den normalen Einlegesohlen zurechtkäme. Staunen über die wunderschöne Landschaft und das kristallklare Meerwasser. Insgesamt entspannte und erwartungsvolle Stimmung, morgen früh aufstehen, um 7:30 die Fähre nach Hunnebostrand erwischen. Um 9:00 wird Start sein.

Moritz Eggert

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