Für ein Ende des Schweigens

Für ein Ende des Schweigens

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Jeden Abend ist es Ritual, dass ich meiner kleinen Tochter klassische Batman und Superman-Comics vorlese. In diesen Comics werden Superschurken und seltsame Wesen aus dem All bekämpft, das Gute gewinnt immer, und am Ende ist die Ordnung in Gotham City und Metropolis wiederhergestellt und die Menschen können wieder ruhig schlafen.

Natürlich sind diese Comics naive Wunscherfüllung und natürlich wissen wir alle, dass die Geschichten im richtigen Leben nicht immer so gut ausgehen.

Am 10.12. 2020 wurde der ehemalige Kompositionsprofessor der Münchener Musikhochschule, Hans-Jürgen von Bose, vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen und trotz Drogenbesitzes eines ganzen Arsenals von illegalen Drogen zu einer so geringen Strafe verurteilt, dass ihm seine Beamtenbezüge voll erhalten bleiben.

Wir müssen hier differenzieren: Bose wurde nicht freigesprochen, weil das Gericht den Vorwürfen der Vergewaltigung nicht Glauben schenkte. Das Gericht hing sich an Spitzfindigkeiten der Beschreibungen der Taten auf, stellte aber die Glaubwürdigkeit des Opfers nie auch nur im Geringsten in Frage. Das tat auch die Gutachterin nicht, die hierüber ausführlich befragt wurde. Auf dem Tisch war nicht nur der Tatbestand einer Vergewaltigung, sondern einer schweren Vergewaltigung samt Freiheitsberaubung. Die Nebenklage wird daher auch Revision beantragen.

Während Bose freigesprochen wurde, freut sich sein bester Freund Siegfried Mauser – der tatsächlich in Deutschland zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde wegen schweren sexuellen Übergriffen – darüber, dass er diese Strafe nach seiner Flucht nach Österreich bisher nicht antreten musste wegen unerklärlicher Verzögerungen der Beurteilung seines angeblich schlechten Gesundheitszustands. Währenddessen postet seine Frau fröhliche Bilder von Mauser öffentlich auf Facebook, bei einem guten Glas Wein, mit dem Hund auf dem Schoß.

Unerklärliche Verzögerungen gab es auch beim Fall Bose – nach der Anzeige im Jahr 2014 dauerte es bis Anfang 2016 zu einer Klageschrift, dann noch einmal geschlagene 4 1/2 Jahre bis zum Prozess Ende 2020. Keiner kann eigentlich so richtig erklären, warum. Seltsam.

Das Signal ist klar: Die Täter kommen davon, egal was sie tun. Der Bayerische Staat – der sich immer gerne als streng gegenüber z.B. Drogendelikten präsentiert – signalisiert damit: Man kommt mit allem davon, wenn man mächtig genug ist, wenn man gut genug vernetzt ist. Man darf alles: Hitlergrüße vor dem „Führerbau“ vor Studenten, wie ein Zeuge vor Gericht über Bose berichtete? Kein Problem, es ist erlaubt, sagt der Bayerische Staat damit. Man kommt davon. Es gibt Schullehrer, die wegen einer einzigen antisemitischen Bemerkung vor ihren Klassen sofort gekündigt wurden, wenn man aber Professor ist und ein „von“ im Namen hat, ist es anscheinend ok.

Es ist auch ok – denn anders kann man das Verhalten der Verantwortlichen nicht erklären – Studenten in den Räumen der Musikhochschule über jüdische Weltverschwörungen und Chemtrails zu unterrichten, anstatt mit Ihnen musikalische Werke zu analysieren. Ersteres hat Bose nachweislich getan. Er kam davon. Kommt immer noch davon.

Es ist auch anscheinend im Sinn der Öffentlichkeit und des Staates, Studenten schon nach wenigen Wochen dringend zu sich nach Hause zu bitten, in der Hoffnung, sie in private Sexspiele zu verwickeln. „Ungewöhnlich war diesmal, dass die Freundin des Professors auftauchte, ihr Kleid abstreifte, dem Studenten die Hose aufknöpfte und ihn oral stimulierte. Währenddessen saß der Professor (Bose) am Schreibtisch und komponierte eine Oper“, so stand es schon 2018 – und von Aussagen beglaubigt – im SPIEGEL, in einem Artikel von Jan-Philipp Möller und Martin Knobbe. Das ist anscheinend komplett in Ordnung, der Staat oder vielmehr seine Instrumente, die staatlichen Musikhochschulen, dulden solches Verhalten anscheinend, indem sie es nicht ahnden, nicht ahndeten, Beschwerden von Studenten nicht ernstnahmen, sich taub stellten. „Bei der Hochschulleitung gingen Beschwerden ein“ ist im SPIEGEL-Artikel zu lesen. Diese hatten keine Konsequenzen, da die damaligen Hochschulpräsidenten anscheinend nie ein Interesse hatten, die Sachen weiter zu verfolgen, am allerwenigsten Siegfried Mauser, der mir gegenüber einmal äußerte, dass er sich „bis ins Kriminelle“ für Bose eingesetzt hat, um den verursachten Schaden von Bose hinter den Kulissen wieder in Ordnung zu bringen.

Es ist auch anscheinend vollkommen in Ordnung, so wie Bose Studenten Drogen anzubieten oder sie auf dem Bett zuhause zu unterrichten, ihnen halbnackt die Tür zu öffnen oder ihnen Pornos zu zeigen, gemeinsam mit ihnen ins Pornokino zu gehen, unter fadenscheinigsten Begründungen, dass dies irgendeiner künstlerischen „Befreiung“ diene, und nicht etwa der übergriffigen persönlichen Geilheit eines frustrierten Professors. Es ist anscheinend in Ordnung, da es nie ein Disziplinarverfahren gab, nie eine Kritik, nie eine Suspendierung. Bis heute wurden von der Leitung der Münchener Musikhochschule nicht alle StudentInnen und Studenten direkt angehört über ihre Erlebnisse mit dem anscheinend unantastbaren Professor Bose. Es gab nie auch nur ein einziges Disziplinarverfahren gegen Bose.

Es ist auch anscheinend für Professoren einer staatlichen Einrichtung vollkommen in Ordnung, heimlich ein Verhältnis mit einer Studentin anzufangen, und diese Studentin dann dazu zu bringen, nach Stundenplan Sex mit anderen Männern zu haben, wie es auch im SPIEGEL-Artikel zu lesen war. Selbst wenn dies – wie Bose immer wieder betont – alles „freiwillig geschieht“, welche Eltern möchten ihre Tochter gerne in die pädagogische „Obhut“ eines Professors geben, der auf solche Spielchen steht? Und was hat das alles wirklich mit Komponieren zu tun – wird sie dadurch wirklich eine bessere Künstlerin? Genau diese Studentin – einst hoffnungsvolle Studienanfängerin – hat inzwischen jegliche künstlerische Tätigkeit eingestellt. Ob die Entscheidung, sich auf die Spielchen ihres Professor einzulassen, für ihr weiteres Leben gut war, darf bezweifelt werden.

Es ist auch für Professoren an einer bayerischen Musikhochschule anscheinend absolut vertretbar, Schusswaffen von verurteilten Nazis wie Mario Rönsch zu kaufen und ganz offen rechtsradikales Gedankengut zu äußern, denn all dies wird wegen eines Professorentitels – und dem „von“ im Namen natürlich – sofort verziehen (siehe FAS-Artikel unten). Und wenn die Bayerische Akademie der Schönen Künste einen Aufruf zur Rettung der Künste während Corona startet, fragt sie ihr Mitglied Hans-Jürgen von Bose als einen der ersten und präsentiert seinen Namen stolz auf der Liste der Unterzeichner. Winfried Nerdinger – Präsident der Akademie – ist Gründer des NS-Dokumentationszentrums, direkt neben der Musikhochschule. Anscheinend findet er Bose dennoch „ok“.  Erst nach Beschwerden von Mitgliedern, denen Boses rechte Gesinnung bekannt ist, wurde der Name von der Liste der Unterzeichner entfernt.

Es macht auch anscheinend überhaupt nichts, wenn man als Professor an einer Musikhochschule schon quasi direkt nach Amtsantritt minderjährige Studenten sexuell belästigt und bedrängt, denn wenn diese – so wie es im Fall Bose geschehen ist – sich bei der Polizei beschweren, kann man damit rechnen, dass die damaligen Verantwortlichen alles dafür tun, diese Vorgänge zu vertuschen und den Studenten zum Rückzug der Anzeige drängen. „Das Protokoll der Unterredung (des Studenten) im Ministerium ist bis heute unter Verschluss. In einer schriftlichen Anfrage forderten die Grünen im Landtag im Mai 2018 Aufklärung. Eine Antwort gab es nicht“, so berichtet Thilo Komma-Pöllath in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 8. November 2020.

Da nichts geschehen ist, da all dies nie Konsequenzen hatte, sagt uns der Staat damit immer wieder nur das eine: Man kommt davon. Das Gerichtsurteil vom Donnerstag den 10.12. ist nur ein weiterer Teil dieses Mosaiks.

Schaut nur, es geht alles. Ihr dürft alles, liebe Professoren an den Musikhochschulen. Nehmt Drogen, betatscht Studenten (wenn sie nicht willig sind, müsst ihr sie natürlich nicht mehr unterrichten), macht Hitlergrüße, Hauptsache ihr kennt die richtigen Leute. Und wenn ihr schon vergewaltigen müsst, weil es euch eure „künstlerischen“ Triebe befehlen, dann bitte nach altem Strafrecht, denn sonst wird es ein bisschen schwierig.

Es gibt aber noch ein weiteres, viel fataleres Signal, das man hier genau benennen muss. Ein Signal an all die, deren Geschichten noch niemand kennt, an all die, die sich noch nicht über Vergewaltigungen, Übergriffe, dubioseste und privat übergriffige Unterrichtspraktiken sowie Machtmissbrauch, den sie an deutschen Musikhochschulen oder in deren direktem Umfeld erlebt haben, geäußert haben. Die schweigen, weil sie eingeschüchtert, traumatisiert oder schlicht und einfach hoffnungslos darüber sind, ob man ihnen überhaupt je zuhören wird.

Das Bayerische Landgericht gab dieses Signal eindeutig am 10.12. in dem (man muss es so sagen) gelungenen Versuch, das Musikhochschul-Umfeld der Taten Boses möglichst aus dem Prozess herauszuhalten– dieses Signal an die vielen, vielen bisher schweigenden Opfer lautet:

Seid still.

Redet besser nicht darüber.

Und wenn ihr darüber redet seht ihr ja was passiert: Mauser trinkt seinen Weißwein, Bose bekommt seine Beamtenbezüge auf Staatskosten. Egal was ihr erlebt habt: seid still. Und wenn ihr aufmuckt, schreiben die wohlbeleibten und grauhaarigen Freunde der Täter aus den feinen Akademien noch gemeinsame Festschriften und bezichtigen euch öffentlich der Lüge, und wehe, ihr seid aus der ehemaligen DDR, denn dann bekommt ihr auch gleich noch eine Stasi-Mitgliedschaft unterstellt.

Natürlich all das nur, wenn die Täter gut vernetzt sind.  Wenn sie, wie Mauser, mit der hohen Politik verbandelt waren und sich in dutzenden von wichtigen Gremien, Jurys und Kommissionen tummelten. Denn dann muss man natürlich auf keinen Fall eine Gefängnisstrafe antreten. Und ein Hans-Jürgen von Bose hat auch nicht etwa einen normalen Strafverteidiger – wie man es bei Unschuld eigentlich erwarten könnte – sondern Steffen Ufer, höchstes Anwaltskaliber, der normalerweise erst für eine 5-stellige Summe pro Tag antritt, es aber für Bose – wie er Journalisten gegenüber erzählt– für einen Sonderpreis macht. Man wundert sich, warum.

Eine gute Bekannte von mir wurde – weil Nachbarn sie anzeigten – wegen einer einzigen kleinen Marihuanapflanze für den privaten Gebrauch auf dem Balkon schwer bestraft und darf bis heute nicht unterrichten, weil sie offiziell als vorbestraft gilt.

Hans-Jürgen von Bose – bei dessen Hausdurchsuchung so ziemlich jede illegale Droge gefunden wurde, die man besitzen kann –ist dagegen seit letztem Donnerstag wieder voll rehabilitiert und bekommt wahrscheinlich sogar noch die Gelder ausgezahlt, um die sein Gehalt wegen Suspendierung in den vergangenen Jahren verringert wurde.

Man wundert sich.

Aber jetzt komme ich zu dem eigentlichen Punkt, der Grund, wegen dem ich diesen Artikel schreibe. Es geht nicht darum, mir den Frust über dieses Urteil vom Leib zu schreiben, denn ich finde es viel wichtiger, dass man sich über das Leid der Nebenklägerin Gedanken macht, der vom Gericht zwar geglaubt wurde, der aber mit dem Urteil auch klar gemacht wurde, dass man  anscheinend nicht bestrafen will.

Mir persönlich ist es ehrlich gesagt egal, was mit Bose, was mit Mauser ist. Es geht nicht um Klageorgien oder um die Vernichtung von Biografien. Vor allem letzteres haben Bose und Mauser schon selbst genug getan.

Es geht mir um drei, ganz einfache Dinge:

Wenn etwas passiert, was nicht in Ordnung ist, muss es gesagt werden.

Und zweitens, in direkter Abfolge des vorherigen:

Wenn genügend Menschen sagen, dass etwas nicht in Ordnung ist, muss man darauf reagieren.

Und drittens, in direkter Abfolge des vorherigen:

Wenn darauf reagiert wird, kann das, was nicht in Ordnung ist, schon im Vorfeld verhindert werden.

Wir dürfen nicht vergessen – die Handlungen von Mauser und Bose finden nicht in einem luftleeren Raum statt. Sie werden durch falsche Toleranz und Schweigen bestärkt und unterstützt. Meistens wissen die Menschen im direkten Umfeld dieser Menschen sehr genau, was nicht in Ordnung ist. Aber sie ziehen es vor, zu schweigen, aus Angst, aus falschem Respekt, weil es einfacher ist.

Es gibt auch ein merkwürdiges selektives Vergessen. Hinterher will man immer von nichts gewusst haben, wäscht seine Hände in Unschuld.

Bernd Redmann, der aktuelle Präsident unserer Musikhochschule in München, ist weder Täter noch Verbrecher. Als Bose nach seiner Frühpensionierung überraschend und auf massiven Druck von seinem Freund Siegfried Mauser wieder an die Musikhochschule zurückkehrte, nahm Redmann angeblich Bose (nach Boses Worten vor Gericht) zur Seite und bat Bose, doch in Zukunft mit seinen „Geschichten“ mehr aufzupassen. Ein durchaus verständlicher und daher absolut glaubwürdiger Wunsch!

Heute sagt Redmann der Presse, dass er von nichts gewusst habe, was die seltsamen Aktivitäten Boses angeht. Was in direktem Widerspruch zu Boses Aussage steht. Dabei hat Redmann nicht nur mir sondern auch Kollegen von Anmachversuchen Boses zu seiner Studentenzeit berichtet, wurde zahllose Male über bizarre Verhaltensweisen Boses von Studenten und Kollegen informiert. Ganz unbekannt können Redmann die Zustände im Hause Bose auch nicht gewesen sein, denn 2018 unterrichtete Redmann den Hochschulsenat über eine „einstündige sexuelle Begegnung“ mit der damaligen Lebensgefährtin Boses (der Frau aus dem SPIEGEL-Zitat oben) zu seiner Studienzeit (Quelle: FAS-Artikel, siehe oben).

Dass Siegfried Mauser – der bei Boses ein-und ausging und ein enges freundschaftliches Verhältnis mit ihm pflegte – noch wesentlich besser über das Privatleben von Bose Bescheid wusste, davon ist auszugehen.  Redmann war sein Vizepräsident, und pflegte mit Mauser auch ein enges freundschaftliches Verhältnis, das sich in Kompositionsaufträgen für den Kissinger Sommer und vielen anderen Nettigkeiten niederschlug. Dass Mauser und Redmann nie auch nur ein einziges Mal über Bose sprachen, ist schlicht und einfach unvorstellbar. Redmann war zu Mausers Zeiten Vizepräsident und musste viele der Entscheidungen Mausers bzgl. Bose – zum Beispiel auch die Sondererlaubnis zum Unterrichten von Studenten zuhause – mittragen. Die fehlende Distanzierung zeigt sich auch in seiner Weiterbeschäftigung der Sekretärin Mausers, die Mauser vor Gericht leidenschaftlich verteidigte und bis heute jeden, den sie als Kritiker Mausers wahrnimmt, mit verbissenem Zerberusblick aus ihrem Vorzimmer vertreibt.

Dass Redmann nun sagt, dass er trotz dieser Umstände rein gar nichts von Dingen, die vielleicht nicht ganz koscher waren (um es milde auszudrücken) gewusst haben will, muss man so hinnehmen. Vielleicht ist es selektives Vergessen.

Aber es geht hier nicht speziell um Redmann. Es geht um die Kultur des Schweigens, des Tuschelns, des Unterdrückens von Ärger, die Mauser und Bose erst ermöglichte. Lieber nicht reden, lieber keine Probleme haben.

In meinem ersten Jahr an der Münchener Musikhochschule wunderte ich mich sehr darüber, dass ein bestimmter Komponist immer wieder als Gastdozent eingeladen wurde (üblich ist es, immer wieder neue Gastdozenten einzuladen). Da ich den wahren Grund dieser regelmäßigen Besuche kannte (dieser Komponist hatte ein geheimes Verhältnis mit einer hübschen Münchnerin, und sein Freund Siegfried Mauser ermöglichte ihm hiermit regelmäßige kostenfreie Besuche auf Steuerkosten), wagte ich es, mich hierzu intern kritisch zu äußern.

Ich kann es nur so ausdrücken: Mir wurde sehr schnell klar gemacht, dass ich das dringend zu unterlassen habe.

Es gibt aber auch die Möglichkeit von Zuckerbroten: so bot mir Mauser freizügig den Bayerischen Kunstpreis an mit den Worten, ich solle doch die Finger von der Sache Bose lassen, das stifte doch nur Unfrieden. Da ich nicht gehorchte, bekam ich den Preis natürlich nicht. Dieser hätte sich auch schmutzig angefühlt.

Ich könnte noch viele weitere Geschichten dieser Art erzählen. Es gibt auch tausend Möglichkeiten, Studentinnen und Studenten durch die Blume klar zu machen, dass es vielleicht besser ist, sich nicht allzu hartnäckig zu beschweren. Das ist nicht nur in München, sondern auch an anderen Hochschulen so. Ich kenne Fälle, in denen Opfer tatsächlich Klagen anstrebten, zahllose Beweise und weitere Opfer präsentieren konnten und dennoch mit aller Hochschulmacht vor Gericht „klein gemacht“ wurden. Nach dem alten Strafrecht natürlich.

Man kann Studenten aber auch verführen oder sie auch als unwissentliches Instrument für Machtmissbrauch benutzen. Mauser tat Studenten viele Gefallen, gab ihnen viele Förderungen, und die Hochschule segnete das alles als Institution ab.

Die Geschichten der Musikhochschulen in Deutschland sind voller Geschehnisse wie diesen. Da gibt es den Klavierdozenten, der an einem Konservatorium wegen Übergriffe auf Minderjährige gehen musste, dann aber eine wesentlich bessere Stelle an einer Hochschule bekam. Oder den Kumpel von Mauser, der wegen Beschwerden eine andere Hochschule verlassen musste und dann von Mauser in München eingestellt und als Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste vorgeschlagen wurde.

Es gibt noch viel mehr solche Geschichten. Das Problem ist aber: es wird nicht darüber gesprochen. Man tuschelt darüber, jeder weiß es (wie die Übergriffe von James Levine), es sind offene Geheimnisse, aber sobald es darum geht, sie auf den Tisch zu bringen, ist die Angst zu groß. Dabei wäre es so wichtig, darüber zu sprechen. Über die entsetzlichen Vergewaltigungen, die bisher nicht geahndet wurden, über die Übergriffe, über den Machtmissbrauch.

Ich kann es aber nicht tun, denn ich kenne die Geschichten nur von den Opfern, habe sie nicht erlebt. Die Betroffenen müssen sprechen.

Nicht alles davon sind Straftaten.

Es ist keine Straftat, sich mit Prostituierten vor Studenten bei einer Studienreise nach Kuba zu präsentieren, aber es könnte sein, dass es nicht so wirklich in Ordnung ist.

Es ist keine Straftat, nachts als Rektor einer Hochschule bei einer Studentin und deren Lebensgefährten im Hotel anzuklopfen und im Suff einen flotten Dreier zu fordern. Aber es könnte sein, dass es nicht so wirklich in Ordnung ist.

Es ist keine Straftat, eine Studentin anzubaggern und sie dann bei Erfolglosigkeit dieses Versuchs einfach nicht mehr zu unterrichten. Aber es könnte sein, dass es nicht so wirklich in Ordnung ist.

Irgendwo muss ein Anfang gemacht werden. Irgendwann muss das verdammte Schweigen ein Ende haben. Wie wurden Epstein und Weinstein zu Fall gebracht? Weil irgendwann irgendjemand verdammt noch Mal nicht mehr geschwiegen hat.

Es geht nicht darum, dass Menschen ins Gefängnis kommen (auch wenn es wichtig ist, dass die schwersten Verbrecher sich den Konsequenzen ihrer Tat stellen und diese auch eingestehen müssen). Es geht darum, dass die ganze Kultur der Duldung, des selektiven Vergessens, des stillschweigenden Einvernehmens mit vier ganz einfachen Worten durchbrochen wird:

Es ist nicht okay.

Man muss nicht zur Polizei, wenn der Dozent einem um 1 Uhr Morgens Whatsapp-Nachrichten schickt, dass man doch unbedingt noch zu ihm ins Bett kommen soll. Aber man darf sagen, dass es nicht okay ist. Man muss nicht zur Polizei, wenn ein Professor besoffen zu einer Prüfung erscheint, herumstänkert, rausgeworfen wird und dann auch noch eine schlechte Note gibt. Aber man darf sagen, dass es nicht okay ist.

ich denke mir all diese Geschichten nicht aus. Sie sind passiert. Jede Hochschule hat inzwischen Frauenbeauftragte, an die man sich jederzeit wenden kann. Für die ernsten Fälle gibt es die Polizei und juristische Betreuung außerhalb der Hochschulen mittels Ombudspersonen. Aber man darf auch jederzeit als Individuum Briefe an die Hochschulleitung schreiben. Man darf Dienstaufsichtsbeschwerden machen. StudentInnen haben viel mehr Rechte, als sie ahnen, sie müssen sie nur wahrnehmen.

Hochschule sind dem Staat verpflichtet – sie dürfen offizielle Eingaben nicht ignorieren. Jede Beschwerde muss gesammelt und zu den Akten gelegt werden. Je mehr sich ansammelt, desto mehr wächst der Druck. Wenn all die Geschichten, die ich kenne, in tatsächliche Beschwerden gemündet hätten, würden die Postfächer der Hochschulpforten überquillen.

Mir sind persönlich krasseste Fälle an Musikhochschulen in ganz Deutschland bekannt, über die die Öffentlichkeit nicht das Geringste weiß. Und das liegt daran, weil die betreffenden Personen Angst haben, zu sprechen. Ich weiß von weiteren Vergewaltigungen an der Münchener Musikhochschule, Fälle, die weder Mauser noch Bose betreffen, ich darf die Namen ohne das Einverständnis dieser Personen nicht nennen, und diese Personen ziehen es vor, zu schweigen.

Ich würde mir wünschen, dass generell das Schweigen ein Ende hat. Es mag weitere Taten im Fall Bose geben, wir werden es nie erfahren, weil die Betroffenen schweigen. Und das bedeutet, dass die Nebenklägerin nach wie vor allein ist und allein um ihr Recht kämpfen muss, und das ist eine Schande, wenn man auch nur einen Bruchteil der Aussagen kennt, die vor Gericht nicht gehört wurden. Als Zeuge war übrigens auch Siegfried Mauser auf der Liste, und selbstverständlich hätte er eigentlich aussagen müssen. Er tat es nicht, denn er trinkt nach wie vor seinen Weißwein, das Hündchen auf dem Schoß.

Der Kampf gegen die Schweigemauer dieser Institutionen, gegen Männerbünde und Regeln von oben ist hart und schwer, das musste auch die Autorin Petra Morsbach erleben, als sie eine in ihren Augen sinnlose Regel zu Lesungen der Bayerischen Akademie der Schönen Künste hinterfragte. Petra Morsbach tat nichts weiter als zu sagen: „Das finde ich nicht okay“.

Was sie daraufhin erlebte, liest sich wie eine Neuauflage von Kafkas „Schloss“ in realiter, beschrieben hat sie es auf literarisch penibel wie faszinierende Weise in ihrem neuen Buch „Der Elefant im Zimmer“, über Machtmissbrauch und Widerstand“, das ich hiermit ausdrücklich empfehlen möchte.

Petra Morsbach hat aus ihrem Kampf Literatur gemacht, aber für mich die wichtigste Nachricht ihres Buches ist:

Wir müssen darüber reden, weil es nicht okay ist.

Das ist inspirierend und mutig. Und je mehr Menschen dies beherzigen, desto mehr wird sich ändern, desto mehr zukünftige Taten werden verhindert werden. Wir haben dafür alle eine Verantwortung den zukünftigen Generationen gegenüber.

Lasst uns darüber reden, wenn es nicht okay ist.

Lasst uns, und vergesst es nie, darüber reden.

Denn nicht zu sprechen heißt, das zu akzeptieren, was nicht in Ordnung ist.

Denn nicht zu sprechen heißt, zum Mittäter zu werden.

Deswegen wünsche ich mir zu Weihnachten: Ein Ende des Schweigens.

 

Moritz Eggert

 

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19 Antworten

  1. k. sagt:

    Danke.

    Ich habe in der Sache nur die dpa Pressemeldung gelesen, die auch von anderen Zeitungen übernommen wurde. Es mag also sein, dass die psychologische Gutachterin verkürzt zitiert wurde. Aber auch diese Bewertung ist es, was Opfern bisher das Leben schwer gemacht hatte und die Taten letztendlich legitimiert hatte.

    In 2020 muss es klar sein:

    Wenn eine junge Frau den Sex nicht will, und den Sex also als nicht einvernehmlich sieht, ist es ihre „subjektive Wahrheit“, bis dahin d’accord. Das ist keine „verzerrte“ Wahrnehmung, und ihre „subjektive Wahrheit“ ist mindestens genau so legitim wie die subjektive Wahrheit des Professsors, dass der Sex einvernehmlich gewesen ist (weil ER es wollte, und weil ER dachte, dass sie damit einverstanden ist).

    Und wenn eine junge Frau sich von der Schreckschusspistole persönlich bedroht gefühlt hatte, ist diese Angst auch legitim. Egal was ER dabei dachte.

    Wenn schon das Gericht attestiert, dass die Frau in diesen drei Fällen den Sex nicht wollte, dann ist es aus ihrer Sicht völlig legitim, sich vergewaltigt zu fühlen, egal was ER dachte. Und man muss ihre Anzeige nicht damit entschuldigen, dass das ja keine bewußte Falschbeschuldigung gewesen sei, weil sie aus ihrer Sicht nicht gelogen hätte.

    Moralisch und ethisch zählt der subjektive Wille der jungen Frau auch! Und nicht nur die subjektive Wahrnehmung und die subjektive Wahrheit des Sexwilligen. Das sollte endlich mal klar werden.

    Unabhängig davon, ob auch einvernehmlicher Sex in dem Kontext und in der Situation nicht auch missbräuchlich wäre, ethisch gesehen.

  2. k. sagt:

    Ich würde mir allerdings schon auch wünschen, dass wenn Betroffene reden, sie auch gehört werden, und dass drauf reagiert wird.

    Das allgemeine Klima empfinde ich es schon so, dass die Verantwortlichen es den Betroffenen schwer machen, um dann darauf auszuruhen, dass die Betroffenen bloß nicht zu laut reden. Anstatt, dass man ihnen Solidarität und Unterstützung zusichert, und konkrete Hilfe anbietet. (Aber auch hier: Ausnahmen bestätigen die Regel. Aber um herauszufinden, wer zum Thema wie steht, und wer vertrauenswürdig ist, muss man sich eben offenbaren, was alleine schon ein Vertrauensvorschuss ist.) Und anstatt, dass man sich mit konkreten Namen beschäftigt, was ja heikel wäre, bemüht sich um Dinge wie Glastüren in Überäumen, die eigentlich kein Musiker haben will, und die im Ernstfall auch nicht helfen würden.

    Es geht nicht nur um das Schweigen der direkt Betroffenen. Es geht um den Umgang des Umfeldes und der Nicht-Beteiligten mit den Betroffenen, die sich als solche geredet haben.

  3. k. sagt:

    Bei dem Thema geht zunächst um den Konsens, dass „es nicht okay ist“, ich denke, hier hat sich in den letzten Jahren gesellschaftlich doch einiges getan.

    Die nächste Frage ist dann, was zu tun ist, wenn es nicht okay ist. Ich erlebe zu oft, dass man dann sagt, dass es zwar moralisch nicht okay ist, aber nicht strafbar, und man es daher tolerieren muss (man wolle doch keine Moralpolizei sein).

    Die Sexualstrafrechtsreform wurde den Betroffenen auch nicht geschenkt, auch wenn der Anlass, der den letzten Schub dazu gab, nicht erfreulich war.

    Ja, was wäre möglich, wenn alle Betroffenen jetzt zeitgleich Anzeigen erstatten würden. Das wäre ein Traum, da würde sich was ändern.

    Leider ist es auch so, dass das Ganze nicht nur ein Männerproblem ist, sondern auch ein Frauenproblem. Denn es gibt auch Frauen, die von dem System profitieren – sei es, weil sie sich selber hochgeschlafen haben, sei es, weil sie geschwiegen haben und dafür belohnt wurden.

    Und jetzt sagen die Mitläufer auch nichts, weil sie Angst haben, dass sie nachträglich dafür belangt werden, wenn es rauskommen sollte, dass sie nichts unternommen haben, obwohl sie tätig werden hätten müssen, dass sie selber profitiert haben, dass sie weggeschaut haben.

    Dabei wäre eine Aufarbeitung wichtig, wie beim Kindesmissbrauch in der Kirche und in Internaten. Wenigstens das.

    Und eine offizielle Ansage: das war und ist nicht okay.

    Und das ohne den Zusatz: aber das ist doch so lange her.

  4. k. sagt:

    Bitte diesen Beitrag nicht als Kritik an den (sehr wichtigen) Artikel verstehen. Der Appell an Betroffene, zu reden, ist richtig. Hier ist der Appell auch deshalb richtig, weil Moritz Eggert sich auch aktiv engagiert (dafür ein dickes Dankeschön).

    Für Betroffene ist es auch wichtig zu wissen, dass die Opferrechte in den letzten Jahren verbessert wurden. Man muss keine Angst mehr haben, dass wenn man anzeigt, man sofort mit Namen in der Zeitung steht. Auch ist es viel leichter geworden, Anwaltskosten übernommen zu bekommen.

    Nicht desto trotz ist das Reden immer noch mit viel Risiken und Unwägbarkeiten verbunden. Letztendlich hat man in den jungen Jahren keinen Sozialstatus, man hat auch noch Träume.

    Dieser Beitrag richtet sich an diejenigen, die zwar gegen sexuelle Gewalt sind, aber den Appell auch deshalb richtig finden, weil man dann die Verantwortung schon wieder einfach in die Richtung Opfer schieben kann. Sie sollen halt reden.

    Ja, reden ist richtig. Aber dass der Rat der Beratungsstellen an die Betroffenen, dass sie auch das Recht haben, auch an sich und an das eigene Leben zu denken, kommt auch nicht von ungefähr.

    Wenn ein Opfer das erste Mal redet, weiß es nicht, welche Reaktion es bekommt. Es weiß nicht mal, ob es als Opfer anerkannt werden würde. Man outet sich, wo die Lage nach außen nicht klar ist. Man weiß also auch nicht, welche Reaktion kommt und ob man Unterstützung bekommt.

    Wenn man also möchte, dass ein Opfer redet, reicht es nicht, ihm zu sagen, dass es reden solle, dass es anzeigen solle. Es sind die Betroffenen, die die durch den Prozess müssen, die evtl. davon gesundheitliche Schäden tragen, die die Anwaltskosten selber tragen müssen, die Traumatherapie selbst bezahlen müssen, die den Verdienstausfall oder das Karriereknick tragen müssen. Im Vergleich zur Opferhilfe (insbesondere wenn der Täter nicht verurteilt wird) ist die Corona-Hilfe geradezu paradisisch.

    D.h. wenn man will, dass die Betroffenen reden, muss man etwas mehr tun, z.B. anbieten, zusammen mit ihm zum Rektor zu gehen. Und wenigstens dafür sorgen, dass sie nicht allein gelassen werden.

  5. k. sagt:

    Bitte diesen Beitrag nicht als Kritik an den (sehr wichtigen) Artikel verstehen. Der Appell an Betroffene, zu reden, ist richtig. Hier ist der Appell auch deshalb richtig, weil Moritz Eggert sich auch aktiv engagiert (dafür ein dickes Dankeschön).

    Für Betroffene ist es auch wichtig zu wissen, dass die Opferrechte in den letzten Jahren verbessert wurden. Man muss keine Angst mehr haben, dass wenn man anzeigt, man sofort mit Namen in der Zeitung steht. Auch ist es viel leichter geworden, Anwaltskosten übernommen zu bekommen.

    Nicht desto trotz ist das Reden immer noch mit viel Risiken und Unwägbarkeiten verbunden. Letztendlich hat man in den jungen Jahren keinen Sozialstatus, man hat auch noch Träume.

    Dieser Beitrag richtet sich an diejenigen, die zwar gegen sexuelle Gewalt sind, aber den Appell auch deshalb richtig finden, weil man dann die Verantwortung schon wieder einfach in die Richtung Opfer schieben kann. Sie sollen halt reden.

    Ja, reden ist richtig. Aber dass der Rat der Beratungsstellen an die Betroffenen, dass sie auch das Recht haben, auch an sich und an das eigene Leben zu denken, kommt auch nicht von ungefähr.

    Wenn ein Opfer das erste Mal redet, weiß es nicht, welche Reaktion es bekommt. Es weiß nicht mal, ob es als Opfer anerkannt werden würde. Man outet sich, wo die Lage nach außen nicht klar ist. Man weiß also auch nicht, welche Reaktion kommt und ob man Unterstützung bekommt.

    Wenn man also möchte, dass ein Opfer redet, reicht es nicht, ihm zu sagen, dass es reden solle, dass es anzeigen solle. Es sind die Betroffenen, die die durch den Prozess müssen, die evtl. davon gesundheitliche Schäden tragen, die die Anwaltskosten selber tragen müssen, die Traumatherapie selbst bezahlen müssen, die den Verdienstausfall oder das Karriereknick tragen müssen. Im Vergleich zur Opferhilfe (insbesondere wenn der Täter nicht verurteilt wird) ist die Corona-Hilfe geradezu paradisisch.

    D.h. wenn man will, dass die Betroffenen reden, muss man etwas mehr tun, z.B. anbieten, zusammen mit ihm zum Rektor zu gehen. Und wenigstens dafür sorgen, dass sie mit den Konsequenzen des Redens nicht allein gelassen werden.

  6. k. sagt:

    Vielleicht ist mein Punkt nicht deutlich genug geworden. Daher nochmal zusammen gefasst:

    Ich plädiere nicht dafür, dass Opfer schweigen, im Gegenteil.
    Ich plädiere aber dafür, dass Opfer nicht alleine reden und kämpfen müssen.

    Wer möchte, dass Opfer über ihre Erfahrungen reden, der muss auch bereit sein, sich selbst aktiv einzubringen und diese zu unterstützen, und das auch dann, wenn dies für sich selbst Nachteile bringt z.B. weil die Beschuldigung gegen den eigenen Freund, den eigenen Partner, gegen den eignen Chef geht. Nur zu fordern, dass die Opfer reden sollen, aber sich selbst raushalten zu wollen, ist auch keine Lösung, auch wenn das sicherlich viel besser ist, als die Opfer zu diffamieren und aktiv ausgrenzen.
    Wir reden hier nicht bloß um Belästigungen, sondern vom Sex gegen Willen, was umgangssprachlich eben schon immer Vergewaltigung hieß. Also Taten, die auch im engeren medizinischen Sinne Traumatisierung als Tatfolge verursachen können. Solche Erinnerungen werden anders gespeichert als normale Erinnerungen, es geht nicht nur darum, dass das Reden darüber unangenehm ist. Man darf die psychische Integrität des Opfers nicht erneut verletzen.

    (Umgekehrt ist es auch wichtig, auch über vermeintlich kleine Bagatelldelikte zu reden, denn auch das ist nicht in Ordnung, das Reden geht da leichter, und es trägt auch zum Gesamtbild bei.)

    Strukturell – wenn das Opfer quasi eine Leistung zugunsten der Gesellschaft und zum Schutz der anderen erbringt, indem es aussagt, sich in Frage stellen lässt, usw. darf es nicht alleine auf den Kosten sitzen bleiben.

    Wenn die Opfer aufgrund einer Anzeige oder wegen des Redens zusätzliche Nachteile erleiden (Gesundheitsschäden, Karriereknick, Verdienstausfall, Prozesskosten), müsste man versuchen, diese zu kompensieren. Noch besser wäre es natürlich, wenn das Outen nicht zu Karriereschäden führen würde.

    Die Opfer auf Beratungsstellen, Frauenbeauftragten o.ä. hinzuweisen alleine ist definitiv zu wenig. Diese Stellen müssen funktionieren. Solche Hinweise dürfen nicht zu einem „Platzwerweis“ nach dem Motto „aus den Augen, aus dem Sinn“ werden.
    Wenn Opfer reden, müssen sie gehört werden. Ihnen nicht zuzuhören, sie zu ignorieren und dann später geltend machen, dass sie nicht geredet hätten, ist zu einfach.

    Ich hoffe, das ist nun klarer!

  7. Markus Berzborn sagt:

    Nur ein Randthema in diesem durchaus interessanten Artikel – aber mich stört nicht dass Bose wegen Drogenbesitz keine Probleme bekam, sondern dass andere Probleme bekamen wie die genannte Frau mit der Marihuanapflanze. Man sollte wirklich mal über eine Freigabe nachdenken, denn diese Verbote nützen ja letztlich nur kriminellen Organisationen.

    Damit will ich nicht sagen, dass ich für Drogen bin oder selber welche nehmen würde. Ich finde aber auch Sex nicht so interessant, als dass ich mich so verhalten würde wie die genannten Professoren und Dozenten. Wäre mir viel zu anstrengend.

  8. k. sagt:

    Zu „Irgendwo muss ein Anfang gemacht werden. Irgendwann muss das verdammte Schweigen ein Ende haben. Wie wurden Epstein und Weinstein zu Fall gebracht? Weil irgendwann irgendjemand verdammt noch Mal nicht mehr geschwiegen hat.“

    Ich sehe es so, dass in den Fällen von Epstein und Weinstein die Investigativjournalisten eine ganz entscheidene Rolle gespielt haben, sie haben es nicht locker gelassen und haben recherchiert, Opfer ausfindig gemacht, diese befragt. Sie haben handwerklich gut gearbeitet und als Journalisten haben sie auch berufliche Privilegien (vor allem, dass Opfer namentlich mit den Journalisten sprechen können und auch konkrete Namen nennen können, aber ohne, dass sie in der Öffentlichkeit mit Klarnamen auftreten müssen. So war das möglich, dass die Erfahrungen von vielen Opfern wie Puzzlesteinen zusammen einen Sinn ergaben, ohne, dass jedes Opfer einzeln für ihre Sache kämpfen musste).

    Genau sowas brauchen die Opfer. Eine Instanz mit Schweigepflicht, wo die Fäden zusammenlaufen können, zu einem großen Ganzen. Sei es ein gewissenhafter und kompetenter (!!!) Journalist oder Anwalt.

    In Deutschland gibt es das nur punktuell, das reicht nicht.

    Der Spiegel hat in der Sache bemerkenswerte Arbeit gemacht. Wenn weitere gute Journalisten das Thema jetzt aufgreifen und weiterführen würde, würde viel mehr ans Tageslicht kommen.

    „Da gibt es den Klavierdozenten, der an einem Konservatorium wegen Übergriffe auf Minderjährige gehen musste, dann aber eine wesentlich bessere Stelle an einer Hochschule bekam.“

    Weil die Logik da ist, dass Frauen sich wehren können, anders als Minderjährige (solche Versetzungen gibt es auch in der Kirche oder im Schuldienst). Auch die ungekehrte Konstellation gibt es, wo ein Klavierdozent an einer Hochschule wegen Übergriffe auf Studentinnen gehen muss und dann Minderjährige unterrichtet. Wie hoch die juristische Anforderung für eine Verurteilung eines ungewollten Sex als Vergewaltigung ist, hat man sowohl in Bose als auch im Mauser Prozess gesehen. Und solange es keine Verurteilung gibt, gilt er in der Sache als unschuldig. Die Logik hier: auch einer, der mit Frauen flirtet, weiß, dass er mit Minderjährigen nichts anfangen darf. Konservatorien und Hochschulen gehören aber zu unterschiedlichen Ministerien, und Kinderschutz und Antidiskriminierung/Gleichstellung sind auch zwei unterschiedliche Ämter, da gibt es auch keine Absprache.

    Es gibt noch viel zu tun.

    Dieser Artikel wurde inzwischen über 200 Mal geteilt, ich vermute, dass diese Sharer sexuelle Gewalt nicht okay finden. Ein Appell an diese 200 Leser: Applaudieren Sie nicht nur die Forderung an Opfer, zu sprechen. Fragen Sie sich selbst, was Sie machen können, um einem Opfer das Reden zu erleichtern und ihm Gehör zu verschaffen.

  9. Cordula sagt:

    Man muss sich nur mal vorstellen, dass eine Frau sich all das geleistet hätte. Was dann los wäre.

    Vielen Dank für Ihre wichtige Arbeit, Herr Eggert.

  10. Sonia G.Y. sagt:

    In der buddhistischen Lehre (ich selbst bin keine Buddhistin), werden Hass, Gier und Dummheit als die größte Sünde betrachtet. Die drei Sünden hängen irgendwie zusammen. Mit Hass und Gier beraubt man sich selbst der Vernunft und Anstand, welches einen am Ende dazu verleitet, Dummheiten zu begehen. Ich glaube, dass die meisten Einsitzenden wegen dieser drei Charakter-Defizite die Ursache dafür sind, dass sie in Gefängnissen gelandet sind.

    Professoren, die in höchstem Bildungsniveau lehren, und diese Berufung Prestige lastig erscheinen lässt, genießen Ansehen und Respekt. Man erwartet von ihnen, Vorbild für junge Menschen zu sein. Geblendet von Gier nach Sex, bzw. Machtgefühlen über Schutzbefohlene, haben die Skandal-Professoren eine Tat begangen und dadurch Mitmenschen schwer verletzt und zu guter Letzt, ihre tolle Biografie irreparabel diskreditiert. Meiner Ansicht nach spielt es keine große Rolle mehr, ob der einer oder andere im Gefängnis landet. Sie stehen bereits gesellschaftlich im Abseits.

    Die Fälle Mauser und Bose sind über den deutschsprachigen Raum hinaus, bekannt. Zurzeit helfe ich einem Klavier-Studenten aus einem ostasiatischen Land für seine Zulassung an der Musikhochschule hierzulande. Neulich haben wir eine Liste der möglichen Studienplätze besprochen. Da fiel mir auf, dass die Münchner Musikhochschule fehlte. Auf meine Frage, was der Grund dafür ist, antwortete er, dass die Münchner Musikhochschule geschuldet dieser Fälle einen schlechten Eindruck hinterließ, die in den dortigen Medien ausführlich negativ aufbereitet wurden.

    Vielen herzlichen Dank nochmal für Ihr unermüdliches Engagement gegen sexuelle Gewalt, Herr Eggert, machen Sie bitte weiter so!

    • k. sagt:

      Der Studienbewerber sollte allerdings auch wissen, dass nur weil es schlechte Nachrichten über München gibt, es nicht heißt, dass es sowas nur in München gibt.

      München darf sich natürlich nicht mit dem Argument aus der Verantwortung herausreden, dass es sowas auch woanders gibt, oder sich gar als „Opfer“ fühlen, weil München „erwischt“ worden war.

      Außenstehende glauben gerne, dass wo es keine Berichterstattung gibt, auch nichts ist. Es kann aber genau so sein, dass an den Orten, wo es noch keine Berichterstattung gibt, die Vorwürfe noch effektiver vertuscht worden sind oder immer noch werden oder ein Fall Vorwurf still und intern ohne Presse geregelt wurde.

      Es ist auch ein Druckmittel, dem Opfer zum Schweigen zu bewegen, dass es sich doch auch an den Ruf der Hochschule, an den Ruf der Klassik, denken solle. Ein Opfer möchte selbst vielleicht auch nicht unbedingt der Nestbeschmutzer sein, denn jeder klassischer Musiker weiß, dass die klassischen Musikinstitutionen, sei es Hochschule, Orchester, Opfer, Festival von Subvention und Fördergeldern abhängig sind, und wie schnell die Forderung nach Sanktion und Boykott kommen kann, wenn ein Fall bekannt werden würde.

      Man weiß es beim Kindesmissbrauch heute auch: Einzeltaten können passieren überall. Die Verantwortung der Leitung liegt darin, im Ernstfall mit den Fällen offen und adäquat umzugehen. Missbrauch wird dann zu einem instituitionellen Problem, wenn Fälle vertuscht, Taten verharmlost, und Täter gedeckt werden. Denn dann sind das keine Einzeltäter, keine Einzeltaten mehr. Sondern es ist dann institutioneller Missbrauch.

  11. Peter Toth sagt:

    Danke für diesen mutigen und engagierten Bericht. Es macht mir Hoffnung zu sehen, dass auch andernorts Menschen gegen Unrecht aufstehen.
    Im hier geschilderten Fall scheint mir die Verschleppung des Gerichtsverfahrens über 6 Jahre und eine spitzfindige Urteilsbegründung zu Gunsten des Angeklagten die noch grössere Verletzung zu bedeuten für die Anklägerin, als die ursprünglich zur Debatte stehende Tat. Trotzdem bin ich überzeugt, dass kein Weg daran vorbeiführt, aufzustehen und seine Stimme zu erheben.

  12. Danke für den toll geschriebenen Artikel! So dringend nötig!
    Ich weiß von einer befreundeten Studentin, die von ihrem Professor auf unangenehmste Weise sexuell angegangen wurde. Als sie sich an die Frauenbeauftragte wendete, wurde ihr allen Ernstes empfohlen, darüber zu schweigen, um sich keine Verleumdungsklage einzuhandeln! Das ist Jahre her, die Freundin hat den Musikerberuf inzwischen an den Nagel gehängt…

    • k. sagt:

      Jetzt ist man da zu Glück etwas weiter:
      Die meisten Hochschulen haben mittlerweile endlich Verordnungen gegen sexuelle Belästigung, auch wenn sie meisten nur für aktuelle Fälle gelten, so dass die Hochschule auch disziplinarrechtlich oder arbeitrechtlich gegen Täter vorgehen kann. Eine Erweiterung des Antidiskriminierungsgesetzes, so dass auch Studierende damit geschützt sind, ist auch auf Bundesebene in Arbeit.
      Verleumdungsanzeigen und Unterlassungsklagen sind nämlich in der Tat eine Hürde, auch wenn man Opfern heute nicht mehr so schnell und reflexhaft Lügen unterstellen wird wie früher üblich. (Auch wegen dieses Risikos ist es hilfreich, wenn möglichst viele Betroffenen eines Täters aussagen würden).
      Schade ist eigentlich, dass solche Gespräche selten protokolliert wurden. Sonst würde man heute wenigstens im Nachhinein wissen, gegen wen es im Laufe der Jahre gehäuft Beschwerden gegeben hatte.

  13. k. sagt:

    Eines darf man bei dieser Debatte nicht vergessen.

    „Opfer müssen reden“, „Opfer müssen aufstehen“, „Opfer müssen anzeigen“, „Opfer müssen solidarisch sein“ werden auch gerne benutzt, um die wegschauende Gesellschaft zu entschuldigen.

    Man verschiebt die Verantwortung und die Schuld auf die Opfer, nach dem Motto: „Wenn die geredet hätten, dann hätten wir natürlich was gemacht, und natürlich hätten wir den Opfern geholfen und Tätern verurteilt.“ Und wenn wir den Opfern nicht geholfen haben, wenn wir die Täter nicht verurteilt haben, dann liegt es nur daran, dass wir davon nichts gewußt haben, dass die Opfer nicht geredet hätten.

    Wirklich?

    Klar gibt es Opfer, die geschwiegen haben. Auch unterschiedlichsten Gründen.

    Es gibt aber auch genügend Opfer, die geredet haben. Es gibt Opfer, die angezeigt haben. Nur wurde denen auch nicht geholfen, die Täter auch nicht verurteilt. Das Reden hat sie bisweilen auch in noch mehr Schwierigkeiten gebracht. Damit auseinanderzusetzen, tut es der Gesellschaft weh, deshalb redet man nicht über sie.

    Ich habe den Eindruck, dass redenden Opfern nur dann zugehört wird, wenn das, was sie zu sagen haben, in irgendeine Agenda, in Zeitgeist passt, also für eigene Ziele irgendwie verwenden lässt. Sei es, um Frauenquote durchzusetzen, sei es, um gegen Asylbewerber zu hetzen, sei es, weil man den Täter auch selber weg haben will.

    Ansonsten kann das Opfer reden, wie es will, es wird einfach überhört oder auf Durchzug gestellt. Damit man später unschuldig sagen kann, „warum habt Ihr so lange geschwiegen“? Und weil nicht-schweigende Opfer nicht ins Bild passen. Und Opfer mit eigenen Gedanken erst recht nicht. Man redet lieber über sie. Opfer haben klein zu bleiben, damals gegenüber den Tätern und dann gegenüber der Gesellschaft oder Helfern oder wem auch immer.

    Es ist viel bequemer, zu glauben, dass wenn ein Opfer nur anzeigen würde, der Täter urteilt werden würde (und im Umkehrschluss – wenn der Täter dann nicht verurteilt wird, war nichts), und dass das Problem das nicht-anzeigende Opfer ist.

    Wir haben geredet.

    Schiebt nicht alles auf Opfer.

    • k. sagt:

      Und.

      In einem Strafverfahren oder Disziplinarverfahren ist das Opfer letztendlich nur ein Beweismittel. In einem Rechtsstaat ist es so.

      Wenn Ihr aber als Musiker den Opfern sagt „redet“, überlegt ehrlich, ob Ihr das nur sagt, weil Ihr am Beweismittel für ein Verfahren interessiert seid, oder ob Ihr das sagt, weil Ihr Euch für das Wohl der Person als Mensch interessiert seid.

      Opfer nur als Beweismittel zu wollen, ist genauso entwürdigend und demütigend wie sie nur als Sexobjekt haben zu wollen.

  1. 14. Dezember 2020

    […] München: Für ein Ende des Schweigens Kommentar von Moritz Eggert zu den gerichtlich untersuchten Vorgängen an der Münchener Musikhochschule. Jeden Abend ist es Ritual, dass ich meiner kleinen Tochter klassische Batman und Superman-Comics vorlese. In diesen Comics werden Superschurken und seltsame Wesen aus dem All bekämpft, das Gute gewinnt immer, und am Ende ist die Ordnung in Gotham City und Metropolis wiederhergestellt und die Menschen können wieder ruhig schlafen. https://blogs.nmz.de/badblog/2020/12/12/fuer-ein-ende-des-schweigens/?pk […]

  2. 15. Dezember 2020

    […] die ak­tu­el­len, sehr aus­führ­li­chen und be­den­kens­wer­ten An­mer­kun­gen von Mo­ritz Eg­gert in sei­nem […]

  3. 24. Dezember 2020

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