Donaueschinger Musiktage 2021 – Schock und Hoffnung, Gastspiel und Lokales

Vor vier Stunden wäre ich heute in Donaueschingen angekommen. Im Hotel Waldblick hätte ich mein Quartier bezogen, mir eine Schlachtplatte gegönnt und die eröffnende Gesprächsrunde angesehen oder Bekannte getroffen. Doch es kam anders: ich sitze an meinem Küchentisch und freue mich nun auf die SWR-Sendung morgen mit dem Programm des Eröffnungskonzerts. Denn das traditionsreichste Festival für Neue Musik musste abgesagt werden.

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Die Gründe hierzu waren vielfältig: in der Pressemeldung von Montag Abend bezog man sich auf das Beherbergungsverbot und die allgemein steigenden Neuinfektionszahlen in Deutschland. In vielen Städten wie Köln, Stuttgart, Berlin, Frankfurt, Mainz, München, etc. durchbrachen diese den Warnwert von 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner*innen in sieben Tagen an den betroffenen Orten. Bisher hätten Personen aus diesen und weiteren Orten nicht in Baden-Württemberg ein Hotel beziehen dürfen, es sei denn, man hätte einen negativen PCR-Test aus seiner Heimatgemeinde, der maximal 48 Stunden alt sein darf.

Exakt heute bekam jemand aus einem Risikogebiet in NRW im Eilverfahren vor dem VGH in Baden-Württemberg das Recht zugesprochen, ohne Vorlage dieses Negativtests sein Hotel in Ravensburg zu beziehen. So kann es unerwartet laufen! Wobei die Absage-Entscheidung am Montag vollkommen richtig gewesen ist. Es geht ja nicht nur um das Wohlergehen des überwiegend aus den derzeit als Risikogebieten Großstädten anreisende Publikum, das durch die Konzerte mit garantiert hervorragenden Hygienekonzepte geleitet worden wäre.

Nicht allein das Beherbergungsverbot
Es wird dabei auch um die Sorgen der Verwaltung und Bevölkerung vor Ort gehen. Denn selbst für 2021 sagte Donaueschingen das mehrere tausend Gäste anziehende Quellenfest im Sommer ab. Im Herbst waren nun Viele als Besucherinnen und Besucher mit dem Hotelverbot und seinen schwierigen Ausnahmen konfrontiert. Ich hatte mir dienstags einen Test-Termin sichern können, als am Montag morgens klar war, dass München zum zweiten Mal innerhalb von zwei Wochen Risikogebiet sein wird.

Doch ich war mit mir sehr unzufrieden. Ich finde, dass Testgelegenheiten nicht aufgebraucht werden sollten, um inländisch zu einem Festival zu fahren, das ich genauso gut im Radio verfolgen könnte. Meine Hauptmotivation war die Teilnahme an der Verleihung der FEM-Ehrennadel an die hochverdiente ehemalige Neue Musik SWR-Redakteurin Lotte Thaler. Nun werde ich mir eine Oktober-Schlachtplatte in meinem Wohnviertel gönnen. Und freue mich auf Donaueschingen 2021.

Blick in die nächste Zukunft – die Wichtigkeit lokaler Ansätze
Also gibt es keinen Grund, den Kopf hängen zu lassen. Denn auch wenn ein Gastspiel-Festival mit vielleicht 150 externen Mitwirkenden und vielen, vielen externen Besucherinnen und Besuchern derzeit an einem Ort stattfindet, der nicht eine dauerhaft saisonale Basis für Orchester, Theater und Musiktheater ist, so sollten Konzerte und sonstige Aufführungen mit überwiegend lokalen Kräften und Gästen und wenig externen Eingeladenen einigermassen planbar sein und unbedingt stattfinden. Denn es ist derzeit das Wichtigste, das Musik- und Kulturleben vor Ort zu erhalten und durchzuführen, natürlich nur mit verantwortungsvollen Hygienekonzepten.

Das konnte man in München die letzten Wochen mit Konzerten des Münchner Kammerorchesters, mit der musica viva und vor allem im Schwere Reiter mit dem Ensembles der/gelbe/klang mit Armando Merino, mit dem NKM – Neues Kollektiv München, mit Salome Kammer, mit Uros Rojko und Luka Juhart, mit der Pianistin Brigitte Helbig und vielen mehr erleben. Doch es bleibt in der Planung immer ein gewisses Risiko: ein Konzert der musica viva musste aufgrund einer Covid 19 Erkrankung einer mitwirkenden Person ganz kurzfristig abgesagt werden.

Dennoch ist es wichtig, am lokalen Konzertleben dranzubleiben. Ob Maximalkonzepte derzeit noch angesagt sind, das muss jeder Ort für sich entscheiden. Besser wäre es, stufenweise und ganz sanft die Zahlen der Zuhörenden zu erhöhen und v.a. denen Raum zu geben und zu lassen, die sich nur mit großen Abständen in Veranstaltungen wagen.

Der mittelfristige Blick in die unmittelbare Zukunft
Fast wichtiger ist daher die Konzentration auf finanzielle Hilfen für kostenträchtige Konzerte und Aufführungen, die sich aufgrund geringer Platzkontingente nicht rentieren oder vielleicht wieder ausfallen müssen – dafür gibt es ja bereits gute Ansätze vom Bund. Hier in Bayern warten wir immer noch auf eine Fortsetzung und Reform der ausgelaufenen Künstlerhilfe bzw. auf ein mächtiges Stipendienprogramm.

Daher sollten wir alle an einem Strang ziehen. Nicht abdriften oder sich und seine Proteste Querdenken öffnen. Nicht unsere Dachverbände und deren Leitungen in Grund und Boden schimpfen, wenn man auf eine verkürzte dpa-Meldung hereinfällt (ich kann ein Reuters-Lied davon singen) und nicht einmal einem Verband angehört. Über eine Stärkung der kulturellen Berufe durch besondere Dachverbände, darüber sollten wir irgendwann einmal reden.

Und nun haben wir die Winterzeit vor uns, wo uns hoffentlich die besagten lokalen Musikszenen gut durch diese Zeit weiter begleiten können, wenn es verantwortbar bleibt – sogar der strenge SPD-Politiker K. Lauterbach redete sehr positiv über Theater-Hygienekonzepte. Für 2021 haben wir nun genügend Zeit, uns auch auf Gastspiel-Festivals im Herbst vorzubereiten und flexible Alternativen auszudenken, wie es jetzt schon aus der Not heraus sehr gut gelöst wird: morgen Freitag im SWR-Radio das Eröffnungskonzert, am Samstag Abend in der Kölner Philharmonie das Konzert der Musikfabrik. So traurig bereits die Reduzierung der diesjährigen Formate war, so schockierend war zuerst die Absage. So hoffnungsvoll ist aber auch das blitzschnelle Reagieren der Musiktage, einen Teil des ausfallenden Festivals doch sogar jetzt noch alternativ stattfinden zu lassen: Chapeau!

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