Musik-Stars und Corona: Von Verantwortung, Nichtstun bis Defätismus

Wie halten es eigentlich Rapper, Hiphopper, DJs, Rock- und Metalbands und klassische Musiker mit ihrer Verantwortung in der Corona-Virus-Krise ihre Fans und Follower zum vernünftigen sozialen Verhalten aufzurufen wie David Garret oder ein paar Promi-SJs? Oder sich als Vorbild einzuschränken? Denn was helfen Appelle der Mutti-Kanzlerin, Söders Drohungen, wenn sich nicht die wichtigsten Musiker unterschiedlichster Genres dem anschliessen wie ein paar Rapper – was sonst, mit wenigen peinlichen Ansätzen? Seufz. Denn es gilt: Besonders die Jüngeren müssen erreicht werden! Sie erkranken nicht unbedingt am schwersten, auch wenn es bereits schlimme Berichte über leidenden und sterbende junge Menschen gibt. Sie sind aber mitunter als symptomfreie Überträger die größte Gruppe. Und darin die größte, die sich nicht immer an die vernünftigen Appelle und Regeln hält, derzeit Sozialkontakte zu beschränken.

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Um es gleich ganz deutlich zu sagen: bevor man was Dummes sagt, sagt man nichts. Nur tragen vor großen Raverscharen, mitsingenden Stadien oder Klassiktempel füllende nicht nur schwer an ihrer Karriere, sondern eben auch Verantwortung, gerade wenn sie auch auf social media unterwegs sind oder vom Rummel um sich profitieren. Klar, mancher von denen teilt gerade auch seine Finanzen neu ein, was schwer beschäftigen mag. Nur was will man nach der Krise den sonst gewohnten Heerscharen an Fans sagen, wenn man jetzt nichts sagt, sich deutlich vorbildlich zeigt, meinetwegen nur mal ganz kurz? Ehrlich: ich wünsche denen eine Art damnatio memoriae, wenn sie zwar gerne big business machen, aber jetzt ihre Massen nicht ansprechen, wo die das so nötig hätten. Aber es gibt auch tolle Momente, wie understatementhaft oder fett sie sein mögen.

Ganz oben in den aktuellen Single-Charts steht derzeit die Rapperin Loredana. Eine Saulus-Paulus-Fremdschämschmonzette: Sie verharmloste die Gefahr der Corona-Erkrankungen, hustet unter „Corona!“-Rufen jemand an. Dann spürt sie Symptome, hält sich für an Corona erkrankt und postet nun #wirbleibenzuhause. Immerhin. Nur animierte sie als eine der aktuell meistgehörten Rapper überhaupt damit keinen ihrer Fans zu sozialverträglichen Verhalten. Was für eine peinliche Nummer.

Bushido versuchte sich bei „Durstexpress“ für Heimlieferung zu bedanken, was etwas dauerte und beschwerte sich über mangelnden Service, weil Auslieferer krankgemeldet lieber daheimbleiben als mit diesem prekären Knochenjob die Gesundheit zu riskieren. Kontra K fällt nicht viel ein, wünscht allen gute Gesundheit. In den Charts ganz oben im Gegensatz zu den Beiden ist Apache 207, der wenigstens deutlich zu „Daheim im Dschungel“ posiert – seine Fans scheinen das zumindest als positiv zu checken. Nicht viel, eben Rapper?

LEA, die vielleicht nur die Jüngsten kennen, derzeit unter den ersten fünf der Single-Charts ruft zum wirbleibenzuhause-festival auf und streamt mit Kolleginnen – absolut wohltuend!

Wichtige Multiplikatoren sind vor allem DJs und Bands, die elektronisch arbeiten. Also sogleich auf zu Scooters social media Seiten, immer wieder von unserem Hochkultur-Feuilleton gerne geherzt. Was findet man heute – 20.3.20, mittags: nichts, ausser einer Tourabsage. Und der durchaus falsch verständlichen Notiz: Moscow saves the rave vom 14.3.20, wo hier solcher Massenübertausendergau untersagt war. Ey, kein Verantwortungsbewusstsein? Weiter zu Nils Frahm auf Twitter geswitcht: auch nichts, schade – schöne Musik, aber sonst nichts der Welt zu sagen? Wäre er ein no name, wen interessierte es.

Aktuell verkaufsmächtiger ist ZEDD. Der herzt ein Hundi, um sich das Daheimbleiben zu versüßen und damit vielleicht auch seinen Fans. Tags zuvor noch mit Rieseneis, mh, wie war das mit den uneinsichtigen Schlangen vor Eisdielen?

In der gleichen Oberliga ist auch KYGO. Doch der ist ganz klar: stayathome. Robin Schulz will eigentlich nicht viel zur Krise sagen, sagt aber dennoch ganz viel aus und appelliert an seine Fans, klug zu sein. Nachdem Paul van Dyk letzte Woche noch volle Clubs in Berlin feierte, wo es schon stirnrunzeln verursachen konnte, managet er jetzt Streamings aus leeren Clubs in die vollen Wohnstuben.

Was macht eigentlich der House-of-Music Boss Till Brönner? Heute nichts zur Lage des Verantwortung, nicht mal „Pieps“. Na ja, für den Wandel der Welt eben nicht weiter wichtig.

Was tut Rammstein, einer der Multiplikatoren? Nichts – außer vielleicht die Verluste ihrer US-Tour verschmerzen. Sollte man nach der Corona-Krise nichts weiter von ihnen hören, who cares.

Unsere alternativen und Independent Freuden bashen ja gerne gegen Helene Fischer und all die Schlagermusiker. Die verbindet ihre Absage des letzten Konzerts mit netten Worten für Kraft und Gesundheit an ihre Follower und Fans – immerhin, nun denn. Dem allseits beliebten Tim Bendzko fällt auch nicht mehr ein, genauso „immerhin“ schöne Wünsche in diesen „turbulenten“ Zeiten.

Die Antilopengang nutzt die Quarantäne für eines ihrer Mitglieder, Danger Dan, die Daheimbleibenden zu grüßen. Nicer Song. Ok. Anti-Hamstern-Action geht durch.

Vernunft und Appelle erwartet man in diesen Zeiten auch von Gruppen, die politisch sofort Haltung zeigen, wenn die Republik von Rechts angegriffen wird. Nur zur jetzigen Lage, zum good common sense, was sagen sie da? Kraftklub und Feine Sahne Filet sind mit Stand 20.3.20 noch im Winterschlaf. Na, dann verpennt mal das Ende der Corona-Krise.

Die 2020er Musikautorenpreis-Nominierten Metaler von Heaven Shall Burn sagten wortreich ihren letzten Gig ab, ermahnen dabei aber sehr fein, nicht zu sehr zu gründeln, sondern alles Angesagte für die Gesundheit der Anderen zu tun. Long Distance Calling kommen über das Anti-Hamstern nicht hinaus, nun denn. Kreator – der schöpft noch whatever.

Mein absoluter Liebling im derzeitigen Lebensstillstand ist, öhämm, David Garrett. Der musiziert und kocht daheim, bereitet das groß auf, was manchen nerven mag. Aber er sagt damit ganz klar: bleibt daheim, richtet es dort ein, reduziert die Sozialkontakte. Sogleich verlinkt ihn das Gesundheitsministerium.

David Garrett bleibt daheim und wird vom Bundesgesunheitsminister geteilt

Wer an den denkt, aus München ist, schaut auch mal bei Valentina Babor vorbei: nichts.

Anna Netrebko ist wie immer busy. Aber im Gegensatz zu Scooter feiert sie überhaupt nicht Moskauer Trotz-Massen. Sie gehört ganz klar zur Zukunft: „During this very difficult and unclear time in the world, my thoughts and support go out to everyone who suffers from the effects of this virus, the people who are infected, and many of those who have lost jobs and are forced to stay in quarantine. We don’t know what tomorrow brings, but let’s be strong and use this time to make the right choices.“

Und wie war das mit Mutti-Klassik, mit Anne-Sophie Mutter? Sie ist ganz klar und empathisch:
„I am staying home with my family and a few of my scholars of my foundation. Lots of cooking together going on (I am actually more responsible for the eating part …) getting my trillions of scores in order, playing games, reading and so far also going to the park with Bonnie.“ So oder so sollte jeder von uns drauf sein! Und der Rest wird Schweigen und Vergessen sein.

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