Lasst uns Veranstaltungen absagen und an die Kulturverwaltung appellieren

Beim Berliner Club Trompete sieht man, wie schwierig die Situation für Kleinveranstalter ist. Also auch für uns Neue Musik Szene, wenn wir Konzerte selbst veranstalten. Gerade wenn man enge Abstände zwischen den Zuhörer_innen hat oder auch bei den Musiker_innen es eng hergeht wie in Orchestern, größeren Ensembles. Selbst wenn nur unter 100 Leute zuhören, die den Saal füllen, sich begegnen, in einer Schlange stehen.

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Wenn schon die Münchener Philharmoniker und BR Ensembles vorsorglich nicht einmal mehr proben, wenn sich anscheinend auch bei 200 Personen Veranstaltungen demnächst das Kreisverwaltungsreferat positiv äußern muss und das sogar tut: Lasst uns ALLES bis 19. April absagen, bevor WIR für mehr als ein Dutzend Corona-Erkrankte oder zu quarantänisierende Verdachtsfälle sorgen.

Lasst uns unsere Konzerte in erster Linie verschieben und bei den Kulturbehörden massiv dafür werben, sie in die Pflicht nehmen, alles 2021 sogar nachholen zu dürfen. Dass dafür großzügige Ausnahmen angeordnet werden, wenn es um’s Haushaltsjahr geht.

Was hilft uns die Erlaubnis, da wir so wenig Leute als Besucher_innen unter der Zahl 200, 100 oder 50r haben, wenn sich bei uns Leute infizieren oder auch nur Verdachtsmomente aufkommen. Wollen wir gemäß den Robert-Koch-Institut Empfehlungen im Extremfall vor den Sälen Fieber messen, alle Kontakte abfragen, Risikogruppen abweisen bzw. Vorerkrankungen abfragen, ständig für Abstände sorgen, an diese im Saal erinnern, ja, Freunde aktiv trennen?

Eigentlich ist es spätestens nach dem Corona-Erkrankungsdesaster des Tonhalle-Orchesters Zürich (s. letzte Hälfte des AZ-Links – Danke an Robert Braunmüller und Volker Isfort für diese umfassende Zusammenstellung!), das für einen der so dünnbierartig propagierten Geisterkonzert-Streams übte, unglaublich, dass wir als Klein(st)veranstalter von zeitgenössischer Musik, Jazz, Freien Theater, etc. Risikobewertungen in medizinischer Hinsicht vornehmen oder veranlassen müssen, eben vor allem auch dann, wenn nur 50, 20 Leute zu erwarten sind. Ich will auch nicht in der moralischen Haut eines Clubbetreibers stecken, von kuscheliger Disco bis zum Darkroom, denke ich an die schwule Szene. Wenn Tische auseinander platziert werden können, o.k. Wenn wo geschwitzt wird und man zwangsläufig beim Einlass, beim Getränke holen an andere stößt, die auch nur leicht bekleidet, vom Tanzen, Trinken, Reden nass sind – liebe politische Entscheidungsträger, überlasst diese Risiken nicht uns, sondern kommt unserer Fürsorge nach.

Als freie Szene sollten wir als Vorbilder des Kulturlebens, der Subkultur absagen, verschieben, die Kulturverwaltungen an höheres als Haushaltsjahre erinnern, wenn es eben erst in 2021 nachholbar wäre! Denn der Wirtschaft werden Erleichterungen versprochen, die Abendzeitung berichtete gestern, dass das Kulturreferat eine Art Fonds für ausfallende Konzerte und Veranstaltungen auflegen will. Verschieben, wenn möglich sogar um ein Jahr, das sollte besser sein, bevor man komplett das Erarbeitete streicht und der Vorsicht opfert. Sogesehen muss ein solcher Fonds v.a. die existentielle Not der Freiberuflichen zusätzlich abfedern. Aber zuvor lasst uns als Vorbild der Vernunft, Vorsicht und des kulturellen Weiterlebens vorangehen!

Musik und Infektion

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1 Antwort

  1. k. sagt:

    Danke für den Bericht und für die Thematisierung der Kleinveranstaltungen.

    Das Problem hier ist, dass diese Veranstaltungen noch behördlich stattfinden dürfen. Eigentlich. Die Menschen hier aber praktisch auch genauso gefährdet sind wie bei Großveranstaltungen, vor allem weil sie sich nah kommen. Also müssen die Veranstalter die Konzerte freiwillig absagen, wenn sie sich verantwortungsvoll verhalten. Da diese aber nicht zu Absagen gezwungen wurden, stehen sie mit ihren Problemen alleine da.

    Oder aber kann man davon ausgehen, dass weniger Besucher kommen, auch wenn die Konzerte stattfinden. Dann wird das Problem offiziell als Unternehmerrisiko abgetan.

    Und was ist mit Veranstaltungsreihen wie Festivals, wo es mehrere kleinere Konzerte gibt? Ist das eine Großveranstaltung oder mehrere Kleinveranstaltungen?

    Es ist medizinisch sinnvoller und auch für Veranstalter und Künstler besser, wenn für einen begrenzten Zeitraum alles absagt wird, und dies in geeigneter Form kompensiert wird (und nach der Krise für Aufschwung gesorgt wird).

    Aber auch der inkonsequente Umgang führt zu Unmut.

    In der Hamburger Verfügung steht:
    1. Ab einer Teilnehmerzahl von 1.000 Personen ist die Durchführung von Veranstaltungen sowie Versammlungen (öffentliche und nichtöffentliche) verboten.
    2. Veranstaltungen im Großen Saal der Elbphilharmonie sind verboten.
    (…)

    Ja, Ziffer 2 gibt es extra, und die Erläuterung dazu:

    „Besucher der Elbphilharmonie besuchen dort neben dem Großen und Kleinen Saal sowie den Kaistudios insbesondere die Plaza-Ebene. Dort kommen alle Besucher auf engem Raum zusammen, insbesondere in den Fahrstühlen und auf der Rolltreppe. Darunter befinden sich viele
    Touristen aus der ganzen Welt, von denen viele nicht registriert sind oder rückverfolgt werden können. Vor einer Veranstaltung im Großen Saal kommen besonders viele Personen gleichzeitig hinzu. Eine Reduzierung gerade dieser Besucher erreicht den Zweck, eine Ansammlung vieler Personen an diesem Ort zu vermeiden, am ehesten. Aus diesen Erwägungen wird der Große Saal der Elbphilharmonie (2.100 Plätze) als Spielstätte geschlossen, da hier sowohl ein signifikant höherer Anteil von Nicht-Metropolregion Besuchern als auch eine Vielzahl unterschiedlicher Vertriebswege eine individuelle Risikobewertung der jeweiligen Veranstaltung erschweren.“

    Es geht also um Ansammlung von Menschen auf den Rolltreppen und in Fahrstühlen. Aber Touristen dürfen weiterhin auf die Aussichtsplattform Plaza (durch genau diese Rolltreppen und Fahrstühle…), da kommen aber auch bis zu 17.000 Besucher pro Tag, ganz ohne Konzert?

    Damit wird indirekt signalisiert, dass diese Nur-Touristen für die Stadt wichtiger sind als die Konzertbesucher. Das ist dann natürlich bitter.

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