Blog of BAD VIRUS (and good Musick): Ich brauche das Internet.

In diesen Zeiten fällt es schwer, über etwas anderes als COVID-19 und dessen Auswirkungen auf unser aller Leben zu sprechen. Daher wird der Bad Blog sich ab jetzt vornehmlich diesem Thema widmen, mit Gedanken zu den aktuellen Entwicklungen, Informationen, Notizen und Erfahrungsberichten. Aber es soll weiterhin auch um Musik gehen: Wir und die NMZ wollen ein Sprachrohr für die Initiativen sein, die sich der schwierigen Situation von Musikern und Kulturschaffenden in diesem Moment annehmen. Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Fake News nicht.
“Don’t Panic, but also don’t be an idiot in denial” (frei nach Douglas Adams).

Ich brauche das Internet

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Was haben wir immer auf das Internet geschimpft  – Zeitvernichtungsmaschine, Fake-News-Verbreiter, Spamschleuder. Wie haben wir unseren Posteingang gehasst, die endlosen Emails, die Wichtigtuer, die Verschwörungstheoretiker, die rechten Trolle in den sozialen Medien.
Das gibt es alles immer noch, aber etwas ist anders.

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich nehme an ihr schaut noch öfter als sonst auf euer Handy und die Nachrichten, lest über aktuelle Entwicklungen und spielt „Absage-Lotto“ (Wetten darauf abschließen, wie lange es dauert,  bis das soeben noch vollmundig auf Facebook beworbene Konzert abgesagt wird). Ok. das Letzte war ein schlechter Scherz. Wir alle sind betroffen, für viele geht es schon ans Eingemachte.

Aber dennoch: der Ton hat sich leicht verändert. Dominierten am Anfang noch die fehlinformierten Stimmen, die „alles Hysterie! Alles Panikmache!” schrieen, werden diese (gottseidank) langsam stiller. Und ich bin froh drum – ganz ehrlich, wenn ich noch ein einziges Mal „aber die normale Grippe ist doch viel gefährlicher“ lese, muss ich kotzen.

Es kehrt vielerorten so etwas wie Vernunft und Verständnis ein. Ich erlebe Diskussionen, in denen sich Menschen tatsächlich auch Mal von Argumenten überzeugen lassen, in denen sie sanfter miteinander umgehen, verständnisvoll, solidarisch.

Viele suchen im Moment Trost und Kontakt über die sozialen Medien. Der italienische Kollege, der plötzlich nicht mehr zu den Konzerten nach Deutschland kann (die dann ohnehin ausfallen). Die amerikanische Kollegin, die sich Sorgen um ihre Studenten macht. Die befreundete freischaffende Opernsängerin, für die die Absage aller Auftritte eine finanzielle Katastrophe bedeutet. Sie alle suchen menschliche Wärme und Verständnis in einer Zeit, in der die meisten vor allem Angst haben. Das Internet ist das einzige Medium, in dem sie ihre Ängste artikulieren können und auch aufgemuntert und unterstützt werden. Es ist gut, dass dies zunehmend geschieht. Es ist gut, dass es das Internet gibt. Wichtig sind auch die vielen “Whistleblower”, die aus der ganzen Welt berichten. Italienische Ärzte, die von den Zuständen in den Krankenhäusern berichten. Chinesische Kollegen, die die wahren Zustände in ihrem Land zeigen.
Manch einer mag sich davon abschotten, um der Panik zu entgehen, aber tatsächlich ist diese globale Kommunikation unsere beste Chance im Moment, auch wenn bei machen die Kommunikation die Panik noch verstärkt. Aber ganz ehrlich: wenn Kommunikation bei einem Menschen Panik erzeugt, hat ein Nachrichtenembargo den selben Effekt.

Die vielgescholtene Globalisierung hält auch jetzt als Sündenbock her. Der schlechteste amerikanische Präsident aller Zeiten gibt inzwischen Europa die Schuld am Virus. Rechte Idioten pochen auf Abschottung.

Es stimmt, das Virus kann sich global schneller verbreiten, aber wir können nun auch wesentlich mehr dagegen tun, indem wir alle zusammenarbeiten und das Schicksal unseres Planeten als unser aller Schicksal begreifen. Im Mittelalter zog die Pest von Dorf zu Dorf – dass sie sich langsam ausbreitete, war keineswegs Schutz, sondern gerade das Fatale, Überall traf es die Menschen vollkommen unvorbereitet, Wissen und nützliche Erkenntnisse über Prävention konnte nicht weitergegeben werden, weil es keinerlei Nachrichtenwege dafür gab, Ignoranz und Aberglaube feierten noch fröhlichere Urständ als in einem Chatforum von Flatearthern.

Um gerade die Hoffnung im „globalen Dorf“ zu verstehen, müssen wir nur einen Blick auf den eigenen Körper werfen. Kaum sind wir geboren, laden wir als Neugeborenes innerhalb von Minuten unzählige Bakterienstämme als “Gastarbeiter” in unseren Körper ein, die wir dringend benötigen, damit unser Verdauungssystem funktioniert. Unser erster Akt im Leben ist also eine bedingungslose “Grenzenöffnung” wenn man so will, und sie ist absolut überlebensnotwendig.

In unserem Körper hängt absolut alles mit allem zusammen, kein Organ ist isoliert, alles hängt am selben Blutkreislauf. Jeder von uns weiß, dass selbst ein einzelner fauler Zahn das gesamte Wohlbefinden extrem beeinträchtigen kann, auch eine winzige Entzündung wie die des Blinddarms bringt innerhalb kürzester Zeit den gesamten Körper in Alarmstufe Rot.
Aber gerade DASS alles zusammenhängt, schützt uns auch und macht uns widerständiger. Gäbe es die Vernetzung nicht, wäre der Ausfall eines Teils des Ganzen immer eine Katastrophe. Organe könnten nicht den Ausfall anderer Organe kompensieren. Schlaganfallpatienten lernten nie wieder laufen und zu sprechen, weil bisher ungenutzte Gehirnpartien nicht aktiviert werden könnten. Andere Sinne würden nie geschärft, weil ein Sinn ausfällt.

Die Vernetzung unseres Körpers und die Symbiose mit den zahllosen winzigen Lebewesen und Bakterien, die auf unserer Haut und in unserem Darm leben, sind natürlich keine 100% Garantie dafür, dass wir im Ernstfall überleben.
Aber sie sind unsere einzige Chance, überleben zu können.

Daher gibt mir der Zustand einer globalen Vernetzung gerade in einer solchen Epidemie die größte Hoffnung. Nicht komplette Isolation sondern vernünftige Kooperation sind unsere einzige Chance.  Ich bin ehrlich gesagt sehr froh, dass Wissenschaftler aller Welt ihre Forschungsergebnisse über das Virus auf offenen Servern hochladen, damit alle davon profitieren können. Ich bin froh, dass es eine EU gibt, die Maßnahmen und Hilfsmittel koordinieren kann. Ich bin auch froh, dass wir nicht in einer Diktatur leben, in der Informationen unterdrückt werden, auch wenn dies bedeutet, dass manche Aktion zu früh oder zu spät kommt und nie alles perfekt läuft. Lieber reaktive, “föderale” Reaktionen auf die Krise mit kleinen Verzögerungen und Irrtümern, als gnadenlose Edikte, die ohne Rücksicht auf Verluste und das Wohl der Menschen durchgezogen werden, selbst wenn sie dumm sind. Die schlimmsten Hungersnöte gab es in Maos China, als der Staat die totale Kontrolle hatte. Gerade deswegen.

Wir kennen alle die apokalyptischen Szenarien aus Serien wie “The Walking Dead”. Wenn die Zombieapokalypse ausbricht, ist sich jeder selbst der Nächste, wird jeder des anderen Wolf. Aber das ist nicht wirklich so, sondern allein dem Wunsch nach Dramatik der Drehbuchschreiber geschuldet. Man ist manchmal erstaunt, wie gut Menschen kooperieren können, wenn Not am Mann ist. Selbst im zerbombten Nachkriegsdeutschland gelang es irgendwie, flächendeckende Epidemien zu stoppen, ohne funktionierendes Gesundheitssystem, einfach weil Menschen sich so weit sie konnten vernünftig verhielten (berichtet mir zum Beispiel meine Mutter, und die hat es selbst erlebt). Schon jetzt hat uns in Deutschland der globale Informationsstand einen kleinen Vorteil gegenüber überraschten Ländern verschafft, und den sollten wir nutzen, indem wir uns möglich besonnen der Krise entgegen stellen. Das ist nie eine Garantie, aber es ist eine Mahnung daran, das Gute, nicht das Destruktive iund Defätistische in uns zu aktivieren.

Dazu gehört auch das Trost spenden, das Verständnis für Andere, Mitgefühl, Solidarität.

Alles hilft.

Moritz Eggert

1 Antwort

  1. k. sagt:

    Die Solidarität auch unter Kollegen wird wichtiger denn je.

    Ein bißchen beobachte ich leider, dass jetzt, wo die Kultur zur Existenzsicherung ins Netz gehen, auch dort Machtkämpfe zunehmen, die von dem Dirigenten in seiner Serie beschrieben wurden. Letztendlich ist das auch genau die Machtstruktur, die #metoo anprangerte. Dabei haben wir eine historische Chance zur Verbesserung.

    Wir müssen gemeinsam dafür einsetzen, dass es nicht nur die Etabilierten sind, die die Corona-Krise überleben, weil sie die Möglichkeiten haben, handlungsfähig zu bleiben.

    In Hamburg trifft die neue Allgemeinverfügung die Kulturszene gerade ziemlich hart:

    Auch nicht-öffentliche Versammlungen sind bis 30.4. verboten, darunter fallen nicht nur nicht-öffentliche Konzerte sondern auch nicht-öffentliche Proben, Aufnahmen und Produktionen, wo Menschen sich begegnen. Wobei ich nicht weiß und nicht glaube, ob wirklich alles stoniert wird, da wird man erwägen, und auch das ist bis zu einem gewissen Grad eine Machtfrage.

    Die allgemeinbildenen Schule hat bis 30.3. zu, die Musikhochschule hat bis 20.4. zu, die Musikschulen (somit auch die qualifizierten Privaten) müssen aber bis 30.4. pausieren, auch bezüglich Angebote an Schulen. Dort üben darf man dann auch nicht. Für die jungen und die kleineren Künstler geht es nicht mal mehr nur um das finanzielle Überleben, sondern auch ums Üben und Spielen für sich.

    Nachbarskinder nachbarschaftlich betreuen, damit die Eltern arbeiten gehen können, wird begrüßt. Die Nachbarskinder unterrichten darf man aber nicht… Der Gitarrenunterricht an der Schule durch einen externen Anbieter ist dann auch verboten, auch wenn die Hortbetreuung normal läuft….

    Das Publikum und die Medien sind ja nur begeistert über die Geisterkonzerte, kostenlose digitale Angebote von Berliner Philharmoniker usw. und loben das Engagement dieser Anbieter. Es gibt aber auch die Schattenseite, dass das letztendlich die Marktposition einiger weniger Anbieter stärkt, die es sich gerade leisten kann, und die anderen in noch schwächere und prekärere Position bringt. Auch und gerade die letztere Gruppe darf nicht vergessen werden.

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