Die Angst vor dem weißen Blatt. Antworten auf Fragen von Lucas Bitter.

Lucas Bitter bereitet gerade eine Master-Thesis zum Thema „Freiheit als Luxusproblem – Die Angst vor dem weißen Blatt“ vor und hat die folgenden Fragen an den Deutschen Komponistenverband weitergeleitet. Ich fand die Fragestellung interessant und veröffentliche meine Antworten hiermit:

  • Sie sind ein kreativ Schaffender. Ist es schon passiert, dass Sie aufgrund der vielen Möglichkeiten, die Ihnen zur Verfügung stehen, gehemmt wurden? 

Nein, noch kein einziges Mal. Hemmungen entstehen eher aus mangelndem Vertrauen in das, was einem einfällt, aber ich kenne es tatsächlich nicht, dass einem nichts einfällt.

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  • Haben Sie eventuell sogar eine Angst vor dem weißen Blatt/Leinwand/Raum aufgebaut?

Noch nie – ich sehe das Erforschen des weißen Blattes und seiner unendlichen Möglichkeiten als einen erfüllenden Lebensinhalt.

  • Wie würden sie dieses Gefühl beschreiben? 

Da ich es nicht kenne, kann ich es nicht beschreiben, aber aus meiner Unterrichtserfahrung mit jungen Komponisten weiß ich, dass die Angst vor dem leeren Blatt nicht so viel mit „zu vielen Möglichkeiten“ zu tun hat, sondern eher damit, dass die Entscheidung für eine dieser Möglichkeiten (bei der „Setzung“ eines Anfangs zum Beispiel) die Freiheit für zukünftige Weiterentwicklungen dieses Einfalls einschränkt, da ich mich ja nun auf das einmal Gefundene beziehen muss, und nicht mehr von „Null“ anfange. Oder anders gesagt: wenn man eine Entscheidung getroffen hat, sind bestimmte Entscheidungen nicht mehr möglich, da nicht alles auf alles folgen kann (so empfindet man es zumindest). Was ich kenne ist, dass man eine Entscheidung trifft, dann aber Angst hat, dass es nicht die richtige war, weil man das kreative Potenzial dieser Entscheidung nicht als genügend empfindet. Daraus entsteht Frust, und da man diesen Frust als Erfahrung speichert, kann er auch in eine Angst vor dem weißen Blatt münden.

  • Haben Sie Tipps und Tricks, um das Problem zu lösen?

Weniger bewerten, was man tut, sondern es einfach tun. In der Kunst spielt Intuition eine große Rolle, da sie ein Fenster zu unserem Unterbewusstsein ist, aus dem wir kreatives Potential schöpfen. Wir haben alle eine „Stimme“ im Kopf, die ständig kommentiert, was wir komponieren. In dieser Stimme sind z.B. Ratschläge unserer Lehrer enthalten, Ängste, etwas „falsch“ zu machen, weil es vielleicht gegen irgendeine Neue-Musik-Konvention verstößt, Ängste, nicht zu gefallen, beim Wettbewerb nicht ausgewählt zu werden usw.

Das ist alles sehr schädlich für die Kreativität. Kunst will nämlich keine guten Ratschläge und muss auch nicht allen gefallen – Kunst ist frei und wild, sie muss Risiken eingehen, scheitern und provozieren dürfen. Mein alter Lehrer Wilhelm Killmayer gab uns Studenten immer den Rat, Ideen erst einmal zuzulassen, egal wie banal sie uns scheinen mochten. Er hasste Verbote jeglicher Art. Letztlich hat alles unendliches Potenzial. Nehmen wir den Anfang von Beethovens 5. Symphonie – an Banalität ist das eigentlich kaum zu überbieten, aber was macht ein Meister wie Beethoven daraus? Es geht also nicht wirklich darum, was man betrachtet, sondern wie man es betrachtet, das können wir zum Beispiel aus der Bildenden Kunst lernen, wo ein Stillleben mit ein paar Äpfeln und Kartoffeln ein spannendes Bild ergeben kann, weil uns die Betrachtungsweise dieser einfachen Dinge einen neuen Blick auf die Wirklichkeit geben kann. Und darum geht es letztlich in der Kunst – gerade weil sie nicht „wirklich“ ist, ermöglicht sie es uns, aus der Realität herauszutreten und dadurch unseren Blick für diese Realität zu schärfen.

Wenn ich also mehr zulasse und auch Ideen verfolge, die vielleicht erst einmal verrückt erscheinen, kann eine Entdeckerfreude entstehen, die aus der Lust an der Spontaneität und Grenzüberschreitung beim Arbeiten inspirierend wirkt. Ich denke mir beim Komponieren oft: „warum eigentlich nicht?“, das ist für mich der entscheidende Satz, wenn mich geistig irgendetwas hemmt. Ich verspüre dann die kindliche Freude des „jetzt erst recht“. Das Freche und Unbändige hat mich immer gereizt, und ist für mich immer ein Befreiungsschlag gegen Ängste.

Ein weiterer Aspekt ist, dass wir als Komponisten oft denken, unsere Kompositionen müssten irgendwie „ordentlich“ und „logisch“ sein, dass das Befolgen von Regeln uns z.B. absichert vor Kritik. Daher lieben viele Komponisten Systeme, da es unser Tun scheinbar legitimiert und man sich auf das System beziehen kann, selbst wenn das Resultat vielleicht gar nicht so spannend ist. Das kommt mir dann immer vor wie die Menschen die im Kommunismus z.B. irgendwelche sinnlosen Jobs erfüllen, damit sie dem „System“ dienen und beschäftigt sind. Das ist unendlich deprimierend, aber anscheinend für viele erfüllend genug, dass sie dieser Gängelung sogar hinterhertrauern, wenn sie endet.

Wollen wir denn wirklich, das Kunst „ordentlich“ und „logisch“ ist? Langweilen wir uns dann nicht unendlich? Hören wir Bach gerne, weil seine Musik meist genial konstruiert ist? Oder weil seine Musik melodisch und harmonisch unglaublich phantasievoll ist und eine starke Emotionalität erzeugt? Ich denke eher wegen letzterem – seine Musik könnte hundert Mal genial konstruiert sein, fehlte das „Herz“ (nämlich die Inspiration und Phantasie) wäre sie nichts wert.

Meine Schüler sind meistens am gehemmtesten, wenn sie ein Stück gerade erst begonnen haben und nicht so richtig Lust empfinden, das Ganze auf eine Weise zu entwickeln, die sie von sich selber erwarten. Dann sage ich ihnen immer, dass sie ihre eigene Erwartungshaltung durchbrechen müssen. Komponieren ist keine Diensterfüllung, kein Malen nach Zahlen. Die größten Glücksmomente beim Komponieren entstehen, wenn ein Stück sich plötzlich einen neuen Pfad ins Dickicht der Imagination bahnt, und man einen unerwarteten interessanten Umweg nimmt, der einen selber überrascht. Das sind z.B. die Momente, bei denen Schubert sich wie ein Wanderer in endlosen und immer genialeren Modulationen verliert, die uns dann das wiedergefundene Thema am Ende wie eine umso kostbarere Trophäe erscheinen lassen. Die Ankunft wird durch die Reise erst schön. Man muss keine Angst haben sich zu verirren, denn das Verirren kann ebenso spannend für den Hörer sein, wie das Finden. Und ja: man kann gegen sich selber rebellieren. Das macht Spaß!

  • Fällt es Ihnen grundsätzlich leichter unter konkreter Anleitung zu arbeiten, als „aus dem Freien zu schöpfen“?

Es gibt keine „Anleitung“ für Kunst. Komponieren ist nicht das Arbeiten an einem Bausatz, bei dem man eins zum anderen fügen muss. Jegliche Gängelung oder Erwartungshaltung macht unfrei und frustriert. Als Komponist muss ich aber dennoch die Regeln kennen, die ich breche. Nichts ist langweiliger als die ungewollte Grenzüberschreitung, weil man es vielleicht z.B. einfach nicht besser wusste. Um eine Erwartungshaltung zu brechen, muss ich die Erwartung kennen. Kunst entsteht also immer in einem Spannungsfeld – sie ist in ihrer Natur rebellisch und wild, aber ohne die Regelsysteme und den Gegensatz des „Geordneten“ kann sie ihre Freiheit oft nicht behaupten. Dass es zum Beispiel in der Neuen Musik heutzutage kaum noch Regeln und Erwartungen gibt, verunsichert viele, daher flüchten sie sich dann gerne in die Klischees, die ihnen wieder Sicherheit geben. Deswegen klingt gerade in der Freiheit vieles viel ähnlicher als früher. Es ist so, als ob man sich aus Angst selbst begrenzt.

Mir scheint der typische Selbstbetrug eines/r braven KomponistIn heute ist: „ich darf alles, aber dies und das macht man einfach nicht, denn sonst ist keine „Neue Musik“.

Und ich frage mich immer: „Warum eigentlich?“. Und schon bekomme ich wieder wahnsinnig Lust, etwas zu komponieren.

Viele Grüße,

Moritz Eggert

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