Der Holstentor-GMD Stefan Vladar und seine Schönberg-Antipathie

Wie die Faust auf’s Auge zu Moritz‘ Alma-Deutscher-Replik passt Stefan Vladars Schönberg-Antipathie. Las Alma Deutscher etwa die Lubeck Post in West Virginia oder gar die Lübecker Nachrichten aus Schleswig-Holstein Anfang September? Der Zeitung der kleinen Hansestadt sagte er als neuer GMD des Theaters Lübeck: „Die Zwölftöner werden mich dafür steinigen, aber ich halte Schönberg für eine fatale Erscheinung der europäischen Musikgeschichte. Ein mittelmäßig begabter Komponist, der dann die Zwölftontechnik für sich in Anspruch nahm, die er noch nicht einmal selbst erfunden hatte, und die in eine kompositorische Sackgasse führte. Ich kann damit nichts anfangen.“

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Wie Alma D. malt er das Gespenst der „Zwölftöner“ an die Wand. Das müssen für ihn so etwas wie die Illuminaten der neuesten Musikgeschichte sein. Ich sehe mich gerade in meiner Küche um, frage den Kochlöffel, die Zuckerdose, den Spülstein und den Salzstreuer, ob sie Zwölftöner seien. Klare Antwort: Nein. Auch letzthin in Donaueschingen war niemand dezidiert als reiner Zwölftöner auszumachen. Manche und mancher gestand nach dem zweiten Wildragout im Hirschen, dass sie noch die Abstreichmethode nutzen – also zwölf Töne der chromatischen Skala abhaken, bevor man mit einem der Töne wieder beginnt. Aber nur ganz selten, wenn mal wieder ein Boulez-Porträt auf Arte lief.

Was er von Schönberg hält, ist eigentlich piepschnurzegal. Allerdings beschallt er damit den Lübecker Provinzkosmos. Und führt immerhin „Verklärte Nacht“ in seinem Repertoire. Das Werk sollte er dann aber bitte schleunigst rausstreichen. Lutoslawski, Bartok, Strawinsky und Takemitsu finden sich noch in seinem öffentlich zugänglichen Online-Dirigier- und Klavierspiel-Repertoire. Wer mehr als Holstentor-GMD werden will, sollte sich schon einmal mit den „Fünf Orchesterstücken“ und den „Variationen für Orchester“ auseinandergesetzt haben. Oder „Erwartung“, „Jakobsleiter“ und „Moses und Aron“ einstudiert haben.

Was ihn besonders bewegt, ist Mahlers Auferstehungssinfonie: „Ich habe es oft gehört und dirigiert, aber wenn im fünften Satz der Chor einsetzt, kommen mir immer noch die Tränen.“ Da hole ich mir gleich ein Taschentuch. Hoffentlich weint der Verwaltungsoberamtsrat aus Travemünde dann auch im richtigen Moment.

In seiner ersten Saison „wagt“ er Schostakowitsch und eben Mahler. Wow, würde ich sagen, wenn er das „Klagende Lied“ Jurowski-artig zum Einstand auswählte. Oder eine von Schostakowitschs düsteren Sinfonien wie die Zweite, Achte, Dreizehnte oder Fünfzehnte. Wenigstens eine dieser oder anderer Unbekannter oder gar in Kombination mit Werken von Myaskowsky oder lustigen Sowjet-Futuristen, wenn man schon auf eine andere Wurzel der Dodekaphonie abzielt. Das wäre pädagogisch: „Das ist, wenn man so will, eine Art pädagogischer Tätigkeit – aber ohne erhobenen Zeigefinger.“

Nun, mit Schostakowitschs je ersten Klavier- und Cellokonzerten aufzuwarten, das sind nun wirklich keine „weniger häufig gespielte Kompositionen“. Oder die fünfte und zehnte Sinfonie, auch nicht gerade die ungewöhnlichsten und nie gehörten Werke Schostakowitschs. Wie wäre es zumindest mit dem depressiven-aussichtslosen zweiten Cellokonzert? Wenn man sich hinstellt und von selten gespielten Werken spricht und es wagt über „Schostakowitsch stand während Stalins Herrschaft häufig mit einem Bein im Gefängnis“ zu räsonieren, wäre das ein Werk, das erst lange Zeit nach Stalins Tod möglich war. Oder eben die frühen Werke bis Mitte der 1930er Jahre. Da drückt Vladar auf die Gulag-Mitleidsdrüse und macht realiter einen auf Best-of-Spotify-Playlist. Oder kombiniert Beethoven mit Beethoven und Beethoven.

Gott sei Dank gibt es am Theater Lübeck noch seinen Vize Andreas Wolf. Der macht die spannenderen Konzert wie z.B. eine konzertante Aufführung von Alexander von Zemlinskys Oper „Der Kreidekreis“. Oder für das gescholtene Konzert mit dem ersten Klavierkonzert Schostakowitschs bringt Francesco Pasqualetti den Respighi-Zeitgenossen Alfredo Casella mit dessen erster Sinfonie in h-Moll mit. Oder Mieczysław Weinbergs Violinkonzert im Konzert mit Schostakowitschs Zehnter, wo der Dirigent noch offen ist.

Ganz so gemein will ich nicht sein. Den Lübecker Nachrichten sagte er: „Dabei gibt es moderne Komponisten, die ich sehr schätze, Penderecki, Ligeti, Riehm und Reimann zum Beispiel.“ Ui, Rolf Riehms „Die Tränen des Gleschters“? Oder doch den Mauser-Festschrift-Rihm samt Festschrift-Reimann? Oder Penderecki? Nichts dergleichen im Programm. Überhaupt versteckt man zeitgenössische Musik ganz weit hinten in einem der letzten Kammerkonzerte. Niemand ruft nach Uraufführungen und Stockhausens Gruppen. Aber ein wenig mehr, ein ganz klitzekleines wenig mehr könnten Theater und Orchesterleitung schon an Zeitgenössischem wagen.

Das Lübecker Publikum ist ja nicht vollkommen „auf der Brennsupp’n dahergeschwommen“: es gibt eine schöne Musikhochschule mit wunderbaren Studierenden und sogar wunderbaren Studierenden der Komposition. Es gibt die Neue-Musik-Ensembles Klangrauschen und Radar. So ein bisschen Berg, Webern oder eben Rihm, Reimann, Penderecki und Ligeti hätte man in dreifachen Beethovenprogrammen schon einmal als Kontrast ins Programm aufnehmen können. Nur von den alten Herren zu reden ist das eine, um wohl selbst nicht als ganz „auf der Brennsupp’n dahergeschwommen“ zu gelten.

Aber checkt Vladar überhaupt, was er da sagte? Gut, Ligeti nannte Schönberg mal Brahms mit falschen Noten: das trifft auf einen Teil des mitteleren dodekaphonen Neo-Klassizismus Schönbergs ein wenig zu. Auf die frühen und späten oder die oben wichtigen aufgezählten Werke, die so unbedeutenden Dirigenten wie Furtwängler und Scherchen pflegten oder auch so ganz unbekannte Leute wie Abbado, Karajan und Mehta ab und an programmierten, trifft das keinenfalls zu. Ligeti-Anekdoten haben leider eben auch einen fatalen Nebenaspekt.

Aber wie gefragt: checkt Vladar überhaupt, was er da kombinierte und von sich gab? Aribert Reimann lässt sich immer wieder auf Zwölftontechnik beziehen, für Ligetis Entwicklung war die Auseinandersetzung mit dem Serialismus und seine Kritik an ihm essentiell, ist seine Musik immer wieder auch nach der oben genannten Abstreichmethode organisiert. Selbst der im Weihnachtskonzert programmierte Britten und auch Schostakowitsch probierten mit dodekaphonen Linien, der eine z.B. in der Oper „Billy Budd“, der andere in seinem zwölften Streichquartett.

Wäre ich Schostakowitsch im Jahre 1968, als dieses Quartett entstand und müsste Stefan Vladar artig als aufgeführter Komponist zuhören, würde ich mich an die Zeit der grässlichen Verbandstagungen erinnern, als Schostakowitsch, Prokoffief und auch dem oben zitierten Myaskowsky westlicher Formalismus vorgeworfen wurde. Gott sei Dank muss Schostakowitsch das nicht mehr 2019 über sich ergehen lassen. Und Gott sei Dank kann Herr Vladar sagen, was er will. Das macht es aber nicht unbedingt kulturell und geistig relevant. Wie gesagt, wer nicht nur Holstentor-GMD sein will, sondern auch mal in 20 Jahren eine Chance auf Posten bei den Berliner oder Wiener Philharmonikern oder den BR-Sinfonikern oder dergleichen anstrebt, vollkommen unbedeutende Klangkörper, die noch nie Wiener Schule oder gar Musik nach 1970 wagten – oder eben da doch Massstäbe setzten, der könnte geistig und repertoiretechnisch ein wenig bescheidener und härter daran arbeiten, Wissen und Können zu erweitern.

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