Gedanken anlässlich eines Konzertes in Erfurt

Erfurt, Du Perle Thüringens. Deine mittelalterlichen Gassen, in denen sich kleine und resistente Buchläden behaupten können, deine schönen Cafés, deine Eisdielen, deine Universität, deine Kunsthallen…all dies kann sich sehen lassen. Man ist gerne hier.
Gerne durchstreift man auch Deine romantischen Straßenzüge, schlendert durch die Grünanlagen, besucht nette Gaststätten und Restaurants, in denen einen herzliche Menschen empfangen und gut behandeln.

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Doch Vorsicht: Wenn man sich dem „Anger“ nähert, warnen Kommentare auf „tripadvisor“, dass hier „sogenannte Flüchtlinge“ ihr Unwesen treiben, sie „treffen sich besonders oft“, „belegen alle Sitzbänke“, es gäbe auch „Schwarze“, die „mit Drogen handeln“. Ob es stimmt, fragen wir uns? Wir sind enttäuscht – statt den angekündigten Flüchtlingsmassen belegen ausschließlich thüringische und deutschstämmige “gestrandete Existenzen” die Bänke. Aber immerhin pöbeln sie besoffen, verschandeln alles mit Bier- und Schnapsflaschen, und zur Sicherheit haben sie auch noch ein paar Kinderwägen dabei, sodass garantiert auch für Nachwuchs gesorgt ist, sollten die Pöbler mal in den Entzug müssen.

Überhaupt sieht man in ganz Erfurt nur ganz wenige Ausländer, die wenigen, die uns unterkamen, wirken eher verschüchtert höflich und wollen auf keinen Fall auffallen. Aber sicherlich ist das alles nur Fassade, denn wie wir alle wissen, ist Deutschland kurz vorm “Untergang”, weil wir von der angeblichen “Überfremdung” bedroht sind, weil alles, aber auch alles “den Bach runtergeht”, Merkel das Land “zugrunde gerichtet” hat. Deswegen wählt man hier auch ganz viel AfD, deswegen heißt man auch einen Dumpfnazi wie Höcke hier jederzeit herzlich willkommen, denn der wird es sicher richten, Arbeitsplätze aus dem Hut zaubern, alles besser machen mit seinen verschissenen rassistischen Parolen.

In der Innenstadt mag man noch den einen oder anderen “Ausländer” sehen, dort ist das letzte Wahlergebnis der AfD geringer, aber je weiter man sich vom Stadtkern entfernt, desto größer ist die Wählerschaft der AfD, desto weniger “Fremde” sieht man. Wie so oft im Osten, steht die Menge der tatsächlich anwesenden Ausländer im umgekehrten Verhältnis zur Angst vor ihnen. Und diese Angst ist das letzte, was vielen hier als “Entertainment” bleibt, denn sonst müssten sie ja auf dem Anger sitzen und pöbeln.

In so einem Stadtbezirk steht auch unser Hotel, das behindertengerecht eingerichtet ist, ein schmuckloser Bau, es gibt auch ein kleines Theater, in dem besondere Menschen mit Behinderungen gemeinsam Stücke erarbeiten. Man fragt sich allerdings, wie lange sie das noch dürfen, denn draußen sind allein die Wahlplakate des “Dritten Weges” unbeschädigt, alle anderen Plakate fielen dem Vandalismus anheim. In diesem Viertel hatte die AfD auch 30% bei der letzten Wahl, mehr als jede andere Partei. Und der “dritte Weg” will wahrscheinlich wie früher nur reinrassige, gesunde Deutsche, die keine Inklusion und keine Sonderbehandlung brauchen und früher ohnehin vergast worden wären als “unwürdiges” Leben.

Durch die menschenleeren Straßen des Viertels streifen Skinheads mit Kampfhunden, wie um all die zu verhöhnen, die über den Osten lästern: es gäbe dort viele Skinheads mit Kampfhunden. Aber es ist wirklich so, es scheint  keinerlei andere Hundearten als Pitbulls, Mastiffs und Dobermänner zu geben.

Ich stelle mir das so vor: man betritt das Tiergeschäft und fragt nach, welche Hunde es zu kaufen gibt, aber der Verkäufer sagt bei allen netten Hunderassen (Cockerspaniel, Möpse und Collies zum Beispiel) stets “Die sind leider aus”, aber dann beginnen seine Augen zu leuchten und er führt einen in einen Zwinger, in dem eine riesige Pitbulldame liegt, die gerade hunderte von Jungen geworfen hat, die alle ein neues Zuhause brauchen, und verwirrt kauft man eines von diesen schrecklichen Tieren, es kackt einem die Bude voll mit Hasswürsten, und plötzlich weiß man nicht, wie einem geschieht und hat eine Bomberjacke an und ruft “Heil Höcke” und marschiert mit irgendwelchen Rassisten und Idioten durch die Straßen, bis es einem braun in die Hose rinnt und man sich auf einem “Titanic”-Cover wiederfindet.

Im nahegelegenen Park gibt es eine Art alternativen Anger, dort stehen – man mag es kaum schreiben – bomberjackige Jugendliche herum und bewachen einen Spielplatz, damit nicht etwa plötzlich ein freches kleines “Negerkind” auftaucht und dort vielleicht spielen will. Misstrauisch beäugen sie uns, aber anscheinend bestehen wir den Lackmustest der Fremdenfeindlichkeit. Sie lassen uns ziehen und wir lassen ihnen ihr Pöbelrevier, bevor auch sie uns anpöbeln, denn sie haben sich eine Burg aus dröhnenden Rechtsrockghettoblastern und Bierkästen gebaut, die nicht sehr einladend wirkt.

Ich frage mich, ob die viel zu vielen AfD-Wähler ab und zu mal darüber nachdenken, dass sie sich eigentlich selber ihre eigene Chancenlosigkeit erzeugen, als eine Art selbsterfüllender Prophezeiung. Es ist nämlich gar nicht die Merkel schuld an ihrer Randständigkeit, nein, sie selber pöbeln und hassen und drohen so lange, bis überhaupt niemand mehr hin will ins eigentlich schöne Thüringen, bis all die netten und großartigen Menschen, die dort noch leben, die weltoffenen Studenten, die echten Christen mit echtem sozialen Gewissen und die vielen anderen, die dort Gottseidank noch ausharren, einfach keine Lust mehr haben auf das Kampfhundeausweichen und Sichanpöbelnlassen… und woanders hinziehen. Und dann gibt es immer weniger zu tun für die die ganzen Pöbler, sie werden immer einsamer, es gibt immer weniger Touristen, immer weniger Industrie hat Lust, sich anzusiedeln, es gibt noch weniger Arbeitsplätze, die Immobilienpreise fallen, die Steuereinnahmen sinken, und zwar so lange, bis die Städte wirklich so hässlich aussehen, wie man es die ganze Zeit gefürchtet hatte, und nur noch grummelige, verkrachte und hasserfüllte Existenzen durch die Straßen ziehen und alles ganz einsam und verlassen ist. Und da die Angst vor dem Fremden dort am größten ist, wo am wenigsten Fremde sich tatsächlich aufhalten, wird es irgendwann zur ultimativen Angst kommen, wenn gar kein Ausländer mehr dort ist, wenn alle abgehauen sind, wenn der letzte Dönerladen zugemacht hat, und dann haben diejenigen, die noch dort sind, wahrscheinlich alle vor ultimativer Fremdenangst einen Herzanfall und fallen sofort tot um, was immerhin ein ironisches Ende wäre.

Noch aber sind „Fremde“ in der Stadt, wir zum Beispiel, oder auch die Kelly-Family, die auf dem Domplatz gleichzeitig zu meinem Konzert einen großen Auftritt hat. „Ihr seid bestimmt keine Kelly-Fans“ rufen uns einige Entgegenkommende zu, und sie sprechen das „Kelly“ so aus, dass es wie „Gelly” klingt. Nein, wir gehören nicht dazu. Aber es macht auch nichts, ich habe kein Problem mit Menschen, die die “Kelly Family” gut finden. Ich habe aber ein Problem mit Menschen, die so dumm sind, AfD zu wählen.

Man muss das aussprechen dürfen. Im Moment lese ich ständig, dass man “Verständnis” für AfD-Wähler aufbringen müsse, dass das doch auch eine Art Protest sei, dass man mit ihnen reden müsse, und wenn wir sie alle lieb haben, dann werden sie vielleicht auch wieder vernünftig. Aber so funktioniert das nicht. Wenn etwas unglaublich dumm ist, dann muss man auch sagen dürfen, dass es dumm ist, es bringt dann nichts, “verständnisvoll” zu sein.

Wenn ich an einer Tankstelle stehe, und plötzlich holt jemand Feuerwerkskörper heraus und will die anzünden, dann sage ich nicht “hey, ich habe jetzt total Verständnis dafür, wenn Du diese Feuerwerkskörper anzünden willst, aber lass uns doch mal darüber reden”. Nein, ich sage “Du Idiot, weißt Du nicht, was passiert, wenn Du das hier anzündest? Sofort weg damit!“. Manchmal bringt es nichts, verständnisvoll zu sein, sondern es ist wichtig, ganz klare Worte zu benutzen, denn bevor man es sich versieht, fliegt es einem komplett um die Ohren. Wenn jemand in der angespannten Weltlage im Moment der Meinung ist, dass es Europa oder Deutschland jetzt gut tun würde, populistische Parteien zu wählen, die z.b. die Freiheit der Kunst beschränken und Rassenkontrollen am Theatern einführen wollen, die rechtsextremistische Morde „verständlich“ finden und die in den meisten Punkten intolerante und menschenfeindliche Positionen einnehmen sowie sich ganz bewusst nicht von Ideologien abgrenzen, die nur Schrecken, Leid und Unheil über Europa und die ganze Welt gebracht haben, dann ist das einfach dumm, dumm, und nochmals dumm, so strunzdumm, dass man es sagen muss. Der Typ an der Tankstelle mag seine Feuerwerkskörper aus Trotz oder aus Frust oder der Sehnsucht nach Aufmerksamkeit aus der Tasche ziehen, aber das ist mir scheißegal, weil er in diesem Moment einfach nur ein dummer Idiot ist, wenn er es tut. Da muss man nicht diskutieren, man kann erst mit ihm reden, wenn er die Feuerwerkskörper weggesteckt hat, und zwar sofort. Dann vielleicht, aber vorher nicht.

Dummheit kann man verzeihen, wenn das Gegenüber sich der eigenen Dummheit bewusst wird, vorher bringt es nichts, man muss ganz klar sagen: „das ist dumm“. Ich kann diese ganzen Scheinargumente nicht mehr hören „die großen Parteien sind zu links geworden, daher wählen wir AfD“, nein, das ist bullshit, bullshit, bullshit. Niemand hindert irgendjemanden daran, eine Partei zu gründen oder zu wählen, die extrem konservativ, regierungskritisch und traditionsbewusst ist, dafür ist in unserer Demokratie sicher Platz, aber warum nur muss das dann zwangsläufig eine fucking Nazi-Partei sein? In dem Moment, in dem die AfD ihre Feuerwerkskörper wegsteckt, in dem sie ihre ganzen Nazi-Sympathisanten und Hooligans ächtet und rausschmeißt, Höcke einen Arschtritt gibt, verdammt nochmal den von Nazis ermordeten Politikern Respekt erweist und dafür aufsteht im Bundestag, zur Verantwortung unserer Geschichte bekennt und diese nicht verleugnet…dann können wir reden. Aber nur vielleicht. Politiker (aller Parteien) sind leider nicht immer anständig, aber ohne ein grundsätzliches Bekenntnis zur Anständigkeit läuft nichts. Darauf wartet man aber nach wie vor vergebens.

Ach ja, der eigentliche Anlass für meinen Artikel: in Erfurt spielten in der Kunsthalle das Ensemble via nova und Black Pencil ein gemeinsames Konzert mit Uraufführungen, unter anderem auch von mir. Es war ein schönes Konzert, aber wenn es so weiter geht, gibt es solche Konzerte vielleicht bald nicht mehr im Osten, oder auch nicht mehr das Impuls-Festival von Hans Rotman.*

Bald darf dann auch noch nicht einmal mehr die „Gelly Family“ mehr auftreten, das sind letztlich auch „Zugereiste“ und „Fremde“, oder sie waren es zumindest einmal.

Wie schrieb gerade der Musiker Bernd Begemann auf Twitter?

„Faschismus, erklärt von meinem guten, seligen Vater: „Das größte Arschloch in der Straße bekommt eine Uniform und entscheidet über Leben und Tod.“

Lieber erkennt man früh, wer die Arschlöcher sind.

 * Das Impuls Festival ist im Moment akut bedroht, weil es vom Ministerium quasi „abgewickelt“ werden soll. 2016 hat die Staatskanzlei Sachsen-Anhalt das Kultusministerium übernommen, seitdem soll dem Festival scheinbar der Garaus gemacht werden. Zuerst sollte es mit den Telemann-Festtagen zusammengelegt werden (!), dann sollten die Orchester „selber die Pflege Neuer Musik“ übernehmen, nun soll das Festival 2020 „pausieren“. Damit würde eines der größten internationalen Musik-Events in der Region verschwinden, ein weiterer Schritt in Richtung Randständigkeit. 2019 findet es noch statt, mit 13 Uraufführungen, Werken von 42 Komponisten und Künstlern aus Deutschland,  Japan, Korea, China, Italien, Frankreich, Chile, Spanien, Argentinien, Serbien und den Philippinen.

 

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1 Antwort

  1. Herzzerbrechend. Wir brauchen alle viel Kraft. Es ist in der GZM uns bewusst, dass heutzutage wir alle politisch sind – auch wir nehmen so oft wie möglich deutlich Stellung. Wer nichts macht, trägt auch Verantwortung für unsere Gesellschaft und unsere Zukunft – oder Mangel an Zukunft. Weltoffenheit ist für uns ein Prinzip, was nicht nur Musik, sondern alle Lebensbereiche trifft.

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