Daniel Barenboim – ohne Kollegialität und Fürsorge in aktuellen Interviews

Hier eine Betrachtung der aktuellen Zeit- und rbb24-Interviews mit Daniel Barenboim, denn in seiner Sache wird die Berichterstattung unübersichtlich, beziehungsweise hat die Seite des Dirigenten und Pianisten die Deutungshoheit vermeintlich zurückgewonnen. Zuletzt meldete sich noch Rolando Villazon mit einem Statement in der FAZ vom 2.3.19, dazu im Kommentar von Jan Brachmann Solidaritätsadressen pro Barenboim von ehemaligen Assistenten wie der seinerzeit Barenboim assistierenden Simone Young. Daniel Barenboim bezog sich im Interview in der Zeit vom 28.2.19 auf seine Unterstützung für Simone Young gegen sie unter Druck setzende Musiker. Womit wir schon fast beim Kern der Sache wären.

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Empathie?

In diesem Zeit-Interview mit der Musikjournalistin Christine Lemke-Matwey sowie im sechs Tage älteren Interview mit rbb24 vom 22.2.19 versucht Daniel Barenboim sich zu rechtfertigen. In der Zeit spricht er sogar von Empathie, die er mit den ihn namentlich Beschuldigenden habe. Wir erinnern uns – als Anfang Februar 2019 die VAN-Recherche mit anonym gehaltenen Vorwürfen seines Führungsstils erschien, weigerte sich Barenboim darauf einzugehen. Wie gesagt, er spricht in der Zeit Empathie und wörtlich, „dass ich niemanden verletzen will. Und dass ich mir meiner Verantwortung bewusst bin.“ Indes ohne Umschweife sich zu entschuldigen unterlässt er.

Eine Spalte weiter dreht er die bisher gegen ihn gerichtete Vorwurfslinie um: „Übrigens wird nie über die Macht des Orchesters, die Macht einzelner Musiker gesprochen!“. Simone Young als seine Dirigier-Assistentin bei den Bayreuther Wagner-Festspielen sei von einem Hornisten fertig gemacht geworden. Damalige Insider können den Schuldigen sich sofort vorstellen, denn Barenboim gibt die genaue Position in der damaligen Bühnenmusik-Horngruppe preis: „Der erste Hornist hatte sie fertiggemacht!“ Wie um umgedreht sein Aufbrausen als ein notwendiges Mittel im Durchgang von menschlicher Katharsis zur Erlangung seiner Musikinterpretation darzustellen schliesst er: „Das passiert nicht nur Frauen. Aber ich war stolz auf sie, sie war stark, sie hatte es geschafft.“

So springt ihm Rolando Villazon bei, dessen Text mit „eine Probe ist kein Picknick“ übertitelt ist und der sich als terminlich schlampigen Lateinamerikaner einführt, dem Barenboim Pünktlichkeit beibrachte und woraus – man möchte sagen „typisch Villazon“ – eine lustige Anekdote wird, sinngemäß zusammengefasst: ich ging durch die Katharsis des Dirigenten-Zorns, dann wurde es lustig. Beziehungsweise Paragraf 1, Barenboim hat immer Recht, wenn er einen mit einer unerwarteten, verletzenden Entscheidung überrumpelt. Und wenn er nicht Recht hat, tritt nach Paragraf 2 dennoch Paragraf 1 in Kraft: Der Argentinier Barenboim hat immer Recht! Wie Villazon begründet Barenboim seinen Jähzorn im rbb24-Interview mit seiner argentinischen Herkunft. Aber ist man deshalb wirklich berechtigter mal aus der Rolle zu fallen als finnländische Kolleginnen und Kollegen, die durchaus temperamentvoll Musik machen?

Kunst nur durch Katharsis?

Druck auszuüben, um zu guten Ergebnissen zu gelangen, parsifalesk durch ein kathartisches Moment, ein psychisches Aufschlagen am Boden, gehen zu müssen, formulierte Villazon. Im Zeit-Interview Barenboims ist es nur in Sachen Simone Young ganz deutlich zu spüren. Bei rbb24 war Barenboim konkreter: „Mein Interesse ist doch, dass er sein Bestes liefert. Ich werde ungeduldig, wenn ich glaube, er kann das liefern, und aus irgendeinem Grunde tut er es nicht. Da bin ich manchmal ungeduldig, natürlich, aber ich finde das nicht anormal.“ Verletzen gehört also zum Handwerk, um ans Ziel zu kommen? Gehören Musikinterpretation und Verhalten nicht getrennt betrachtet und gesagt: „ich habe Musiker durch mein unprofessionelles Verhalten gegenüber ihnen verletzt, das hat mit Musik nichts zu tun, hier war ich allzumenschlich“?

Doch Barenboim schlägt in der Zeit wieder einen Haken, um sein allzumenschliches Verhalten aus höherer Sphäre zu legitimieren. Vielleicht meint er unsere Zeit ganz allgemein, doch im Zeit-Interview geht es da nur um das Verhalten. Die Zeit fragt: „Nett sein genügt nicht?“ Darauf Barenboim: „Es geht nicht um Nettigkeit oder Boshaftigkeit, es geht um Bildung!“ Die Tätigkeit als Dirigent ist also weniger eine kollegiale Angelegenheit, in deren Rahmen man vor allem das Orchester vom Mitzählen entlastet und den Strom der Musik mit informierender Zeichengebung vorgibt, sondern eine Tätigkeit als Erzieher bestens ausgebildeter Musiker? „Es ist einer der großen Fehler unserer Zeit, dass wir Bildung mit Information verwechseln und Gleichheit mit Menschlichkeit.“

Ok, da habe ich also was falsch verstanden: Dirigieren ist auch bei der Staatskapelle Erwachsenenbildung? Es folgt im weiteren die Binsenweisheit, dass wir nicht gleich, sondern verschieden sind. Alle hätten gleiche Rechte, aber die Unterschiede machten uns erst menschlich. Damit hebelt er Kritik an Kollegialität, man könnte diese auch fraternité, Brüderlichkeit nennen, aus, die ja aus der Idee erwächst, dass ein Chef gegenüber seinen Untergebenen in erster Linie ein primus inter pares ist, ein Erster unter Gleichen. Und woher kommt das Recht, sich über die ihm anvertrauten Musiker zu erheben? „Die Musik lehrt uns das. In der Musik geht es um Kontrapunkt, um Kontraste. Ich habe immer aus der Musik fürs Leben gelernt.“

Musik vor Recht

Nun, wenn es bei Barenboim um Musik geht, geht es nicht um Banalitäten des Arbeitslebens, wie eben Kollegialität im Umgang von Dirigenten und Musikerinnen und Musikern, was heute als hohes Gut im Anspruch an einen Dirigenten in der Musikerausbildung formuliert und gelehrt wird. Schlicht zusammengefasst: Sein Fehlverhalten versucht Barenboim aus der Musik heraus zu exkulpieren, deren kollektive orchestrale Interpretation sogar menschliche Verletzungen erlaube, um als Symbol höchster Humanität wirken zu können.

Aber Barenboim ist auch ein Historiker: „Ich habe aus der Musik auch für die Geschichte gelernt. So etwas wie der Fall der Mauer passiert nicht einfach so.“ Nachdem er Aufstände der Bevölkerung von Staaten des Warschauer Pakts von 1953 in Ost-Berlin bis Solidarnosc-Streiks 1981 aufgezählt hat, wird es wieder kathartisch oder für Tenöre heruntergebrochen, es kommt historisch am Emde immer das hohe C: „Wie in einem musikalischen Prozess. Es kann immer nur einen Höhepunkt geben…“

Kollegen desavouieren

Barenboim befragt die Musik, ich befrage seine beiden Interviews: wenn Kollegialität für ihn in Sachen Musik ausgehebelt werden darf, ja manchmal muss, wie steht es um die Fürsorgepflichten eines Dirigenten? Wir erinnern uns: der erste namentlich Sprechende war Willi Hilgers, seinerzeit 16 Jahre Solo-Pauker der Staatskapelle und Staatsoper zu Berlin bei Barenboim, heute Solo-Pauker an der Bayerischen Staatsoper bei Kirill Petrenko. Allein die jetzige Position zeigt: ein formidabler Musiker, derzeit beim designierten Nachfolger Simon Rattles bei den Berliner Philharmonikern in München spielend, was ihn spielerischer Kritik enthebt. Oder sollten das Bayerische Staatsorchester, Kirill Petrenko und vielleicht sogar die Instanz Berliner Philharmoniker sich in dieser Kompetenzkette geirrt haben?

Im rbb24-Interview tut Barenboim erst sehr nett gegenüber seinem ehemaligen Solo-Pauker: „Er hatte einen sehr schönen Klang. Was selten ist auf der Pauke. Und er konnte deswegen auch sehr, sehr empfindsame Farben machen.“ Wie wir wissen, berichtete Hilgers von massiven Problemen in Berlin, die bei ihm psychische Medikation mit Antidepressiva und Betablockern notwendig machte. Unter Petrenko hat er das nicht mehr nötig. Barenboim habe ihn in den 16 Jahren nie mit seinem Namen angesprochen, selbst als er ihn darauf ansprach.

Einmal konnte er in einer „Götterdämmerung“ nicht volle Leistung bringen, weil er mitten in der Aufführung einen Migräne-Anfall erlitt. Könnte eine Bürokraft den Chef informierend hier einfach nach Hause gehen, ist das hier nicht möglich. Korrekt teilte er Barenboim seine Erkrankung im Dienst mit. Statt dass dieser nun seinen Pauker schont, machte er laut Hilgers ihm den Abend zur Hölle, indem Barenboim jede wichtige Stelle extra deutlich stampfend vormachte, wie die New York Times sinngemäß berichtet.

Auch wenn sich ehemalige Arbeitnehmer öffentlich zu ihren Problemen äußern, kann man als immer noch zur Fürsorge verpflichteter Arbeitgeber dazu nichts sagen, außer das zu dementieren oder karg zu bestätigen. Barenboim geht im besagten rbb24-Interview weit darüber hinaus, man will es kaum sagen, macht Hilgers richtiggehend fertig: „Aber er hatte einen sehr schwachen Rhythmus. Und die Hauptfunktion der Pauke ist eine rhythmische Funktion. Und ich habe versucht, mit ihm zu sprechen, er hat dann gesagt, ja, so und so, und ich habe gesagt, das muss stimmen.“

metoo-Analogien

Barenboim stellt im Zeit-Interview zu Recht fest, dass es momentan nicht um Vorwürfe sexueller Übergriffe gegen ihn ginge. Dennoch stellt er eine typische Frage, die blutigen Laien in Sachen Sexualstrafrecht und in der Typologie von in der Regel erst Jahre später angezeigten Fällen fälschlicherweise unterläuft, ja, wie die Opfer blamierende vox populi daherkommt, die mit blutender, durch Klingsor zugefügter Wunde in die Charité hätten eilen müssen und in der Anzeige erst nach vielen Jahren ein Zeichen großer Unglaubwürdigkeit sehen: „Und wenn er wirklich so gelitten hätte, was ich ihm nicht glaube, wäre er hier nicht 16 Jahre geblieben.“

Derweil ihn die Interviewerin als nachdenklich erlebt, demontiert Barenboim subtil seinen ehemaligen Solo-Pauker nach allen Regeln der PR. Dabei darf man eines nicht vergessen: alle ihn kritisierenden Musiker, ob anonym oder offen, bestätigen ihren hohen Respekt vor ihrer aktuellen oder ehemaligen Zusammenarbeit mit dem Künstler Barenboim. Zugleich aber kritisieren sie sein Verhalten als Mensch, als Chef.

Denn sie wollten ja unbedingt mit ihm Musik machen, den menschlichen Problemen zum Trotz. Und genau diese künstlerische Treue macht ihnen Barenboim zum Vorwurf, stellt ihre künstlerische Fähigkeit in Frage. Wie gesagt, demnach hätten sich Bayerische Staatsoper und Petrenko in Hilgers irren müssen und vielleicht die höchste Instanz im Orchesterleben, die Berliner Philharmoniker, wiederum in Petrenko.

Oder irrt sich Barenboim? Er leitet seinen Anspruch auf allzumenschliches Fehlverhalten gegenüber Kolleginnen und Kollegen im Falle des Falles aus seinem Anspruch gegenüber perfektionistischer Musikproduktion ab. Dem widersprechend stellt er sich als immer offen für ein Gespräch dar. Wenn dies gesucht wird wie im Falle Hilgers oder auch z.B. auf Auslandsgastspielen, weist er den paukenden Bittsteller kalt ab oder sagt den Mitreisenden, dass er jederzeit ja weggehen könnte.

Abhängigkeiten

Damit unterstreicht er seine Exklusivität in künstlerischen wie finanziellen Dingen gegenüber der Staatskapelle wie in der Zeit: „Dank Gerhard Schröder haben wir die sogenannte Kanzlerzulage von 1,8 Millionen Euro – seit 2001.“ Womit er darauf hinweist, dass diese Kanzlerzulage auch vor allem an sein Engagement gebunden ist. Das wissen auch die Staatskapelle und Staatsoper. Und deren Mitarbeiter sollen möglichst nichts öffentlich kritisieren.

Omertà vor Arbeitsrecht

Neben den ehemaligen Mitarbeitern bezog auch die Geigerin Beate Schubert laut Welt und Merkur Stellung gegenüber Barenboim einen Vorfall auf einer Japan-Tournee betreffend. Das geschah zuerst öffentlich auf Facebook und ist nun nicht mehr einsehbar, wohl auf privat gestellt. Nicht nur das, Barenboim stellt breit im Zeit-Interview dar, dass sie sich quasi in den Staub warf: „Und die andere hat mir einen langen Brief geschrieben und sich entschuldigt, weil sie sich in der ganzen Sache missverstanden und instrumentalisiert fühlt. Einer der ehemaligen Kollegen sei ihr Freund, schrieb sie mir, also hat sie etwas auf seinem Facebookaccount gepostet, ohne zu ahnen, welche Wirkung das Ganze haben würde. Das sei nie ihre Intention gewesen.“ Man könnte zusammenfassen: Wehe denen, die Interna nach aussen tragen.

Wie wir sehen, trägt Barenboim selbst Interna nach Außen, statt seine ihm Anvertrauten fürsorglich zu beschützen. Bei der Geigerin fordert er alle anderen aktuellen Musiker der Staatskapelle zum Einhalten der orchestralen Omertà auf, dem Solo-Pauker konzediert er Schönklang, aber als Schlagzeuger Inkompetenz. So einfache Sachen wie Kollegialität und Arbeitsrecht stehen für ihn unter dem Gesetz der Musik. Er stellt ausführlich das Entschuldigen der Anderen dar, bedauert zwar ein wenig und drückt Empathie aus, macht aber andererseits subtil wie ganz offen seine kritisierenden Kollegen fertig.

Er weist zu Recht auf das in Sachen Verhalten Nichtjustiziable hin, wendet aber Taktiken, mit denem im Umfeld des Strafrechts im ebenfalls oft Nichtjustiziablen Opfer demontiert werden. Zugleich verweist er auf Anlaufstellen in Problemlagen, weiß um die Bemühungen des Kultursenators und Intendanten nun externe Berater miteinzubeziehen, weiß aber auch um die geschlossene Unterstützung des Orchestervorstands, der zuerst seine Solidaritätsadresse ohne Befragung der Orchestermitglieder ausdrückte, wie es die Welt vom 24.2.19 berichtete: „Und auch jetzt, in der ersten ernsten öffentlichen Krise, hat ihm der Orchestervorstand, in diesem sehr besonderen Klangkörper stets der verlängerte Arm des Chefs, nicht der Musiker, weiterhin die Gefolgschaft signalisiert. Ohne die Musiker zu fragen, wie man hört.“

Fazit

Dazu vermutet Barenboim eine Kampagne, weil er gerade über eine Verlängerung seines Vertrages über 2022 hinaus mit dem Senat verhandelt. Unter welchen Voraussetzungen eine Verlängerung möglich wäre: Wenn garantiert wäre, dass das Arbeitsrecht über dem Gesetz der Musik stünde, wie das Gesetz des Staates über dem der Religion steht, was hier aber anders herauszulesen ist.

Wenn der Orchesterleiter sich an die arbeitsrechtlichen Fürsorgepflichten hielte, hier aber gibt er Details aus Entschuldigungen preis. Wenn er hohen Respekt vor der künstlerischen Kompetenz seiner einzelnen Musiker und deren Namenspersönlichkeit hätte, hier aber unterminiert er wichtige Aspekte der Künstler ins Bodenlose und erklärt deren Namen zur Nebensache.

Ob eine Zukunft als Orchesterchef möglich ist, da lösen gerade diese Rechtfertigungsversuche höchste Zweifel in mir aus. Barenboim wollte hier die Deutungshoheit übernehmen, freuten sich die Interviewpartner über die herzlichen und nachdenklichen Eindrücke. Aber jede Seite sollte das Eigentliche nochmals genau nachlesen und sachlich interpretieren. Ich denke nach meiner Lektüre, dass Kollegialität und Fürsorgepflicht auch hier weiterhin massiv verletzt werden, statt zu beruhigen und eine gemeinsame Zukunft vorzubereiten.

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