Das Lutosławski-Experiment (Preview)

Berlin ist Gnade. Gnade des Genusses. Des Wohlseins. Des Alles-Habens. Hier gibt es: Ja, alles. Wir sind die besten – und ihr da draußen wisst es ganz genau. Aber, pff, wenn man in München oder anderen Dörfern halt mal Wurzeln geschlagen hat, dann muss man halt beispielsweise München verherrlichen. Auch, wenn das eigentlich gar nicht geht. Gefühlt gerade eben ist Young Euro Classic vorbei. Nach den weltbesten Jugendorchestern der Welt kommen jetzt die weltbesten Profi-Orchester. Zum Musikfest. Wie jedes Jahr.

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Ein Schwerpunkt-Komponist ist dieses Mal Witold Lutosławski (1913-1994), sicher auch wegen seines hundertsten Geburtstages. Trotzdem mutig. Es gibt bequemere Komponisten. Aber das Musikfest Berlin kann, darf es sich leisten, dass fast jedes Orchester, das in den nächsten Tagen (noch bis zum 18. September) auftritt, mindestens ein Werk von Lutosławski im Programm hat. Das ist mutig. Das muss man mal so sagen. Das meine ich nicht als Scherz. Selbst wenn innerhalb weniger Tage das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (aus dem von mir geliebten München – ich liebe München!), das Concertgebouw Orchester und das Philharmonia Orchestra auftreten, heißt das nicht, dass die Philharmonie automatisch ausverkauft ist. Obwohl sie das natürlich sein wird.

Witold Lutosławski: Ich habe mich bisher so gut wie gar nicht mit ihm beschäftigt. Ich kenne die (viel zu) frühen Paganini-Variationen für zwei Klaviere – aus irgendwelchen Klassenstunden in E15 (so hieß zu meinen Studienzeiten der Klassenstundenraum in der Musikhochschule Hannover – und ich denke, er heißt er immer noch so…). Sicher kein typisches Werk für Lutosławski. Und ich kann mich erinnern, wie mir mein Kontrabasslehrer damals begeistert erzählte, dass es in Lutosławskis Trauermusik eine Stelle gibt, in der das ganze Orchester denselben (also nicht nur den gleichen, wie bei zahlreichen Unisoni in diversen Werken diverser Komponisten) Ton spielt. Ein angeblich besonderer Augenblick – wohl auch intonatorisch…

Also mache ich in diesen Tagen das große Lutosławski-Experiment. Ziemlich vorurteilsfrei. Und offen für alles.

Ich werde folgende Konzerte besuchen:

Mittwoch, 4. September 2013 · 20.00 Uhr · Philharmonie

Witold Lutosławski [1913-1994]
„Musique funèbre“ für Orchester [1958]. In Memoriam Béla Bartók

Béla Bartók [1881-1945]
Klavierkonzert Nr. 3 [1945, rev. 1994]

Sergej Prokofjew [1891-1953]
Romeo und Julia (Suite) op. 64 b/c [1935]

Yefim Bronfman (Klavier)
Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam
Daniele Gatti (Leitung)

Freitag, 6. September 2013 · 20.00 Uhr · Philharmonie

Witold Lutosławski [1913-1994]
Konzert für Orchester [1954]

Béla Bartók [1881-1945]
Konzert für Orchester [1941-43]

Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks
Mariss Jansons (Leitung)

Montag, 9. September 2013 · 20.00 Uhr · Philharmonie

Claude Debussy [1862-1918]
Prélude à l’après-midi d’un faune [1892-94]

Witold Lutosławski [1913-1994]
„Les Espaces du Sommeil“ für Bariton und Orchester [1975]

Maurice Ravel [1875-1937]
Ma Mère l’Oye. Suite für Orchester [1911]

Witold Lutosławski
Symphonie Nr. 3 [1972/73]

Matthias Goerne (Bariton)
Philharmonia Orchestra London
Esa-Pekka Salonen (Leitung)

Wir sehen uns.

Author profile

Arno Lücker wurde 1979 in Braunschweig geboren. Seit 2003 lebt er in Berlin. Dort arbeitet er als Moderator und Dramaturg. Er ist Künstlerischer Leiter der Astronomie-Musik-Reihe "Himmlische Partituren" im Zeiss-Großplanetarium Berlin, arbeitet von Berlin aus für das Brucknerhaus Linz, schreibt Programmtexte für zahlreiche Orchester (Wiener Philharmoniker, New York Philharmonic), macht Konzerteinführungen in der Elbphilharmonie Hamburg, der Kölner Philharmonie und anderswo. Außerdem ist er Bad-Blog-Autor der ersten Stunde und arbeitet als Kurator für die Musikstreaming-App IDAGIO.

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1 Antwort

  1. Da kann ich nur sagen: Viel Spaß bei den Konzerten! Wenn ich nicht gerade im Endspurt meiner Dissertation wäre, dann würde ich dazu auch gerne nach Berlin kommen (aus meinem Dorf Leipzig). Die Sorge, dass Lutoslawski ein unbequemer Komponist für ein Festival wäre, kann ich allerdings nicht wirklich teilen.
    Ich habe mich mal einige Zeit lang recht intensiv mit seiner Musik beschäftigt und war damals regelrecht „besoffen“ davon. Auch jetzt, wo ich die Konzertprogramme vom Berliner Festival lese, überkommt mich die Lust, wieder einmal die CD und Partitur der 3. Sinfonie herauszuholen und mich damit aufs Sofa zu legen. Gerade dieses Werk hat es mir – als primus inter pares (denn mir gefallen viele seiner Werke ganz außerordentlich) – besonders angetan, da seine Technik der gelenkten Aleatorik zwischen getimed auskomponierten Passagen hier einen so klugen und gut durchbildeten dramaturgischen oder auch architektonischen Aufbau ausbildet, dass die Sinfonie einen unwiderstehlichen Sog entwickelt. Ich habe bei ihr das Gefühl, dass wirklich jede Note sitzt, stimmt, funktioniert und voll von Ausdruck und Aussage ist. Ich wäre definitiv sehr stolz und glücklich, hätte ich diese Sinfonie geschrieben („Leider nicht von mir“, um Brahms zu zitieren).
    Auch Les Espaces du Sommeil, das er für Dietrich Fischer-Dieskau geschrieben hatte, ist ein wirklich lohnender, fein- und tiefsinniger Orchesterliederzyklus (wobei dieses Wort es nicht genau trifft).
    Das Konzert für Orchester aus der vor-aleatorischen polnisch-nationalmusikalischen Phase wird bei dem Festival ein Selbstläufer und Publikumsrenner sein. Das ist geradezu ein Klassiker des 20. Jahrhunderts und wird jeden Zuhörer, der im Vorfeld Bedenken gegenüber dem hat, was ihn bei Lutoslawski so erwartet, sofort von den Sitzen reißen. Auch hier: Die Dramaturgie des Werkes, seine Proportionen, stimmen einfach und sind dafür gemacht, das Publikum zu überwältigen. Ich hätte ja eher gedacht, dass ein Avantgardist bei Lutoslawski, noch dazu beim Konzert für Orchester, beginnen würde, die Nase zu rümpfen, weil diese Musik zu populistisch sein könnte, als dass man ihn als unbequemen Komponisten bezeichnen würde.
    Mir persönlich sind aber beide Etiketten egal. Ich sehe in Lutoslawski einfach einen Komponisten, der sein Handwerk verdammt gut verstanden hat, dem es gelang, einen kompositorischen Ansatz zu finden, der ihm eine gewisse Unverwechselbarkeit bescherte, der in seinen Kompositionen Stil und Geschmack, dramaturgisches Gespür und Einheit in der Vielfalt verbindet.
    Ich bemerke, dass es in den letzten Jahren etwas ruhiger um Lutoslawskis Musik geworden ist. Deshalb freut es mich, von diesem Festival zu hören. Und deshalb nochmals: Viel Spaß und Ernst! Zurücklehnen und Genießen!