Chronologie einer Premiere (Belgisches Arbeitstagebuch, Teil 7, „The Tragedy Of A Friendship“ Fabre/Hertmans/Eggert

 

The Ankündigung


 

14.Mai 2013 (ein Tag vor der Premiere), 16:31

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Ich erfahre, dass Jan entschieden hat, die Generalprobe nicht öffentlich zu machen, da das Licht noch nicht fertig ist.

19:00

Trotz Besucherverbot versammeln sich doch einige Mutige um die GP zu besuchen. Einige werden von freundlichen Damen am Eingang der Oper abgewiesen, andere schaffen es mit Vitamin B, sich hineinzuschleichen. Manche sind extra angereist, um die GP zu sehen. Sie müssen unverrichteter Dinge abziehen.

19:20

Die GP sollte schon seit 20 Minuten laufen, aber bisher ist weder der Vorhang unten, noch läuft die von mir geplante Klangcollage für den Einlass. Jan ist hinter die Bühne und redet auf die Darsteller ein.

19:31

Der Vorhang geht runter und die GP beginnt mit halbstündiger Verspätung.

22:51

Obwohl es natürlich offensichtlich noch Probleme mit dem Licht (und auch mit dem Ton) gibt, geht die GP erstaunlich konzentriert und ohne große Katastrophen vonstatten. Die Reaktionen der wenigen Anwesenden sind sehr positiv. Ich gehe zu Jan um ihm zu gratulieren, er sagt einfach nur „it was shit, the light didn’t work“.

23:00

Es entfalten sich heftige Diskussionen mit dem technischen Team und der Leitung der Oper über zusätzliche Lichtproben. Ich verstehe nicht perfekt flämisch, aber es wird schnell klar, dass Jan die Premiere absagen will, da er sich einfach außerstande sieht, das Licht noch einzurichten. Intendant Aviel Cahn gibt sein Bestes die Situation zu beruhigen. Natürlich sind ihm aufgrund der Gewerkschaften – das wäre überall anders auch so – die Hände gebunden, was zusätzliche  Überstunden für die Beleuchter angeht. Wie durch ein Wunder macht er es möglich, dass einige Techniker ihre Privatzeit für zusätzliche Stunden zur Verfügung stellen. Doch Jan ist nach wie vor fest entschlossen, die Premiere zu verschieben. Eine irrsinnige Spannung liegt in der Luft. Eine Absage wäre sowohl künstlerisch als auch finanziell eine Riesenkatastrophe, so viel ist allen klar, auch Jan.

23:50

Nach stundenlangen ergebnislosen Diskussionen verlasse ich schließlich das Opernhaus mit dem sicheren Gefühl hier als Komponist weder vermittelnd helfen noch die Situation beruhigen zu können.  Der Abend verklingt mit einigen belgischen Bieren mit einem Teil des Teams, alle sichtlich ängstlich und verzweifelt. Währenddessen sind die anderen im Opernhaus zurückgeblieben, um mit Jan bis 3 Uhr morgens an der Beleuchtung zu arbeiten.

15. Mai, der Tag der Premiere

10:00 einigermaßen ausgeschlafen mache ich mich erst einmal kundig, was überhaupt an diesem Tag passieren wird. Niemand bei Troubleyn hebt das Telefon ab. Ist etwa der Super-GAU eingetreten? Ich frühstücke mit dem Intendanten des Theaters in New Jersey, der die Produktion im Oktober präsentieren will. Er ist extra aus den USA angereist, um die Premiere zu sehen.

12:00

Ich gehe zur Oper, wo die Schauspieler schon seit den frühen Morgenstunden proben. Anscheinend versucht man jetzt, die Premiere irgendwie zu stemmen. Ganze Szenen werden auf der Bühne einzig und allein wegen eines Lichtwechsels geprobt. Alle sind total überarbeitet und schweißgebadet. Einer unserer Darsteller – Kurt – wurde zudem noch in der Nacht ins Krankenhaus eingeliefert mit einem entzündeten Fuß. Er kann einen Teil der Aufführung nicht mehr realisieren, da er physisch nicht mehr dazu in der Lage ist und auf Krücken geht. Wie soll man das nur lösen?

17:00

Jan probt immer noch. Ich habe inzwischen geübt und komponiert (da es sonst nichts zu tun gibt). Ich gehe noch kurz im Stadtpark joggen. Mir begegnet eine Frau, die einen Kinderwagen schiebt. Als ich um die Ecke laufe, begegnet mir noch einmal dieselbe Frau, diesmal ohne Kinderwagen.  Ein paar Schritte weiter: Wieder die gleiche Frau, diesmal zwei davon. Vierlinge? Beginnender Wahn des Komponisten? Im Stadtpark begegnet sie mir noch insgesamt 21 mal, immer dieselbe Frau, manchmal mit Kindern, manchmal mit Ehemann, manchmal ohne.

Die Erklärung: der Stadtpark liegt im jüdischen Viertel von Antwerpen, dort geht es sehr orthodox zu, daher  ziehen alle Frauen exakt die gleichen Kleider an und setzen sich exakt die gleiche Perücke und exakt den gleichen Hut auf. Eine drollige Idee, und auch verdammt clever:  denn dann muss kein gläubiger jüdischer Mann je fremd gehen, da die Frauen der anderen Männer exakt so aussehen wie seine eigene Frau!

19:00

Als ich an der Oper ankomme, probt Jan immer noch. Draußen stehen schon Zuschauer, die aber noch nicht hereingelassen werden. Ich verteile Mozartkugeln hinter der Bühne – die Stimmung ist gespannt, aber alle sind froh, nach monatelanger Probenarbeit endlich vor Publikum spielen zu können.

19:43

Bis genau dahin wurde noch auf der Bühne geprobt, dann wird schnell der Vorhang runtergelassen und das Publikum darf den Saal betreten.

20:00

Die Vorstellung beginnt pünktlich.

20:07

Erste Lacher bei der Eingangsszene „Wagner. Richard Wagner.“ Cedric: „Wageenneeeeeeerrrrrr!“

20:37

Ivana beschwört mit schneidender Stimme den „Holy Golden Shower“. 50 Personen verlassen nach der ziemlich realistischen direkt folgenden Vergewaltigungsszene mit einer schrill kreischenden Anna (Darstellerin) spontan den Saal. Ungefähr die Zahl, auf die ich getippt hatte. Im Folgenden wird das Klappen einer Türe beständiges Hintergrundgeräusch, je nach Intensität einer Szene mal mehr, mal weniger. Der Rest des Publikums schaut zunehmend gebannt zu.

21:03

Bei der so genannten „Ertrinken-Szene“ sehe ich auf der Bühne einen Mann, den ich noch nie zuvor gesehen habe. Zuerst denke ich, in einem spontanen Paralleluniversum gelandet zu sein, aber dann wird mir klar, dass es sich um den Ersatz für Kurt handeln muss, der nun bestimmte Szenen an seiner Statt spielt. Wie ich später erfahre hatte der Einspringer genau eine halbe Stunde Probenzeit mit Jan vor seinem Auftritt.

21:35

Lies (unsere Sängerin) hebt in einer der schönsten Szenen die Arme und singt den Erda-Monolog über die Klänge der „Rheingold“-Ouvertüre (was erstaunlich gut funktioniert). Aus mir vollkommen unerklärlichen Gründen verlassen ausgerechnet bei dieser Szene noch einmal besonders viele Leute den Saal. Fanatische Wagnerianer? Sakrileg? Warum soll man gehen, wenn eine schöne Frau schön singt und dabei weder vergewaltigt wird noch jemanden erwürgt (wie vorher mehrmals zu sehen war)? Manchmal versteht man die Menschen nicht.

22:03

Großes Gelächter bei der so genannten „Dwarf-Scene“. Die Darsteller sind hier besonders grandios heute Abend.

22:15

Die 16-minütige „Fucking-Scene“ (Probenjargon) beginnt. Nomen est Omen.  Zunehmend ungläubig beobachtet das Publikum diese bewusst ins Endlose ausgedehnte aber dennoch auch genialische, will sagen genitalische Szene.

22:16

Die gesamte 3. Reihe steht geschlossen auf und geht unter Protest.

22:17

Eine Tür wird ganz besonders zornig zugeklappt. Manche Zuschauer beginnen nervös zu murmeln.

22:24

Mitten in der „Fucking-Scene“:  Eine sehr alte und gebrechliche Dame neben mir steht langsam auf und geht aus dem Saal. „Die hat jetzt wohl auch genug“, denke ich mir.

22:27

Die alte Dame kehrt zurück! Sie war wohl nur auf der Toilette. Gebückt und tatterig geht sie wieder zu ihrem Platz und schaut das Stück konzentriert bis zum Ende an. Es gibt alte Menschen die im Geist jung und Junge Menschen die schon mit 20 die größten Megaspießer sind.

22:31

Die „Fucking-Scene“ endet. Spontan brechen einige im Publikum in Applaus aufgrund der enormen physischen Leistung der Darsteller aus, es gibt gleichzeitig Buhrufe: „boring!“. Meine Sitznachbarin, die fantastische Koloratursopranistin Liselotte Mostinckx – Blogleserin der ersten Stunde – ist sogar ein bisschen enttäuscht „Ich dachte, die wollten auf die Bühne sch…!“. Ich erkläre ihr, dass das doch nur eine Probenimprovisation war. Und da war die Sch…. auch nicht echt.

22:34

Tristan und Isolde werden an einer Kleiderstange aufgehängt und versuchen im Folgenden singend einander zu finden.

22:49

Die „Meistersinger“ (Probenjargon: „Meisterswinger“)  – Szene beginnt. Stoltzing  pflückt Rosen, die aus den geöffneten Beinen der Darstellerinnen gewachsen sind.

22:56

Gustav: „Pfeeeeeeerd!“. Solene wird zärtlich gestreichelt.

23:04

Ivana (Darstellerin) verkündet den „Death Of Music“ zum „Scream of Kundry“ und hantiert mit der stöhnenden und vor Blut triefenden Wunde von Amfortas.

23:15

Wagner und Nietzsche kriechen über die Bühne und leiten das Ende des Stückes ein. Als sie am Bühnenrand angekommen sind, werden sie mit faulen Eiern beworfen. Bricht jetzt die letzte Hemmschwelle? Nein, liebe Freunde, das ist Teil des Stückes….nicht dass ihr so etwas denkt vom wohlerzogenen Antwerpener Publikum. Die große Mehrheit ist ja auch geblieben! Eigentlich ein sehr nettes Publikum.

23:16

Es ist geschafft! Ich hetze gemeinsam mit dem Librettisten Stefan Hertmans zum frenetischen Applaus. Jan kommt nicht, ist aber sichtlich glücklich und winkt. Vom Beleuchtungspult natürlich.

6:35

Die sehr fröhliche Premierenfeier endet und wir wanken in den viel zu hellen Antwerpener Tag.

 

„Theater, Theater, das ist meine Welt“ (Katja Ebstein)

 

Moritz Eggert

Geheimnisvolle Bühnenmarkierungen befeuern die Imagination

Jan Fabre und schöne Frauen bei der Besichtigung der Probenfotos

Besoffene Hosenfotos

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