Nachruf auf….

Er ist im Alter von siebenundneunzig Jahren in Paris verstorben. Er war kein Universalist.

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Das deutsche Feuilleton konnte sich gar nicht genug wundern über das Auftauchen eines fast 90-jährigen. Er war ein stiller Tüftler, der ein Leben lang feilte. Ins Rampenlicht drängte es ihn nie. Es stand über ihn nichts in der Zeitung.

1916 im nordfranzösischen Angers geboren, war er zuerst Gymnasiast und bereiste dann die Welt.  Schon wenige Monate später jedoch kehrte er nach Paris zurück: Der Zweite Weltkrieg war ausgebrochen. Ein Jahr lang diente er bei den Sanitätern, ab 1940 hielt er sich über Wasser.

Das Jahr 1945 war nicht nur für Europa, nicht nur für Frankreich ein Jahr der Befreiung und des Neuanfangs. Nach dem Kriegsende begann auch sein Leben neu. Die Stelle beim französischen Rundfunk, die er 20 Jahre lang innehaben sollte, sicherte ihm nicht nur eine unabhängige Existenz, sondern auch einen regen Austausch. Neue Strömungen berührten ihn wohl, rissen ihn aber nicht mit: Er ließ Einflüsse zu, schloss sich jedoch keiner Strömung an. „Die meisten meiner Freunde sind Künstler“, sagte er mehr als ein halbes Jahrhundert später in einem Interview mit dem Guardian.

1947 heiratete er Geneviève Joy.

Immer wieder hatte er ergänzt und verdichtet. „Es ist kein Scherz“ beschrieb er seinen Arbeitsprozess einmal selbst. Der entwickelte dabei eine eigene Zeitrechnung. „Ich zweifle ständig. Deswegen überarbeite ich so oft. Gleichzeitig bedauere ich, nicht produktiver zu sein“, erklärte er dem Guardian.

Bedenkt man, dass er, 1916 in Angers geboren, schon 1938 zur Prominenz Frankreichs zählte, dann kann man ermessen, wie relativ rar er sich machte, wie eigensinnig und selbstkritisch zugleich er war-

Entsprechend hat er am Habitus des Konservativen festgehalten. Fast ist man geneigt, an eine schöne zeitgenössische Karikatur zu denken. Dies ist nicht im Sinne altmodischer Verschrobenheit à la Spitzweg gemeint, sondern als Hinweis auf die konsequente Konzentration.

„Konservativ“ war denn auch seine unbeirrbare Treue zum Langwierigen. Denn dass er mit den progressiven Tendenzen vertraut war, versteht sich. Insofern lag immer ein distinkter Ansatz zugrunde. Ebenso wenig war es Zufall, dass er am 22. Januar 1916 in Angers geboren wurde. 1919 zog seine Familie in den Norden Frankreichs um. Schon 1938 musste er seinen Rom-Aufenthalt wegen des Kriegsausbruchs abbrechen. Er hielt sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser, trat 1943 der Radiodiffusion française bei und blieb bis 1963 in verschiedenen Funktionen bei dieser Institution.

1970 schließlich berief man ihn als Professor, doch war er bald wegen seines Augenleidens und eines Unfalls gezwungen, diese Stelle aufzugeben.

Sein Ruf kommt nicht von ungefähr. Seine Ausgangspunkte waren das französische Erbe. Sein feines Gefühl für Maß und Gleichgewicht zeugt davon. Vor allem seit 1944 hat er sich nachhaltig mit Problemen auseinandergesetzt. Das heißt, dass es für ihn von einem einmal erreichten Standpunkt auch kein Zurück mehr gab. Modeströmungen hat er keine mitgemacht. Es ging ihm um die Reinheit des Gedankens.

Und so konnte er sagen: «Ich glaube an tägliche Arbeit.» Doch ist die Anstrengung nicht mehr anzumerken.

Er pflegte auf André Gide hinzuweisen, der in seinem «Journal» schrieb, dass man von der Hefe der Fremde profitiere. Für ihn selbst sei diese «Hefe» auf eine gewisse Weise Zentraleuropa und Russland gewesen.

Am 22. Mai 2013 ist er im Alter von 97 Jahren in Paris gestorben.

Und wer sich jetzt über diesen seltsamen Text wundert, hier die Erklärung: Das deutschsprachige Feuilleton hat den großen Komponisten Henri Dutilleux zu Lebzeiten komplett ignoriert (bis auf einmal, als er den Siemens-Preis bekam….da musste man allerdings erst einmal den Lesern erklären, wer er eigentlich ist). Daher erschien es mir nur angemessen, aus allen deutschsprachigen Nachrufen obige Kollage zu konstruieren, aus der konsequent der Name Dutilleux sowie jegliche Bezugnahme auf sein musikalisches Schaffen entfernt sind.
Insofern ist der obige Nachruf wesentlich ehrlicher und authentischer, denn genau so wie oben wurde Dutilleux vom Feuilleton hierzulande bisher behandelt.

Moritz Eggert

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1 Antwort

  1. Ich verstehe deinen Artikel auch als indirekten Kommentar zum gleichgeschalteten (ja: GLEICHGESCHALTETEN) Richard-Wagner-Feuilleton dieser Tage. Chapeau!