Rücktritt von Benedikt XVI. – Rückschritt für die Kirchenmusik?

„Keine banalisierte Massenmusik“, „geschichtlich bewährte Musik“, „nicht rhythmische Ekstase, nicht sinnliche Suggestion oder Betäubung, nicht subjektive Gefühlsseligkeit, nicht oberflächliche Unterhaltung sein“. Das klingt beinahe nach einem bisher vergessenem Plädoyer Adornos für „Neue Musik“. Es sind aber Zitatfetzen des am 28.2.2013, 20 Uhr MEZ, Papstes Benedikt XVI. (aufgeführt in Peter Bubmann, Papst Benedikt XVI. als Musiktheologe, in: Musik und Kirche, Heft 4/5, Jahrgang 2005, Bärenreiter-Verlag Kassel). Dies wird seitens der Anhänger des „Neuen Geistlichen Liedes“ (NGL) als Generalangriff auf ihre Bemühungen verstanden, Popularmusik aller Couleur mit Anforderungen des 2. Vatikanischen Konzils zu verknüpfen, womit sie den Kirchenraum für Fans von Jazz, Gospel, Pop und Rock öffnen wollten, diese Menschen nicht latent kirchenfern sein lassen wollten. Ich wiederum verbinde mit dem NGL Erinnerungen an Lieder wie „Danke für diesen Morgen“, dessen negativer Eindruck auf mich erst durch Christoph Marthalers berühmten, sich in menschliche mickey-mouse Stimmregister hochschraubenden theatralen Einsatz geheilt werden konnte. Ein Teil meiner ersten Kompositionsversuche wurden im Rahmen der katholischen Kirchenmusik meines Vaters ausprobiert, zog mich selbst die vorkonziliare lateinische Messe an, ohne zu wissen, was es damit auf sich hat. Traktierte mich als Jugendlicher eine ins evangelikale abrutschende Freundin, entwickelte ich kurzfristig als Gegenmittel gregorianische Attitüden. Als bekennender Schwuler habe ich mich allerdings kurz darauf bis auf wenige, sehr persönliche Ausflüge, wie eine karge „Kleine Concordia Fastenmesse“, von all diesen Implikationen entfernt. Lese ich allerdings die o.g. Textfetzen, des meine Lebensart förmlich verfolgenden Noch-Papstes, wird mir doch irgendwie warm ums Herz – ein unauflösbarer Widerspruch, eben jene berühmten zwei Seelen „ach, in meiner Brust“. Dessen inquisitorisches Gebaren war wohl selbst zu seinen Studienzeiten schon ersichtlich, wie mir vor vielen Jahren aus dem Umfeld eines seiner Kommilotonen, eines Münchner Stadtpfarrers, erzählt worden ist, kann wohl niemals die Rede einer Wandlung von einem 2.-Vaticanum-Lamm zum gestrengen Wächter der Lehre sein – mögen das Andere mal konziser nachweisen.

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Erstaunlich wie das dezidiert auf musikalische Qualität setzende Diktum Benedikts, aus einer Zeit, zu der er noch simpel Ratzinger genannt wurde, doch mit dem Anspruch eines durchschnittlichen Komponisten der Neuen Musik zwischen mittlerem Henze und spätem Lachenmann korrelieren kann. Allerdings hat sich die Neue Musik selbst eher aus dem Kirchenraum entfernt, setzen katholische Kirchenmusiker eher auf gemäßigte Moderne, vorsichtige hindemithähnliche Assonanzen können dort schon das Extremste sein. Bei Lichte betrachtet ergeht es aber der Neuen Musik in der Kirche nicht anders als in den Konzertsälen der Hochkultur: akzeptiert, solange sie nicht Überhand nimmt, am Besten auf Festivals und Nachtkonzerte beschränkt. Ein solches Ereignis sind im Dreijahresabstand in Bayern die „Tage Neuer Kirchenmusik“. 2012 fanden sie wiederholt statt. Das meiste war Musik zwischen Martin und Rutter, mit den Feigenblättern tonaler Penderecki, Pärt und Messiaen versehen, fehlt z.B. nur noch Gubaidulina. Also immerhin ganz schön beachtlich! Allerdings handelt es sich dabei um ältere oder bereits verstorbene Größen der zeitgenössischen Musik. Garniert wurde dies hier und da noch mit Werken von Enjott Schneider oder Robert M. Helmschrott, die mal leichter, mal strenger die Kurve zwischen Populärem oder gemäßigter Moderne zu Neuer Musik hin beschreiten und darin im kirchlichen Rahmen doch Beachtliches leisteten. Unwohl wird mir bei den jüngeren Jahrgängen: die späten Sechziger und Siebziger jonglieren mit freundlichem Jazz oder Max-Regerhaftem. Auffällig sind dann wieder die achtziger Jahrgänge, wie z.B. der von Franz Hummel beeinflusste Steven Heelein, der als klassischer B-Kirchenmusiker wirkt und sich trotzdem immer wieder traut, seine Hörer mit Neuer Musik zu konfrontieren. Ich nehme mal an, dass er als noch sehr junger Feuerkopf damit wertvolle Basisarbeit leistet und so peu a peu die Köpfe und Herzen seiner Gottesdienstbesucher für sich einnehmen kann. Allgemein betrachtet scheint im Rahmen der katholischen Kirche dieses Feuer auf solche Festivals beschränkt zu sein.

Mit dem Rücktritt des Papstes ist sogar eher mit einem verstärktem Aufleben des „Neuen Geistlichen Liedes“ zu rechnen, wo doch der deutschsprachige Hauptkritiker nun abgedankt haben wird. Was sich für die gesamte Kirche in Deutschland vielleicht als entlastend abzeichnen könnte, wenn die Bundesrepublik nicht mehr als Papstland so im Blickwinkel der kirchlichen Welt stehen dürfte wie jetzt, kann sich auf die sakrale Musik, sofern sie eher lateinisch oder im Sinne der Neuen Musik gefärbt ist, gegebenenfalls negativer auswirken. Auch wenn ich beim im Juni anstehendem ADEvantgarde-Festival mehr für die Häresie im Club zuständig sein werde, bin ich dennoch gespannt, wie sich das letzte Konzert des Festivals, „Ite missa est“, entwickeln wird: Die KollegInnen Ruby Fulton, Volker Nickel, Johannes Schachtner, Rudi Spring und Manfred Stahnke werden die komplette Musik einer katholischen lateinischen Messliturgie vertonen. Als Bonmot sei bemerkt, dass die öffentlichen Förderer unmissverständlich klar machten, dass keinenfalls ein dazu passender Gottesdienst gefeiert werden dürfte, was natürlich spannend gewesen wäre, wenn vorkonziliare Pracht auf Neue Musik gestossen wäre. Man beruft sich dabei auf wohl auch wirklich gebotene Neutralität der öffentlichen Hand in solchen Hand, bedenkt man andererseits, wieviel Finanzmittel wiederum die Kommune in das Sozialsystem der kirchlichen freien Träger pumpt, die dann jederzeit ansprechbar sind, derweil die Kommune Gleit- und Brückentage geniesst, tut sich da wieder ein ganz anderer Widerspruch auf, der eher was für Günther Jauch sein dürfte.

Es bleibt also zu hoffen, dass solche Kollegen wie Steven Heelein in Zukunft ihre experimentelle Kirchenmusik weiterhin pflegen können und sich nicht musikalisch der moderne, quasi-evangelikale Konservatismus wieder behaupten wird. Ich nehme mal an, dass sich die Neue Musik auch eines Steven Heelein eher auf das 2. Vaticanum als das Tridentinum beruft. Die Chance für gehaltvolle, liturgische Machbarkeit und individuelle Absichten liegt eher in einer Musik, die sich nicht brav anpasst wie die nachkonziliare populäre Kirchenmusik, sondern tatsächlich im Geiste einer hohen Kompositionskunst eines Josquin Deprez oder Giovanni di Palestrina mit den tönenden Höhen und Niederungen unserer Tage auseinandersetzt. Sagen wir es so: wenn die Kirche offener werden will, dann heisst das nicht Verdrängung des einen oder anderen, sondern eine Heimat für die Vielfalt ihrer eigenen Geschichte zu sein, so dass ein homosexueller Komponist alte lateinische Messliturgien vertonen kann, die trotzdem ihren Platz in einem Sonntagsgottesdienst finden können, ohne dass dieser Komponist entweder seine sexuelle Orientierung oder seine experimentellen Musik-Avancen in der Kirchenöffentlichkeit verschweigen muss. Interessant wie z.B. schwule Kirchenmusiker nicht total offen leben können und dennoch eher zum neuen nachkonziliaren Konservatismus einer populären Kirchenmusik tendieren, derweil der Nicht-Kirchenmusiker, der Komponist, also ich, der in einer seiner frühen Oper tatsächlich Männer Männer im doppelten Sinne des Wortes nageln ließ, sei es sexuell oder sich gegenseitig ans Scheunentor, die Nähe zur „alten Messe“ sucht – irgendwie total verquer! Dem wird, wie gerade gesagt, nur eine Öffnung und Gelassenheit der katholischen Kirche in alle Richtungen Rechnung tragen können. Sonst erklären sich selbst diese merkwürdigen, schwulen Paradiesvögel gegenseitig zu Ketzern, ganz ohne Kreuz-Net.

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1 Antwort

  1. Willi Vogl sagt:

    Als Komponist kann man über jede(!) Äußerung eines Kirchenführers zur Musik dankbar sein – erhält man doch damit die Möglichkeit in Wort und Ton Stellung zu beziehen. Die Äußerungen von Papst Benedikt XVI. lassen sich erfreulicherweise vor allem auch auf die klangliche Komponente der Kirchenmusik beziehen. Die daraus resultierenden Deutungsperspektiven und konkreten stilistischen Zuordnungsmöglichkeiten sollten jedoch nicht automatisch mit einem ästhetischen Wegweiser gleichgesetzt werden!
    Meine beruflichen Kontakte sowohl zur katholischen als auch zur evangelischen Kirchengemeinschaft führten regelmäßig bereits während der Komposition eines neuen Stücks für die Kirche zu hilfreichen Rückmeldungen. Diese bezogen sich jedoch ausschließlich auf die Textkompatibilität im Hinblick auf eine kirchenkonforme Botschaft. Mit der Textwahl begibt man sich so auf eine reizvolle Gratwanderung über den Schluchten naiver Anbetung, kritischer Hinterfragung oder auch ironischer Provokation. Im Extrem liefert man damit entweder den theologischen Aufhänger für eine hymnisch wahrgenommene musikalische Aufführung oder aber den blasphemischen Sargnagel auf dem Weg zur eigenen Inquisition.
    Wenngleich Textbekenntnis und ästhetische Position nicht klinisch voneinander zu trennen sind, dürften die interessanteren Fragen die Fragen nach den strukturellen Verknüpfungsqualitäten innerhalb einer bestimmten Stilistik sein. Zu diesen Fragen gab und gibt es von den Kirchenführern auf allen Ebenen – leider oder zum Glück – keine Verlautbarungen.