Komponieren können. Anton Ruppert.

Wenn ich auf die Seite des Bad Blog gehe, stehen ja links immer diese Schlagzeilen. Im Moment steht da: „Komponieren dürfen, wollen und müssen“. Was leider nicht da steht, ist: „Komponieren KÖNNEN“, und das tun dann doch irgendwie vergleichsweise wenige.

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Einer von diesen ist Anton Ruppert, der in diesem Jahr 75 wird. Und damit sind wir wieder beim Thema München.

Anton oder eigentlich „Toni“, wie ihn seine Freunde nennen, ist eine der Lichtgestalten unserer Stadt, einer der liebenswürdigsten Kollegen und gescheitesten Menschen, die ich kenne. Und Komponieren kann er auch. In keiner anderen Stadt als München kann ich mir Toni vorstellen, ihn, den geschickten Pianisten, Dirigenten und Komponisten von originellen, wundersamen, verrückten, skurrilen, anrührenden Stücken, darunter vielen für singende Säge. So anrührend, dass er sogar die führende Virtuosin dieses Instruments heiratete.

Toni ist überall, wo in München Musik gespielt wird, und zu allem kann er etwas Intelligentes sagen. Ist die Unterhaltung verbissen geworden, geht z.B. das Lamentieren oder Frustgeschiebe los, freut man sich, wenn Toni dazu stößt und seinen Kommentar abgibt. Plötzlich ist die Luft wieder frei, und man kann wieder Freude an der Musik empfinden. Das kann er: Freude an Musik vermitteln. An der Staatsoper saugte er als blendender Korrepetitor auch viel Opernluft ein, und geschwind – wie es bei Toni immer geht – kamen eigene Opern dabei heraus, z.b. „Baumeister Solness“ und „Und Pippa tanzt“.

Als Komponist ist Ruppert vollkommen unterschätzt, weil er sich nirgendwo aufdrängt, nirgendwo karrierebewusst agiert. Er folgt den Tönen, und das Komponieren ist bei ihm Lust, keine Quälerei. Das hat z.B. auch ein Pierre Boulez erkannt, der u.a. seine Musik dirigierte.

Zu seinem Geburtstagskonzert, das diesen Sonntag in München stattfand, schrieb ich folgendes:

„Ich erinnere mich an meine erste Begegnung mit Anton Rupperts Musik. Damals spielte ich Klavier in Roger Epples Ensemble für Neue Musik, wir waren unterwegs in Kiew, als Vertreter der Landeshauptstadt. Auf unserem Programm war auch ein Stück von Ruppert.

„Der schreibt die Musik so schnell auf, wie sie ihm in den Kopf kommt“, sagte Roger Epple zu mir, was mich damals ungeheuer beeindruckte. Ich fragte mich ob es möglich sei, noch schneller als der eigene Kopf zu sein.  Wenn es jemand kann, dann Ruppert, dachte ich.

Das Stück von Ruppert war fantastisch, es war eine knisternde,  höchst phantasievolle und energetische Musik. Das Knirschen der Feder auf dem Papier war zu Klang geworden, so etwas hatte ich noch nie gehört.

In den folgenden Jahren hatte ich das Glück, immer wieder mit den Rupperts zu tun zu haben. Sein Sohn dirigierte eine meiner ersten Orchesteruraufführungen, Anton selber korrepetierte meine Oper „Helle Nächte“ in der Staatsoper und war mir bei dieser schwierigen Produktion ein Freund und Unterstützer, auf den man sich immer verlassen konnte.  Einmal hielt man ihn sogar für meinen Vater. Darauf war ich stolz.

Lieber Anton, Du bist einer der wunderbarsten Kollegen, die ich kenne – zutiefst musikalisch, originell, voller Witz und Humor, voller Neugier auf das was kommt. Du bist einer der Gründe warum ich München (diese  ja auch nicht immer einfache Stadt), lieben kann. Nie würde ich daran zweifeln, dass Du Dir selber treu sein wirst. Und dafür bin ich, sind wir alle Dir dankbar.“

Dem ist nichts hinzuzufügen – Herzlichen Glückwunsch, lieber Toni!

Anton Ruppert

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9 Antworten

  1. Moritz, gibt’s von Anton Ruppert auch Musik im Netz? Meine Google-Suche war leider vergeblich :-(

  2. @Stefan: Leider ist da nicht viel zu finden, gerade zu heutigen Zeiten ist das natürlich sehr schade, da man dann für viele nicht existent ist. Ich glaube nicht, dass das von Ruppert eine ablehnende Haltung dem Netz gegenüber ist, er hat sich nur einfach bisher darum nicht gekümmert. Vielleicht kann das ja mal sein Sohn übernehmen? (Andreas Ruppert, Dirigent) – wenn er dies lesen sollte: Das wäre ein dringender Aufruf, mal Musik von Ruppert im Internet zu verbreiten!

  3. querstand sagt:

    Hallo Moritz! Schöner Artikel. Den Glückwünschen kann ich mich auf diesem Wege öffentlich auch nur anschliessen. Ich muss gestehen, zu meiner Schuld, dass ich es verpasste auch meinerseits Worte beizusteuern bzw. mich beim Konzert blicken zu lassen… Versinke gerade in Musikelektronikprogrammieren, bloggte in Schwaz und bin mit einigen Stücken hinterher. Was natürlich nix entschuldigt!! Vor 5 Jahren konnte ich ihm immerhin zum 70. meine Referenz erweisen, strickte aus seinem Namen und der Buchstabenzahl ein Geschenk. Am Sonntag selbst, Proben und Konzert mit leichter Muse…

    Anton Ruppert ist der reinste Wahnsinn! Jetzt, wo er seit einiger Zeit allein im Leben steht, hat er tatsächlich nochmals als Mann im hohen Alter seinen Stil geändert, von vorne begonnen. Mein ehemaliger Lehrer Zender schätzt ihn hoch ein. Die Frage, warum er und man vormals nicht schon mehr für Toni tat, da rätsle ich selbst… bzw. um eine hier übliche Antwort zu geben: die Dinge sind halt immer schon so gewesen… Also diese mal ändern!!!!!

    2006 sollte auch ein eigenartiges, solitäres Projekt stattfinden, das den üblichen Financiers aber zu unüblich erschien: Toni instrumentierte das Mozartrequiem für die Besetzung der letzten Lieder Griseys (Quatre chants pour franchir le soleil), Mozart mit Sax. und Steeldrums, verquickt mit Grisey, offene Stellen nach den Rekonstruktionen des entschlackten Originals ganz anders originell ausgefüllt. Der Dirigent und Initiator des diesjährigen Geburtstagskonzerts setzte sich auch damals dafür ein, vllt. hilft man ihm darüber hinaus, auch im Sinne der o.g. Appelle? Boulez oder Zender mit Ruppert bei der musica viva?!?

    Gruß,
    Alexander Strauch

  4. Deborah Marshall sagt:

    Lieber Moritz,

    danke Dir vielmals fuer den schoenen Artikel! Hast Du eine e-mail Adresse fuer Toni? Wenn ich ihn kenne (der damals sich auch geweigert hat, sich einen Handy zuzulegen), hat er keine. Wohnt er noch da in Pasing?

    Liebe Gruesse aus Colorado,
    Debbie

  5. querstand sagt:

    @ all: Ich denke, wir sollten jetzt nicht Adresse und Tel.nr. samt Mail, falls existent, online verkünden. Ich kann nur soviel sagen: wer die Kontakte von früher besitzt, zumind. die konventionellen, wird auch weiterhin den Betroffenen damit erreichen können. Nicht das Senioren heute nicht fleissige Netznutzer wären, mancher macht dies aber nicht, genauso gibt es Tonnen von hiesigen Jüngeren, die weder ein besprechbares Handy, noch einen Facebook-Kontakt, etc. haben. Immerhin gab oder gibt es eine Webpräsenz seiner Frau, der leider verstorbenen Singende-Säge-Virtuosin Anneliese Ruppert.

    Gruß,
    A. Strauch

  6. @ Moritz, Alexander et al.,

    jetzt bin ich immer noch so happy, dass mein Browser (Schleichwerbung wird in unserer schönen neuen Google-World nicht gemacht ;-) ) mir wieder das Bloggen hier ermöglicht dass ich glatt wieder meinen gestrigen Prinzipien (erst Orgakram etc. dann das Blogvergnügen) untreu werde. Aber ich kann mich dem Lob dieses Artikels nur anschließen und muss zu meiner Schande gestehen: ich kenne Anton Ruppert bisher auch noch nicht. Moritz, hast Du weitere Tipps zum kennen lernen, wie man an Aufnahmen o.ä. kommt? Es scheint symptomatisch, dass jemand wie er, der ja offensichtlich ein Mann der stillen, bescheidenen Vermittlung, der Taten, des Optimismus aber dabei gleichzeitig des NIcht-Sich-Aufdrängens (kein Karrieredenken) ist, über seinen Wirkungskreis hinaus zu wenig bekannt ist. Schade Warum muss dies eigentlich meistens bzw. immer wieder so sein…? Solange solche Fragen noch gestellt werden und nicht von allen mit fatalistischen oder „Lässt sich nicht ändern“-Antworten beantwortet werden, werden Menschen wie Ruppert nie aussterben.

  7. @ Annelise Ruppert, @ Alexander,

    hätt ich das vorher gewusst, hätte ich Annelise Ruppert mein kl. singende-Säge-Konzert gewidmet.

    Buon Giorno, jetzt aber wirklich an die Arbeit,

  8. Simon Tauschhuber sagt:

    Wie schön, dass A. Ruppert hier eine Würdigung findet. Seine Werke und Bearbeitungen sind immer etwas ganz Besonderes. Oft skurril, nie geistlos, immer einfallsreich und sorgfältig. Niemals zu dick aufgetragen. Auch wenn er keinen Wert darauf legt, seine böhmischen Musikantenwurzeln bleiben unüberhörbar. Er ist dabei immer auch ein aufmerksam hörender Zeitgenosse, einer, der sich immer wieder über die Unerschöpflichkeit der musikalischen Mittel freut. Nicht zu vergessen seine ungeheueren Verdienste bei der Eeinstudierung von Ur- und Erstaufführungen an der Bayerischen Staatsoper: Von B.-A. Zimmermann über Penderecki bis Reimann, ohne Ruppert im Souffleurkasten wäre der „Lear“ kein Welterfolg geworden. Ganz zu schweigen von der kundig-geistreichen Begleitung unzähliger Mozart-Rezitative aus dem Orchestergraben des Nationaltheaters.
    Noch einmal herzlichen Glückwunsch!
    Danke Toni!
    S.T.

  9. Als einer der beiden Organisatoren (der andere ist Florian Appel) des Geburtstagskonzerts für Anton Ruppert freue ich mich über die schönen Kommentare zu seiner Person und zu seiner Musik. Und ich denke, er wird sich auch sehr darüber freuen, über seinen Bauch streichen und sich gravitätisch verbeugen. Ich werde dafür sorgen, dass der eifrige Nicht-nutzer des Internets die Elogen zu lesen bekommt.
    Der BR hat das Konzert mitgeschnitten und wenn ich den Sendetermin erfahre, werde ich ihn hier veröffentlichen. Ansonsten gibt es beim Funk (BR) eine Reihe von Aufnahmen, aber soweit ich weiß gibt es keine offiziell erhältlichen CDs, nur private Mitschnitte.
    Eine Quelle, von der man mehr über ihn erfahren kann ist die Festschrift, die zu seinem Geburtstagskonzert veröffentlicht wurde. Darin enthalten sind Grußworte von Freunden, Kollegen, Wefggefährten: u. a. von Helmut Lachenmann, Hans Zender, Peter, Eötvös, Jörg Widmann und eben Moritz #eggert (s.o.). Dazu ein ausführliches Interview mit ihm und ein Werkverzeichnis.
    Erhältlich bei mir:

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