„mit guter neuer Musik konsequent unterversorgt“

…so schrieb Reinhard Brembeck am 4.10. in der SZ anlässlich seines Kniefalls vor Pierre Boulez und dessen Konzert in der „musica viva“. Er meinte natürlich: München. München, diese angeblich armselige, verlauste Provinzstadt, in der ja nun wirklich gar nichts los ist, außer es kommt der Meister Boulez und erweckt uns aus unserem Dornröschenschlaf.

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Über das Phänomen Boulez habe ich oft nachgedacht – bei allem Respekt vor diesem Künstler: ist es nicht interessant, dass seine Bewunderung im selben Masse ZUnimmt, wie sein kompositorisches Output ABnimmt? D.h. jetzt, wo sein kompositorisches Output gen null geht, es also schwierig ist, ihn überhaupt als etwas anderes als großen Dirigenten und gewieften Kulturmachtmenschen zu sehen, ist seine Verehrung am Gipfel angelangt, also nicht mehr zu toppen. Vielleicht ist das ein guter Karriereschritt für andere Komponisten? Einfach nichts mehr Neues komponieren und nur noch Altes überarbeiten, ad infinitum. Die Verehrung wird euch sicher sein – das Überarbeiten der alten Stücke wird als bewundernswert skrupulös empfunden werden (nur ein zweifelnder Künstler ist ein guter Künstler) und gleichzeitig überfordert man auch niemandem mit – Gott bewahre – einem neuen Stil oder einem radikalen Bruch mit dem bisherigen Schaffen. Dabei fände ich es eigentlich ziemlich cool, wenn bei Boulez so etwas noch einmal passieren würde – es ist nie zu spät für neue Einsichten. Dann würde ich sagen: Respekt! Yo, Man!

Aber das ist ein anderes Thema, eigentlich wollte ich ja über das alte Horn schreiben, in das Brembeck jetzt zum ungezählten Mal hineingeblasen hat, nämlich das Horn, auf dem „Ruf nach mehr Neuer Musik in München“ draufsteht, und das immer wieder mal, wenn es zu staubig geworden ist, aus der Besenkammer herausgeholt und kräftig durchgeblasen wird.
Manchmal frage ich mich, wie viel Neue Musik eigentlich noch nach München kommen soll, bis sie endlich mal als solche wahrgenommen wird. Oder sehen Menschen wie Brembeck den Wald vor lauter Bäumen nicht? Ständig wird in München Neue Musik gemacht, ein Festival jagt das andere, es gibt die weltweit einzige regelmäßige Reihe Neuer Orchestermusik (musica viva), das weltweit einzige Festival Neuen Musiktheaters (Münchener Biennale), eine lebendige freie Szene, vielfältigste Möglichkeiten und Förderungen für junge Komponisten, zahllose Ensembles, die sich speziell verschiedensten Spielarten Neuer Musik widmen, eine großartige Theaterakademie, die zusammen mit der Musikhochschule den Studenten ein wunderbares Experimentierfeld gibt, zahllose Spielorte, und und und…
Aber ach, es ist nicht genug.
„Aber Moment“, würde R. Brembeck jetzt sagen, „Du magst Recht haben, lieber Moritz, all dies gibt es, aber es ist halt nicht…gut!“.

Aber dann frage ich mich: wo ist denn die Neue Musik „gut“? Sicher ist, sie ist immer dort gut, wo man selber nicht ist. Daraus folgt auch das so genannte „Brembecksche Gesetz“, das besagt, dass die Entfernung Neuer Musik zum Marienplatz in München mit ihrer Qualität korreliert. Daraus folgt, dass die beste Neue Musikszene auf der Osterinsel oder in Neuseeland zu finden ist.

Aber seltsam: Egal mit welchen Komponisten aus welcher Stadt ich rede, eigentlich hört man immer nur Gejammer. Zu wenig Geld, zu wenig Chancen, alles geht den Bach runter. In Berlin, Hamburg, Stuttgart, London, New York. Die Frisur sitzt aber (mit 3-Wetter-Taft), immerhin.
Im Grunde muss man schauen, wo im Vergleich am wenigsten gejammert wird, und dort ist es dann vielleicht ganz ok. Dazu würde München dann ganz sicher gehören, zumindest nach diesem Kriterium. In München wird eher über zu hohe Mieten gejammert als darüber, dass es zu wenig Förderung von jungen Komponisten gibt. Es gibt in München so viel Förderung, dass manche Freunde von mir dasselbe Stipendium oder den selben Förderpreis gleich mehrmals bekommen haben, da man gar nicht mehr weiß, wem man das noch geben kann. Klar, es traut sich ja keiner her, weil in der Zeitung immer steht, dass es uns hier so schlecht geht.

Aber dennoch: man muss mal den Satz genau anschauen“ mit guter neuer Musik konsequent (sic!) unterversorgt“. „Konsequent unterversorgt“, das klingt schon ziemlich radikal. Ich denke mal, es gibt nur wenige Orte in der ganzen Welt, wo das wirklich so ist. Nordkorea würde wohl dazu gehören, vielleicht Afghanistan, einfach, weil die Leute andere Probleme haben. Aber ich denke mal, dass man das von München jetzt nicht direkt sagen kann – und selbst wenn man eine konsequent ablehnende Haltung gegenüber der heimischen Musikproduktion hegt und pflegt wie scheinbar Reinhard Brembeck, muss man doch zumindest eingestehen, dass ständig jemand zu Gast ist und irgendwo in München ein Konzert hat. Und irgendjemand davon ist ja vielleicht auch mal „gut“, nicht nur die Bouly-Parade aus Paris.

Einer altgedienten Konzertreihe in München geht es in diesen Tagen nicht so gut, nämlich den von Josef Anton Riedl gegründeten „Klang-Aktionen“. Zu den „Klang-Aktionen“ habe ich eine Art Hassliebe – einerseits war ich immer froh darüber, dass es sie gab, andererseits fragte ich mich manchmal, ob es manchmal auch ein bisschen weniger Papierzerreissen, Konzeptkunst und Lautpoesie sein könnte. Aber ich will nicht kleinlich sein: Riedl hatte immer seine Linie und dafür gebührt ihm Respekt. Yo, Man!
Nun wurde aber ausgerechnet den Klang-Aktionen der Saft abgedreht – die Gründe hierfür sind vielschichtig. Hierzu zu Wort gemeldet hat sich der in der freien Münchener Szene sehr verdiente Ulrich Müller, der auch mit Riedl die letzten Klang-Aktionen betreut hat, in seinem Blog, den ich hiermit gerne empfehle. Wenn man die Website der Klang-Aktionen im Internet aufruft, bleibt der Bildschirm weiß.

Wer Müllers Text liest, kriegt vielleicht einen kleinen Einblick in die Münchener Musikszene, und man wird feststellen, dass es dort auch nicht so anders zugeht als in Berlin. Nur dass man in Berlin natürlich angeblich ständig konsequent mit guter neuer Musik überversorgt wird. Oder was sagt unser Hauptstadtkollege, Arno? Was sagen die Kollegen aus Stuttgart und Frankfurt, Patrick und Mathias? Wo ist man in Deutschland am meisten mit Neuer oder neuer Musik unterversorgt?
Ich würde sagen in Gevelsberg.

München bleibt immerhin eins: Seine Exzentrik. Hierzu schrieb ich in meinem Artikel „Die Lachende Provinz“ für die NZ, 2005:

…in einer gewissen Exzentrik liegt die Natur Münchens. Keine andere Stadt Deutschlands heißt Exzentriker so willkommen. Und die erfolgreichen Exzentriker unter den Komponisten waren die Eigenwilligen, die sich am wenigsten um Stil und Zeitmoden geschert haben. Insofern mag die Hoffnung bestehen, daß die goldenen Zeiten Münchens keineswegs vorbei sind, vielleicht gerade erst beginnen, denn welches Genre hätte im Moment Exzentrik und Eigenwilligkeit nötiger, als die Neue Musik? Und welche Stadt in Deutschland bietet der musikalischen Eigenwilligkeit mehr Raum?
Und so leuchtet und lacht sie weiter, die Provinz.
Möge sie es noch lange tun.

Moritz Eggert

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10 Antworten

  1. …feine Analyse einer scheints verfahrenen Situation, lieber Eggy. Das Buhlen um Zuschüsse der öffentlichen Hände überdeckt an vielen Orten, nicht nur in München, die selbstbewusste Präsentation mehr oder weniger ausgezeichneter Initiativen. Wenn das Lamento über angebliche Verteilungsungerechtigkeiten bald mehr Kraft kostet und lauter klingt, als das eigentliche Klang-Ereignis, läuft viel schief. Mit Neidbeissen, Gerüchten, Diffamierungen aller Art und Seilschaften-Tauziehen ist der kreativen Szene null geholfen. Eher mit Netzwerken auch über vermeintlich unüberbrückbare ästhetische oder politische Gräben hinweg – und mit unserer konstruktiven Phantasie. Da scheint mir die MGNM samt Nikolaus Brass (feiner, diskussionswürdiger Beitrag in der jüngsten nmz) und Minas Borboudakis auf einem prima Weg. Und vielleicht tut sich ja auch was bei der Neuwahl des GNM-Präsidiums am Freitag in Donaueschingen. Anbei der Link zu einem kleinen Regensburger Beispiel, das die Zersplitterung der Kultur-Szene traurig dokumentiert. Es geht um das „Haus der Musik“.
    http://www.regensburg-digital.de/kulturentwicklungsplan-stehen-die-profiteure-fest/07102011/#comment-23265

  2. Moritz, darf ich die Quintessenz deines Artikel etwas boshaft formulieren mit: „Mist – zuviel Geld, zuwenig Ideen!“?

    Stefan Hetzel, Nichtmünchner bzw. (viel schlimmer!) Unterfranke

  3. querstand sagt:

    Boulez ist Banane! So könnte man heute 2011 zu Boulez 1951/52 Gleichaltrigen reden hören, ihn in die Vergiß-ihn-mal-Ecke stellend wie es Boulez kurz danach mit Schönberg tat (lassen sein Klaviersonaten allerdings erstaunlich eher an Schönberg denken als das damals auf den Schild gehobene Denkmal Webern).

    Als Bald-40-Jähriger müßte ich meinen jungen Kollegen ein wenig belehren, über die Wichtigkeit Boulez‘ für die damals beginnenden Kompositionstechniken, den nochmals krasseren Traditionsbruch als den der 1910er Jahre. Dann wird mir aber in den Sinn kommen, daß weder meine Generation, noch die davor und die gerade auf mich zu folgen Beginnende je solch eine harten Schnitt erlebten, durchführten, etc. Bei strengeren Licht betrachtet ergab sich der damalige Paradigmenwechsel auch schrittweise, wie heute mikroschreitend sich die Kompositionswelt verändert. Allerdings gab es ja kurz zuvor die hierzulande Neue Musik verfemenden Nazis, den Weltkrieg, einen Zusammenbruch wie man ihn seit Napoleon oder dem Dreissigjährigen Krieg nicht mehr erlebt hat. Das Internet mag heute einen großen Bruch mit der eher analogen Berufswelt darstellen, da streitet man sich jetzt aber v.a. um die Moral der Nutzer, nicht auf Ideologie- sondern BGB-Niveau… Mag sich Vieles verändern, mag der Einzelne plötzlich doch meiner letzten Unkenrufe mehr Dinge vernetzt als je zuvor erreichen können. Der Wahnsinn wie um 1945 fehlt noch für einen ähnliche Ursuppe wie nach 1950.

    Diesen Weltschmerz trägt Brembeck wohl schon seit vielen Jahren mit sich rum. Das Gescheiteste, was ich je von ihm las, war eine Analyse des heutigen Typus „Komponist“, der immer stärker als Selbstproduzent in Vernetzung und modularen Produktionen unterwegs sein wird, also ein Blick auf die Chancen in den heutigen Kultursparmodellen, wie sie das Internet auch bietet, ohne damals zu sehr den Blick auf dieses zu richten. Selbst die Institutionen werden modularer: hier in München bläst die Oper ein Uraufführungszelt. so könnte man flunkern, immer sommers auf, der Stadt wird angesichts der Sparzwänge der Gasteig für Neue Musik zu teuer und weicht in ehemalige Industrienbrachen aus, also folgt jenem prekären Existenzentwurf, mal besser, mal schlechter.

    Spannend ist am Blog von Ulrich Müller bezüglich der Klangaktionen zu lesen, wie die Stadt da genauso die Grundexistenz aufgrund von gestrichenen Gasteigmieten faktisch infrage stellt wie sie ganz offen das halbwegs offene Selbstpräsentationsforum der Freien Neuen Musikszene „Lautwechsel“ für Februar 2012 erstmal wegen der Gasteigkosten absagte. Andererseits verstärkt die Stadt die Präsenz Münchener Produktionen auf der Biennale, puscht sie entsprechend, auch wenn das für die beteiligten Künstler als Selbstveranstalter weit von den Honoraren der grossen Opern der drei Hauptbiennaleproduktionen entfernt bleibt, bleiben muss und man sich dann so durchmogelt – was ja nicht immer zum Schaden der Kunst sein muß und anderen merkwürdigen Gefühlen gegenüber solche Finanzierungsschieflagen.

    Ehrlich gesagt, habe ich beim Nochmallesen des Brembeckschen SZ-Boulez-Artikel eher das Gefühl der Kritik an der neuen Programmplanung der musica viva durch deren neuen Leiter Winrich Hopp durchscheinen sehen, als eine Grundinfragestellung der Münchener Heimatkünstler. Zuerst schoss mir der Gedanke durch den Kopf, dass Brembeck es auch allmählich bedauern dürfte, dass er von seiner Redaktion nicht mehr so oft in die Ferne zum Berichten geschickt wird wie noch vor einige Jahren und er nun seufzend mit den hiesigen Dingen sein Arrangement sucht, das er bisher noch nicht ganz fertig hat. Klar, Poppe sticht aus dem diessaisonalen Programm heraus. Beim genaueren Hinsehen vermisst man auch die angebliche Fülle von Uraufführungen der früheren Jahre. Dennoch gibt es fast schon festspielartige Wochendballungen an Konzerten der Reihe musica viva mit einigen unbekannten Namen, die man tatsächlich eher in kleinen Konzerten in Paris, Amsterdam, Berlin, etc. las. Und wie man an der immer noch vorhandenen Existenz des Künstlers Boulez sehen kann, lohnt sich auch der Rückgriff in die 60-jährige Historie der musica viva, sind noch mögliche Wiederbegegnungen ein Gastspiel wert. Immerhin war die musikalische Qualität der Mallarmeproduktion insgesamt enorm, so dass man dies als gefährliche Steilvorlage für die folgenden Konzerte sehen kann, im Bewusstsein natürlich, dass Neueres dann immer riskanter sein wird als solch eine Klassikerkorpoduktion mit Luzerner Luxus-Festspielglanz. Aber Spass beiseite!

    Was wirklich fehlt, besonders seit dem bisherigen Wegbrechen der Klangaktionen: die kleinformatige Präsentation Auswärtiger mit ihrer Nur-Kammermusik. Das leistet z.B. auch die Adevantgarde, aber im Kerngeschäft nur zweijährig im Wechsel mit der Biennale, mit erstaunlich wenig Geld, allerdings viel Publikum. Genauso „arm“ waren die Klangaktionen, manchmal strengere Musiken als bei der Ade, das jährlich, in Kooperation mit der musica-viva sogar gefühlt halbjährlich. Leider waren die Konzerte aber oft leerer als die der festivaligeren Festivals, so renommiert die Namen eigentlich auch waren, mit Donaueschingen-Siegel, etc. Das zog aber nicht mal immer die Hardcore-Leute der Stadt an. So fehlten eine Homepage, neue Jugendförderungskonzepte, etc. Wobei, immerhin jedesmal eine Musikklasse Neue Musik live aufführen durfte, allerdings auch Konzepte aus den 1960/70ern. So kein Wunder, dass die Stadt zuletzt in den Klangaktionen ein Schülerförderungsprojekt sah. Da kann ich mir leicht Kollisionen mit Projekten von Musik zum Anfassen, Münchener Kammerorchester, Kinderkonzerte der Philharmoniker, etc. vorstellen, so dass nun wirklich nicht nur eine Pause sondern ein längerer Exitus droht.

    Mit dieser Sicht würde die Stadt aber verabsäumen, sich das Ganze genauer anzusehen. Oder man sucht einfach neue Formen, die andere Ensembles und Reihen eher versprechen? Die mögen manchmal auch wieder zu unterhaltsam sein, Neue Musik Entertaining, ohne grosse Denkprobleme. Sie experimentieren aber auch, ohne natürlich v.a. in musikalischer direkter Hinsicht, mehr im Sinne der Vermittlung und über die erst wieder dann die Musik beeinflussend. Aber wie immer, besteht meinerseits auch zu sehr die Gefahr der Nabelschau. Dennoch, im Kulturreferat trifft man manche Grundsatzentscheidung eher in Hinblick auf Wirkung und Vermittlung denn allein in künstlerischer Hinsicht. Allerdings ist die Kunst ja auch nicht deren Aufgabe. Und wenn sich selbst bestimportierte und gespielte neue Kammermusik nicht weitervermitteln lässt, ist es auch ohne grossen Bruch nach 30, 40 Jahren Zeit für einen Umbruch. So wurde aus der Postmoderneprovokationseintagsfliege der Adevantgarde ein richtiges Festival, wurde dort jetzt schon ein Generationswechsel in der Organisation und Konzertplanung getroffen, den J.A. Riedl erst sehr spät vornahm, zu dem sich auch Biennale wie musica viva sehr lange Zeit gelassen hatten. Da erlebte die Oper bereits drei Intendanzen, derweil die sog. freien Institutionen festfuhren. Spräche man jetzt von Dorn im Schauspiel, hätte man auch ein schlechtes Grossinstitutionsbeispiel. Da wirkte die Staatsoper sowie das Gärtnertheater reaktiver. Aber Achtung: sollte die staatliche Münchner Kulturpolitik doch nicht so schlecht sein in ihrem Hang zum Konservatismus wie die so gerne progressivere Kommune? Da würde ich Brembeck verstehen.

    Wie er allerdings das Bild der freien Szene im Gesamten anklingen läßt, würde er auch in Berlin, Köln und Stuttgart jammern. Ja, man könnte auch im hiesigen Eventzirkus mehr für solche Ballungen wie die Biennale im Vergleich zu Eclat, Maerzmusik, etc., mehr Namen von aussen hier vorbeiholen, wo der Katzensprung von München immer ein grösserer ist als von Stuttgart nach Frankfurt. Über die dortigen Szenen könnte man aber genauso jammern. Fazit: in München gibt’s wirklich Unmengen an Neuer Musik, manchmal gefühlt mehr als in B, HH sowieso oder K! Dennoch sollte man nicht nur nach Verwaltungskriterien kürzen, vielleicht auch mal wieder zusammenraufender, unsanfter im Koordinierungsanspruch auf die musikalischen Individualisten einwirken, wie Terminabsprachen, mal wieder ein Monats-Neue-Musik-Mail. Um aber überhaupt allenorten Festivals machen zu können, braucht es einen Sumpf an Dahinwurschtelnden, mal mehr, mal weniger Erfolgreichen, genauso wie es grosse Häuser braucht, die immer mal wieder Weiterinteressierte aufkommen lassen. Fehlen Burg oder Sumpf, hilft nicht mal Geld im Strumpf…

    Gute Nacht,
    Euer Alexander Strauch

  4. Danke Dir sehr, lieber Moritz Eggert für den Link zu meinem Blog! Und so will ich auch hier nochmal ein Statement zur laufenden Diskussion einbringen: Dass die gute, neue Musik immer da ist, wo man selbst gerade nicht ist, genauso wie der schönste Strand, die hippste Bar, das höchste Pro-Kopf-Durchschnittseinkommen und die tiefsinnigsten Denker usw., ist eh klar. „Naturgemäß!“, würde Thomas Bernhard jetzt vielleicht sogar ausrufen. Unters gewissermaßen evolutorisch Naturgemäße subsumieren ließe sich auch noch die Beobachtung, dass eine Deutsche Großstadt mit einer Einwohnerzahl von deutlich mehr als einer Million im Jahr 2011 überhaupt gar nicht denkbar ist, ohne dass es da auch neue (und womögich sogar gute, neue) Musik gäbe, selbst wenn sich diese Stadt noch so vehement dagegen wehren würde. Das tut sie aber – zumindest in Teilen – gar nicht und es ist völlig richtig bemerkt, dass mit der musica viva und der Musktheater Biennale hier sogar Einzigartiges geboten wird. Dass aber links und rechts von diesen beiden Leuchttürmen sich Dürre ausbreitet weiß jeder, der als Teil der freien Szene dieser Stadt sozusagen auch im dergestalt sinkenden Binnengewässer schippert und als solcher neuerdings wieder häufiger unerfreuliche Bekanntschaft mit der einen oder anderen Untiefe macht. Der jüngste Fall und vorläufige Tiefpunkt dieser kulturellen Verlandung ist die Abschaffung des Lautwechsel-Festivals im Zuge der sogenanten Haushaltskonsolidierung. Und wie das Wort schon nahelegt, braucht keiner glauben, dass nach erfolgter Konsolidierung wieder ein warmer Regen über uns kommt und blühende Landschaften entstehen. Oh nein, wenn erstmal konsolodiert ist, ist richtig konsolidiert und zwar schön stabil und festgeschrieben (das drückt das Wort schon aus). Und dann braucht es wieder ein paar Jährchen, bis Gras über die Sache gewachsen ist und Geld gespart und Raum entstanden, bis wieder Platz ist, damit Neues entstehen kann. Die Älteren unter uns erleben dies ja nicht zum ersten Mal. Diese Art Ebbe ist aber leider gar nicht so naturgemäß, sondern gemacht und dieses Machen nennt man Kulturpolitik. An dieser Stelle sei ein kurzer Umweg von guter, neuer Musik zu gutem Design und einer der ehedem knorrigsten Figuren der Designszene erlaubt: Otl Aicher, dem wir das durchaus nicht so schlechte Erscheinungsbild der Olympiade ´72 zu verdanken haben. Der gute Otl Aicher hat zum Thema des Machens und Entwerfens folgende höchst kluge Bemerkung hinterlassen: „Die heutige Welt ist definiert durch ihren Entwurfszustand. Die heutige Zivilsation ist eine von Menschen gemachte und also entworfen. Die Qualität der Entwürfe ist die Qualität der Welt.“ Betrachten wir unter diesem Blickwinkel die kulturpolitische Realität, dann lässt sich die Schussfolgerung kaum umgehen, dass, sofern da etwas an der derzeitigen Lage gemacht, und damit entworfen, also gedacht ist, die Entwicklungen, die wir zu beklagen haben nicht zufälligerweise stattfinden, sondern das Ergebnis eines absichtsvollen Handelns sind. Auf Maß und Zahl gebracht ist dieses Handeln in unserem Falle konkret die Verteilung der Mittel, die im städtischen Kulturetat im Bereich der Musik vom Stadtrat zur Verfügung gestellt werden. Die Nahrungskette reicht da von den Philharmonikern, über die städtischen Sing- und Musikschulen, die Musiktheaterbiennale usw. bis hin zur sogenannten freien Musikszene, die das untere Ende dieser Kette markiert. Grund dafür ist aber nicht etwa, dass diese Szene in München etwas unterbelichtet wäre und für die Erfindung und Hervorbringung „guter neuer Musik“ nicht ausreichend qualifiziert. Der Grund dürfte auch nicht sein, dass die örtlichen Kulturpolitiker die freie Szene einfach nicht mögen und sie deswegen unbedingt schnellstmöglich aushungern wollen. Kurioserweise könnte sogar das Gegenteil der Fall sein: Man steht sich zu nahe. So nahe, dass man sich gelegentlich fühlt, wie eine nette Familie, die sich um den Sonntagstisch versammelt und der Papa mit ernster Miene verkündet, „Kinder, wir müssen unsere Haushaltskasse konsolidieren und deswegen jetzt mal den Gürtel tüchtig enger schnallen. Aber ich hab` euch trotzdem lieb.“ Und alle Kinder sagen mit trauriger Miene: „Ja lieber Papa, wir verstehen dich doch und du tust uns auch ganz doll leid dafür, dass wir jetzt nur noch Schleimsuppe zu essen bekommen.“ Hä? – Da stimmt doch was nicht… Was daran nicht stimmt, ist, dass die freie Musikszene dieser Stadt allem Anschein nach kein Bewußtsein für ihre Qualität hat und dafür, dass diese Stadt diese Szene braucht, weil sie nämlich ein elemenater und unverzichtbarer Bestandteil des öffentlichen Kulturlebens ist. Und als solche sollte diese sogenannte freie Musikszene sich emanzipieren und kein schlechtes Gewissen mehr haben, wenn sie es sich herausnimmt auch mal unbequem zu sein und Forderungen zu stellen. Aber dazu ist es notwendig, dass mit einer Stimme gesprochen wird, und das geht nur, wenn sich diese freie Musikszene endlich organisiert und als solche öffentlich wird. Zum Schluß noch ein Wort zur Olympiade ´72. Da gab es – aus den ja offenbar klammheimlich im Musikfestivalhimmel verschwundenen Klang-Aktionen hervorgegangen und von Riedl gestaltet und geleitet – die legendären „Klang/Licht/Duft-Spiele“. Kagel war da, Xenakis und viele andere große, Stockhausen realisierte Sternklang im Englischen Garten, das Ganze ein tagelanges, multimediales Ereignis auf Weltniveau. Was für ein Reichtum. Der entstand aber nicht daraus, weil da punktuell für die Ausgestaltung so eines Großevents wie einer Olympiade plötzlich viel Geld ausgegeben werden konnte. Sondern weil es da eine Vorgeschichte gab, wie etwa die Kontinuität eines mit Mitteln des städtischen Kulturetats finanzierten Festivals, dass sich zum Zeitpunkt der Olympiade bereits 12 Jahre lang bewährt hatte und dessen Leiter Riedl man entsprechend vertraute, über eine künstlerische Vision und das organisatorische Handwerkszeug zu verfügen, um eine Veranstaltung von solchem Kaliber auf die Beine stellen zu können. Kurz: es geht um Kontinuität. Und Maßnahmen wie eine Haushaltskonsolidierung, wie wir sie gerade erleben zerstört Kontinuität und destabilisiert damit größere Teile des Kulturlebens der Stadt auf Jahre.

  5. @Max: Jawohl, auf die alten Zeiten – sie waren nicht die schlechtesten!

  6. Hallöchen,

    schönes Bild oben.

  7. Hurra!

    Dank Browserwechsel bin ich wieder da!

    Schönen Tag auch,
    Erik

  8. querstand sagt:

    @ Erik -Schön, dass Du wieder hier bist. Browser sind oft Grauser!

    Gruß,
    Alexander S.

  9. Ja, lieber Alexander, das finde ich auch: und selbst wenn´s erstmal, im Orga- etc. Stress nicht viel mehr Zeit gibt als – vorerst – verzeiht bitte: ein bischen Eigenwerbung zu machen:

    Morgen, Sa., 15.10., Düsseldorf (Versöhnungskirche, Platz der Diakonie 2, D-Flingern): Konzert New Counterpoints – String Contrasts, (neue) Streichquartette: Dominik Susteck „Gegenklang“ (2011)(UA.), Gordon Kampe „Fancy Island“ (2011), Pèter Koeszeghy „Quadro Hungarico“, Erik Janson: „Vernetzte nymphen“ (2008/09) (UA.), Steffen Schellhase 5’55 fünfteltönig (UA.), Louis Antunes Pena „Winterlich ruhende Erde“ (Vc. solo), John Cage: „Quartett in four parts“ (1950)Es spielt: das emex-streichquartett
    Kommet zu Hauf.