Bluthaas. (Beifall ist positiver Abfall)

Nachdem diesseits schon einiges über die Premiere von Georg Friedrich Händl Klaus‘ „Bluthaus“ geschrieben wurde, noch einige Impressionen vom Studentenworkshop, der, wie könnte es anders sein, von Julia Cloot in Kooperation mit den SWR Festspielen Schwetzingen organisiert wurde.

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eins

Nach der verspäteten Ankunft suchte ich das Palais Hirsch, in dem die Einführungsveranstaltung stattfinden sollte. Da ich zu spät war, traute ich mich nicht mehr rein, was sich als gut erwies, denn es wurde nur erzählt, was man eh schon wusste: der österreichische Komponist Georg Friedrich Hass ist Ritter vom Orden der Spectralités, Händl Klaus schreibt Gruselgeschichten, und die beiden haben sich jetzt zusammengetan um Reimanns Schocker Medea zu übertrumpfen.

zwei

Ich besuchte den Workshop mit dem österreichischen Komponisten Georg Friedrich Hass. Er hielt einen anderthalbstündigen Monolog (wofür er sich entschuldigte) über die Oper „Bluthaus“. Mehr oder weniger detailliert schilderte er, was passieren würde. Er war sehr froh, denn am Abend zuvor war das Stück mit stehenden Ovationen verendet worden (beendet passt nicht so gut). Der Dramaturg aus Luxemburg sagte auf die Frage, wie das Stück denn angenommen worden war bedeutungsschwanger: „Mit lange anhaltendem, stehendem Beifall.“ (Beifall ist positiver Abfall).

drei

Ich aß. Das Wetter war sehr gut.

vier

Ich besuchte den Workshop mit dem Regisseur Klaus Weise. Auch er hielt einen gefühlt-langen Monolog (für den er sich nicht entschuldigte) über die Arbeit als Regisseur und speziell an dem Stück „Bluthaus“, einer neuen Oper des österreichischen Komponisten Georg Friedrich Hass und des österreichischen Librettisten Klaus Händl. Es ging um Missbrauch (politisch Korrekt: Missbrauch nicht an jemandem, sondern Missbrauch der Verantwortung, just to make that point clear). Es ging dem deutschen Regisseur Klaus Weise dabei nicht um die Frage nach Werktreue oder Regietheater, diese Fragen seien ihm egal. Trotzdem habe er Zugeständnisse machen müssen, letztlich sei das aber auch ok, weil es ja eine Uraufführung sei, und da wolle man ja dem Stück erstmal auf die Beine helfen. Auf Studentenfragen ging er immer ein, aber beantwortete sie nie.

fünf

Danach ging ich ein bisschen im Park spazieren. Mir wurde ganz mulmig bei dem Gedanken an die Quittenarie, die der österreichische Komponist Georg Friedrich Hass in seiner Oper „Bluthaus“ (Libretto: Händel Claus) eingebaut hatte. Dort singt der Vater: „Quitte für Quitte reibt man die Früchte an einem trockenen Tuch, um die glatte Schale erst vom Pelzchen zu befreien.“ In der Orangerie meinte ich auch ganz hinten eine Quitte gesehen zu haben. Konnte das ein Zufall sein?

sechs

Die Einführungsveranstaltung wurde zu einem doppelbödigen Spiel mit erotischen Konnotationen. (Und sowieso: ist das überhaupt „Missbrauch“?) Die gutaussehende Einführerin vom Südwestdeutschen Rundfunk, der auch die Oper „Bluthaus“ bei dem österreichischen Komponisten Georg Friedrich Hass und dem ebenfalls österreichischen Librettisten Claus Händl in Auftrag gegeben hatte, sprach von Dingen, die nach dem Sichzunahegekommensein passierten. In der Oper „Bluthaus“ des österreichischen Komponisten Georg Friedrich Hass ging es wohl auch um Missbrauch, im Übrigen auch ein aktuelles Thema, man denke nur an Natascha Kampusch oder die katholischen Internate.

sieben

Nachdem ich von der Toilette zurück war, begann das Stück. Zunächst wurde ich sehr müde, was wohl an der schlechten Luft und der Dunkelheit lag. Danach hörte ich spektrale Musik. Dazu Gesang, dann Sprechstimmen. Draußen musste es mitlerweile Dunkel geworden sein, aber das konnte ich nicht sehen, denn der Saal besaß keine Fenster. Im Gegensatz zum „Bluthaus“ (auch der Titel der gleichnamigen Oper des österreichischen Komponisten/Librettisten-Duos Georg Friedrich Hass/Händl Klaus), das viele Fenster besaß, aber keines, durch das sich die Protagonistin Nadja durchklemmen konnte: zu eng. Vielleicht konnte da der geistig beschränkte Johannes helfen, der hatte nämlich einen dicken Pinsel, mit dem er sehr fein malen konnte, wie ihm seine Mutter bescheinigte. Aber er liebte seine Mutter vielzusehr, um noch einer zweiten Frau im Haushalt beistehen zu können.

acht

Manchmal verlor ich mich in den Glissandoflächen, doch es wurde immer lauter. Plötzlich zuckte ich zusammen: einige Schauspieler schrieen kurz in ein am Boden angebrachtes Mikrophon, um das Orchester zu übertönen. Ein Regie-Eingriff. Gleichzeitig ganz laut minimal music. Aus Österreich? Konnte das sein? Schockierend war das, frappierend.

neun

Am Ende sang Nadja „Gute Nacht“ und blieb allein im „Bluthaus“ zurück. Ich wurde sehr traurig.

zehn

Danach stand man vor dem Theater und unterhielt sich. Man wurde sich einig, dass es gefallen gefunden hatte, in den Köpfen und Herzen der Männer, denen das Wunder des Theaters geoffenbart wurde. Ganz und gar aufgewühlt sei man, berührt, geradezu geküsst von der Elenden Nadja, der Armen, die ihren geschundenen Körper noch einmal dem Publikum zum voyeuristischen Spiel angeboten hatte. Ach, ach, ach. Völlig am Ende schienen andere, das Gehör grässlich missbraucht durch den Einfluss des imperialistischen Amerika auf den doch eigentlich gutbürgerlichen Stil des österreichischen Komponisten Georg Friedrich Haas. Doch Österreich ist auch das Heim des Ritters von Masoch. Gerade dies trug nicht unwesentlich zum Erfolg der Oper „Bluthaus“ (Komposition: G. F. Haas, Libretto: H. Klaus) bei.

elf

Transfer zur Jugendherberge in Mannheim.

zwölf

Der Morgen danach: Transfer zum Palais Hirsch. Noch immer standen einige der Teilnehmer kurz vor dem Ausbruch mehrerer heftiger Panikattacken, das erlebte schien noch nicht verwunden. Am Ende der Tafel im Palais Hirsch (Schwetzingen), saßen von rechts nach links der luxemburgische Dramaturg (nicht die Dramaturgin der Oper „Bluthaus“, Musik: GF Haas (AU), Text: K. Händl (AU)), der österreichische Komponist Georg Friedrich Klaus, der österreichische Schriftsteller Klaus Haas und noch zwei weitere Personen. Sie und wir erzählten. Herr Klaus und Herr Haas (beide dialektisch hörbare Österreicher) sagten, sie hätten eine Oper machen wollen. Sie hieß „Bluthaus“ und wurde 2011 in Schwetzingen uraufgeführt. Die Musik wurde von Georg Friedrich Haas komponiert, einem der bekanntesten österreichischen Komponisten, das Libretto wurde von der österreichischen Nobel-Hoffnung Händl Klaus verfasst. Wir äußerten Bemerkungen, die dankbar nickend angenommen wurden. Alle schienen sehr froh, aber auch ein wenig verstört, denn die Oper war erfolgreich aufgeführt worden, aber es ging in ihr um Missbrauch. Das war ein ganz schönes Stück.

dreizehn

Die Nachwirkungen der Oper „Bluthaus“ (Text: Klaas Händl, Vertonung: Georg Friedrich Haus) sind noch nicht abzusehen. Vielleicht werden sich weitere Komponisten und Librettisten der spannend-verstörenden Grusel-Oper zuwenden. Man weiß es nicht, es ist allerdings denkbar, dass „Bluthaus“ in die Annalen der konservativ-guten Stücke eingeführt wird. Oder wie es in der Oper  „Bluthaus“ heißt: „Am Ende lag sie vor der Küche“.

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4 Antworten

  1. SB sagt:

    aNNalen

    („Your comment was a bit too short. Please go back and try again.“? Vielleicht nicht Rilke, aber dafür kurz. Tzis.)

  2. peh sagt:

    danke für die intensiven eindrücke. das geschriebene macht mich ganz neugierig und ich wollte mal nachfragen, ob hier eigentlich jemand weiß, wer dieses blutklaus oder bluthaas oder wie das heißt, geschrieben hat? ich kann’s leider nirgends finden.

  3. eggy sagt:

    Danke an Patrick und Matthias für diese großartigen Eindrücke! Irgendwie spannender zu lesen als Gerhard Kochs allzu vorsichtige und abgesicherte Kritik in der FAZ, wenn man das so mal sagen darf. Allerdings weiß ich immer noch nicht: War’s jetzt eigentlich gut? Die Antwort kennt nur….der BLUTWIND!

  4. Mathias Monrad Møller sagt:

    @SB ach, mit zwei N? Ups.

    @eggy
    ich fands nicht schlecht. war schon irgendwie alles sehr traditionell, aber dafür einfach solide. abgesehen davon, dass ich das ganze konzept in frage stelle, dass schon ziemlich konservativ ist, war es schön zu sehen, dass Haas auch ganz ehrlich damit umging und gar nicht erst behauptete, einen großen Beitrag zur Zukunft des Musiktheaters zu machen. Er wollte einfach eine Oper schreiben, deren Thema auch in der Yellow Press verhandelt werden könne. Das haben die beiden gut hingekriegt. Also konservative Unterhaltung, könnte man sagen, im besten Sinne. Notwendig ist das nicht, aber ok.