Im Auftrag des Kulturauftrages (2)

Offener Brief an Prof. Dr. Wolfgang Böhmer, Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt:

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Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Wolfgang Böhmer,
Zuerst einmal herzlichen Glückwunsch zum Erreichen des Wahlzieles Ihrer Partei, der CDU, bei der Wahl in Sachsen-Anhalt. Bei einer Wahlbeteiligung von 51,2% und einem Ergebnis von 32,5% bedeutet dies, dass immerhin 16,64% der sächsischen Bürger voll hinter Ihnen stehen. Nachdem nun auf unbestimmte Zeit weiterhin mit Ihnen zu rechnen ist, sollten wir uns erneut Ihre Videobotschaft vom 4. März dieses Jahres zu Herzen nehmen, in der Sie ja beklagen, dass wir Theatermacher ja oft gar keine vollen Säle wollen, da wir ja dann angeblich denken, dass dann Qualität gegen Publikumsgunst ausgetauscht würde. Daher forderten Sie – zu Recht, wie ich finde – dass die Konzert- und Theatersäle der „blühenden Landschaft“ Sachsen-Anhalt endlich wieder voll sein müssten, um quasi ihre eigene Legitimation zu erzeugen.
Hier bin ich ganz auf Ihrer Seite, denn was viele Leute gut finden und wo viele hingehen, ist nach dem Gesetz der nicht irrenden Fliegen auf jeden Fall auch wirklich gut. Mit dem selben Argument könnte man allerdings auch Steinigungen im Iran kulturell fördern, aber so einen billigen Vergleich will ich natürlich nicht ziehen. Auch nicht, dass der Besuch Ihrer Wahllokale (Auslastung 51,2%) deutlich unter der durchschnittlichen Auslastung eines sachsen-ahnhältischen Theaters liegt, denn das ist ja im Rest der Republik nicht besser, und in anderen Ländern noch viel schlimmer. Die Ignoranz der Wähler (die gottseidank diesmal wieder nicht reichte, die NPD über die 5%-Hürde zu bringen) kommt einer Art „Politikerbeschimpfung“ gleich, das ist natürlich ganz schlimm und noch nicht einmal der Handke hat ein Stück drüber geschrieben!

Wie auch immer: Ich habe lange über die Frage nachgedacht, wie man Ihnen und der Kulturlandschaft Sachsen-Anhalt helfen könnte. Und Heureka: Ich fand die Lösung in der Statistik!

Zweifelsohne werden die Menschen in unserem Land immer dicker. Auf die Gründe hierfür will ich nicht näher eingehen, schon aus Rücksicht auf meine eigene nun auch nicht sehr schlanke Befindlichkeit, aber Tatsache ist Tatsache. Viele der Säle in Sachsen-Anhalt sind aber für frühere Generationen gebaut worden, die gegen unsere heutigen Mitbürger wie Hungerknochen wirken. Zusätzlich besteht stets die Gefahr des Opernbesuches eines dicken Amerikaners, denn die gehen ja gerne mit Bermudashorts in die Oper und quetschen die Nachbarn links und rechts mit ihren dicken Waderln zur Seite während sie sich bei den schönsten Arien Pommes und Burger ins Maul stopfen und damit ihre Nachbarn nerven.

Was wir also brauchen, ist eine ganz andere Politik in Sachsen-Anhalt, will sagen: eine neue Politik der Stühle.

Hier sehen Sie einen durchschnittlichen Konzertbesucher (mich) in einem durchschnittlichen Konzertsaal. Wie Sie sehen ist der Blick des Besuchers unglücklich, denn er muss sich zwischen zwei enge Stuhllehnen quetschen und ist der Wahrnehmung der Darbietungen großartiger sachsen-anhaltischer Künstler stark beeinträchtigt. Diesem Umstand muss Abhilfe geschaffen werden!

Böhmer 1

Hier sehen Sie nun die Umsetzung meiner Idee: EIN Besucher, ZWEI Stühle. In dieser komplizierten, speziell fürs Foto hergestellten Computersimulation eines solchen Unterfangens sehen Sie, dass der selbe Bürger nun zwei Stühle beansprucht und damit das DOPPELTE des Platzes einnimmt. Hurra, Problem gelöst: Die Besucherzahlen ihrer Theater-und Konzerthäuser verdoppelt sich mit dieser simplen Strategie, wo vorher gähnende Leere vor viel zu guten und künstlerisch ambitionierten Darbietungen herrschte, herrscht nun gähnende Völle, und die Kunst ist endlich wieder legitimiert und darf weiter so machen wie bisher!
(Hinweis: wie bei dem Foto unschwer zu sehen ist, ist das Problem der trennenden Stuhllehnen noch nicht 100% wissenschaftlich gelöst – ich empfehle daher die dauerhafte Entfernung derselben).

Böhmer 2

Ein weiterer Vorteil dieses Verfahrens: Besucher die von Müdigkeit übermannt werden, können sich seitwärts ausbreiten, gleichzeitig ist auch die Mitnahme von landestypischen Spezialitäten und der Verzehr während der Aufführung möglich. Spezielle „Raucherglocken“ fänden nun auch Platz, ebenso wie „Schäferstündchenschutzglocken“, damit es wieder ist wie früher beim Besuch einer Oper.

Wie Sie sehen: nur ein bisschen Nachdenken ist nötig, und mit gemeinsamer Anstrengung verhelfen wir Sachsen-Anhalt zu vollen Theatern mit 100% Auslastung (oder sogar mehr!).
Der nächste Schritt ist dann natürlich das Verteilen von 2 Wahlzetteln und 2 Bleistiften, das mit der Wahlbeteiligung kriegen wir auch noch hin, Herr Professor Doktor Böhmer!

Herzlichst,

Ihr

Moritz Eggert

4 Antworten

  1. querstand sagt:

    Super Moritz! Endlich finden nicht nur Amis sondern auch untergrosse Komponisten wie ich den entsprechenden Platz im Auditorium. Da ja durch Verödung der Wirtschaft im Osten der Republik durch Hartz IV neben Unterernährung auch zu fette Ernährung ihren Einzug hielt, trauen sich diese Menschen auch wieder ins Theater. Nur muss nun folgendermassen rechnen: nicht 2 Plätze zum Preis von einem, nein, ein Platz zum Preis von einem minus noch einen derselben Kategorie, ergo für Null Euro! Das wahre Publikumsförderprogramm wie der richtige Platzlösungsansatz. Nachdem in den Multiplexkinos auch immer Enge zwischen den Colabügeln herrscht, können die anhaltinischen Theater nun mit dem viel Platz für sehr wenig bis gar kein Geld werben und füllen schon bei halber Belegung die Säle zu 100%!! Oder zwängen sich schon alle anhaltinischen Kulturschaffenden in den Zügen nach Kaiserslautern – man erinnert sich, das Plakat zum dritten Stück in des Prof. Dr. Böhmers Mahanvideo, im welchen die schöne Pfalz zum Gelobten Land des sächsisch-anhaltinischen Kulturprekariats wird. Da kann die Bahn nur mit weiteren Anhängern denn Deinem Platzmodell helfen…

    Gruss,
    Alexander

  2. Respekt, Respekt, lieber Eggy,

    Die Frage der Politik nach den Auslastungszahlen der Theater- und Konzertsäle (tägliche bis wöchtentliche Veranstaltungen) mit der Frage nach den Auslastungen in den Wahllokalen (alle 4 Jahre) zu kontern, das ist allerfeinste Sahne !

    Den Hut zieht

    – wechselstrom –

  3. eggy sagt:

    @wechselstrom:
    Danke. Und auch danke für den Tipp bezgl. Du weisst schon, juristisch und so weiter. Ist durchaus angekommen und war nett!
    Die „Moderation“ Deines letzten Artikels scheint übrigens ein nicht von uns in Gang gesetzter automatisierter Prozess gewesen zu sein, siehe auch Martin Hufners jüngste Kommentare zu Max Nyffelers „moderiertem“ Kommentar.
    Hoffnungsvolle Grüße nach Wien,
    Moritz

  4. @Moritz: toller Beitrag und wirklich gut gekontert mit der Wahlbeteiligung. Wenn das einen Politiker nicht mal zum Nachdenken bringt…? @ jüngste Kommunikationen: Das wird sicher der Auslastung und Attraktivität dieses Blogs gut tun.

    ZUdem man hier im Netz den Vorteil hat, dass man nicht (wie auch mein Problem) seine Oberschenkel zwischen Stahl-Lehnen zwengen muss. Also: ich befürworte die Stuhlvergrößerung oder auch Doppelstuhl-Lösung.

    Hoffnungsfrohe Grüße aus dem Rheinland
    (nach Blogabstinenz-Strichliste (- naja, es ist ja auch immerhin FASTENZEIT) hab ich immerhin fast 10 Tage ausgehalten, also hier Cyber-gefastet).