Im Auftrag des Kulturauftrages (Teil 1)

Noch bis vor kurzem war hier nebenan zu lesen „Böhmer fordert mehr Kreativität bei der Kulturfinanzierung“. Was hat es damit auf sich?

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Prof. Dr. Wolfgang Böhmer, auch als "Der Garant" bekannt

Prof. Dr. Wolfgang Böhmer, auch als "Der Garant" bekannt

In einer seiner wöchentlichen Videobotschaften verkündete Prof. Dr. Wolfgang Böhmer, Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt, am 4. März dieses Jahres folgendes:

Kunst und Kultur sind ein kostbarer Schatz und wir lassen uns seine Pflege auch einiges kosten. Rund 260 Millionen Euro fließen in Sachsen-Anhalt aus Mitteln des Landes und der Gemeinden in die Kulturförderung. Das sind pro Jahr und Einwohner etwas mehr als 107 Euro. Damit liegen wir im Vergleich der Flächenländer in Deutschland an dritter Stelle. Mehr als 41 Prozent dieser 260 Millionen Euro werden allein für die Theater- und Musikförderung verwendet. Das ist vier Mal soviel, wie wir für den Denkmalschutz und die Denkmalpflege bereit halten.
Vor diesem Hintergrund ist es geradezu eine Pflicht der politisch Verantwortlichen über die Zukunft der Förderung von Theater und Musik in Sachsen-Anhalt nachzudenken. Das gilt umso mehr, als die Kultusministerkonferenz, also das Gremium aller Kultusminister der Länder, schon vor zehn Jahren alternative Finanzierungsmöglichkeiten für die Theater und eine höhere Eigenfinanzierungsquote angemahnt hat. Manche Theater in Sachsen-Anhalt decken ihren Etat nicht einmal zu 10 Prozent aus eigenen Einnahmen. Der Rest wird von den Kommunen und dem Land bereit gestellt.

So weit so gut – ein erfreulicher Schulterschluss in Sachen Kultur, das lesen wir Bad Blogger gerne, haben wir doch einen Großteil des letzten Jahres mit Petitionen zur Rettung von Theatern in Sachsen-Anhalt verbracht, zum Beispiel in Dessau. Also vielleicht doch nicht so weit her mit der Kulturförderung? Aber weiter im Text:

Das alte Prinzip – „Wer die Musik bestellt, muss sie auch zahlen“ – gilt also ausdrücklich im Blick auf unsere Theater nicht. Und dieses Prinzip will ich auch verteidigen. Doch auch wenn man die Freiheit der Kunst als hohes Gut anerkennt, muss der, der die Musik bezahlt, wenigstens nachfragen dürfen, was mit seinem Geld geschieht. Das gilt umso mehr, als es Geld der Gesamtheit der Steuerzahler ist.

Oh je, wenn der „Steuerzahler“ bei einer Ansprache über Kultur ins Spiel kommt, heißt das meistens nichts Gutes…

Es sind letztlich die Sachsen-Anhalter selbst, die ihre Theater und Musiklandschaft finanzieren, auch die, die gar kein Theater besuchen. Sie zu animieren, auch selbst wieder mehr ins Theater zu gehen, sollte zum Ehrgeiz jedes Theatermachers gehören. Dies würde nicht nur die Platz-Auslastung erhöhen, sondern mehr Menschen dem Theater- und Musikleben näher bringen. Eine höhere Auslastung immer gleich mit einem geringeren künstlerischen Anspruch gleichzusetzen, kommt für mich einer „Publikumsbeschimpfung“ gleich, um den Titel eines Stückes von Peter Handke zu zitieren.

Aha, das heißt also die Theater sollen sich des Steuerzahlers würdig erweisen, in dem sie nachweislich hohe Auslastungen präsentieren. Dass eine vorübergehende geringe Auslastung auch einem hohen künstlerischen Anspruch geschuldet sein kann und vielleicht auch bedeutet, dass dem Theater ein neues, dauerhafteres Publikum erwächst, ist das dann auch eine „Publikumsbeschimpfung“? Doch eher nicht….Übrigens ist die „Publikumsbeschimpfung“ eines von Handkes erfolgreichsten Stücken, das immer wieder volle Häuser verspricht, aber das kann Prof. Dr. Böhmer vielleicht nicht wissen, da er bestimmt wenig Zeit hat, selber ins Theater zu gehen.

Damit keine Missverständnisse aufkommen. Es geht hier nicht darum, den Theatern oder der Kunst Geld zu entziehen. Es geht, im Gegenteil darum, dieses Geld dauerhaft zu sichern und auch neue Wege der Finanzierung zu beschreiten. Dafür ist Kreativität nötig – aber gerade an Kreativität sollte es der Theater- und Musikszene nicht mangeln.

Ok, der Aufforderung kreativ zu sein komme ich gerne nach. Dessau ist der Geburtsort meines Großvaters, daher ist Sachsen-Anhalt mir eines der liebsten Bundesländer. Es war mir also ein persönliches Anliegen, das Verhältnis der Bürger dieser Stadt zu ihrem Theater einer Prüfung zu unterziehen und gleichzeitig dessen Auslastung zu befördern.

Daher rief ich drei zufällig ausgewählte Dessauer Bürger (in diesem Fall zufällig drei Bürgerinnen) als André Bücker, Intendant des Dessauer Theaters, an, und bat sie ganz herzlich und privat, doch mehr ins Theater zu gehen.

André Bücker, Intendant des Theaters Sachsen-Anhalt

André Bücker, Intendant des Theaters Dessau, bis auf die Brille mir wie aus dem Gesicht geschnitten!

Hier sind die Tondokumente dieser Aktion (mp3s, einfach anklicken):

Bürgerin 1 (Beautysalon M.): „…Ja, das kann ich für Sie tun!“

Sehr gut, es liegen Broschüren aus! Es gibt private Kontakte zum Theater! Diese Bürger muss man kaum noch motivieren, ins Theater zu gehen, obwohl ihnen natürlich das Problem der fehlenden Auslastung bewusst ist. Allerdings: Beautysalons profitieren natürlich von sowohl Opernsängerinnen wie auch Theaterbesucherinnen, die wollen wohl ja nicht ihre eigene Kundschaft abwürgen! Daher ein weiterer Anruf, diesmal in einem Privathaushalt:

Bürgerin 2 (Frau M.): „Ich habe mehrere Veranstaltungen besucht, wir waren sehr begeistert!“

Ein voller Erfolg – eine begeisterte Theatergängerin, die regelmäßig mit ihrer Tochter ins Theater geht, und dann noch in Stücke wie „Lulu“, toll! Hier muss sich Prof. Dr. Böhmer keine Sorgen machen, die Kultur ist in „Dessau“ angekommen – wozu also sich Sorgen machen? Aber schauen wir mal, wie es bei den älteren Leuten ist:

Bürgerin 3 (Frau M.): „Bei uns ist das immer ziemlich schwierig…“

Tja, es gibt doch noch etwas zu tun. Diese Bürger würden sicherlich gerne ins Theater gehen, aber es ist einfach „nicht ganz einfach“. Was ist der Grund? Zu hohe Treppenstufen? Zu hohe Eintrittspreise? Fehlende Ansprache der „Generation 70-80“? Vielleicht doch zu viel „Lulu“ und zu wenig „Csardasfürstin“? Auf jeden Fall gibt es hier eindeutig noch Handlungsbedarf, Herr Bücker!

Fazit: Dessau hat „einen großen Schritt nach vorne gemacht“. Das Theater wird von den Bürgern angenommen, sie gehen gerne hin. Ein voller Erfolg für das junge Intendanten und GMD-Team André Bücker und Antony Hermus, das Land Sachsen-Anhalt kann mit eurer Arbeit zufrieden sein! Bravo, weiter so, die Forderungen von Ministerpräsident Böhmer können hier sicherlich erfüllt werden! Kleiner Tipp: Mehr Aufzüge und Rampen für Gehhilfen, dann kann nichts mehr schief gehen!

Moritz Eggert

Guttenbergnote: Die Zitate von Prof. Dr. Böhmer (CDU-Pressetext: „Der Garant von Sachsen-Anhalt“) stammen alle unverändert aus dem Text seiner Videobotschaft, zu lesen hier

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3 Antworten

  1. querstand sagt:

    Armes Sachsen-Anhalt! Zurecht betont MP Dr. Böhmer all die Glanzlichter, kreativ der Bogen von Luther zu Bauhaus, interessant, dass alle Aufgezählten – Luther, Weill, Bacj, Händel, Bauhaus – die Region im Laufe ihrer Leben verliessen, internationaler (Händel/Bauhaus/Weill), hanseatischer (Telemann) oder reichsstädtischer (wäre gern Hanseat geworden, wurde dann Thomaskantor in Leipzig) freiwillig oder unfreiwillig wurden. Hört man die wunderbaren DessauerInnen, wollen die beileibe nicht einen weiteren Künstlerexodus knorriger Köpfe. Hört, sieht und liest man den MP, nimmt man ihn ernst mit seiner unglücklichen Titelanführung der Handkeschen Publikumsbeschimpfung, dass also das Publikum „unkreative“ verschaukelt wird, bleibt nur „Habe Ach…“ und „Es lebe Champagner der Erste“ den Plakaten im Hintergrund der Videobotschaft gemäß zu stöhnen. Interessant auch die demonstrativ leeren Stuhlreihen in einer Einblendung. Was deucht mir dies? Nur noch Import-Klassiker aus Hessen/Thüringen und Wien, damit die Stühle sich füllen, sonst geht es den Künstlern wie den Protagonisten in Stolzenburgs „An kalten Tagen bitte Türen schließen“, in dem ein Musiker „nur noch bis Kaiserslautern“ kommt? Also die totale Provinzandrohung, wenn die eingeforderte Kreativität sich nicht im Sinne des Landesherren, äh MP, der hier mit einem zart mit seiner MP-Macht a la MP loszuballern droht?

    Interessant, wie sich der MP in Sachen Kultur eine Kompetenz anmasst, die er in Wirtschafts- oder komplexen Haushaltrechtsfragen seinen braven Durchschnittsbürgern nicht zutrauen würde, sich zum Steuerzahler degradiert. Ja, er wird auch Steuern entrichten, aber als MP bestimmt er in seinem unmassgeblichen Spielrahmen auch mit, was er zu versteuern hat – merkwürdige Persönlichkeitsspaltung… Ich kenne jetzt die staatliche wie kommunale Haushaltsverordnung Sachsen-Anhalts nicht, denke aber, dass sie sich nicht grossartig von den bayerischen Haushaltsgrundsätzen unterscheiden wird. In Bayern sind Theater keine kostendeckenden Einrichtungen, da sie sich nur zu geringen Teilen aus Entgelten finanzieren. Interessanterweise ist eine Wasserleitung, die zu den Pflichtaufgaben einer Kommune gehört, kostenrechnend zu kalkulieren. Allerdings mit Zuschüssen von höheren politischen Einheiten, die Amortisation auf Jahrzehnte gestreckt. So spricht der MP selbst von Eigeneinnahmen der Theater von ca. 10%, mehr oder weniger, also ist nicht Kostendeckung angesprochen. D.h. natürlich nicht, dass Theater ihre Etats ständig überziehen dürfen, dies bedeutet aber sehr wohl, dass sie positiv betrachtet durch Steuermittel zu finanzieren sind. Da sind doch die 107 Euro pro anhaltinischer Nase eine Ehrensache. Das dürfte in vielen Fällen bei ca. 2000 Euri brutto nicht mal ein halber Monatssatz an Steuern für die Kultur sein. Wieviel mehr muss jede Nase Schuldendienste für Altlasten, Fehlinvestitionen, Schulden, etc. leisten. Oder drehen wir den Spiess mal um: jeder Steuerzahler finanziert direkt Hartz4, Autostrassen, Sportanlagen, etc. mit, auch wenn er ein Sportmuffel ist, Rad und Bahn nutzt und arbeitet oder Rentner und indirekt beteiligt selbst der Arbeitslose am Finanzringelreihen. Steuern sind zu zahlen und erzeugen per se noch keinen Anspruch auf irgendetwas. Gesetze zu Infrastruktur, Leistungsausgleich, Kulturfinanzierung sorgen dann erst für die Umsetzung.

    So begibt sich Herr Böhmer in eine unangemessene „Steuerzahler“-Attitüde wo er doch Steuerzähler ist, wie er mit grosser Pompadour verkündet und erzeugt Anspruchsgefühle, die Steuern niemals zur Folge haben dürfen, auch wenn Plebs so denkt, das Volk ja auch niemals direkt per Plebiszit im Staatshaushalt herumkritteln darf. Was will Herr Dr. MP also eigentlich sagen? Letzte Chancen liebe Kunst, seit mal kreativ im Sinne meiner Hintergrundbilder, macht doch mal eine Fledermaus mit Telemann – der Name verspricht Einschaltquoten – , Fans vom FC Kaiserslautern und netten Lutherfürzen? Bühnenbild weglassen und somit das Dessauer Bauhausnacktbetonbühnenerbe zeigen? Statt einem Orchester eine Weill-Band spielen lassen? Ist das die gemeinte Kreativität? Oder an den letzten verbliebenen Bahnhofsschaltern nach Fluchttickets weiter als Kaiserslautern nachfragen, also mal kreativ die Flucht vorbereiten, wenn einem zu Fledermaus nix einfällt?

    Was man wirklich machen sollte, also tatsächlich das Haus in Dessau barrierefreier gestalten, das fand Moritz schon heraus. Vielleicht sollte man Herrn Böhmer auch aufs Altenteil schicken, allerdings dann nach Forbach, weiter als Kaiserslautern – dort kann er französische Theaterwüsten geniessen. Es wurde hier schon öfters gesagt: kürzt Eure Häuser nicht zu Tode, denn wenn sie kaum noch Premieren stemmen können, wird das Besondere wegfallen, das Besondere, was auch den Firmensponsor reizen könnte, die Bühne, auch das Ausgefallenere, zu fördern. Und erzählt nicht solchen Steuerschmarrn. Aber bei Kultursparen redet jeder plötzlich mit, als sei er oder sie dazu berufen, schüren Politiker den Unsinn auch noch, um von wirklichen Deckungslücken abzulenken. Jeder Theaterhaushalt klingt für den Normalbürger unglaublich hoch, wie ein doppelter Lottojackpotknacker, also irgendwie vorstellbar und unheimlich. Vor dem wirklichen Milliardenwahnsinn schliesst er aber brav die Augen und vertagt es wie seine Wasserleitungsschulden drei Generationen weiter, statt die Kultur des Jetzt und unendlich vielen Generationen zu hegen und pflegen – unser eigentliches humanes Kapital…

    Gute Nacht,
    Alexander Strauch

  2. querstand sagt:

    Leset und Sehet was der Bundes-Kultur-Neumann hier im Blog gar nicht so Neues, für eine Politeikerperson wieder doch, sagt, wie das KIZ meldet, Zitat: „Vor dem Hintergrund der kritischen Lage der öffentlichen Haushalte stellt sich die Frage: Können wir uns eine so umfangreiche, öffentlich finanzierte kulturelle Infrastruktur in Deutschland weiterhin leisten? Brauchen wir sie alle, die 150 Theater, aber auch die 130 Orchester, die die öffentliche Hand finanziert? Meine Antwort ist eindeutig: Ja! Es ist die Kultur, die unser Wertefundament bildet, es sind die Künste, die uns zum Reflektieren ermuntern. Kunst ist nicht das Sahnehäubchen, sondern die Hefe im Teig. Der kulturelle Reichtum unseres Landes und seine Attraktivität auch im Ausland hängen nicht zuletzt mit unserer vielfältigen und dichten Kulturlandschaft zusammen!“

    Gruss,
    A. Strauch

  3. strieder sagt:

    Doch für die Finanzierung von Quizsendungen und Seifenopern auf öffentlich-rechtlichen Sendern ist immer Geld da. Und etwas, das zum Reflektieren ermuntert, muss abgeschafft werden – viel zu gefährlich!