Donaubad 1 – I guess, I am

Worin besteht der Sinn von Festivals? Zeit-Räume zu schaffen, in denen das Außergewöhnliche möglich wird. Sind Festivals für zeitgenössische Musik in diesem Sinne Festivals? Wo das Außergewöhnliche gewöhnlich ist, wird das Gewöhnliche zum Außergewöhnlichen. Darf man also von einem Festival für außergewöhnliche Musik erwarten, das es um den Preis der Festivalität das Gewöhnliche vorstellt? Bloß nicht. Und weil in Donaueschingen das Gewöhnliche ist, dass alle da sind, dass alle zusammenkommen, dass neue Musik schon Wochen vorher ausverkauft ist, muss man sich selbst dem gewöhnlich Gewöhnlichen verschreiben, um das Außergewöhnliche zu erleben. Daher fahre ich in diesem Jahr zum Radiohören nach Donaueschingen. Das ist nicht nur außergewöhnlich, das ist auch schlau. Man kann nämlich gemütlich im Bett liegen und muss nicht in stickigen Turnhallen abhängen. Man friert sich nicht trotz langer Unterhosen die Glieder ab. Und wenn ein Kollektiv fundamentalistischer Klassikhörer im Verein mit neuemusikschreibenden Verschwörungstheoretikern mit Unterstützung der radikalkomplexitätsfeindlichen Terrorgruppe RTL auf die Idee kommen sollte, die Donauhalle während eines Konzertes in die Luft zu sprengen, bin ich der einzige Mensch aus der Neue Musik-Szene, der überlebt. Dann ist es schon egal, wer heute Nachmittag auf der GNM-Sitzung abgewählt oder angewählt wurde, denn ALLE WAREN DA! (Und falls nicht, kann ich ja danach mit den anderen Bier trinken gehen.)

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Und außerdem störe ich meine Nachbarn nicht, wenn ich während des Musikhörens in die Tastatur hacke. Ich kann ja schon gar nicht mehr anders Musik hören, wenn ich im Konzertsaal hocke, denken meine Nachbarn immer, ich übe Klavier, spiele im Geiste mit oder irgend so ein affektierter Kram. Denkste, das wäre ja höchstens lustig, wenn ich irgendwie versuchen würde, die Bewegungen eines Geigers nachzuvollziehen, wobei, ich kann ja nicht mal so schnell gucken wie die Ardittis, die Jacks und die Diotimas spielen, geschweige denn, das nachmachen.

Sage einer, ich wäre nicht vorbereitet. Ich habe gestern sogar die Sendung von BR-Klassik und hr2 gehört, in der Georg Nussbaumer, Brian Fernyhough, Irvine Arditti und eine Frau Simmenauer, ihres Zeichens Konzertagentin, Impresaria, um genau zu sein, dauernd zur „Situation des Streichquartetts“ gelöchert wurden. Abgesehen, davon, dass es nicht ein einziges Mal klar wurde, in was für einer „Situation“ sich das Streichquartett angeblich befindet, war das Erfrischendste an der Sendung der geistreiche Irvine Arditti, der die unmögliche Situation, in der er sich befand, gleich noch einmal in seiner Rede zur völligen Überforderung des Dolmetschers auffing. Das Gespräch wurde nämlich simultan übersetzt und zumindest am Radio wirkte es so, als ob die Stimme des Übersetzers auch im Saal permanent über die vifen Aussagen des Ersten Geigers der Neuen Musik viel zu laut hineinfuhr. Was muss das für ein Gefühl sein, wenn man sein eigenes Wort nicht mehr versteht, weil die Übersetzung oben drüber gröhlt.

Auf die Frage, „verstehen Sie sich eigentlich als Primarius“ antwortete er nur: „I guess, I am.“ Der Rest ging im Gequassel des Übersetzers unter. Und auch sonst hätte man gern mehr von ihm gehört, anstatt vom unerträglichen Rumgepose von Georg Nussbaumer. Jemand, der den Diskurs so gezielt verweigert, wer fünf Minuten lang in immer neuen Varianten den Satz stammelt, „innerlichkeit, was soll denn das sein“, gehört doch nicht auf so ein Podium. Was nicht heißt, dass seine Installation mit anarchischem Witz nicht vielleicht doch eine Menge über die Geschichte des Streichquartetts erzählen wird. Und dazwischen Brian Ferneyhough, der immer nur vom Strom sprach, der zwischen seinen Streichquartetten besteht. Immerhin, von ihm kann man noch gewähltes Deutsch lernen, in das immer wieder lateinische oder französische Redensarten geschmackvoll einfließen. Nein, zur Situation des Streichquartetts war an diesem Abend nichts zu erfahren, einzig und allein zur Situation der deutschen Kulturradios. Sorry, aber dass so eine Sendung noch durchgeht, hat nichts mit Komplexität zu tun, das ist schlicht und ergreifend gelebte Zuhörerunfreundlichkeit. Leute, es gibt da draußen eine Welt. Die kann uns empfangen. Lassen wir sie rein: empfangen wir sie auch.

Notartzeinsatz im Zug. Streckensperrung in Ludwigsburg. Jetzt gleich erleben wir die Premiere der Donaueschinger Musiktage im ICE von Mannheim nach Offenburg. Das ist außergewöhnlich. Eines Festivals würdig…

Musikjournalist, Dramaturg

5 Antworten

  1. hannes sagt:

    … das ist natürlich schon ganz schön, nach donaueh zu fahren und dann im hotel zu bleiben. klingt schön nach robert altmans prêt-à-porter – lässt sich dir nur noch eine julia-roberts-zimmer-verwechlung wünschen. der vorteil aber, das ganze von zu hause aus zu hören: der wein ist besser (der käse eh) und frühstück gibts bis um 14h! halt durch.

  2. Philipp Blume sagt:

    Der Übersetzer wollte eigentlich kein Gequassel abgeben. Hat sich aus der Situation einfach so entwickelt.

  3. peh sagt:

    Absicht wurde nicht unterstellt. Kann jeder mal einen schlechten Tag haben. War wohl für alle Beteiligten schwierig, die beschriebene Situation.

  4. renz sagt:

    Heutzutage gibt es ein grosses Begriffs-Wirrwarrwirrrwarrrr. Was hat die im verlinkten Artikel referenzierte Edition mit neuer Musik zu tun? So gut wie gar nichts. http://www.blogspan.net/presse/neue-musik-edition-erlebnis-klassik-erscheint-heute-die-besten-stucke-fur-jede-stimmung-kooperation-von-brigitte-und-universal-music/mitteilung/183094/

  5. peh sagt:

    lieber renz, ist wohl eine frage des bindestrichs: „Neue Musik“-Edition oder neue „Musik-Edition“. Oder? Trotzdem: unglückliche Darstellung und Promospam.