das servus-feuilleton und die akademien für kritik

es scheint grad richtig in mode zu sein.

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– die taz veröffentlicht eine reihe zur zukunft der musikkritik
http://www.taz.de/1/leben/musik/artikel/1/mehr-als-der-facebook-daumen/

– herr rauterberg fordert in der zeit vom 5. august: akademien für kritikkritik
[linknachträger weist auf einen älteren artikel aus dem jahr 2004 hin: Kunstkritik]

– und der könig aller selbstverliebten, gerhard stadelmaier, publiziert als promo-aktion für sein jüngstes buch eine kleine poetologie der theaterkritik, bei der am ende zufällig herauskommt, dass er selbst der letzte vertreter einer bedauernswerterweise aussterbenden gattung ist. (in bilder und zeiten vom 7. august.)
http://fazarchiv.faz.net/webcgi?START=A20&DOKM=20_FAZT_0&WID=90743-6290060-52703_4

und wer hat’s erfunden?

– natürlich, die reagieren natürlich alle auf die setzungen des darmstädter instituts, das dieses desiderat als erstes erkannt hat und der musikkritikkritik ein forum gegeben hat, indem sie diese sie ins ferienkursprogramm mit aufnahm.

wer in diesen rufen nach akademien und nach „echter kritik“ ein krisensymptom erkennen möchte, kann ja gar nicht verkehrt liegen, prangern die intitiatoren dieser erneuerung der kritik deren mangelhaftigkeit doch an. doch hat der ruf nach mehr und echter kritik etwas elendig wohlfeiles – mag er auch in geschliffenem wort daherkommen. die es aussprechen winken aus den hängematten des feuilletonjournalismus. krawattiert und edelbefedert sind sie es, die die entwicklung der kritik seit jahren mitprägen, die im redaktionssessel darüber entscheiden dürfen, welche stimmen sie neben sich selbst dulden, welchen stimmen sie gehör verschaffen und welche sie vom inneren hof der kulturkritik fernhalten. würden sie die behaglichkeit ihrer vollfinanzierten viersternehotelzimmer einmal jüngeren überlassen, die noch nicht so genau wissen, ob sie sich zuerst die hörner abstoßen oder das grün hinter den ohren wegwaschen sollen? denn wo sollte das möglich sein, wenn nicht vom sessel aus, den sie be-sitzen – ob nun im parkett oder am redaktionsschreibtisch.

bevor ihr also akademien gründet, an denen ihr euch von eurer schuld mit einem ehrensold und einer honorarprofessur reinwaschen wollt, macht platz, ihr haushofmeister der kunst- und kultur- und theater- und musikkritik. gebt beistand mit eurer erfahrung, eurem wissen. und lasst sie rein, von denen ihr behauptet, es gäbe sie nicht. zahlt ihnen mal ein zugticket und ein bier in der pause und vielleicht auch ein bisserl honorar. dann werden sie sich schon so ihre gedanken machen, ziemliche und unziemliche. sie werden ihren blick schulen und vor allem werden sie einen neuen blick haben auf die dinge, an denen ihr euch schon so sattgegessen habt, dass ihr euch nicht einmal mehr dran verschlucken könnt. oder dürft, weil ihr so befreundet seid. oder über die ihr euch freuen dürft, weil euch das pomadige selbst, was euch im spiegel anblickt, so gut gefällt!

oder habt ihr die redaktionskonferenz verpennt, auf der der vorletzte controller dem letzten chargierenden redaktionsleiter die übernächste kürzung reingedrückt hat? wart ihr noch in honolulu auf der wichtigsten architekturbiennale und habt der zukunft ins gesicht geschaut, während im alten europa das feuilleton zur vergangenheit erklärt wurde?

wir – pluralis bloggeratis – wagen die these:

nicht die kritik ist tot, sondern ihre alten institutionen.

weitere belege?
– frank schirrmacher promotet das comeback der faz-autorin heidenreich beim österreichischen, red bull-gesteuerten servus-tv. gleichzeitig prangen seitenweise stories über „epochale gespräche“ mit neil armstrong im feuilleton. der moderator der sendungen bei servus-tv heißt: frank schirrmacher
Men on the Moon

– das imd darmstadt begründet kurse für kritik. als umgang damit empfiehlt es: löschenlöschenlöschen. der eintrag im hauseigenen blog auf den wir von diesem blog aus verwiesen (http://blogs.nmz.de/badblog/2010/07/26/kirchentag-darmstadt-2010/) findet sich dort heute ebensowenig wie das nachtgespräch mit thomas schäfer auf unseren seiten, das wir bedauerlicherweise löschen mussten (http://blogs.nmz.de/badblog/2010/07/24/musik-zum-kuscheln-darmstadt-2010/).

Musikjournalist, Dramaturg

9 Antworten

  1. querstand sagt:

    Die beste Zensur, immer noch die Selbstzensur! Nach Zen-sur-Zensur („buddhistisch-französischer Begriff für meditatives Bedenken der Zensur“)der Neuen-Musik-Philosophie, der immer handlicheren bald smartphonetauglichen neuesten Kompositionstechniken nun das gerade mal 12bit kleine Plugin, Brain-VST „Selbstzensur“! Und das plattformunabhängig und professionsübergreifend für Komposition wie Kritik geeignet. Bevor zu Einfaches oder aus dem Bauch heraus entstandenes auf dem Monitor oder bei älteren Betriebssystemen auf dem Papier erscheint, wird es mit kaum wahrnehmbaren Predelay gelöscht und verhindert, ohne dass dem Verhinderten der Gedanke käme, selbstkritisch oder von höheren Stellen auf eine mögliche Zensur hingewiesen zu werden… das echte Servus-Feuilleton!

    Sei es den Ferienkursen unbenommen auf ihren Seiten zu schalten und zu walten. Im Falle des kirchentagsartigen Kurs-Besingens waltete hier zu Recht ein gewisser Spott. Aber diese direkte Ode, ganz orphisch geklampft und gesungen in Einheit von Texter, Notenkompilierer und Interpret doch ganz neckisch! Neue Präsentationsformen können der Kritik doch nur nutzen – warum nicht die alte Form des Bänkelliedes? Gut, falls der damalige Urheber eine ernsthafte Musikkritikerlaufbahn anstreben sollte, könnte es ihm im heraufziehenden Akademiewerdungsgetöse der jammernden, dann professoralen „befederten“ Redakteure mächtig zwischen die Synapsen donnern. Sprich: das Löschen könnte ihn vor allzuviel Unannehmlichkeiten bewahren. Lieber aber diese Songs als die netten Konzertankündigungen, Porträts und Interviews und sonstigen Bravheiten, die die Kritik an der Kritik eher stützen als eine neue Generation befördern.

    Ob nun Jung-Kritiker oder Komponist: es ist immer besser, den Nachwuchs einfach mal machen zu lassen, als ihn gleich abzuwürgen oder ihn in jahrelange, mit 50 nicht endende Förderprogramme zu stecken, ihn nur in Jugendformaten mit Jugendlichen zu konfrontieren. Noch schlimmer ist nur noch, ihn gar nicht mehr aktiv zu suchen, als ausschwärmende Agenten der Veranstalter und Redaktionen. Mag heute vieles in seinen Strukturen transparenter sein, mensch wird nur was, wenn ein anderer ihn vorschlägt, fördert, dazu dieser Mensch aber auchs chön brav in die Formate passt, ein bisschen jung wirkt, Altbewährtes als Neues feilbietet und sonst nicht stört, so wie das meiste aus dem offiziellen Darmstadt weder richtig neu ist noch provoziert oder richtig gute Musik ihrer eigenen Kategorien ist. Neukirchliche Lieder in Darmstadt – das wäre die wahre Revolution gewesen. Aber wer will schon, dass die Teilnehmer sich am Händchen fassen und tonale Hymnen auf die Gründerväter der Neuen Musik anstimmten, in Natursept bzw. Tritonus-Quart-Organa?

    Ein wenig denke ich an und danke ihm im Gedenken immer wieder ein wenig: dem guten, alten August! Nicht dem Starken (dem ich immerhin in Umwegen meinen DD-Auftrag verdanke), nicht dem, für den Alles hin ist (auch wenn er es in Schönbergs Suite schaffte) – nein, an den alten, seligen Everding! Learning by doing: natürlich ist seine Theaterakademie auch ein Nachwuchshybrid, dennoch verzwittert mit der Echtheit des Bühnenbetriebs. Mit allen Gefahren, aber auch Chancen für die Azubis. Ein grosses „einfach mal machen lassen“! Mitunter das Lehrreichste und Aufregendste, was man dem Nachwuchs antun kann. Und was kommt nach diesem Zwitter? Man freut sich auf die echte Kunst und Kolummne. Und landet wieder in Förderprogrammen, die die Vita anreichern, einem mit Renomme adeln sollen, schön brav behätschelt, in wohlbewachter Distanz zur echten Bühne des Lebens. Das hilft kurz über finanzielle, jobfreie Engpässe nach dem Studium hinweg, wird dann zum Dauerzustand. Ran an den Wahnsinn läßt man den Nachwuchs aber nicht.

    Also noch mehr Akademien, Förderprogramme. Dafür läßt sich derzeit bei der Politik und Sponsoren immer wieder schön Geld auftreiben, nebenbei dann noch der Dozentenadel für die Initiatoren, noch mehr „Habe ach“-Gesülze in den Nachwuchs-Viten, Klagen über den fehlenden Biss der Jugend, das Revolutionäre. Und wenn es dann als grösste Peinlichkeit auftritt wird es gelöscht, oder nicht wirklich wahrgenommen, es sei denn es verpackt sich neben der reinen Wort- oder Musikkraft hinter performanceartigen Aktionen, die wunderbar sein mögen (Kreidler!), aber nicht der eigentliche Ereignisort für Musik und das Darüberschreiben sind.

    Wenn es dann z.B. zu Blogs kommt, werden die zu „Stammtischen“ verniedlicht (A. Köhler), werden nächtliche, etwas lange, aber auch nicht total unsympathische Gespräche gelöscht. Ich hoffe nicht, daß meine Kritik daran der Anlaß war, der Vorwurf der Aufgabe der Programmverantwortung – die ja z.T. doch recht geschickt auf die Ensembles verlagert worden ist, auch wenn die wohl nicht ganz frei sein konnten. Wenn dann die einzige Verantwortung in der Selbstverantwortung des hochzuhaltenden Labels „Ferienkurse“ besteht, dann hat Darmstadt nur noch Sinn als Börse für Neue Musik und könnte eigentlich nach Frankfurt/M. verlegt werden!

    Es wird von uns als Nachwuchs immer das Unerwartete eingefordert. Wo bleibt, Hr. Hahn ähnlich, die Überraschung der Alten für die Jugend? Oder haben wir da schon ein Überalterungsproblem, wie es eigentlich erst meine Generation so richtig hart erwischen sollte (1971er!)? Werden die Redakteure und Veranstalter in 20 Jahren irgendwie dieselben sein wie heute? Bin ich mit fast 60 noch Nachwuchs?

    Ich forderte hier ja schon manchmal tosend Rücktritte (Ruzicka, Weibel, etc.!). Manche Gesichter der Politik, durchaus der gleichen Generation wie die beiden, eben Genannten, verschwinden doch allmählich (Koch, Beust, Fischer, Schröder…). Warum nicht hier endlich auch? Wir blieben wenigstens allein mit Rihm, vielleicht auch ein wenig Ferneyhough und Lachenmann! Die anderen Jammerlappen aber ab in die Versenkung!! Dann heisst’s vielleicht endlich mal so richtig „Bühne frei“ für uns. Die alten Revolutionsforderer würden so mit äusserster Konsequenz vollführen, was sie immer so gerne wollten, als sie noch Nachwuchs waren und die damals Alten, Ende der 60er wegschrien oder wegprofessionalisierten Ende der 80er: die Vorgänger abschaffen und sich, natürlich ökologisch und politisch korrekt, selbst abschaffen. Denn für uns ist das eben nicht die Art, wie damals, Neues oder einfach nur sich selbst zu zeigen: wir wollen in Kontakt treten und nicht treten müssen. Dann kontaktet uns mal oder schneidet Eure eigenen Kontakte durch…

    Aus dem Jobgefängnis,

    querstand

  2. …kein Gefängnis, das steht inzwischen in den Redaktionen, hat mit Inhalt nix zu tun, sondern mit arschgesundem Controlling. Muss es Lachenmann oder Spahlinger altachtundsechzigerig querständig erst mal klarkomponieren? Das widerwärtigste Signal zuerst. Hallo. Wir leben im Kapitalismus. Und wenn die Russen den erst mal wirklich begriffen haben, gibts ganz andere Brände…

  3. eggy sagt:

    Ihr habt sooooo recht. Wäre ich ein schwarzer Bluesmusiker, würde ich jetzt „yeah man“ rufen, aber so bleibt mir nur die virtuelle Sympathiebekundung…

  4. linknachträger sagt:

    Der ZEIT-Artikel von Hanno Rauterberg:

    http://www.zeit.de/2004/05/Kunstkritik

  5. peh sagt:

    danke, linknachträger, ist nun oben eingefügt. artikel war am tag, da dieser blog erschienen ist, noch nicht online.

  6. phahn sagt:

    erst lesen, dann bedanken: der artikel auf den linknachträger verwiesen hat, ist leider schon etwas älter. auf den aktuellen müssen wir online wohl noch etwas warten.

  7. linknachträger sagt:

    verzeihung! ich denke, das alte artikel ist in dem zusammenhang trotzdem lesenswert.

  8. @ querstand

    bündiger kann man es kaum ausdrücken.
    wer sprengt und wie sprengt man die Fesseln des Jobgefängnisses?

    grüße aus dem Labor

    – wechselstrom –