sätze zum nachdenken: jean-luc nancy „zum gehör“

Der Hinweis kam von verschiedenen Seiten: Auf Jean-Luc Nancys kleinen Essay „Zum Gehör“. Selten genug wird ja inzwischen von philosophischer Warte eine Perspektive auf das, was wir Musik nennen, geworfen, und so schlägt man das Büchlein, das nun im diaphanes-Verlag auf deutsch erschienen ist, voll spannung auf.

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Der transitorische Charakter des Sinns und der transitorische Charakter der Musik treffen sich am „Saum des Sinns“, der zugleich der „Saum der Sinne“ ist und erzeugen Resonanz.

„Der Sinn besteht in einem Verweis“, schreibt Nancy. „Er besteht sogar aus einer Totalität von Verweisen: von einem Zeichen zu etwas, von einem Stand der Dinge zu einem Wert, von einem Subjekt zu einem anderen Subjekt oder zu ihm selbst, all das gleichzeit. Der Klang besteht nicht weniger aus Verweisen: er breitet sich im Raum aus, wo er widerhallt, während er zugleich „in mir“ widerhallt, wie man sagt. […] Im Außen- oder Innenraum klingt er wider, sprich, sendet sich erneut aus, während er eigentlich ‚klingt‘. Und dieses Erklingen ist bereits ein Wieder-Erklingen, Resonanz, wenn es nichts anderes ist als: sich auf sich zu beziehen. Klingen, das ist in sich oder von selbst schwingen.“ [S. 15]

Man müsste das Buch wohl auf französisch lesen, auf die Gefahr hin, nicht jede Anspielung, nicht jedes sprachliche Resonieren in sich selbst anklingen zu lassen. Nancy ist in der Tradition Heideggers zu verorten, die über Derrida in Frankreich in den letzten Jahrzehnten durchgängig eine große Bedeutung hatte: Was sprachlich sinnig ist, muss auch einen Sinn haben – und so baut Nancys Methode auf der Empirie des Hörers und der Empirie des Schreibenden, dessen Sprachwerkzeuge Zusammenhänge auftun: Verweise, die resonieren und so Sinn erzeugen. Es ist bezeichnend für den Stand der musikphilosophischen Diskussion, dass eine Urform dieses Artikels in Frankreich bereits 2000 in einem bedeutenden von Peter Szendy herausgegebenen Band erschienen ist, der hierzulande leider immer noch kaum wahrgenommen wurde. (Auf englisch und spanisch ist er bereits übersetzt!)

Die Lektüre ist noch nicht abgeschlossen, aber: Der Gedanke ist so schlagend, dass er gleich mal raus muss. Nancy entwickelt seinen Gedanken entlang der Differenz von Gesichts- und Gehörssinn. (Und natürlich der Resonanzen, die sich zwischen ihnen ergeben.) Er verortet den Sinn im Klang und bietet die Unterscheidung an, dass „das Visuelle tendenziell mimetisch“ und das Klangliche „tendenziell methexisch“ sei. [S. 19] (Das hat natürlich nichts mit Metaxa zu tun.) Methexis bedeutet „Teilhabe“ oder auch „Teilnahme“. Oder wie die Übersetzerin ergänzt: „der Ansteckung“. Der Gedanke ist dann auch interessant, wie es dazu kommt, dass Musik sich derart gut dazu eignet, ein Gefühl von Gemeinschaft zu stiften – am Ende auch über kulturelle Grenzen hinweg.

„Die Differenz der Kulturen, die Differenz der Künst und die der Sinne sind Bedingungen, nicht Begrenzungen der Erfahrung im Allgemeinen, und ebenso verhält es sich mit der gegenwärtigen Verschränkung dieser Differenzen. Noch allgemeiner müsste man sagen, die Differenz des Sinns […] ist seine Bedingung, das heißt die Bedingung seiner Resonanz. Wenn man die Erfahrung in dieser Ordnung betrachtet, ist nun nichts bemerkenswerter als die Geschichte der Musik im 20. Jahrhundert, mehr als die jeder anderen künstlerischen Technik: die inneren Transformationen, die auf Wagner folgten; die zunehmende Hereinnahme von Referenzen, die der als „klassisch“ definierten Musik äußerlich sind; […] Es hat ein Musik-Werden der Sinnlichkeit und ein Global-Werden der Musikalität stattgefunden, deren Geschichtlichkeit noch zu denken bleibt […].“ [S. 20]

Musikjournalist, Dramaturg

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