„Voll schön“

Gedanken zur aktuellen Lage des Musikunterrichts

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Im März 2010 schrieben Daniel Barenboim, Simon Rattle und prominente Maestrokollegen einen offenen Brief an den Berliner Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) – hier ein informativer Link dazu. Sie forderten Zöllner auf, sich dafür einzusetzen, dass an den Schulen des Landes Berlin mindestens zwei Wochenstunden Musik unterrichtet wird. Zöllner strebt nämlich an, den Musikunterricht zugunsten anderer Fächer auf eine Stunde zu kürzen; für die Klassen 7 bis 9 könnte es sogar so enden, dass diese gar nicht mehr in den Genuss schulischer Musikbildung kommen.

Genuss?

War der Musikunterricht am Gymnasium für uns, die vielleicht mit Musik heute ihr Geld verdienen, ein Genuss?

Diese Frage stellte sich neulich mein geschätzter Kollege Kai Luehrs-Kaiser in seiner empfehlenswerten Radiosendung „Musikstadt Berlin“ – und kam zu der Antwort: Nein, der Musikunterricht an der Schule war natürlich meist grauenvoll. Die Liebe zur Musik kam aus ganz anderen Beweggründen, auf ganz anderen Wegen zustande. Luehrs-Kaiser beruhigte die erhitzten Gemüter der erwähnten Pultleuchten und erzählte aus seiner Schulzeit. Er hasse Mozarts Oper „Die Zauberflöte“ noch heute, weil sie ihm einst durch einen neurotischen und größtenteils unfähigen Musiklehrer aufgedrängt worden war. Er beklagte außerdem, dass sich fatalerweise bis heute kein bedeutendes Äquivalent zu dem Orffschen Schulwerk gefunden habe. Beide Standpunkte – und das mag ich an Luehrs-Kaisers Sendung – hielten ihn übrigens nicht davon ab, sowohl die Rache-Arie der Königin der Nacht, wie auch einen herzerwärmend-schrecklichen Jodelchor „für die Kinder“ aus der Feder Carl Orffs zu spielen.

Ich sehe die Sache ähnlich, aber doch ganz anders. Meine Meinung ist, dass sich die Musikpädagogik hierzulande auf ganz unkluge Art und Weise angepasst hat. Sie hat die leiseste Stimme im Chor der Schulfächerpolitik, sie strengt sich schwitzend an, wenigstens hier und da noch beachtet zu werden und verspricht, dabei ganz ganz ganz lieb zu sein. Denn Musik ist ja unheimlich wichtig für unsere Kinder, gesund, schön, friedlich. Das ist alles richtig, aber aus der viel zu friedlichen Haltung der Musikpädagogik zur Politik entstand ein seltsames Duckmäusertum. Vermittlungsprojekte, Workshops, Arbeitsgemeinschaften, Initiativen, offene Briefe, Symposien zum Thema „Musik in der Schule“: manchmal erscheint es so, als hätte das nichts gebracht. Denn trotz aller Bemühungen hören die einflussreichen Funktionäre der Musikpädagogik in Deutschland nicht auf, sich ständig viel zu freundlich und stets mit dem leisesten Fortissimo aller Zeiten zu Wort zu melden, ohne jemals wirklich mit der Faust auf den Tisch (oder auf irgendeine dieser miesen Orff-Trommeln, über die man einst konsequent stolperte) zu hauen.

Weichspül-Reformen, Anbiederungs-Projekte, alternative Musikunterrichtsbücher: hört damit endlich auf! Was die Musikpädagogik in Deutschland braucht, ist wirkliches Selbstbewusstsein.

Musik muss an allen Schulen Hauptfach werden!

Ein Grund für das Verschwinden einer vernünftigen Lobby des Musikunterrichts ist der Irrglaube, mit Gefühligkeit, mit viel Geschmeidigkeit dem Fach Musik etwas Gutes zu tun.

Im Mathematikunterricht zu meiner Zeit gab es für den Satz „Also, ich find das gleichschenklige Dreieck da an der Tafel so voll schön irgendwie, so, als ob es voll traurig wäre“ jedenfalls noch keine acht Punkte in der Note für die mündliche Beteiligung. Aber im Musikunterricht bekamen Musikungebildete dafür dank emotionaler Kommentare (ja, ja, ich weiß: Musik hat mit Emotion grundsätzlich zu tun – aber nicht nur!) schon mittlere bis gute Noten. Auf die (wohlgemerkt: nun auf ein Stück Musik gemünzte) Frage: „Schön René, wie du diese Stelle beschrieben hast. Du sprachst von ‚traurig‘. Welche Tonart liegt denn hier vor?“ reagierten Musikunwillige gerne mit „Ich weiß nicht. Mezzoforte?“ und sahnten trotzdem die zitierten Zensuren zur Aufbesserung des Notenschnitts ab.

Man muss Maßstäbe bei den musikalischen Lernzielen in der Schule setzen, Musik anders unterrichten, nicht ausschließlich die emotionale Seite ansprechen.

Luehrs-Kaiser wies in seiner oben genannten Radiosendung darauf hin, dass wohl niemand die Liebe zur Musik im schulischen Musikunterricht entdeckt hat. Wer im Bereich Musik wirklich etwas lernen will, muss ein Instrument spielen oder es zumindest einmal versucht haben. (Natürlich können Kinder und Jugendliche auch auf andere Weise eine intensive Beziehung zu guter Musik entstehen lassen. Aber Musik ist immer Arbeit!) Die Schulmusik sollte sich nicht damit zufriedengeben, mit einem halbseidenen „Hallo, es gibt da auch noch etwas anderes außerhalb eurer kleinen DSDS-Welt!“ auf die – zweifellos wunderbare – Welt der ernsten Musik zu verweisen und dafür von den Kindern ausgelacht zu werden.

Musik an der Schule: das sollte ganz sicher nicht bedeuten, dass die Musiklehrer ihren Schülern erst gute Noten hinterher werfen und sich nachher wundern, dass insgeheim kaum ein Politiker das Fach Musik für wirklich wichtig hält.

Jeder Gymnasiast sollte nach dem Abitur wissen, was ein übermäßiger Quintsextakkord ist und wo man ihn bei Beethoven finden kann. Tatsache ist aber, dass Musiklehrer aktuell schon aufatmen, wenn Schüler wissen, wer Beethoven war. Warum verstehen die allzu braven Musikpädagogen nicht, dass auch durch das harte Erlernen von Theorie, nämlich Musiktheorie, die Liebe zur Musik geweckt werden kann? Wenn man etwas (oder jemanden) besser versteht, kann man es (oder ihn) doch auch leichter lieben.

Natürlich möchte ich nicht alle musikpädagogischen Projekte verurteilen. Als „JeKi“ vor einiger Zeit aufkam, war ich sehr angetan und befürworte so etwas. Das ist alles wichtig und gut. Aber Projekte, wie auch YEHUDI MENUHIN Live Music Now sind eine Zutat zur musikalischen Schulbildung, nicht ihr Ersatz.

Wo wir gerade bei Musikpädagogik sind: Zu „Live Music Now“ möchte ich noch ein paar Worte schreiben. Seit 2008 engagiere ich mich für diesen Verein in Berlin (leider habe ich viel, wirklich viel zu selten Zeit dafür). Die Idee für dieses international funktionierende Projekt hatte Yehudi Menuhin Ende der 1970er Jahre. Das Ziel Menuhins war es, Musik dorthin zu bringen, wo Musik nicht hinkommt. In Gefängnisse, Hospize, Obdachlosenunterkünfte – oder Schulen, die, drücken wir es ausnahmsweise verharmlosend aus, „andere“ Sorgen haben.

Jedes Jahr suchen Juroren des Vereins, der in Deutschland bereits städteweise einige Sektionen gebildet hat, Musikstudenten – Jazz-Ensembles, Streichquartette, Gesangsduos, Popbands: alles also – aus, die nicht nur gut spielen, sondern über das, was sie da tun auch noch Auskunft geben können. Und zwar für diejenigen Hörer, für die sie jeweils spielen. Wir von Live Music Now arbeiten mit diversen sozialen, medizinischen und pädagogischen Institutionen zusammen und suchen je nach Einrichtung die passenden Musiker aus unserem Live-Music-Now-Stipendiatenfundus heraus.

Derzeit betreue ich ein paar Konzerte an der Hermann-Herzog-Grundschule in Berlin-Wedding. Heute früh spielte dort die Posaunen-E-Bass-Formation German Trombone Vibration. Der Bandleader Jörg Vollerthun, den ich vorher noch nicht kannte, erwies sich als grandioser Pädagoge. Ein paar Songs, ein paar Erklärungen, ein paar Demonstrationen zum Wesen des Posaune. Und eine Erfahrung für mich, die ich sehr genoss und bei der mich wieder einmal erstaunte, wie süß und aufmerksam die Schüler (1.-5. Klasse) der musikalischen Dreiviertelstunde lauschten. Von den Fahrten mit S- und U-Bahnen Berlins hat man ein anderes Bild von Kindern und Jugendlichen aus vermeintlichen Problemvierteln. In Wirklichkeit kamen mir einzelne Lehrer nervöser und unaufmerksamer vor, als ihre Schüler…

Zum Abschluss noch ein Foto von heute Morgen. Und ein Gruß an meine lieben Kolleginnen von Live Music Now Berlin – sie mögen bitte hier keinen weiteren meiner Artikel lesen, sonst halten sie mich möglicherweise noch für einen bösen Menschen.

German Trombone Vibration für Live Music Now in der Hermann-Herzog-Grundschule

German Trombone Vibration für Live Music Now in der Hermann-Herzog-Grundschule

Author profile

Arno Lücker wurde 1979 in Braunschweig geboren. Seit 2003 lebt er in Berlin. Dort arbeitet er als Moderator und Dramaturg. Er ist Künstlerischer Leiter der Astronomie-Musik-Reihe "Himmlische Partituren" im Zeiss-Großplanetarium Berlin, arbeitet von Berlin aus für das Brucknerhaus Linz, schreibt Programmtexte für zahlreiche Orchester (Wiener Philharmoniker, New York Philharmonic), macht Konzerteinführungen in der Elbphilharmonie Hamburg, der Kölner Philharmonie und anderswo. Außerdem ist er Bad-Blog-Autor der ersten Stunde und arbeitet als Kurator für die Musikstreaming-App IDAGIO.

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3 Antworten

  1. Kalef sagt:

    Guter Artikel, auch wenn man besser zwei daraus gemacht hätte!

    Luehrs-Kaiser sollte jedoch nicht von sich auf alle, sondern nur von sich auf manche schließen. Es hat in der Welt auch schon guten Musikunterricht gegeben, der sehr wohl die Liebe zur Musik wecken konnte.

    Aus meinem Abi-Jahrgang kann die heutige Ethnologin immer noch problemlos hörend alle Intervalle bestimmen, und der heutige Ingenieur hat mich unlängst empört gefragt, wieso ich ihm denn bis jetzt Brahms Requiem vorenthalten (nicht zum Hören empfohlen) hätte.

  2. Kreidler spendet ans rote KReUZ-bErG
    Nachdem die GEMA-Korruptionsmaschine jetzt auch noch versucht hat, den allerletzten Widerständler einzukaufen, zeigte sich: Nicht alles ist möglich, denn Kreidler, der wirklich Tapfere, widerstand dem materiellen Einlullungsversuch nahezu überMenschlich, nahm die Kohle an und gab…
    vielleicht???
    Spannend, meint: geissler@nmz.de

  3. Jonquille sagt:

    Wenn von Schule die Rede ist meinen immer alle Experten zu sein, da sie ja selbst irgendwann mal eine ganze Weile mit der Institution zu tun hatten. Von Pädagogik haben deshalb aber die wenigsten Ahnung. Trotzdem fühlen sich die meisten durch ihre eigenen Erfahrungen qualifiziert genug mitreden zu können und über den Berufsstand der Lehrer urteilen zu können.
    Für den Musikunterricht vor 15 bis 25 Jahren mag das ja alles zutreffen, dass er die Liebe zur Musik nur selten wecken konnte – aber zum Glück hat sich seit dem einiges geändert! Ausnahmen bestätigen auch in diesem Fall immer noch die Regel und bald sind dann hoffentlich auch die letzten antiquierten Musiklehrer pensioniert.
    Mit Orffschem Instrumentarium kann man übrigens wunderbar Neue Musik Improvisationen in Klassen veranstalten – da geht es eher um das WIE! Natürlich wäre es super, wenn jede Schule mit zeitgemäßem Material ausgestattet würde, aber dafür fehlen wie überall die Mittel, und da wäre es manchmal sinnvoller ersteinmal in die Grundausstattung der Schulen zu investieren, als in prestigeträchtige Responseprojekte zu buttern.
    Und bitte fangt beim Schreien nach mehr Aufmerksamkeit für die Musikpädagogen bei der Ausbildung an! Die Reformen die zur Zeit zur Lehrerausbildung laufen werden leider nicht zu einer Verbesserung des später einmal erteilten Unterrichts führen und erst Recht nicht zu mehr Initiative der Schulmusiker, denen mit Bachelor und Master jegliche Entscheidungsfreiheit innerhalb der Studiengestaltung genommen wird.