op. 111 – Eine Analyse in 335 Teilen – Takt 10

Jeder einzelne Takt von Ludwig van Beethovens Sonate für Klavier c-Moll op. 111 aus dem Jahr 1822 wird an dieser Stelle von Bad-Blogger Arno Lücker unter die Lupe genommen. Ein Versuch, dieser Musik irgendwie „gerecht“ zu werden, was natürlich, dafür aber fröhlich, scheitern muss.

Die bisherigen Folgen:
Takt 1 Takt 2 Takt 3 Takt 4 Takt 5 Takt 6 Takt 7 Takt 8 Takt 9

Beethoven op. 111 - 1. Satz - Takt 10

Nach vier unendlichen Takten der Stille (Takte 6 bis 9) gönnt uns Beethoven in Takt 10 ein Crescendo. In der letzten Folge hatten wir schon vermutet, dass es mit der Moduliererei nun ein End‘ haben könnt‘. Und tatsächlich kennt dieser Takt ein Ziel, einen harmonischen Lichtstreif am Horizont, einen weißen Klang-Schein am Ende des Tunnels, einen tönenden Hoffnungsfunken – ach! – inmitten der Düsternis zu langer Modulationen, eine akkordische Sternschnuppe am Himmel allmählich schwindender Hörlust.

Ungeachtetdessen setzt Beethoven seinen Lieblingsakkord aller Takte bisher noch gleich zwei Mal ein: Auf den Zählzeiten eins und drei erklingen jeweils punktiert anvisierte verminderte Septakkorde. Noch einmal geht es in den verschiedenen Stimmen chromatisch zur Sache: Der b-Moll-Quartsextakkord auf Zählzeit zwei wird engschrittig im Bass vorbereitet, wie auch die beiden f-Moll-Sextakkorde gen Ende des Taktes.

Überhaupt geht es auf dieser ersten Seite von Beethovens letzter Klaviersonate wohl hauptsächlich um das Intervall der kleinen Sekunde, also um den kleinstmöglichen wechselnden Tonschritt auf der Klaviatur: An mindestens jeweils einer Stelle jedes einzelnen bisherigen Taktes wird die kleine Sekunde in den Fokus gerückt.

Die kleine Sekunde verbindet das Ganze also vordergründig – aber auch unterbewusst. An wichtigen Übergängen taucht dieses verbindende Zentralintervall immer auf – und schweißt das Gerüst dieser doch für die damaligen Verhältnisse hammermäßig anziehend zerklüfteten Architektur zusammen. Die kleine Sekunde ist Beethoven hier – auf dieser ersten Seite seiner letzten Klaviersonate – sozusagen der kompositionstechnische Kleister, der die Bretter einer Bruchbude, die auch sexuell schon alles gesehen hat, zusammenhält; ja, das Intervall der kleinen Sekund ist das Passwort, der Zugang zu dieser analogen Hörwelt aus Trümmern, der chromatische Kleine-Sekund-Zweikomponentenkleber, der sofort schroffe Tonsprünge aus verschiedenen Materialien in- und miteinander verkeilen lässt.

Takt 10 ist überhaupt wieder ein ganz besonderer Takt, denn auf eine Weise wird ab der Mitte des Taktes plötzlich das Tempo verdoppelt! Bis jetzt hatten wir – wenn überhaupt – so ein Viertel-Puls-Gefühl. Und mit dem ohnehin außerordentlichen Crescendo zusammen – innerhalb von nur zwei Zählzeiten soll vom Pianissimo ins Forte crescendiert werden – wirkt die plötzliche rhythmische Verengung hin zu einem Achtel-Puls-Gefühl doch ziemlich dramatisch.

Auf der letzten Achtel kommt noch – ähnlich wie beim Übergang von Takt 8 zu Takt 9 – die abspringende Oktave im Bass des Ganzen hinzu, die nun – die akkordimmanente Chromatik kennt kaum noch Grenzen – den Bass eines Dominantseptakkordes mit tiefalterierter Quinte und ohne Grundton bildet.

Noch schöner ist allerdings ein Dominantseptnonakkord mit tiefalterierter Quinte und ohne Grundton. Was das ist? Das erklärt der Erklärbär euch beim nächsten Mal. (Und die Kenner rollen jetzt geräuschvoll mit den Augen!)

Arno

Arno Lücker wurde 1979 in Braunschweig geboren. Seit 2003 lebt er in Berlin. Dort arbeitet Arno Lücker als Musiktheater- und Konzert-Dramaturg.

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