Abgründe der GEMA
Abgründe der GEMA
…und warum es notwendig wäre, die GEMA selbst zu reformieren
In den ganzen Diskussionen um die sogenannte „Reform der Kulturförderung“ der GEMA stehen erstaunlicherweise die GEMA und ihre leitenden Persönlichkeiten (Vorstände wie Aufsichtsräte) nicht im Fokus, außer als vage Gesichter-Parade eines monotonen Chores. Denn von einem guten Willen eines Unterfangens wie der Reform kann ja nur dann ausgegangen werden, wenn es sich bei den Betreibern der Reform um ehrenhafte, ehrliche und kulturverständige Menschen handeln würde.
Alles drei müsste man sehr genau hinterfragen.
„Nestbeschmutzer!“, „GEMA-Bashing!“ werden jetzt wieder die üblichen Verdächtigen rufen, ohne zu merken, dass sie nur kleine Schachfiguren in einem Spiel sind, das die Mächtigen der GEMA schon lange spielen und dessen Nutznießer vor allem die Mächtigen selbst sind. Alles muss auf Linie getrimmt werden, die Reform muss durchgeprügelt werden, die bösen, bösen E-Komponisten sollen doch endlich mal die Klappe halten. Aber so einfach ist es nicht.
Es lohnt sich daher, einen Blick auf die inneren Mechanismen der GEMA zu werfen, der nicht von Nostalgie, falsch verstandener Treue oder einer rosaroten Brille verfälscht wird.
Vetternwirtschaft und Machtmissbrauch bei der GEMA sind eine ernstzunehmende Gefahr. Und das liegt im System begründet, denn wenn es bei der GEMA keine Vetternwirtschaft gäbe, müsste der Papst kommen und die GEMA heilig sprechen…es wäre ein göttliches Wunder.
Um dies zu begründen (und natürlich kann es begründet werden), muss man sich genau anschauen, wie die GEMA funktioniert.
Dass es so etwas wie die GEMA – also eine Verwertungsgesellschaft – geben muss, darüber sind sich Kreativschaffende mehrheitlich einig, denn sonst gäbe es die GEMA nicht. Es macht Sinn, dass die kreative Arbeit geschützt wird und dass es ein Urheberrecht gibt, denn es ermächtigt die Urheberinnen und Urheber ihre geistige Arbeit zu schützen und auch ein bisschen davon zu leben (oder mehr als ein bisschen im Falle der Großverdiener der U-Musik, von denen leider viel zu wenig gesprochen wird). Dieses Urheberrecht schützt auch vor Raub und Missbrauch, und es ist daher richtig, dass man diese Interessen bündelt und Verlage, Komponisten und Textdichter an einem Strang ziehen.
In der Theorie.
In der Praxis ist es aber so, dass ein ganz besonders strenges Auge auf alle Institutionen geworfen werden muss, die viel Geld einnehmen und dieses dann wieder verteilen (im Falle der GEMA 2025 zum Beispiel 1,3 Milliarden Euro). Denn wenn niemand darüber wacht, schleichen sich fast zwangsläufig kleine Unschärfen ein, die – je länger man nicht genau hinsieht – immer dazu tendieren, die Reichen reicher und die Armen ärmer zu machen. Deutschland ist immerhin der fünftgrößte Musikmarkt der Welt (direkt nach China und in Europa nur von Großbritannien übertroffen), das ist kein Pappenstiel.
Über die Anständigkeit der GEMA sollte das Deutsche Patent- und Markenamt (DPMA) wachen, aber wie genau diese Überwachung aussieht und ob sie wirklich die GEMA-Mitglieder (und auch die vielen zahlenden Veranstalter, ohne die die GEMA nicht existieren könnte) vor Missbrauch schützt, müsste ebenso hinterfragt werden. Auf jeden Fall hat die GEMA in weiten Teilen ein Monopol, und gerade das erfordert höchste Vorsicht.
Was die GEMA besonders auszeichnet, ist ihre Vereinsstruktur. Sie ist per Definition kein Konzern, sondern ein wirtschaftlicher Verein, der nach Mehrheitsbeschlüssen operieren muss. Und klar – wenn man beeinflussen möchte, wie die Gelder verteilt werden, ist diese nach außen hin demokratisch wirkende Entscheidungsfindung erst einmal ein Stolperstein.
Dieser kann aber übersprungen werden. Alles, was es dazu braucht, ist ein Regelwerk der Verteilung, gegen das sich die unübersetzbare Bauanleitung eines chinesischen Regals wie ein Micky-Maus-Heft liest. Nur wenige GEMA-Mitglieder verstehen wirklich die Konsequenzen der Anträge, über die sie in der einmal jährlichen, normalerweise unendlich langweiligen und von kleinlichen Paragrafendiskussionen gelähmten Mitgliederversammlung entscheiden, denn so komplex greifen die endlosen Textwüsten ineinander. Und genau dieser Wirrwarr macht die meisten Mitglieder zu leichten Opfern von Manipulation in der Lobbyarbeit, geschönte bis sogar falsche Statistiken und Intransparenz gibt es gratis dazu.
Fast alle Komponierenden, die an den GEMA-Veranstaltungen aktiv mitwirken, sind auf die eine oder andere Weise in Verbänden organisiert. Da gibt es zum Beispiel Verbände für Textdichter, Singer/Songwriter, Jazz usw. Und natürlich auch die übergeordneten Verbände wie den DKV (zuletzt brutal instrumentalisiert durch Aufsichtsräte der GEMA).
All diese Verbände sprechen normalerweise „Wahlempfehlungen“ aus, wenn Anträge anstehen, und ein Großteil der Mitglieder – normalerweise überfordert und ohne Detailkenntnisse der GEMA-Vorgänge – stimmt einfach für das, was ihnen gesagt wird. Natürlich ist es nicht im Interesse der GEMA-Mächtigen, dass die Feinheiten von allen durchschaut werden und es ist tatsächlich manchmal deprimierend, welches Unwissen über bestimmte Aspekte herrscht. Nur deswegen kann es gelingen, die E-Musik bei U-Kollegen so anzuschwärzen, wie es im Moment geschieht – obwohl sie ein winziger Fisch ist.
Wie die Realität „systematisch beschönigt“ wird, um zum Beispiel die aktuelle Reform durchzusetzen, wird hier und hier beschrieben. Wer hat so etwas nötig außer jemandem, der seine wahren Beweggründe versteckt?
Über die verlogene und kulturvernichtende Reform habe ich hier schon wahrlich genug geschrieben (und es ausführlich begründet) und könnte im Grunde dasselbe noch einmal wiederholen, was schon letztes Jahr hier stand (die aktuelle Reform ist dasselbe in grün), aber das ist gar nicht der Fokus dieses Artikels. Die nachweisbare Realitätsverzerrung soll nur als Beispiel dafür dienen, wie intransparent und manipulierend die GEMA für ihre Geschäftsinteressen aktiv wird und ihre Mitglieder sogar bewusst täuscht, irreführt und instrumentalisiert.
Beispiele gefällig? Gerne.
Eine der Vorzüge für die GEMA aus der Sicht ihrer Mitglieder ist die sogenannte „Wertung“, eine Summe die aus einem Pool grob zu 70% an U und zu 30% an E verteilt wird (in Wirklichkeit ist es komplizierter, da es z.B. noch eine Sozialkasse gibt, die zu einem wesentlich größeren Teil U-Komponisten zugutekommt). Dieser Pool speist sich aus den 10% SozKult-Abgaben, die eigentlich auf alle Tantiemen in Deutschland erhoben werden und die natürlich den gierigeren ausländischen Konzernen und Top Acts schon lange ein Dorn im Auge sind. Die 10% zwingen sie, einen Teil ihres Geldes abzugeben, damit es anderen GEMA-Mitgliedern und vor allem unserem Musikleben zugutekommt. Auch die solidarische Verteilung (wie zum Beispiel bisher in der E-Musik) ist eine Art Reichensteuer, und damit eine gute Sache, die aber den Reichen natürlich nicht gefällt. Deswegen wurde sie auch in U abgeschafft – dass das vor allem die Kleinen und den Mittelstand traf, wurde kaum kommuniziert und ist vielen überhaupt nicht klar.
Schon in den vergangenen Jahren hat die GEMA alle möglichen Tricks angewendet, um die Abgabe zu umgehen. So liest man zum Beispiel auf wikipedia:
Im wirtschaftlich wesentlich bedeutenderen internationalen Bereich werden die Nutzungsrechte für Online-Nutzungen durch eigens gegründete Gesellschaften wahrgenommen, die von den Rechteinhabern selbst (i. d. R. den Musikverlegern) betrieben werden, z. B. der SOLAR-Music Rights Management GmbH[17] für das Sony- und EMI-Repertoire oder der ARSEA GmbH[18] für das BMG-Repertoire, an denen die GEMA nur gesellschaftliche Anteile hält. Die Online-Nutzungen des bedeutenden US-Repertoires werden von der SESAC Deutschland GmbH mit Sitz in München (SESAC International)[19] administriert.
Diese Konstruktion umgeht schon lange die 10%-Abgabe. Die interessante Passage hier ist: „an denen die GEMA nur gesellschaftliche Anteile hält“. Und ja, das bedeutet, dass sie auch hierüber Gewinne macht, nur fließen diese eben nicht in den umkämpften „SozKult“-Topf ein, sondern werden daran vorbeigeschleust.
Im Jahre 2023 wurden im Rahmen einer Reform des Verteilungsplans auch ganz offiziell die 10% SozKult abgeschafft und auf 1% reduziert, zumindest was die Online/Streaming-Nutzung angeht (der natürlich gewinnträchtigste Bereich).
Um zu verstehen, wie die GEMA hier gezielt Lobbyarbeit betreibt, muss leider ich selbst als dummes Opferbeispiel herhalten. Kurz vor der Versammlung 2023 wollte mich ein Aufsichtsratsmitglied und Vorstandsmitglied des DKV unbedingt im Café Einstein am Berliner Hauptbahnhof treffen. Lang und breit erklärte er mir die Vorzüge dieser Reduktion und dass sie ja unausweichlich wäre. Dabei log er mich dreist an – für die „E-Musik“ hätte das alles keinerlei Konsequenzen, denn die wäre im Onlinebereich ja quasi nicht existent.
Naiv, wie ich damals war, glaubte ich ihm. Das war ein fataler Fehler, denn wie sich inzwischen herausstellt, war diese Satzungsänderung in Wirklichkeit ein Sieg der Lobbyarbeit der Konzerne.
Hierzu muss man verstehen, dass wir bei Online-Streaming von ca. 328 Millionen Euro Einnahmen sprechen – da fällt eine Reduktion von 10 auf 1% schon sehr ins Gewicht. Würde auf diese Summe 10% angewendet werden, flössen 32-33 Millionen Euro in den SozKult-Topf, allein 23 Millionen davon könnten exklusiv für U zur Verfügung stehen. Diese Summen wurden schon lange angegraben (siehe oben) und wurden nun effektiv um insgesamt 29 Millionen gekürzt! Wer profitiert davon?
Man muss nicht lange nachdenken: High-Streaming Repertoire, internationale Kataloge, Top-Acts und große Verlage. Die Reichen werden reicher, so einfach ist das.
Und die Verlierer? Unter anderem die Kleinen und Mittelständler der U-Musik, aber auch die E-Musik, zeitgenössische Musik, experimentelle und wenig gestreamte Genres, Förderprogramme, Stipendien und Zuschläge der GEMA. Und natürlich die Sozialkasse.
Diese simple Tatsache fand bei der Diskussion in der Versammlung noch nicht einmal Erwähnung und ich musste im Nachhinein feststellen, dass man mich schlicht und einfach getäuscht hatte, denn inzwischen hat sich die Wertung empfindlich verringert, vermutlich als Konsequenz dieser Entscheidung.
Es verwundert daher nicht, dass – nach Eigenaussage von Aufsichtsratsvorsitzenden Ralf Weigand – 80% der GEMA-Einnahmen ins Ausland gehen, eine Summe, die angesichts der Bedeutung unserer Musikmarktes schockierend ist.
Aber schauen wir uns genauer an, wie der ganze Laden funktioniert.
Die GEMA ist zuerst einmal ein wirtschaftlicher Verein mit zahllosen Mitarbeitern, die alle versuchen, einen guten Job zu machen, mit großen Sitzen in Berlin und München.
Die Führungsebene kennt ein operatives Leitungsorgan, der Vorstand (CEO Tobias Holzmüller, Georg Oeller, Lorenzo Colombinim Ralph Kink) sowie einen kontrollierenden und mitentscheidenden Aufsichtsrat aus 15 Personen (Komponisten, Verleger, Textdichter 6/5/4) plus Vertretungen, wobei besonders der geringe bis sogar im Vorstand nichtexistente Frauenanteil auffällt. Klar, Männer machen ihre Geschäfte.
Die Aufsichtsräte werden aus den drei Kurien gewählt. Früher habe ich mich immer naiv gefragt, warum diese Jobs so begehrt waren, denn ungern opfert man ja ca. einen Arbeitsmonat im Jahr nur für interne GEMA-Sitzungen plus GEMA-Versammlung. Wenn man aber ein bisschen genauer in den Geschäftsbericht schaut, versteht man, dass die Aufsichtsräte allein dafür, dass sie Aufsichtsräte sind, um die knapp 30.000,-EUR im Jahr bekommen pro Person, zuzüglich (man weiß es nicht so genau, da es nicht ausgewiesen wird) Sitzungsgelder, Reisen, per diems, teure Hotels, Flüge, und sicher noch weitere Extraaufwendungen. Es ist also durchaus ein Geschäftsmodell, Aufsichtsrat zu werden – nicht nur wird man dafür ganz gut bezahlt, man sitzt auch direkt an der Quelle von Entscheidungen, die einen persönlich begünstigen können. 30.000,-EUR für einen Monat Arbeit ist ziemlich ok.
Aber es sind die vielfältigen Verflechtungen dieser Personen, die in den letzten Jahren zu einer zunehmenden Geschäftsmentalität der GEMA geführt haben. Von außen ist das schwer zu entwirren, da die GEMA es mit der Transparenz nicht so genau nimmt.
Denn alle Aufsichtsratsmitglieder sind selbst Rechteinhaber und gleichzeitig Regelgeber. Selbstverständlich haben sie GEMA-Einnahmen, und meistens keine geringen. Gerade als GEMA-Großverdiener müssten sie also sehr genau nachweisen, dass alles mit rechten Dingen zugeht, das tun sie aber nicht. Sie müssten auch nachweisen, wie sich ihre eigenen (!) Regelvorschläge auf ihre Einnahmen auswirken, auch das tun sie nicht, denn entgegen üblicher Vereinspraxis veröffentlichen sie ihre GEMA-Einnahmen nicht. Es ist ehrlich gesagt unerklärlich, warum da im Detail nicht genauer draufgeschaut wird. Nach der Satzung sind Interessenskonflikte und Beeinflussung von außen verboten, daher wäre es sehr wichtig detailliert nachzuweisen, dass es diese nicht gibt. Schon in der Vergangenheit gab es solche Fälle und sogar Rücktritte deswegen (zum Beispiel der inzwischen verstorbene Jörg Evers – über seinen damaligen Rücktritt findet man weder auf wikipedia noch auf den Seiten der GEMA etwas, auch das ist bezeichnend und intransparent).
Warum der Aufsichtsrat seine Macht in allen Anträgen der vergangenen Jahre immer zunehmend ausweitet (auch in der aktuellen Reform), dafür gibt es keine Erklärung, die einen beruhigen könnte. Denn würde er Interessenkonflikte aktiv vermeiden wollen, wäre das Gegenteil der Fall – er würde sich selbst in seiner Macht beschränken. Aber das tut er natürlich nicht: es geht um immer mehr Gelder, die allein nach Entscheidungen von Aufsichtsrat und Vorstand verteilt werden, zum Beispiel Vorschüsse auf GEMA-Tantiemen. Hier den Daumen hoch oder runterzuheben – damit kann man ganz aktiv Politik machen und Stimmfang betreiben.
Auch der Vorstand nimmt es mit der Offenlegung nicht ganz so genau. So fragt man sich zum Beispiel, warum Vorstandsmitglied Ralph Kink seine Beteiligung an der 100%-GEMA-Tochter IT4PM for Intellectual Property Management GmbH dezent im Geschäftsbericht verschweigt, obwohl er das eigentlich offenlegen müsste.
Überhaupt betreibt die GEMA ein inzwischen unentwirrbares Geflecht von Unterfirmen und Beteiligungen. Und diese schießen ihr sogar manchmal in die eigene Geschäftsstrategie. So brachte zum Beispiel die damalig mehrheitlich der GEMA gehörende Firma „Zebralution“ vor einem Jahr KI-Fakes des Dresdner Kreuzchores auf den Markt, ein viel zu wenig bekannter Skandal, der von der überregionalen Presse weitestgehend ignoriert wurde. Warum eigentlich? Immerhin schreibt sich die GEMA ja auf die Fahnen, gegen KI-Firmen vorzugehen, bringt dann aber selbst KI-Fakes auf den Markt? Schon wenig später wurde Zebralution an eine Private Equity – Firma verkauft – um genauere Nachfragen zu vermeiden?
Sich die Gehälter der Vorstände und Aufsichtsräte genauer anzuschauen, ist vor allem im Kontext der Reform-Diskussion interessant. An den aktuellen (und ehemaligen) Vorstand gehen inklusive Versorgungsleistungen über 3,5 Millionen Euro. Die Rückstellungen betragen sogar zusätzlich knapp 5 Millionen Euro. Der Aufsichtsrat bekommt 365.000,-EUR, aber das sind nur die Aufwendungen (?).
Undurchsichtig bleibt aber das versteckte Geld, also das Geld, dass die Aufsichtsräte über die GEMA verdienen. Hier kann man nur Schätzungen anstellen, aber man kann davon ausgehen, dass das, was diese insgesamt 19 (Aufsichtsrat und Vorstand) Personen über die GEMA verdienen, weit über dem liegt, was an die gesamte E-Musik im Rahmen der Wertung ausgeschüttet wird (etwas unter 15 Millionen – im Rahmen der Gesamtverteilung der GEMA eine kleine Summe).
Mit dem „kleinen“ Unterschied, dass die E-Musik-Wertung auf sehr, sehr viele Personen aufgeteilt wird, nicht auf nur 19 Personen, die sich nun anschicken, die E-Musik zu vernichten. Gegenmeinungen sind per Eigendekret nicht mehr erwünscht – Widerständler wie zum Beispiel die Komponistin Charlotte Seither – wurden aus dem Aufsichtsrat entfernt.
Um das Bild des möglichen Machtmissbrauchs in der GEMA zu vervollständigen, muss man aber auch das ganze Geflecht von Posten, Nebenposten, Funktionärstätigkeiten und Einfluss auf Jurys genauer beobachten.
Alle Aufsichtsräte sind Komponierende, Textdichter, Verleger und sehr oft auch Produzenten.
Besonders günstig ist es daher für sie, z.B. gleichzeitig Aufsichtsratsvorsitzender der GEMA, Kuratoriumsvorsitzender des Musikfonds, Aufsichtsrat der Initiative Musik oder Vizepräsident des DKV zu sein, um nur wenige solcher Ämter und Posten zu nennen. Hier sind sie an mehreren Entscheidungsquellen gleichzeitig – Ehrenämter, die sich ganz sicher auch für von ihnen produzierte Bands und Künstler auszahlen, von denen wiederum sie selbst profitieren, denn an den GEMA-Einnahmen sind sie als Verleger und Produzenten ganz sicher auch beteiligt. Nach außen hin mimen sie die Vertreter der Interessen der Kleinen, in Wirklichkeit leben sie von diesen.
Es kann auch kein Zufall sein, dass zum Beispiel Production Music eine der Profiteure der anstehenden Reform ist. So liest man zum Beispiel in einem Protokoll (Online-Meeting am 5. Februar 2026) der German Production Music Association (GPMA) folgendes zur Reform:
Als Add-On könnte für die Production Music der neue Förderbereich „Fokus Repertoire“ relevant werden. Hier sollen Werke aus verschiedenen „Teilkulturen“ gefördert werden – beispielsweise mit Bezug auf musik- und textbezogenen Merkmalen oder medialer Aufmerksamkeit. Die Kriterien werden mithilfe einer digitaler Technologie („Mischpult“) bewertet und in einem Score gefasst. Die Höhe des Scores entscheidet über Möglichkeit, zusätzliche Fördermittel zu erhalten. Neben Hip Hop und Jazz ist auch „Audiovisuelle Musik“ als Teilkulturgenre vorgesehen. Die Ausgestaltung dieses „Mischpults“ ist grundsätzlich dynamisch angedacht und es soll den Mitgliedern die Möglichkeit gegeben werden Einfluss zu nehmen. Es ist grundsätzlich nicht ausgeschlossen, dass auch Production Music Werke hier Berücksichtigung finden.
Im Klartext: Werbemusik ist nun kulturförderungswürdig. Willkommen im 21. Jahrhundert und bei den eigentlichen Zielen der Reform.
Und apropos Deutscher Musikautor:innenpreis (DMAP, da steckt sogar das DPMA irgendwie drin) – wie viel die GEMA sich diese reine Prestigeveranstaltung im teuren Berliner Ritz Carlton kosten lässt, konnte ich im Detail nicht herausfinden, da sich das in den Gesamtausgaben versteckt. Es ist zumindest eine Menge Geld, das den meisten GEMA-Mitgliedern (und auch Mitarbeitern) an anderer Stelle fehlt. Vordergründig wird beim DMAP kaum Geld verteilt, aber hintergründig spielen die Juryentscheidungen natürlich schon eine Rolle bei Karrieren und PR. Wenn es nicht so wäre, hätte es in der Vergangenheit nicht auch schon Manipulationen gegeben. In einer der ersten Jurys, bei der ich dabei war, gelang es einem Musikproduzenten aus XXXX (ohne dass wir anderen es verstanden), gleich eine ganze Reihe eigener Acts bei den Preisträgern unterzubringen. Den kleinen internen Skandal kehrte man schnell unter den Tisch.
Gewichtiger im Vergleich ist der Musikfonds, dessen Geschicke man sehr wohl mitzubeeinflussen weiß. Hier werden mehrere Millionen jährlich verteilt, 3000,-EUR-50.000,-EUR pro Projekt. Diese wichtige Machtposition wird von manchen mit Klauen und Zähnen verteidigt, man versteht warum.
In der Musikszene kennt jeder jeden und die in diesem Metier übliche Ämterhäufung nützt den Funktionären wesentlich mehr, als sie zumeist öffentlich zugeben. Ein solches System ist nicht vollkommen unvermeidlich und muss auch nicht nur schlecht sein, bedarf aber sehr strenger Kontrolle und größtmöglicher Transparenz. Diese fehlt vollkommen – und genau das ist das Problem. Wer passt hier auf? Wer schaut genauer nach? Leider niemand.
Es würde mich nicht überraschen, wenn bei genauerer Recherche noch weitere Abgründe der GEMA zutage kommen, aber das ist eine Arbeit, die meine Möglichkeiten weit übersteigt. Ich kann nur über das sprechen, was ich selbst erlebt habe, auf Einblicke zurückgreifen, die ich aus 40 Jahren GEMA-Erfahrung mitteilen kann. Und da sieht man schon einiges – Geschäftsmodelle von Mitgliedern, aber eben auch Geschäftsmodelle von Entscheidungsträgern, die insgesamt wesentlich mehr Schaden anrichten. Ich könnte hier endlos Beispiele aufzählen, der Artikel könnte ewig weitergehen.
Eines fällt auf: Es ist offensichtlich, dass die GEMA ihre Lobbyarbeit verstärkt hat und inzwischen sogar auch schon auf den Deutschen Musikrat Einfluss zu nehmen versucht. Diese Lobbyarbeit lässt sie sich (zum Beispiel in Form eines Michael Duderstädt, der als Vertreter eines wirtschaftlichen Vereins eigentlich nichts im Deutschen Musikrat zu suchen hat) einiges kosten, Transparenzarbeit dagegen fehlt vollkommen. Pressevertreter sind stets frustriert darüber, wie die GEMA mit Anfragen an sie umgeht. Man spielt lieber im Geheimen.
Es ist daher klar, dass nicht die E-Musik, sondern die GEMA an sich der kranke Patient ist, der dringend reformbedürftig ist. Wenn vorher kein Skandal kommt oder zum Beispiel die Reform nicht erneut scheitert, ist mit Rücktritten von Aufsichtsräten und Vorständen nicht zu rechnen, obwohl diese dringend notwendig wären, um einen sauberen Neuanfang hinzubekommen.
Bisher hat die Politik die GEMA kaum im Visier, aber der öffentliche Druck muss steigen, um die GEMA zu mehr Transparenz und zu saubereren Geschäftspraktiken zu zwingen. Was macht das DPMA? Wie reagiert man auf die berechtigte Kartellamtsbeschwerde von Peter Ruzicka, die ähnliche Schwachpunkte benennt wie ich hier? Es bräuchte externe Gutachter, die genau hinschauen und wieder für saubere und transparente Vorgänge sorgen, die Manipulationen Vorschub leisten.
Kurzum: Der Machtmissbrauch bei der GEMA muss dringend ein Ende haben, damit wir ihr als Organisation wieder trauen können.
Ehrliche und solidarisch denkende Mitglieder sind nun gefragt, engagierte Menschen, die wieder mehr an die Allgemeinheit als an sich selbst denken. Diese gibt es sicher, aber sie müssen wieder vermehrt Entscheidungsträger werden.
Denn am Ende des Tages ist es unsere GEMA, und es ist auch unsere Verantwortung, dass wir ihr hoffentlich bald wieder mehr vertrauen können. Wir müssen das Geflecht entwirren, Korruption vorbeugen und den Konzerninteressen Widerstand leisten, zum Beispiel mit strengeren Quotierungen, wie viel Geld in Deutschland verbleiben muss.
Die nächste Aufsichtsratswahl ist 2027.
Moritz Eggert

Komponist
