Das post-ironische Konzert

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Wodurch zeichnet sich ein Orchester eigentlich aus? Dadurch wie es spielt, natürlich. Aber auch dadurch was es spielt. Wo es spielt. Wann es spielt. In welchem Zusammenhang. Ein Orchester zeichnet sich dadurch aus, was es wann wo spielt – und wie es was wann wo spielt.

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Es war ein denkwürdiges Wochenende für alle Freiburger mit unvergesslichen Konzerten für alle, die dabei waren. Am Samstag, den 16.7., strömten 5000 Freiburger auf den Münsterplatz um unter freiem Himmel noch einmal zu erleben, was das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg ausmacht. Ausgemacht hat, muss man sagen, denn seit gestern ist dieses Orchester endgültig Geschichte. Da musizierte das Freiburger Orchester unter Leitung seines Chefdirigenten François-Xavier Roth nicht nur Hits von Ravel und Prokofjew bis Barber und Bernstein, auch gemeinsam mit Kindern und Laien und ließen so noch einmal hören, was das Orchester in den vergangenen Jahren geschaffen hat, indem es auch hinaus gegangen ist, die gesicherten Bahnen des Konzertorchesterdienstes verlassend und sich öffnend auch für Gruppen, die nicht, noch nicht oder nicht mehr Teil des Konzertpublikums sind.

Am Sonntag dann folgte die Wendung nach innen: Die Einladung zu einem der außergewöhnlichsten Konzertprogramme, das man sich vorstellen kann, mit einer Musikmischung die angetan sein könnte, die schiere Wahrnehmungsfähigkeit des Zuhörers zu sprengen, von den Kapazitäten der Musiker und des Dirigenten, die dieses Monsterprogramm zu spielen und zu leiten hatten, einmal ganz zu schweigen – und dann unter diesen Umständen!

Was wann wo wie: Schon der reine zeitliche Umfang des Konzertes sprengte jeden Rahmen des Gewöhnlichen: Mehr als vier Stunden währte das Programm und es gab kein Stück darin, das auch nur in den Verdacht käme, einen „normalen“ sinfonischen Rahmen zu erfüllen. Jedes für sich war ein revolutionäres Stück, das Unerhörtes hörbar machte und mit dem Thema der Überschreitung, der Transgression, ja, dem Monströsen auf Du und Du stand. Die emotionale Achterbahnfahrt begann mit Gustav Mahlers „Todtenfeier“, dem ursprünglich als sinfonische Dichtung geplanten Kopfsatz seiner „Auferstehungssymphonie“. Dieser Titel schwebte in seiner widersprüchlichen Binnenspannung zwischen (innerlichem) „Abschied“, „Trauer“ und (äußerlichem) „Fest“, programmatisch über dem gesamten Abend. Denn was folgte war ein echtes Orchesterfest, eine orgiastische Musiksause, mit einem Orchester das sich – ganz im Sinne von Mahlers Traditionsverständnis – nicht als Häuflein Asche präsentierte, sondern als lodernde Flamme.

Schon die ersten Tremoli der Geigen und Bratschen waren erfüllt von der Ahnung kompromissloser Endgültigkeit, die von den harschen Unisoni der Celli und der Bässe wie mit der Axt unterstrichen wurde. Roth und sein Orchester rissen den Abgrund auf, in den Publikum und Orchester an diesem Abend blickten. Die Erlösung, die Mahler diesem Auftakt in der Sinfonie später folgen ließ, blieb dem Publikum versagt. Denn Mark Andres Klarinettenkonzert über blickt zwar über alles hinaus, was es an Gewissheiten im Diesseitigen geben kann – seine Musik lotet die Zwischenräume aus zwischen Stofflichem und Nicht-Mehr-Stofflichem, zwischen Materialität und Nichts, zwischen Noch-Lebendigem und Transzendenz. Mit seinen subtilen Klangmischungen wie im fragmentarischen Charakter seiner Sprache ist Andre ein Nachfahre Gustav Mahlers. Gleichwohl ist seine Musik frei von jeder Ironie. Atemberaubend Jörg Widmanns Virtuosität, Abstufungen im Nichtstofflichen zu finden und die Weite zu finden Regionen, in denen die Luft buchstäblich dünn wird.

Schon alleine für die Gegenüberstellung dieser beiden Werke hätte sich die Reise nach Freiburg gelohnt. Oh, wenn doch alle Konzertprogramme wären wie dieses! So durchdacht, so beziehungs- und zusammenhangvoll, so aufregend. Schon mit der Hälfte des Programms hätten manche Orchester zu kämpfen und selbst in dieser Überlänge war das Konzert zu kurz, zu kurz in jedem Fall für das Publikum, das sein Orchester mit dem letzten Applaus nicht gehen lassen wollte, auch nicht zu lang für die Musiker, die keinen Augenblick dieses Konzertabends verpassen wollten und –wenn sie gerade nicht spielten – das Konzert von den Treppenstufen der Ränge aus verfolgten, in sich aufsogen.

Mit kaum einem Werk hätte das Orchester triftiger seine Bedeutung unterstreichen können als mit der Aufführung von „Atmosphères“ von György Ligeti. Längst ein Klassiker des 20. Jahrhunderts, der bis in die Popkultur Eingang gefunden hat, ist das Stück ein Beweis dafür, dass das Wagnis lohnt, neue Werke in Auftrag zu geben, in das Repertoire der Zukunft zu investieren und sich nicht mit dem Abfeiern vermeintlicher Gewissheiten zufrieden zu geben. Wie sinnig wurde die Aufhebung der Zeit erlebbar, die György Ligeti mit einem Franz Schubert verbindet. Die Aufführung von dessen „Unvollendeter“ ließ noch auf andere Weise erleben ließ, wie die Kenntnis der Vergangenheit die Gegenwart beeinflusst und umgekehrt: der vibratolose, fahle Ton, zu dem Roth in den Streichern immer wieder zurückkehrte, öffnete den Raum für das Geheimnis, das noch immer in dieser Sinfonie liegt. Zugleich war die Aufführung beseelt von einer Zartheit und Zärtlichkeit – die der Dirigent auch den Begleitfiguren und Nebenstimmen angedeihen ließ – welche den Eindruck der Gewalt in den erhabenen Posaunen-Einbrüche noch verstärkten. Das Orchester widmete die Aufführung seiner langjährigen Soloflötistin Gunhild Ott, die in diesen Tagen verstorben ist. Reverenz erwies das Orchester auch Pierre Boulez, der mit diesem Orchester seinen Durchbruch als Dirigent erlebte: Seine Notations wurden vom Publikum enthusiastisch gefeiert.

Bevor das „Opfer“ mit Strawinskys Sacre du printemps zur Schlachtbank getragen wurde, hatte das Orchester mit Charles Ives noch eine Unanswered Question gestellt. Die offenen Fragen blieben an diesem Abend selbstverständlich unbeantwortet. Seinen Einspruch gegen die Schließung zelebrierte das Orchester am Ende mit einer Aufführung des Sacre die alleine dem Orchester zur Ehre gereicht hätte. Nach einem solchen Programm aber diese orgiastische Musik mit solcher rhythmischen Power, mit so viel archaischer Wucht und so viel Risiko gespielt zu hören, ist unvergesslich. Karl May-Lesern mag sich das Bild aufgedrängt haben des Kriegers, der am Marter-Pfahl singt, um seine Folterer zu verhöhnen.

Um solch ein Programm zu realisieren, braucht es mehr als gute Musiker und Probenzeit. Es braucht einen Geist, einen Spirit, einen gemeinsamen Willen. Für die Zukunft des neuen SWR Symphonieorchesters, dann beheimatet in Stuttgart, wird viel davon abhängen, ob es gelingen wird, etwas von diesem Geist in das neue Orchester zu transferieren. Gute Ideen bringt man nicht so leicht um. Und wenn das utopische Programm dieses utopischen Orchesters – nicht nur bezogen auf dieses Konzert, sondern bezogen auf seine 70jährige Geschichte – auch nur einem anderen Orchester als Vorbild dienen könnte. Dann hätte dieses Juli-Wochenende in Freiburg in all seiner Absurdität einen Sinn gehabt.


Es ist nur zu verständlich, dass sich Intendanz und Hörfunkdirektion des SWR dieses Konzert entgehen ließen. Es hätte ihnen Angst machen müssen. Sie hätten es stundenlang aushalten müssen, zu erleben, was für einen Fehler sie gemacht haben.

Die Geste mit der das Orchester sich nach zehnminütigen Standing Ovations, hoch gehaltenen Herzen und anderen Dankesbezeugungen des Publikums verabschiedete, hätte lapidarer kaum sein können. Das Orchester winkte, das Publikum winkte zurück. Das hieß „Auf Wiedersehen“, nicht „Lebewohl“.

Der Verfasser dieses Artikels hat das Glück, mit dem ehemaligen Chefdirigenten des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg François-Xavier Roth beim Gürzenich-Orchester Köln zusammen arbeiten zu dürfen. Zuvor durfte er für dessen Vorgänger Sylvain Cambreling tätig sein und hat zahlreiche persönliche Impulse durch Aufführungen dieses Orchesters empfangen. Während der Fusionsdebatte hat er sich keineswegs nur neutral gezeigt und hat nach dem Konzert bis in die frühen Morgenstunden mit Musikern des Orchesters getrunken und getrauert und gelacht. Der Autor empfiehlt dem Leser daher, dass dieser persönliche Befangenheit und Begeisterung bei der Lektüre abzieht, um einen angemessenen Eindruck von diesem dennoch, unter allen Umständen denkwürdigen Konzert zu erhalten.

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Musikjournalist, Dramaturg

4 Antworten

  1. Max Nyffeler sagt:

    Die „Befangenheit“ macht gerade die Stärke dieses Artikels aus! Sie beeinträchtigt den Informationsgehalt überhaupt nicht. Danke für den Text.

  2. Tom Tulen, flötist in Amersfoort, Niederlande sagt:

    Das ist nicht zu glauben, ich hatte gedacht: das gibts in Deutschland nicht, der ewige Tempel des Kulturs… unnötig, unverschämt, unselig. Ein tag von Treuer….

  3. Katrin Zagrosek sagt:

    Danke, Patrick. Macht ein bisschen wett, dass ich nicht dabei sein konnte.

  4. Hier auf youtube ein trauriger Nachklang des SWR Orchesters Baden Baden. Eine historische Aufnahme von 1951: Peter Anders mit dem SWR Orchester aus der Operette „Die Zirkusprinzessin“(1926) Der Text sagt alles: “ Zeig deine Kunst, du wirst ja bezahlt…“ und „Du süßes Märchen – ES WAR EINMAL.“ Das Orchester spielt phantastisch und kurz nach dem Krieg muss Deutschland im Geld geschwommen sein: zwei Orchester waren da kein Problem. Heute herrscht Armut…