Breaking the Ice – Brocken Challenge 2023

Breaking the Ice – Brocken Challenge 2023

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“kalt, hart, schön” ist das Motto eines der ungewöhnlichsten Ultraläufe in Deutschland, der „Brocken Challenge“. Wer hier mitmacht, muss verrückt sein – es gibt nur wenige Startplätze und man kann nur per Losverfahren ausgewählt werden. Es gibt nichts zu gewinnen außer dem stolzen Gefühl, es geschafft zu haben. Alles eingenommene Geld wird wohltätigen Zwecken gestiftet.

Schon letztes Jahr hatte ich mich beworben und tatsächlich Glück beim Losverfahren gehabt, konnte dann aber wegen einer zwar asymptomatischen, aber dennoch nicht zu unterschätzenden Covid-Infektion nicht teilnehmen. Man machte mir Mut, es doch nochmal zu versuchen, und im Dezember letzten Jahres bekam ich tatsächlich die Bestätigung der Teilnahme. Ob das nun ein Glück oder ein Fluch war, würde sich zeigen, auf jeden Fall stürzte ich mich enthusiastisch in die Vorbereitung, unterstützt von meinem wunderbaren schottischen Coach mit dem schottischsten aller Namen: Doug Stewart!

Bei Ultraläufen fühle ich mich immer noch ein bisschen wie ein Anfänger, aber so langsam lerne ich, die Fehler zu minimieren und mit etwas mehr Selbstbewusstsein an die Sache heranzugehen. Die Brocken-Challenge hatte mich vor allem deswegen interessiert, da es bei diesem 80+km-Lauf von Göttingen auf den Brocken hinauf einen für mich besonders günstigen Umstand gibt: es geht nämlich nur hinauf!

Viele Läufer lieben schnelle und riskante Downhills, bei denen sie leichtfüßig wie eine Gazelle von Stein zu Stein hüpfen, ich dagegen fürchte genau dabei Verletzungen und vor allem die bei mir meistens unvermeidliche Plantarfaszitis (=Achillesprobleme), die bei zu schnellen Abwärtsläufen durch die Belastung der Füße entsteht. In Uphills dagegen kann ich meine Stärke ausspielen, die vor allem darin besteht, unerbittlich irgendwie weitermachen zu können, wenn scheinbar nichts mehr geht. Da ich diese Situation quasi täglich am Komponiertisch erlebe, ist mir das irgendwie vertraut und schreckt mich nicht. Vielleicht liegt darin meine Faszination für solche Läufe?

Im schönen Göttingen angekommen (das schon von der wunderbaren französischen Chansonniere Barbara friedensstiftend besungen wurde) machte ich mich sofort auf zur verpflichtenden Info-Veranstaltung des „Ausdauer-Vereins für die Menschlichkeit“ e.V., auf der man nicht nur mit ansprechender musikalischer Untermalung (auf Didgeridoo, Saxofon und Klangschalen!) auf den Lauf eingestimmt, sondern auch per Google Earth ausführlich über geografische Aspekte des Laufs informiert wurde. Leckeres Essen gab es auch noch. Schon gleich fiel auf, dass dieser Lauf eine eigene Atmosphäre hat, die von Herzlichkeit sowohl im Team als auch unter den Läufer:innen geprägt wird.

Brav legte ich mich früh schlafen, ohne vorher bei Netflix zu versumpfen und machte mich dann frühmorgens (um 4:00) auf zum Frühstück an derselben Lokalität, denn direkt vor einem Lauf will man ganz gewiss keinen vollen Magen haben. Der Startpunkt sollte „ca. 15 Minuten“ zu Fuß entfernt sein und man sollte sich dort spätestens um 5:45 einfinden, um zum Start registriert zu werden, also dachte ich mir, dass es ok sei, um 5:15 aufzubrechen. Was mich schnell wunderte: niemand schien dieselbe Idee zu haben und ich war scheinbar der einzige, der sich zu Fuß auf dem Weg machte. Gottseidank folgte mir eine Läuferin aus Berlin, sonst hätte ich mich auf den finsteren Wegen etwas einsam gefühlt. Groß war allerdings unser Schrecken, als wir auf google maps den Startpunkt suchten: Entfernung zu Fuß mindestens 25 Minuten! Mehr rennend als gehend hetzten wir durch den dunklen Wald, bis wir erleichtert auf mehrere Autolichter und weitere Läufer stießen – die meisten hatten sich chauffieren lassen! Zumindest waren wir aufgewärmt, denn das war bei dem Wetter dringend nötig.

Der Brocken ist bekannt für so ziemlich das schlechteste Wetter in ganz Deutschland, weil die Harzregion ziemlich exponiert liegt. Für den Tag des Rennens waren zwar keine Minustemperaturen angesagt, dafür aber durchgehend starker Regen und Sturm mit orkanartigen Windstärken, eben „kalt, hart“ und vermutlich nicht ganz so schön.

Die wackeren Läufer:innen sammelten sich ein letztes Mal um dankenswerterweise aufgestellte kleine Feuer um sich aufzuwärmen, dann ging es nach kurzer Startzeremonie durch den sympathischen Rennleiter Markus Ohlef (am Vorabend schon Didgeridoo-Virtuose) an einer Schranke vorbei direkt los in den dunklen Göttinger Stadtwald.

In der letzten Zeit hatte ich viel mit Metronomklick geübt, um mich an die für Läufer ideale Schrittfrequenz von 180 Schritten pro Minute zu gewöhnen. Experimentell hatte ich mir bei diesem Lauf vorgenommen, die ersten 42 Kilometer bis zum Marathonpunkt ebenfalls mit Klick zu laufen. Das erwies sich allerdings als recht schwer, denn erst einmal ging es steil bergauf und das Tempo war meistens nicht zu halten. Dennoch zwang mich der Klick zu einer gewissen Agilität und sobald es abwärts oder geradeaus ging, war die Kadenz auch durchaus zu realisieren und resultierte in für meine Verhältnisse recht ansehnliche Geschwindigkeiten am Start eines Ultras (zwischen 5:10-5:30 km/Minute). Schnell ging auch die Sonne „auf“, wobei man das eigentlich nur an einem leichten Erhellen der niedrigen Wolkendecke merkte, ansonsten nicht.

Der Regen hielt sich am Anfang noch etwas zurück, daher waren die ersten 10 Kilometer bis Landolfshausen recht angenehm zu laufen. Nach diesem ersten Verpflegungspunkt bereute ich allerdings, nur ganz normale Straßenlaufschuhe angezogen zu haben für den ersten Teil des Rennens, den ich wegen der viele Straßensektionen als eine Art normalen Marathon eingeplant hatte. Denn bald ging es matschige Waldpfade hinauf und wieder hinab – ganz ohne Grip an den Schuhen kein leichtes Unterfangen auf dem passend benannten „Hellberg“.

Durch die Präsentation am Abend gut vorbereitet wusste ich immer genau, wann die Verpflegungsstationen kamen. Vorbei an der historischen Tilly-Eiche war dann auch schnell der Marathonpunkt in Barbis erreicht (nach 4:40 Stunden), eine größere Station an der ich einen weiteren Beutel deponiert hatte, um von den Straßenmarathonschuhen auf Trailschuhe umzusteigen. Eigentlich hatte ich mir auch vorgenommen, meine durchnässtes Hemd und eventuell sogar die Strümpfe zu wechseln, war aber dann zu ungeduldig und besorgt, zu viel Zeit zu verlieren. Das war ein großer Fehler, wie sich herausstellte.

Nachdem inzwischen quasi der tiefste Punkt der Strecke mit insgesamt 1810 Höhenmetern erreicht war, wusste ich, dass es ab nun quasi nur noch aufwärts gehen würde, und zwar in endlos scheinenden langen Abschnitten durch die Vorläufer des Harzgebirges, passend „Entsafter 1“ und „Entsafter 2“ genannt wegen ihrer psychologischen Herausforderung.

Bei einer langen Strecke wie dieser rennt man solche Abschnitte irgendwann nicht mehr, da dies energieineffizient ist. Ich holte also meine Stöcke raus und experimentierte mit verschiedenen Ablösungen von Gehen und Laufen, wobei ich irgendwann herausfand, dass 60 Schritte schnell rennen, dann 30 Schritte schnell gehen der ideale Rhythmus für mich war. Erstaunlicherweise befand ich mich nach wie vor im Hauptfeld des Rennens und war stets von den gleichen Läufern umgeben, die ich manchmal überholte, dann wieder von ihnen überholt wurde, ein für einen Ultra typisches Spiel, das sich stundenlang hinziehen kann. Grundsätzlich stimmte mich das aber schon freudig, denn normalerweise beginnen an diesem Punkt meine Kräfte eher nachzulassen, was diesmal dank durchgehend disziplinierter Ernährung nicht so stark der Fall war wie sonst. Auch fühlten sich meine Beine noch erstaunlich frisch an – das ständige Bergauf war zwar anstrengend, ist aber insgesamt eher muskel- und gelenkschonend, weil die Aufprallkräfte vermindert werden.

Ein zunehmendes Problem war allerdings das Wetter. Schon seit Kilometern blies einem ein eisiger Wind entgegen, und meine wind-und wetterfeste Laufjacke hatte es zunehmend schwer, mich davor zu schützen, vor allem weil darunter alles nass war. Immer gieriger ließ ich mir heiße Brühe und Tee bei den Verpflegungsstationen in den Becher schütten, diese waren aber schon nach wenigen Schritten im eisigen Wind wieder erkaltet. Ich war auch immer unwilliger, stehen zu bleiben. Selbst das inzwischen notwendige Anziehen von Handschuhen (durch das Halten der kalten Laufstöcke spürte ich meine Hände kaum noch) war eine Tortur, denn meine Hände schienen seltsam aufgeschwollen zu sein und passten nicht mehr in die Handschuhe. „Der hat schon blaue Lippen“ sagte besorgt eine Frau an einer Versorgungsstation (wo man durchaus schon mal aus dem Rennen gezogen wird, wenn man zu ungesund aussieht). „Ach was!“ rief ich, und biss die Zähne zusammen (bei der Kälte war das ohnehin automatisch).

Immer mehr hatte ich das Gefühl, dass ich mich bewegen musste, um nicht zu erfrieren. Tatsächlich war dies eine hervorragende Motivation für die immer endloser scheinenden „Entsafter“-Passagen, die vor allem durch kahle Berghänge vorbei an entwurzelten Bäumen und steinigen Einöden führten, ständig mit eisigem Gegenwind, der einen teilweise auf der Stelle treten ließ.

Als Ultraläufer gewöhnt man sich irgendwann an, nicht zu ungeduldig zu werden und Versorgungsstationen nicht zu früh zu ersehnen, denn jeder Kilometer wird nun endloser und man kann psychischen Schaden nehmen, wenn man auf seine Uhr schaut um zu sehen, wie lange man noch laufen muss. Daher war ich sogar positiv überrascht, den letzten Versorgungspunkt vor dem Ziel früher als erwartet zu erreichen. Von hier waren es noch ca. 7 Kilometer bis zum Gipfel, nach allen Berichten zufolge die härtesten des Laufs.

Und es gab eine neue Herausforderung: inzwischen befanden wir uns in Schneehöhe, dort war durch den beständigen Regen Glatteis entstanden, das nun den ganzen Weg bedeckte. Vor mir sah ich mutigste Läufer plötzlich straucheln, weil ihnen selbst Trailschuhe keinerlei Halt mehr gaben.

Gottseidank hatte ich meine Spikes mitgebracht. Die drei Minuten, die ich sie mir zitternd am Boden sitzend überzog, waren die am besten investierten Minuten im ganzen Lauf, denn nun konnte ich mich überhaupt erst wieder fortbewegen. Leider gab es gleich ein neues Problem: unter dem spiegelglatten Eis floss das Schmelzwasser den Berg hinab, und alle paar Meter brach man bis zum Knie ein, die ohnehin schon halberfrorenen Füße in kaltes Eiswasser tauchend.

Die Sichtbarkeit nahm zunehmend ab und nur noch schemenhaft konnte ich einzelne Läufer erkennen. Hinter mir war ein ganzer Pulk mangels Spikes zurückgeblieben, vor mir ein schneller Läufer, der mich antrieb. Als ich die Schienen der Brockenbahn sah, wusste ich, dass es nun nur noch wenige Kilometer sein mussten und holte meine „Geheimwaffe“ aus der Jackentasche: eine Tüte mit arabischen Kaffeepulver, das mir mein israelischer Student Yuval Seeberger zwei Tage vorher geschenkt hatte und dessen rohe Einnahme anscheinend israelische Soldaten zu übermenschlichen Leistungen befähigt. Mit den letzten Tropfen meines Wassers würgte ich das Pulver herunter, und tatsächlich: beflügelt wie das doofe Red-Bull-Männchen trotzte ich den Elementen mit neuer Entschlossenheit, die zwar vielleicht nur ein Placebo-Effekt war, aber auch der hilft natürlich.

Um eine letzte Ecke herum begann der finale Anstieg auf den Brocken. Für die Natur hatte ich wenig Sinn in diesem Moment, man sah eh kaum etwas durch den inzwischen überall präsenten Nebel. Nur nicht stehen bleiben war meine einzige Devise. Plötzlich hörte ich Schritte hinter mir: zwei recht frische Läufer:innen und ein Hund versuchten doch allen Ernstes, mich kurz vor Schluss zu überholen. Auch wenn es mir eigentlich egal ist und ich allen Läufern von Herzen die schnellsten Zeiten gönne, packt mich in solchen Momenten dann doch ein unerklärlicher Ehrgeiz und ich begann wie ein Wahnsinniger zu rennen, um dies zu verhindern, was erstaunlicherweise auch ging. Aus dem Nebel heraus tauchte eine Gestalt auf und winkte – sollte dies tatsächlich schon das Ziel sein? Ja, das war es. Keine Ziellinie, einfach nur eine Tür, die zum Hotelsaal auf dem Brocken führt, in dem sich die erschöpften Teilnehmer nach der Ankunft sammeln.

Dort sah ich anscheinend so durchgefroren aus, dass mich erst einmal die Johanniter in Augenschein nahmen, meinen Blutdruck maßen und mich nach meinem Namen und Geburtsdatum fragten. Das Problem war: ich konnte nicht antworten, weil meine Lippen so zitterten! Einigermaßen besorgt wurde ich in eine Rettungsdecke gewickelt, bis ich mich endlich wieder verständlich machen konnte und sagte, dass ich jetzt am liebsten etwas Warmes essen würde.

Fleischbällchen mit Nudeln? Ich bin doch Vegetarier! Egal – noch nie waren diese Bällchen so willkommen gewesen. Irgendwann wurde auch einer der ergatterten Plätze auf der gottseidank aufgedrehten Heizung frei und ich konnte endlich meinen tatsächlich erfrorenen und vollkommen durchnässten Hintern aufwärmen. Denn ich wusste was unvermeidlich kam: um wieder zurück nach Göttingen zu kommen, bedurfte es weiterer Anstrengungen. Zuerst einmal die knapp 7 Kilometer wieder nach unten laufen (dort erwischte es mich dann auch endlich: ich rutschte aus!), dort in einer nicht gerade gewärmten Gaststätte auf den Bus warten, dann Anderthalb Stunden nach Göttingen fahren. Aber auch dort war die Odyssee noch nicht zu Ende – der Bus lieferte einen einfach am Startpunkt ab, von dort also noch einmal 25 Minuten zu Fuß zum Frühstückssaal, von dort nahm ich dann das Fahrrad zum Hotel, wo ich irgendwann kurz vor Mitternacht ermüdet ins Bett sank. Es war also ein harter, kalter aber eben auch sehr schöner Tag, davon 11 Stunden und 12 Minuten durchgehend laufend, um der Kälte zu entrinnen.

Man kann ganz froh sein, dass nur Laufen aber keineswegs Komponieren gegen eine solche Kälte hilft, denn dann gäbe es viel zu viel Musik im Winter!

Nächstes Jahr bin ich vielleicht wieder dabei, mal schauen…

Moritz Eggert

 

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