Wie sieht die russische politische Opposition Teile der Sponsoren der progressiven Musikszene Russlands?

Gestern erschien im VAN-Magazin ein Beitrag, der in einem Unterabschnitt kurz umriss, dass Förderung progressiver, oppositioneller Kultur derzeit vor allem durch private Sponsoren aka Oligarchen stattfinden würde. Wie steht eigentlich die russische politische Opposition selbst zu diesen Oligarchen? Kann man dahingehend von oppositioneller Kunst sprechen, sollte die politische Opposition die Geldgeber z.B. negativ bewerten? Daher sei ein Blick auf Veröffentlichungen des „Free Russia Forum“ und der Nawalny Hauptquartieres geworfen.

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Das „Free Russia Forum“ ist ein Zusammenschluss unterschiedlichster Oppositioneller, das seit Mitte der Zehnerjahre des 21. Jahrhunderts im Baltikum halbjährlich zusammenkommt. Motoren dieses Forums sind auch im Westen bekannte russische Oppositionelle wie Garry Kasparov, Arkady Babchenko, Marat Gelman, Ilya Ponomarev, Mark Feygin, Maria Alekhina, Evgeny Kiselev oder Evgenya Chirikova. Nach eigener Darstellung arbeitet das Forum zudem z.B. mit Mikhail Chodorkovskys Open Russia, Alexei Nawalnys Team oder Memorial zusammen.

Das Forum verantwortet das Projekt „Putin’s List“ unter der Webadresse www.spisok-putina.org. Der o.g. gestrige Beitrag erwähnt u.a. die V-A-C Stiftung des Oligarchen Leonid Mikhelson, mit dessen Stiftung ich mich hier bereits ein paar Mal befasste: die Bildende Kunst kritisierte z.B. Ende Februar 2022 fehlendes Standing gegen den russischen Krieg gegen die Ukraine, Aktivist:innen besetzten die Depandance der Stiftung in Venedig „Zattere“ und warfen dem Oligarchen seine Verbindungen zum politischen System Putins vor, USA, UK, Kanada und Polen sanktionieren den Oligarchen bzw. sein Unternehmen Novatek, Kurator:innen verließen nach Kriegsbeginn frustriert die Stiftung. Im Gegensatz zur Bildenden Kunst machte aber die Musikabteilung wohl relativ unangetastet weiter im vor dem Krieg eröffneten GES-2 in Moskau. Die Stiftung finanzierte einen Teil der Orff/Bartok-Produktion der Salzburger Festspiele 2022. Darüber und über das andere Angeführte berichteten der Guardian wie russische oppositioneller Presse sehr kritisch. Die verbliebenen Kurator:innen werden u.U. trotz der schwierigen Lage gute Arbeit leisten. Aber entscheidend ist die Frage: ist das oppositionelle Arbeit, wenn die Opposition selbst den Geldgeber kritisch oder gar problematisch als ansieht?

Denn auf „Putin’s List“ erscheint unter der Rubrik „Oligarchen“ auch Leonid Mikhelson. Ihm wird „corrupt relations with Russian top officials“ durch das Projekt des „Free Russia Forum“ vorgeworfen. Auch auf der Nawlanys „List of bribetakers and warmongers“ ist Mikhelson unter der Rubrik „Oligarchen“ (PDF, S. 4, Zeile 5) zu finden unter „M“. Dort heißt es: „Russian oligarch. Amid the war, he remains involved in the system of Russian political corruption, in which capital is an instrument for acquiring political influence, and political influence is a condition for preserving capital, at the highest level. Individuals involved in corruption.“

Das lässt den Schluss zu, dass wichtige Teile der politischen Opposition dens Stifters der V-A-C Stiftung sehr kritisch sehen. Das ist zwar keine gerichtliche Ermittlung. Doch eine Betrachtung von Institutionen sehr prominenter Oppositioneller wie auch die des Nawalny Teams, das bekanntlich auch dezidiert das Finanzgebaren von Valery Gergiev sehr kritisch darstellte und hinterfragte. Solch ein Hinterfragen unterblieb leider auch im VAN-Magazin, z.B. durch das Benennen der hier angeführten Darstellungen der politischen, russischen Opposition. Wie gesagt, die verbliebenen, einzelnen Kurator:innen dieser und anderer Stiftungen mögen substantiell gute Arbeit leisten, mag das ein Freiraum in Russland selbst sein. Wenn sich politische Opposition und oppositionelle Bildende Kunst entsprechend kritisch zu dieser und anderen Stiftungen und Oligarchen verhalten, ist zu fragen, ob das die Musik eigentlich auch tun sollte. Die Darstellungen z.B. auch der Salzburger Festspiele zu V-A-C Stiftung und ihrem Stifter besagten nur, dass dieser nicht in Österreich sanktioniert sei. Ein Gesamtbild, dass das Verhalten der Bildenden Kunst wie der politischen Opposition dazu beleuchtete, fand nicht statt. Man sagte nur, die Stiftung sei ja auf keinen Fall sanktioniert. Das wird wohl auch kaum passieren. Aber entscheidend ist der Geldgeber selbst als natürliche Person und deren insgesamte Einordnung. Problematisch bei solchen Beurteilungen ist auch, dass sich das im Bereich des Musikjournalismus immer auf Kontakte und Beziehungen beruft, die nicht strikt neutral sind, sondern auch immer ein „die Gewährsperson ist ein Freund vom Berichtenden oder ein Freund der Person, über die man berichtet“ mitschwingt statt strikt neutral zu sein. Das gelingt auch mir nicht immer. In der Sache bin ich aber mit niemand befreundet. Jedenfalls läßt sich verallgemeinernd feststellen, dass diese Art von musikalischer Opposition und ihrer Geldquellen kein originärer Bestandteil der politischen Opposition ist, wenn es um die Beurteilung der privaten, oligarchischen Geldquellen geht.

Komponist*in

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