Musicaeterna Dance – dritte Sparte in St. Petersburg, Verstetigung bestehender Förderprobleme?

Alexander Beglov, Kuratoriumsmitglied der russischen Musicaeterna Stiftung und Gouverneur von St Petersburg sowie Pate von Mariupol

Derweil sich manche den Kopf zerbrechen, ob das neu gegründete „Utopia“-Orchester von Teodor Currentzis nun „Musicaeterna“ mit einem neuen Schild sein könnte oder doch ein wirklich anderes Projekt, worauf übrigens die umfangreiche Länderliste, die in deutschsprachigen Veröffentlichungen nicht länger aufgelistet wurde als auf Currentzis Homepage z.B. zu finden, hinweist mit Nationalitäten die nicht im derzeitigen „Musicaeterna“ Orchester dabei sind wie z.B. Japan, Finnland, USA u.v.m., wartet Currentzis bereits mit dem nächsten Paukenschlag auf: Musicaeterna Dance soll als dritte Sparte gegründet werden. Auditions sollen Ende August bereits im „Dom Radio“, dem von der in der EU sanktionierten VTB-Bank gesponsorten Proben- und Projekt/Konzert-Ort stattfinden. Es heißt: „Es wird musicAeterna Dance heißen und aus 10-12 Künstlern bestehen. Zu den Plänen für die nahe Zukunft gehört die regelmäßige Teilnahme des Teams an Ballett-, Opern- und Performance-Produktionen. Künstlerischer Leiter wird Currentzis selbst sein, Leiter der Truppe werden außerdem die Regisseurin Anna Guseva, die Choreografin Anastasia Peshkova und die Kuratorin Maria Kramar sein… Die Schaffung einer eigenen Truppe mit einem einzigartigen Entwicklungsvektor wird diese interdisziplinäre Symbiose vertiefen.“

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Anna Guseva war übrigens die Choreografin der diesjährigen „De temporum fine comoedia“ Produktion in Perm, wo sich der Musicaeterna Chor bereits bestens für die heute ablaufende Salzburg-Produktion dieses Werkes einstimmen und vorbereiten konnte, mit Proben ebenfalls im problematischen „Dom Radio“. Problematisch aufgrund des seit Kriegsbeginn durch die EU sanktionierten Sponsors VTB-Bank. Problematisch durch die Trägerschaft des Hauses durch eine Medien-Holding, deren CEO die Lebenspartnerin des russischen Präsidenten ist. Für Produktionen bis Ende der nun Kriegs-Saison 2021/22 wäre das organisatorisch hinnehmbar gewesen. Ohne auf das Saisonende abzwarten haben z.B. das Konzerthaus Wien und die Pariser Philharmonie die Musicaeterna-Konzerte Ende dieser Saison und für die kommende Saison im Kartenverkauf gestoppt, wohl auch mit dem Hinweis, dass das Sponsoring geklärt werden müsse.

Die Salzburger Festspiele sahen sich aber nicht einmal in der Lage festzustellen, dass die gewichtigen Proben für Currentzis-Produktionen in Sachen Chor im VTB-Bank gesponsorten Dom Radio stattfanden, genauso Orchesterproben für das vergangene Konzert mit Schostakowitschs 14. Sinfonie, mit der man auch auf Gazprom-Tournee ging. Zur Erinnerung: Gazprom dreht gerade vielen EU-Staaten den Gashahn ab, die Politik des russischen Staats-Konzerns führt wohl gerade auch mitverantwortlich zu befürchteten großen sozialen und ökonomischen Problemen in den betroffenen Staaten, auch Deutschland. Der Schock saß schon im Mai diesen Jahres tief, dass als neuer Sponsor eben nicht ein anderer, aber ausgerechnet Gazprom gewonnen wurde. Natürlich sind auch durchaus westliche Sponsoren fragwürdig im Klassik-Geschäft. Doch sind sie eben weder mehrheitlich im Besitz noch direkt Staatskonzerne des kriegsführenden Russlands. Dafür scheint manchen vor lauter Begeisterung für den sehr guten Dirigenten Currentzis das Bewusstsein zu fehlen. Ich betrachte das Auftreten russischer Künstler:innen mit Staatsnähe bereits seit langem kritisch. Um so unverständlicher ist es mir daher, wenn man z.B. sich der Sicht Hinterhäusers anschließt und die Kündigung Gergievs wegen eines fehlenden Statements gegen den Krieg durch den Münchner als heuchlerisch darstellt. Natürlich war das Agieren der Münchner Politik von heute auf morgen anders. Doch sollte ernsthaft jetzt die Partnerstadt Kyivs jetzt noch Gergiev mit seiner Nähe zu Putin und seinen durch das Nawalnj-Team aufgedeckten Geschäfte hier in München beschäftigen? Will man das im Neuen Deutschland mir als Kritiker und Münchner genau dieser Umstände seit vielen Jahren wirklich zumuten?

Doch zurück zu Currentzis: wie die dritte Sparte Dance finanziert werden soll, wird man sehen. Aktuell finden die ersten Regungen jedenfalls unter dem Sponsoring der sanktionierten VTB-Bank statt. Die Tänzer:innen sollen bis Sommer 2023 Wohnsitz in St. Petersburg nehmen. Das deutet alles auf einen Fortbestand dieses Sponsorings hin. Wenn es um Projekte ginge, die nur in Russland stattfinden, ist das kein Problem. Es geht um Proben für Projekte in der EU. Andras Schiff bemerkte sinngemäß im BR-Klassik-Interview, dass Currentzis schwerlich auf allen Hochzeiten tanzen kann, solange Russland so wie jetzt geächtet dasteht. Konzerthäuser und Veranstalter müßten garantieren, dass Proben für die Konzerte und Opernaufführungen in ihren Locations im Westen stattfinden können bzw. unter nicht sanktionierten Sponsoren. Genau daran krankt aber schon das erste große Gastspiel im November 2022 von Musicaeterna im Festspielhaus Baden-Baden und dem Konzerthaus Dortmund mit „Tristan und Isolde“. Vor den Terminen ist drei Tage zuvor sogar mit westlichen Solisten  der erste Auftritt dieser Produktion in Moskau geplant – die Residenzen dort wie eben auch in St. Petersburg stehen noch unter VTB-Bank-Generalpartnerschaft. D.h., westliche Künstler:innen proben nicht nur dort, was schwierig genug ist, sondern treten dort auch auf.

Screenshot noch mit westlichen Künstlerinnen und Tristan und Isolde

 

Und hier kommen die Stiftungen Musicaeterna in Liechtenstein und der Schweiz wie aber auch in Russland ins Spiel. Damit liegt nämlich bei aller Kritik an solchen Finanzkonstruktionen eine Möglichkeit vor, im Westen Gelder für Proben und Produktionen im Westen zu beantragen. Für das „Utopia“-Orchester gewann man bereits eine deutsche Stiftung als Sponsor. Etwas mehr Anstrengung wäre also geboten, das auch für die anderen westlichen Engagements von Musicaeterna hinzubekommen und anzugehen. Proben in Baden-Baden oder Dortmund für das Tristan-Projekt von der ersten Note an wären transparent und würden das Sponsoren-Problem deutlich zum Positiven verändern, auch wenn Kritik am VTB-Bank-Sponsoring bestehen bleiben würde.

Das Problem bleibt aber die Musicaeterna Stiftung in St. Petersburg, die letztlich die Existenz der bald drei Ensembles möglich macht. Über Andrei Kostin, CEO der VTB-Bank und Elvira Nabuillina, CEO der Nationalbank und Kuratoriumsvorsitzende, wurde bereits viel gesagt. Für Currentzis war in Perm bis zum Weggang der dortige Gouverneur wichtig, der sich dort Freiräume von Moskau auch via Kultur gönnte. Der St. Petersburger Gouverneur Alexander Beglov gilt nun neben Kostin als tatkräftiger Unterstützer Currentzis’ in St. Petersburg. So versprach er bereits 2020 eine Kirche im bzw. nahe dem Dom Radio als weiteren Probenort instand setzen zu lassen. Als im Jahreswechsel 2021/22 Currentzis seine Wohnung um das benachbarte Atelier eines bildenden Künstlers erweitern wollte für Proben und mehr, dessen Vertrag dafür auslief bzw. nicht verlängert wurde, stand da St. Petersburger Medienberichten aus der Zeit, auch Beglov mit seiner Verwaltung dahinter („Der Raum wird dem Dirigenten Teodor Currentzis überlassen, der vom Gouverneur von St. Petersburg Alexander Beglov auf jede erdenkliche Weise verwöhnt wird.“). Nach Berichten darüber konnte dann allerdings der Künstler in seinem Atelier bleiben.

Zuletzt fand im Dezember 2021 eine Kuratoriumssitzung der Musicaeterna Stiftung St. Petersburg mit Currentzis und eben auch Beglov statt. Alexander Beglov wurde nun aber auch zum Pate für das durch Russland zerstörte, besetzte und okkupierte Mariupol. Unlängst sass er zu dem Thema mit einem „Z“ am Revers im St. Petersburger TV. Mariuopol ist die Stadt, in der z.B. das Schauspielhaus mit hunderten Geflüchteten durch Russland zerstört wurde und mutmasslich sehr viele Personen in der Kulturstätte als Zufluchtsort umkamen, obwohl es als solche gekennzeichnet war. Ausgerechnet in der „Philharmonie Mariupol“ wurde der Partnerstadtvertrag unterzeichnet, Beglov besichtigte sogar bereits Mariuopol unter russischer Okkupation. Wie will man nun westlichen Musikfreund:innen vermitteln, dass diese problematische Person mit Currentzis im Kuratorium der Musicaeterna Ensembles sitzt? Bisher war das nicht bekannt, da man im Gegensatz zu selbst kleinsten westlichen Kulturvereinen es nicht für nötig hielt, das Kuratorium auf seiner Webseite oder in anderen Publikationen transparent zu zeigen. Das scheint ja nach wie vor auch für manche Berichterstatter, die sich sonst als Kritiker des Kultursponsorings profilieren, keine Rolle zu spielen. Oder solche Auftritte wie auf dem Wirtschaftsforum in St. Petersburg. Will man also weiterhin akzeptieren und hinnehmen, dass dann im Dezember 2022 Currentzis mit Beglov wieder tagt und wie 2021 die weitere Zukunft von Musicaeterna mit dem „Z“-Mann bespricht?

Eine Aktivierung der westlichen Musicaeterna Stiftungen erscheint mehr als geboten, ein Dirigent mit wichtigen West-Engagements kann aber nicht zugleich mit einem „Z“-Mann in seinem Kuratorium tagen. Oder Musicaeterna kann auf Dauer im Westen nicht mehr auftreten, wenn man das nicht gebacken bekommt. Das ist übrigens keine wohlfeile westliche Sofa-Kritik. Das ist der Ruf nach Demokratie und Transparenz. In einem anderen Kontext zeigte mir ein Mann die Wochen auf seinem Handy sein durch Russland zerbombtes Haus in Mariupol. Daneben sass seine weinende Frau. Nicht einmal Kleidung hatte er aus dem Haus noch für seine Flucht mitnehmen können, er sass neben mir in dem Gewande, mit dem er seine Heimatstadt verlassen hatte. Wie kann man diesem Mann erklären, dass seine Stadt nun durch den „Z“-Mann Beglov aus St. Petersburg wieder mit „neu“ aufgebaut wird und dessen Ensemble, in dessen Kuratorium er sitzt, z.B. hier in München konzertiert? Das ist der Widerspruch, den man mir mal erklären soll und nicht all die Hinnehmbarkeiten, die man bereit ist, zu ertragen und man mir zugleich eigentlich noch Gergiev in München ans Bein wünscht.

 

Alexander Beglov, Kuratoriumsmitglied der russischen Musicaeterna Stiftung und Gouverneur von St Petersburg sowie Pate von Mariupol

Komponist*in

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Eine Antwort

  1. Robert sagt:

    Es geht weniger um die Musiker von aeterna, es geht um den G’schäft’l – Macher Currentzis, vor allem um die G’schäft’l – Macher in seinem Rücken.

    Man übersieht rückblickend, dass das ein Blitzkrieg hätte werden sollen.
    Spätestens anfangs Mai hätte die Ukraine verschwunden sein sollen. Die Festpsieleröffnung, Putin in der Loge!!!!!

    Hinterhäuser agiert und reagiert nicht.
    Man hat bis zum Schluss geglaubt, dass die Ukraine fällt. Ein reagieren im Sinner unserer Werte wurde nicht angestrebt.
    Es ging dann nicht anders, das G’schäft’l kommt besonders in Salzburg vor der Kunst!
    :….
    Ausserdem gibt es das Gagen – Ost / West Gefälle!
    Musiker aus dem Osten können ohne Qualitätsverluste um die Hälfte billiger spielen, sogar noch billiger!
    Im Grunde wird unser Wertesystem auf den Kopf gestellt.

    Die Musiker, auch Westmusiker, spielen nicht im Angstelltenverhältnis. Es gibt zu viele exzellente Leute, die kein festes Engagement haben.
    ….
    zusammengewürfelter Haufen von Topleuten!
    ……
    Wozu betreiben Kommunen Theater, Opern, Konzertorchester….
    …..
    Man könnte ja dann auch eine freischaffende Polilzei aufstellen…..
    Wer gerade Zeit und Lust hat, hält ein paar Auto uaf um den Führerschein zu kontrollieren.

    Oder Müllabfuhr!
    Im Grunde ist das Currentzisbusiness eine kulturelle Müllabfuhr.
    Nach einmaligem Gebrauch weg, weil es nicht zum brauchen ist!

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