Ein Bericht für eine (Bayerische) Akademie

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Ein Bericht für eine (Bayerische) Akademie

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Was macht denn eigentlich die Bayerische Akademie der Schönen Künste? Das ist die dringliche Frage, die sich unseren Lesern sicherlich schon lange stellt, denn in der Welt ist ja bekanntlich sonst nichts los.

Daher widme ich der Akademie (kurz: BADSK) diesmal einen besonders ausführlichen Artikel. Diesen so unterhaltsam wie möglich zu machen, ist bei einer Institution wie der BADSK wahrlich kein leichtes Unterfangen, denn blühende Leichtigkeit ist nicht unbedingt ihre Natur. Dafür hat sie andere Qualitäten.

Es gibt auch einen Anlass. Vor kurzem bekam ich eine Ladung zu einer Sitzung der Musikabteilung mit dem fast einzigen Tagesordnungspunkt „Verhalten des Mitglieds Moritz Eggert“. Einerseits bin ich geehrt, dass man mich kleines Mitglied mit einem eigenen Termin beehrt, andererseits aber lösen bei mir Tagesordnungspunkte, die mein „Verhalten“ zum Thema haben, nicht gerade freudvolle Impulse hervor. Wer mich kennt, weiß, dass ich den Blick in hasserfüllte und zornige Gesichter nicht fürchte und eine gewisse Widerstandsfähigkeit gegen Maßregelungen und Zurechtweisungen entwickelt habe. Aber – und das gebe ich gerne zu – beim Thema meines „Verhaltens“ zur Akademie bin ich einfach müde geworden. Es ist eine tiefe, bleierne, lähmende Müdigkeit, ungefähr vergleichbar mit dem Gefühl des Lesens eines der neueren Texte von Peter Handke.

Aber ganz still und stumm will ich dennoch nicht sein. Gerade bekam ich nämlich eine E-Mail einer sehr geschätzten Kollegin, die sinngemäß meinte: „Moritz, Du hast Mist gebaut, Du solltest Dich einfach entschuldigen. Konflikte können nur gelöst werden, wenn man sich in den anderen hineinversetzt.“

Was also ist passiert? Da eine der großen Empfindlichkeiten der Akademie ist, dass man KEINESWEGS über irgendetwas sprechen darf, was in ihren heiligen Hallen passiert, ist es nicht ganz einfach, darüber zu sprechen, ohne wieder erneuten Zorn zu wecken. Denn worüber man nicht sprechen kann, darüber darf man nicht sprechen. Oder so ähnlich.

Und glaubt mir, Zorn zu erwecken ist und war nie meine Absicht. Denn Frieden soll walten, zartes Verstehen, Einfühlung und Liebenswürdigkeit. Aber selbst dann kann man vermutlich „alle fünf Minuten auf einen Shitstorm warten, egal was man macht“, wie es unser geehrtes Mitglied Gerhard Polt treffend ausdrückte.

Wie auch immer, in Kurzform ist also – was mein „Verhalten“ angeht – folgendes passiert: Wir Mitglieder wurden für ein Ukrainekonzert nach Vorschlägen gefragt. Ich machte ganz viele aus langjährigen persönlichen Kontakten und vielen Besuchen in der Ukraine resultierende nützliche Vorschläge, die auch zur Kenntnis genommen wurden. Daraufhin wurden wir per Email von unserem Abteilungsleiter mit einer Sammlung dieser Vorschläge konfrontiert, in der – vorgeschlagen von einer Person mit Verantwortung in der BADSK –  ein Name eines russischen Mitglieds auftauchte, dessen Mitwirkung – und das sage ich aus einer gewissen Kenntnis der ukrainischen Komponistenszene – einen absoluten Eklat ausgelöst hätte, aufgrund der vielen Medaillen, die ihm Putin persönlich umgehängt hat. Ich hoffte natürlich, dass man sich dieses Risikos nicht aussetzen würde, aber leider wurde dieses Hoffen nicht durch konkrete Informationen über den Konzertstatus unterstützt, denn obwohl ich mehrfach Hilfe bei der Organisation und Durchführung des Konzertes angeboten hatte, war ich plötzlich von einem Tag auf den anderen nicht mehr im Verteiler. Über die Gründe hierüber kann ich nur spekulieren, aber ich bin relativ sicher, dass es ganz ausnahmsweise mal nicht meine Schuld war.

Nachdem nun der vorgesehene Termin immer näher rückte und ich nichts mehr hörte, regten sich in mir natürlich Befürchtungen, dass hier ein Eklat drohte. Und in einem charakterlich äußerst schwachen Moment schrieb ich mein Gefühl darüber in einem spontanen Facebook-Post darnieder.

Hätte ich mich besser in die Akademie hineinversetzt, hätte ich natürlich wissen müssen, dass diese absolut jeden meiner privaten Posts prüfen lässt, also auch Posts, in denen ich meinen Sportsfreunden zu einem guten Training gratuliere oder einen langweiligen Eisbecher fotografiere.  Leider hat daher mein Post eine hier nicht zu nennende wichtige Person äußerst verletzt, wofür ich mich in aller Form untertänigst entschuldigen möchte.

Übrigens: Wäre die Person nicht durch Mitglied S. (ihr zuverlässigster Informant) darauf aufmerksam gemacht worden, hätte sie nie von diesem Post erfahren und er wäre schnell im digitalen Nirvana verschwunden. Denn wenn ich etwas „öffentlich“ sagen will, benutze ich keineswegs die Timeline für Freunde. Im Grunde ähnelt also dieser Skandal Schrödingers Katze, er ist nur da, wenn man die Kiste aufmacht. Aber für die Akademie ist es tatsächlich schon „öffentlich“ und ein „Verhalten“, wenn ich in einem schallisolierten Raum 500 Meter unter der Erde meiner Frau flüsternd erzähle, dass unser Präsident bei der letzten Sitzung eine rosa Krawatte anhatte. Deswegen machen die Mitarbeiter der Akademie immer die Tür zu und sprechen sehr leise, wenn man sie in ihren Räumlichkeiten besucht.

Aber der Satz meiner Kollegin geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Kann man vielleicht doch lernen, die Akademie zu lieben, so wie Strangelove es einst mit der Bombe tat? Kann man zum Akademieversteher werden, so wie manche dieser Tage Putinversteher? Nicht, dass ich irgendwie Putin und die Akademie vergleichen möchte.

Gut, auch in der Akademie steht aktuell nur ein einziger Präsident zur Wahl, aber den kann man natürlich im Gegensatz zu Russland demokratisch wählen. Dass dieser Präsident in jüngster Vergangenheit für einen der größten Eklats in der Geschichte der Akademie sorgte (gefolgt von einem beispiellosen Massenaustritt), sollte uns und ihn nicht weiter beunruhigen, denn die Ausgetretenen können ja nun nicht mehr gegen ihn stimmen, was sie ansonsten getan hätten. Auch sein beherztes Engagement für Coronaversteherinitiativen wie „Aufstehen für die Kunst“ (Website seit einem Jahr nicht aktualisiert, Spenden werden aber nach wie vor entgegengenommen) oder „AllesDichtMachen“ (Was ist eigentlich mit denen?) sollte man nicht gegen ihn auslegen, da ja offensichtlich ist, dass man Konzerte auch in Pandemiezeiten absolut sicher durchführen kann, wie „Aufstehen für die Kunst“ prophezeite. Wenn man in Kauf nimmt, dass die Hälfte davon wegen, äh, Corona ausfällt.

Es geht aber ums Verstehen, und das werde ich hiermit tun, in diesem versprochen letzten Artikel über die BADSK für sehr, sehr lange Zeit will ich mich in die BADSK mal so richtig verstehermäßig hineinversetzen. Um sie endlich einmal genügend in ihrer Einzigartigkeit zu würdigen. „Inside Llewyn Davis“, so hieß doch dieser tolle Film von den Coen Brothers. Deswegen wollte ich den Artikel erst „Inside Bayerische Akademie“ nennen. Aber dann dachte ich mir, dass die Akademie mit Kafka viel mehr zu tun hat als mit Country-Musik.

Ich weiß nicht, ob in den letzten Jahren irgendjemand wirklich gewagt hat, die BADSK verstehen zu wollen. Zu obskur, zu seltsam, zu monolithisch wie auch der Öffentlichkeit vollkommen unverständlich waren ihre Handlungsweisen. Inzwischen haben die „Regeln“ dieser nicht von ungefähr an Kafkas Schloss erinnernden Institution Formen angenommen, die noch nicht einmal die Direktoriumsmitglieder selbst verstehen (siehe auch Petra Morsbachs wunderbares Buch).

Um ein Beispiel zu geben: Wenn man wie Petra Morsbach versucht, seit vielen Jahren herauszubekommen, warum Autorenlesungen innerhalb der Akademie manchmal verboten und manchmal nicht verboten sind, muss man die kryptischen Äußerungen, die die Akademie diesbezüglich von sich gibt, lesen wie einen Kafkasatz, äh, Kaffeesatz. So wurde Morsbach jüngst in meiner Anwesenheit von offizieller Seite mitgeteilt, dass Autorenlesungen an sich ja ok sind, aber es auf keinen Fall eine Verkaufsveranstaltung sein solle. Aha, sagte ich, denn gerade wenige Tage vorher war ich in einer Akademieveranstaltung gewesen, in der eine bekannte Kritikerin bis zur kompletten Ermattung des Publikums zwei Stunden lang aus ihrem Buch über ein weiteres Akademiemitglied vorgelesen und dies auch mit zahlreichen dringenden Kaufempfehlungen verbunden hatte. War das etwas anderes gewesen? Welche obskure „Regel“ galt hier? Natürlich war mein Einwand naiv, denn ich hätte ja wissen müssen, dass man eine Äußerung der Akademie auf keinen Fall wörtlich interpretieren darf, ähnlich wie die Äußerungen von Nostradamus. Wenn die Sterne richtig stehen, sind Autorenlesungen selbstverständlich jederzeit möglich, nur muss man nicht damit rechnen, dass man je erfährt, wann die Sterne richtig stehen, das wäre zu viel verlangt. Dieser mystische Charme der Unberechenbarkeit und vollkommenen Willkür hat ja auch etwas.

Ebenso darf man nie erfahren, was für einen Haushaltsplan die BADSK hat. Die Veröffentlichung von Haushaltsplänen ist zwar eine korruptionsverhindernde Unsitte von so gut wie allen öffentlichen Institutionen einschließlich des Bundes, aber einer Bayerischen Akademie natürlich nicht würdig. Vor allem, wenn man zu genau nachfragt, warum bestimmte Etats von beträchtlicher Höhe mehrere Jahrzehnte lang an den Mitgliedern vorbei von der Generalsekretärin verwaltet wurden, für ein allein von ihr programmiertes Festival („Lied und Lyrik“) in Oberfranken, bei dem die Abteilungen in keiner Weise involviert wurden und dennoch „Bayerische Akademie der Schönen Künste“ draufsteht und-stand. Auffällig war auch, dass die Akademiemitglieder, die dort auftraten, deutlich mehr bekamen als bei Konzerten in München und es sich allesamt um Mitglieder handelte, die mit der geschätzten Generalsekretärin besonders gut konnten. Klüngelwirtschaft? Gott bewahre – wie hochanständig das Ganze lief, kann man allein schon an der Tatsache sehen, dass die Generalsekretärin sofort ihren nie von den Mitgliedern gewählten Intendantinnenenposten aufgab, als ich bei diesem Thema genauer nachfragte.

Die Frage, wie viel Geld in München wegen „Lied & Lyrik“ nicht zur Verfügung stand und auf Wunsch der (die Akademie maßgeblich finanzierenden) Baur-Stiftung nach Oberfranken geflossen war, während in München immer weniger Geld für Veranstaltungen vorhanden war, beschäftigte mich aber dann doch. Hier ein kleiner Überblick über die nun folgenden Versuche Petra Morsbachs und mir, einen Einblick in den Akademiehaushalt zu bekommen, zusammengestellt von Petra Morsbach:

Eine kurze Zusammenfassung unserer Bemühungen um Einsicht in die Haushaltspläne der Badsk

Am 14. Juli 2021 bat Petra Morsbach den Präsidenten erstmals schriftlich um Überlassung einer Kopie des Haushaltsplans der Akademie für das Kalenderjahr 2020.

Am 6. September durften wir, Moritz Eggert und Petra Morsbach, der Akademie im Büro eine Tabelle über die staatlichen Zuschüsse 2020 anschauen (aber nicht kopieren). Einsicht in die von der Friedrich-Baur-Stiftung zugewendeten Mittel wurde nicht gewährt.

Daraufhin stellten wir gleich vor Ort beim Präsidenten mündlich einen entsprechenden Antrag. Eine Antwort blieb aus.

Am 5. November wiederholten wir den Antrag schriftlich.

Am 16. Dezember schickte uns der Präsident Auszüge aus einer juristischen Expertise des Staatsministeriums, nach der die Mitglieder weder ein Recht auf unmittelbare Mitwirkung an der Aufstellung, noch eines über Einsicht in die laufende Aufstellung des Haushalts hätten. Nach beidem hatten wir aber gar nicht gefragt.

Am 21. Dezember stellten wir einen neuen schriftlichen Antrag auf Einsicht in die abgeschlossenen Haushalte der Jahre 2015-2019 einschließlich der Zuwendungen durch die Friedrich-Baur-Stiftung.

Am 5. Januar 2022 antwortete der Präsident, wir dürften wie „jeder Bürger“ bei „berechtigtem Interesse“ Einsicht in die Etats der Akademie sowie die Zuwendungen durch die Baur-Stiftung nehmen.

Am 12. Januar baten Moritz Eggert und Petra Morsbach um Einsicht am 1. oder 2. Februar.

Am 13. Januar antwortete man, man werde bei der Baur-Stiftung anfragen und dann Bescheid geben. Daraufhin hörten wir nichts mehr.

Als Petra Morsbach am 1. Februar nachfragte, kam die Antwort, man hätte „von der Stiftung […] noch keinen Termin genannt bekommen.“

Am 7. Februar baten wir um einen neuen Termin.

Am 9. Februar kam die Antwort, man „gehe […] davon aus, […] dass [uns] die Friedrich-Baur-Stiftung in den nächsten Wochen einen Terminvorschlag machen kann.“

Um die Sache kurz zu machen: am 18.3.2022, also ein läppisches Dreivierteljahr später, bekamen Petra Morsbach und ich endlich Einsicht in die hochgeheimen Dokumente, unter strenger Bewachung der Generalsekretärin, des Präsidenten und einer Vertreterin der Baur-Stiftung. Es wäre ja viel zu simpel gewesen, so etwas auf einer Website zu veröffentlichen (wie andere vergleichbare Institutionen).

Ich würde gerne erzählen, was wir zu Gesicht bekamen, darf das aber leider nicht, denn es wurde uns strengstens verboten, darüber zu sprechen, wie hoch denn nun die zur Verfügung gestellten Summen für „Lied & Lyrik“ wie auch überhaupt die Grundkosten der Akademie seien. Aber wie „jeder Bürger“ kann ich sagen, dass die Mitglieder bei „berechtigtem Interesse“ ganz schön staunen würden, was da allein in den Jahren 2015-2019 für Gelder nach Oberfranken flossen. Einfach anfragen, dann ein dreiviertel Jahr warten, Kaffee und Plätzchen –   Ich kann jedem Mitglied nur empfehlen, diese Erfahrung auch zu machen!

Meine von mir in dieser Situation leichtsinnig gestellte Frage, WARUM denn das alles so geheim ist (wenn alles mit rechten Dingen zuging und die Mitglieder immer über alles informiert wurden, wäre ja eine Geheimhaltung nie nötig) wurde übrigens insgesamt zehnmal nicht beantwortet, das hätte mich auch in gewisser Weise vollkommen überrascht.

Das alles mag nun putzig klingen, aber man kann es nur verstehen, wenn man einen Überblick über die letzten Jahrzehnte in der Akademie hat, und da ich schon ziemlich lange dabei bin, fühle ich mich dazu berufen, davon zu erzählen.

In der Erinnerung ist für mich die Akademie mit zwei großartigen Persönlichkeiten verbunden, die ich als junger Student als ihre Vertreter erlebte. Zuerst einmal mit meinem geliebtem Lehrer Wilhelm Killmayer, der jahrelang die Musikabteilung auf eine Weise leitete, bei dem selbst ein potenziell dröges Konzert mit auf altgriechisch vorgetragenen Pindar-Gedichten zu einem sexy Ereignis wurde. Und natürlich dem langjährigen Präsidenten Heinz Friedrich, der durch seine weltoffene, neugierige und menschenfreundliche Art viel dazu beitrug, dass die Akademie ein sympathischer Ort war, an dem man gerne Zeit verbrachte. Als armer Student labte man sich an dem trockenen Brot und dem „Kopfschmerzwein“ (ich zitiere hier einen befreundeten Kollegen und Weinkenner), der nach den Konzerten kredenzt wurde, und erging sich in Gesprächen mit dem liebenswürdigen und anteilnehmenden Publikum, das immer gerne auf Tuchfühlung mit den Künstlern ging.

Können wir den Nachfolgern dieser großen Persönlichkeiten vorwerfen, ihren oben beschriebenen Vorgängern immer weniger nahe gekommen zu sein? Bis hin zur Personifizierung des absoluten Gegenteils von all dem, was ich oben beschrieben habe?  Ich finde das wäre unfair.

Vielleicht sind meine Erinnerungen durch eine rosarote Brille verfärbt, aber ich empfand diese Zeit als wirklich anregend und meine vielen Konzertauftritte in der BADSK als beglückend. Bevor man spielte, durfte man sich im Gegensatz zu heute im Büro des damaligen Generalsekretärs direkt neben der Bühne aufhalten (was freundlich geduldet wurde), und durch die Gänge der Akademie hallte Lachen und Fröhlichkeit. Generell hatte die Jugend vor allem unter Killmayer viel Platz – nicht nur gab es zahlreiche Konzerte mit jungen Künstlern, ich durfte auch jederzeit mit Freunden in der Akademie proben, wenn die Probenräume in der Hochschule überfüllt waren. Auch die Geburtsstunden des ADEvantgarde-Festivals sind eng mit der Akademie verbunden, es gab wilde und zum Teil ausufernde Konzerte zum Thema Sport oder auch Pop-Musik, ja, sogar E-Gitarren und Drumsets wurden in der Akademie gelegentlich gesichtet.

Recht jung wurde ich dann auch als ordentliches Mitglied in die Akademie berufen, wahrscheinlich um den Altersdurchschnitt um 300% zu senken. Mir war das erst ein bisschen unheimlich, und mein innerer Bad Boy entwarf alle möglichen Strategien, um trotz dieser Würde nicht zu hochnäsig zu werden. Besucher meiner Wohnung in der Hohenzollernstraße werden sich an eine lebensgroße Papierstatue von Worf erinneren (Star Trek, TNG), der ich meine Mitgliedsmedaille umgehängt hatte, einfach, weil sie ihr gut stand. „Was ist das für eine Medaille“, fragt ihr neugierigen Leser, die ihr noch nicht eingeschlafen seid? Ich erkläre es euch gerne: als Mitglied der Akademie bekommt man diese bei Verleihung der Mitgliedschaft ausgehändigt und muss sie zu Jahressitzungen in einer geschlossenen Versammlung vor der Versammlung tragen. Dass dabei auch angeblich Tieropfer dargebracht und cthulhuide Gottheiten angerufen werden, halte ich dagegen für übertrieben, bisher habe ich das noch nicht beobachten können.

An dieser Stelle muss man ein bisschen darüber philosophieren, was so eine Akademiemitgliedschaft eigentlich bedeutet. Viele Künstler sehnen sich danach, Mitglied einer Akademie zu sein, denn im Wesen des Künstlers liegt es, sich unterschätzt und nicht genügend beachtet zu fühlen.

Um diesem „Gefühl“ Linderung zu verschaffen, wurden einst die Akademien erfunden. Akademien wie die BADSK sind Vereinigungen, in denen sich Menschen zusammenschließen, um wichtig zu sein und andere Menschen als Mitglied einladen zu können. Dies tun sie, weil sie dann hoffen können, von den Hineingewählten wieder in eine andere Akademie hineingewählt zu werden, in der sie noch nicht Mitglied sind. Wer am Ende die meisten Akademiemitgliedschaften gesammelt hat, gewinnt.

Obskuren Berichten zufolge soll es tatsächlich Akademien geben, die forschen, lehren, intensiv mit jungen Künstlergenerationen direkt kommunizieren und auch deren Anliegen verstehen oder als relevante Stimme im öffentlichen Leben wahrgenommen werden. Solange aber nicht vollends geklärt ist, ob dies überhaupt menschenmöglich ist, bezeichnet sich die BADSK erst einmal nur als „oberste Pflegestelle der Kunst“ in zumindest Bayern, was schon einmal wichtig genug klingt.

Nachdem man nun Mitglied in einer solchen Akademie geworden ist, fragt man sich, was man da eigentlich so alles machen kann. Das tun aber nicht viele, denn die meisten sammeln die Mitgliedschaften wie andere Panini-Bilder und nachdem sie die Medaille umgehängt bekamen, sieht man sie nie wieder. Andere wiederum wären vielleicht gerne dabei, wohnen aber weit weg in anderen Ländern, das sind dann „korrespondierende“ Mitglieder.

Nun gäbe es ja heutzutage die Möglichkeit, solche Mitglieder mittels moderner Medien mehr in die Aktivitäten einzubeziehen, aber die Akademie sperrt sich natürlich gegen eine solche technische Bevormundung. Daher fand erst zwei Jahre nach Pandemiebeginn (!) die allererste Sitzung unter Verwendung von Zoom statt, aber da man die Mitglieder nicht zu sehr mit irgendwelchen neuen Technologien erschrecken wollte, wurde der Link dazu ganz traditionell verschickt, und zwar per Brief (eine Seite, davon die halbe Seite der Zoom-Link zum Selbstabtippen). Ich finde nicht, dass man sich darüber lustig machen sollte, denn viele unserer Mitglieder müssen erst sanft an eine brandneue Technologie wie das Internet herangeführt werden.

In der Abteilung trifft man sich nun also und ratscht, plant Konzerte, trifft gemeinsam Entscheidungen über zu vergebene Förderungen, bespricht aktuelle Tagesthemen und freut sich an der Geselligkeit. Das ist grundsätzlich ok, und ich habe diese Veranstaltungen viele Jahre lange und gerne besucht.

Der Bruch kam irgendwann in der Ära M., dem Nachfolger von Wilhelm Killmayer in der Musikabteilung. Ich will dieses Thema hier keineswegs noch einmal lange durchkauen, aber es geschah leider, dass ich von Vorgängen strafbarer Natur erfuhr, die ein nicht so günstiges Licht auf Herrn M. und einen intimen Freund von ihm warfen (letzterer übrigens trotz skandalöser Vorgänge mit sowohl Studierenden als auch den Verwandten von Studierenden sowie Nähe zur Neonaziszene und harten illegalen Drogen nach wie vor Mitglied der BADSK).

Wie es der Zufall wollte, besuchte ich genau an dem Tag, als ich davon Kenntnis bekam, eine Veranstaltung der BADSK, in der mein damaliger Freund M. gerade zu Hochform auflief. Als er mich zur Begrüßung umarmen wollte, überkam mich ob des Wissens um seine diversen Aktivitäten und vor allem auch Duldungen von unguten Aktivitäten ein schreckliches Gefühl der Übelkeit. Die Anwesenden werden sich vielleicht an den kleinen Eklat erinnern, an den lauten Wortwechsel, an M‘s beschwichtigende Reden, an mein Herausstürmen.

In dieser Episode liegt vieles begründet, was meine Missverständnisse mit der Akademie erklärt, denn in den folgenden Jahren wuchs die ganze Geschichte mit Hilfe der vielen treuen Freunde M‘s in der Akademie zu einem immer größeren Skandal heran. Denn natürlich war es vollkommen absurd von mir zu glauben, dass die Umstände von M‘s Aktivitäten irgendeinen seiner vielen Freunde schockieren würde. Ganz das Gegenteil war der Fall – man stellte sich in geeinter Front hinter ihn und erging sich in immer neuen Theorien über die angebliche „Tücke“ seiner Opfer.

Genau wie die vielen Prozesse gegen M. zog sich das über Jahre hin. Ich hatte keineswegs erwartet, dass sich die vielen engen Freunde M‘s, die bis heute in der Akademie wirken, plötzlich gegen ihn stellen. Aber irgendeine Form von Neutralität hätte ich mir erhofft. Stattdessen bekam M. über viele Jahre zu „100%“ Rückhalt von seinen Akademiefreunden, man gab Interviews, schrieb Leserbriefe, veröffentlichte Festschriften.

Es ist nicht überraschend, dass meine Probleme mit der BADSK vor allem auf dieser Zeit basieren. Es gibt einige Kollegen, die zwar M. inzwischen öffentlich schelten und behaupten „sie hätten es schon immer gewusst“ … die aber dennoch seitdem kein einziges Wort mehr mit mir reden. Denn nichts ist schlimmer, als wenn jemand stört und dann auch noch Recht behält.

Natürlich verstehe ich inzwischen, dass neumodische Entwicklungen wie die #metoo-Diskussion, die Gleichberechtigung von Frauen, ein Misstrauen gegenüber Machtmissbrauch und ähnliches damals einfach noch nicht in der Akademie angekommen waren. Ich hätte der Akademie mehr Zeit geben müssen. Manche Herren müssen erst sehr sanft an Konzepte herangeführt werden, die ihnen vollkommen neu und fremd sind, z.B. dass Frauen manchmal tatsächlich vergewaltigt werden und sich das nicht alles nur ausdenken. Dies überfordert viele. Wenn man es dann auch noch wie ich als dringendes Anliegen vorträgt, dass man hierzu eine kritische Haltung haben müsste, machen die Überforderten dicht und verschließen sich. Bestimmte Denkweisen wurden ja lebenslang eingeübt und man kann nicht einfach so umschalten.

Seid aber beruhigt, liebe Leser:innen: In 100 Jahren ist das vielleicht Schnee von gestern und die Akademie ist dann ein Tempel der Bienséance. Ich war zu ungeduldig! Ob die Akademie in 100 Jahren auch endlich mal eine erste Präsidentin haben wird, kann ich allerdings noch nicht versprechen, das könnte vielleicht noch ein zu radikaler Schritt sein.

Das war sie nun, meine kurze lange Geschichte meines „Verhaltens“ zur Akademie. Nachdem ich die Akademie nun besser verstehe, weiß ich, dass mein Drängen zu fordernd, meine Forderungen zu radikal waren. Man muss einer Akademie Zeit geben, die Zeitläufte zu verdauen, neue Trends zu verstehen und sich langsam, sehr langsam zu wandeln. Druck hilft nichts, die Erneuerung muss von innen kommen.

Jedes Jahr lese ich hoffnungsvoll die Listen der vorgeschlagenen Mitglieder. Es sind immer wieder gute Namen dabei, ich wähle sie gerne, vor allem die Frauen, die nach wie vor in der Minderheit sind. Aber ich darf nicht drängen, mich nicht echauffieren.

Eigentlich muss ich schon mal gar nichts. Auch nicht über mein „Verhalten“ Rechenschaft ablegen.

Eines Tages wird er passieren, der Wandel in der Akademie, auch wenn vielleicht vorher noch ein paar Säcke Reis umfallen werden und sich mancher wundern wird, warum diese Bayerische Akademie eigentlich so viel kostet und was genau sie so macht. Immer weniger dringt aus ihren Hallen nach außen, so scheint es. Der Tag wird aber kommen, an dem die Sonne wieder scheinen wird, fröhliches Lachen durch die Gänge hallt und man an lauen Sommerabenden auf der Terrasse Platz nimmt und einen wunderschönen Blick über München hat. Bis dahin werde ich mich in Geduld üben. Wenn meine jungen Studierenden mich fragen: „Prof, wann ist denn mal wieder so eine Veranstaltung in der Akademie?“ werde ich den Kopf schütteln und sagen, dass man da auf keinen Fall erwünscht ist. Man würde nur die heilige Kontemplation der schönen Wänste, äh Künste stören.

Aber irgendwann wird der Tag kommen.

Für diesen Tag stelle ich mir nicht den Wecker.

Ich möchte, dass ihr mich einfach aufweckt, wenn es soweit ist.

 

Moritz Eggert, 2.5.2022

 

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Eine Antwort

  1. 12. Mai 2022

    […] Moritz Eggert zu spüren, zu dessen „Ver­halten“ man eine extra Sit­zung anbe­raumt hatte. Lesens­wert sind seine Gedanken zu dieser Anschul­di­gung. Eggerts Frech­heit bestand in erster Linie darin, für Trans­pa­renz zur sorgen: Er fragte nach […]

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