Jetzt doch weniger russische Musik aufführen als Konsequenz aus dem Moskauer abgebrochenen Silvestrovkonzert

Screenshot des polizeilich abgebrochnen Moskauer Silvestrov- und Schubert-Konzertes

Ja, ich habe auch Video-Eindrücke von dem gestrigen durch die russische Polizei in Moskau abgebrochenen auf social media geteilt. Zuerst gab es Musik von Valentin Silvestrov für Gesang und Klavier, im zweiten Teil Schubert, gespielt von Alexei Ljubimow. Für die russische Musik-Szene garantiert ein prägendes Ereignis. Für den Rest der Welt aber nicht so wichtig, auch wenn sofort x Leute das auch im Westen teilten. Aber eben mal wieder schneller als man den Opernchor Odessa und seine Strassenkonzerte teilte. Und kaum Ukrainer:innen schienen unter den ersten zu sein, die die Videos des Konzertabbruchs teilten. Ehrlich gesagt: es ist nicht so wichtig. Es ist viel wichtiger, was in der Ukraine passiert bzw. dass Ukrainer:innen derzeit daheim kaum richtige Konzerte geben können. Es ist wichtiger, dass ukrainische Musiker:innen fliehen müssen oder gar als Soldat:innen an die Front müssen. Was im Moskauer Musikleben passiert, das ist ein Problem der Russ:innen, das nur sie selbst angeht, solange Krieg herrscht.

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Das einzige, das zählt: die Musik von Valentin Silvestrov sollte verunmöglicht werden, weil eine „Mine“ im Hause zu befürchten sei. Es erwischte allerdings dann Schubert. Aber aus diesem Verunmöglichungsversuch von ukrainischer Musik in Russland sollten wir mitnehmen, jedes Stück russischer Musik, das derzeit im Westen erklingen soll, auf den Prüfstand stellen. Wenn die oder der Komponist:in im Westen wohnt und arbeitet, kann man das als „in Land x entstandene Musik der dort tätigen Person“ auffassen. Also wenn die Person z.B. in Berlin wohnt und arbeitet, dann ist das unproblematisch. Musik, die aber in Russland entstanden ist, die sollte man nun sehr genau prüfen, ob sie wirklich nötig ist. Die Zeit im Angriffskrieg Russlands ist nun keine Zeit unbedingt für russische Musik. So wie man, ausser unter Corona, zu Weihnachten nicht Parsifal und zu Ostern nicht das Weihnachtsoratorium spielt.

Es gibt sowieso diese unglückliche Tendenz selbst in Benefiz- und Solidaritätskonzerten für die Ukraine vor allem russische Musik und russische Künstler:innen zu befassen. Nach dem Motto: lasst uns was für den Frieden tun, dann lasst uns Schostakowitsch und noch mehr Schostakowitsch sowie Tschaikowsky und Co. aufführen. Und uns wundern, wenn Ukrainer:innen genervt darauf reagieren. Da kann man noch so viel „Benefiz“ auf das Programm schreiben, wenn dann ein russisches Ensemble wie musicaeterna mit einer Tschaikowsky-Elegie das Programm beenden will, mag das nett für das Geld einsammeln sein, weil die Menschen eher Tschaikowsky als Lysenko kennen. Nur hat die ukrainische Musikwelt überhaupt nichts davon. Auch nicht, wenn Russ:innen in Russland Silvestrov hören. Sie haben davon etwas, was auch fein ist. Aber für die Welt im Krieg Russlands gegen die Ukraine ist es nichts. Nicht, solange Russland Land, Leute und Kulturstätten in der Ukraine mit Bomben wegrasiert.

Natürlich gibt es auch Gründe, sich über die Ukraine aufzuregen. Vielleicht auch als Deutscher diese Tage. Aber auch ich habe lernen müssen, dass dies vollkommen unwichtig ist. Es ist eigentlich egal, ob wir nun mehr oder weniger Gas haben. Oder ob uns was humanitär in der Ukraine zu kritisieren auffällt. Das ist erst einmal nichts gegen die russischen Verbrechen Putins in der Ukraine. Es ist vollkommen egal, ob jemand ein- oder ausgeladen wird. Es ist nur wichtig, dass es den Ukrainer:innen wirklich hilft. Dass man nicht endlos überlegt, wie und was ihnen hilft, was man ihnen sagen, ja, vorschreiben muss, mag das noch so gut gemeint sein, sie daran zu erinnern, dass man sie schon erst unterrichten müsste, bevor man sie an dieses oder jenes System heranläßt. Das ist so unwichtig wie die Aufregung um russische Musik im Westen. Am besten, man läßt sie jetzt weg oder ersetzt sie und die Musiker:innen soweit als möglich erst einmal mit Ukrainer:innen und dann vielleicht, wenn es Sinn macht, mit Russ:innen. Man ist derzeit immer wieder zu schnell bei den Problemen der Russ:innen und nicht bei denen der Ukrainer:innen. Natürlich muss man den Geflüchteten auch aus Russland helfen. Aber es ist richtig(er), zuerst an die Notlagen und Unmöglichkeiten von künstlerischer Betätigung von Ukrainer:innen zu denken, solange der Krieg läuft. Moskau und St. Petersburg liegen derzeit irgendwo hinter Wladiwostok. Kyiv aber ist ein Stadtteil von Berlin!

 

Screenshot des polizeilich abgebrochnen Moskauer Silvestrov- und Schubert-Konzertes

Komponist*in

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2 Antworten

  1. k. sagt:

    Ich finde, dass man zwischen einem normalen Konzert. einem Solidaritätskonzert und einem Friedenskonzert unterscheiden muss. Solidarität ist nicht gleich Frieden, in einem Solidaritätskonzert hat man parteiisch zu sein, in einem Friedenskonzert muss man es nicht sein. Was aus meiner Sicht also nicht geht, ist, extra ein Solidaritätskonzert für die Ukraine neu zu veranstalten und dann dafür extra Tschaikowsky programmieren.

    Ganz persönlich bin ich allerdings gegen ein nationalistisches Denken in der Kunst, ich hatte auch in den jungen Jahren vor allem deshalb eine Abneigung gegen internationale Musikwettbewerbe gehabt. Warum ist da der Pass entscheidend, da wo ein Künstler in A geboren, in B aufgewachsen, in C und D studiert und in E lebend sein kann? Und warum werden die Teilnehmer wegen des Passes kontingiert? Kann man nicht die Künstler als Individuen mit einer individuellen Lebensgeschichte sehen? In den letzten Jahren hat sich da auch einiges getan und die Kunstszene ist offener geworden, und ich fände es schade, wenn man jetzt diesbezüglich eine Rolle rückwärts machen würde.

    Bei „rusisscher Musik“ ist es ohnehin schwierig zu sagen, was russisch und was nicht russisch ist. Neulich hatte ich Prokofjew auf dem Programm, das Programm stand seit 2 Jahren fest (da Nachholtermin wegen Corona-Absage), und wir haben natürlich geschaut, ob man das jetzt machen kann. Nun gilt Prokofjew zwar landläufig als russisch (da im Russischen Kaiserreich geboren) oder sowjetisch. Geboren wurde er aber in Donezk, also in der heutigen Ukraine. Also haben wir gesagt, dass das geht. Auch wenn ich gestehen muss, dass ich nicht weiß und ich es auch nicht rausfinden konnte, ob er von Rasse her russisch oder ukrainisch war. Sein Vater war Gutsverwalter, der örtliche Flughafen ist nach Prokofjew benannt (Und das zeigt ja eigentlich auch das ganze Problem des Ukraine-Konflikts plastisch auf, dass die Ukraine sich auch deswegen ohnehin von Russland vereinnahmt fühlt, weil auch was ukrainisch ist, landläufig als russisch gilt.)

    Wenn man sagt, dass man die westlichen demokratischen Werte verteidigt, müsste man schon auch die Kunstfreiheit (bedeutet, dass die Politik sich nicht in Kunst einmischen darf und diktieren, was gespielt und was nicht gespielt werden darf) verteidigen. Gleichwohl sollten Künstler – von sich aus – diese Freiheit verantwortungsvoll nutzen, sonst macht man sich unglaubwürdig. Und gerade wenn man Solidaritätskonzerte oder Friedenskonzerte macht, wäre es wichtig, ein klares Konzept zu haben, welche Botschaft man damit vermitteln will – insbesondere, wenn man keine verbale Erklärung abgibt sondern die Musik für sich sprechen lässt.

    • Alexander Strauch sagt:

      Mit den Benefiz- und Solidaritätskonzerten gebe ich Ihnen voll Recht. Mir ging es hier ja v.a. um die Reaktionsschemata und was man daraus schlussfolgern kann. Gelesen wird es meist als „keine Russ:innen mehr auf westlichen Podien“. Das steht da nicht drin, sondern es verlangt ein Abwägen und Hinsehen: man sollte sich genau überlegen, wie und wann man russische Musik programmiert. Der Anspruch, damit v.a. z.B. „große Musik“ oder gar „tiefe Gefühle“ zu programmieren oder „sowjetischer Widerstand“, das ist heute zu wenig. Gerade Letzteres wird immer dann wieder eingesetzt, wenn es um Benefiz geht und einem ukrainische Namen fehlen oder schlichtweg Noten. Bei heutigen Exilruss:innen habe ich persönlich kein Problem der Programmierung. Allerdings fallen mir da auch manche auf, die auf social media russische Stimmen mit Daumen hoch begegnen, die die Hauptschuld im Krieg im Westen sehen oder dessen angeblicher Ignoranz der Ereignisse seit 2014 bis heute im Donbass, was nicht stimmt, da es in Berichterstattungen immer wieder, wenn auch nicht in Dauerschleife, vorkam und vorkommt. Oder im Folgetext auf den hier habe ich mich mit der Sängerin auseinandergesetzt, die das Silvestrov-Konzert sang und 2014 die Krim Annexion feierte und 2022 im März noch Spenden für die Donbass-Rebellen promotete. Der Pianist Lyubimow an sich scheint sehr integer zu sein. Allerdings fiel mir da heute ein Konzert auf, das er gestern, am 15.4.22 in der Moskauer V-A-C Stiftung gab, die auch z.B. 2019 und 2021 die Salzburger Festspiele förderte, v.a. Auftritte von musicaeterna bzw. Ausstattung auf der Bühne dazu. V-A-C erscheint erst einmal als honorig und altruistisch. Mit-Gründer ist Leonid Mikhelson. Er ist CEO von Novatek, einem russischen Gaslieferanten. 5% hält in dieser Firma auch Gazprom, eine Firma, die nun sehr kritisch betrachtet wird. Gennady Timochenko, ein Putin-Freund ist Mikhelsons engster Geschäftspartner, Mikhelson sah man zuletzt z.B. laut Merkur und Handelsblatt vermehrt auf Fotos neben Putin. Die USA sanktionierten noch unter Trump Mikhelson, ein CFO der Firma wurde sogar zeitweise in den USA eingesperrt. Die EU sanktionierte Mikhelson bisher nicht, das wird allerdings schon sehr breit kritisiert. Nun, woher die V-A-C-Stiftung ihr Geld erhält, ist hier schwer im Westen nachzuvollziehen. Allerdings steht ihr Gründer und Hauptmäzen in kritischen Lichte. Daher ist es aus westlicher Perspektive derzeit schon auch zu hinterfragen, woher die Mittel kommen, wie es zumind. mit den US-Sanktionen aussieht und ob es so eine gute Idee ist, selbst als Exil-Russ:in das so gut zu finden, wenn dort Leute auftreten, die man für integer in Sachen Regime-Gegnerschaft hält oder ob es wirklich so gut war, dort vor dem Krieg gefördert worden zu sein und im angeschlossenen Lokal ostentativ Austern und Alkohol auf social media genossen zu haben. Daher kann ich nur wiederholen: selbst widerständige Momente in Russland haben etwas sehr zwiespältiges, wenn man genauer hinsieht. Ukrainische Geschehnisse geraten ob der starken Präsenz von Russ:innen auch in der Berliner Kulturszene dabei ebenfalls wieder eher in den Hinter- als Vordergrund. Daher stelle ich ja meine o.g. Fragen. Die Kultursensibilität und Achtsamkeit zu ukrainischen Belangen im Vergleich zu russischen ist immer noch zu oft zu schwach. Daher bleibt mir nur die Polemik auch unseren Reaktionsmustern gegenüber und eben die Ansprache, sich sehr genau zu überlegen, wie man heute was programmiert. Ich habe z.B. schon im Angesicht der heraufziehenden Krise eine Programmierung mit hier eher unbekannteren russischen Namen der Klassik und Romantik trotz bereits erfolgter Proben unterlassen. Ich selbst muss und musste mich über ukrainische Musik erst breiter informieren, russische Namen, auch selten gespielte kommen aus dem „ff“. Die Ukrainer selbst diskutieren derzeit intensiv z.B. über den Namen der Kiewer Musikhochschule nach Tschaikowsky. Das mag befremden. Doch wird man sich auch mancher kultureller Defizite bewusst. Man kann als Russe im Exil, der bisher z.B. auch von deutscher Förderung gut lebte und auch dem Zwitterdasein zwischen hier und Russland, dass uns ukrainische Musik bereits vor dem Krieg besser auffallen hätte sollen. Das tat sich nicht. Das lag vielleicht auch eben an der Förderung: russische Finanzierung war jedenfalls präsenter als ukrainische, mit allen Folgen. Daher tun sich nun auch Konzerthäuser und Festivals mit Förderung und Musik aus Russland schwer bzw. reagieren erst einmal gereizt, wenn sie auf die Verquickungen hingewiesen werden. Wer also genau hinsieht, schaut auch genau auf diesen Text: er fordert keinen generellen Ausschluss, wie es hineingelesen wird, er fordert ein genaues Hinsehen und im Zweifel auch mal eher eine Entscheidung für ukrainische Unbekanntheiten als russische Gewohnheiten wie sie uns eben sofort assoziativ einfallen wenn wir an „große, emotional aufgeladene komponierte und interpretierte Musik“ denken.

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