Ohnmacht

Tagebuch der Wörter (16)

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Ohnmacht

 

Welches Gefühl macht uns in diesen Zeiten unglücklicher als alles andere? In den letzten Beiträgen habe ich ausgeführt, dass das Anwachsen von tatsächlicher individueller Unfreiheit nicht wirklich das Problem ist und das vieles, was wir als „manipulativ“ empfinden, in Wirklichkeit Resultat von dynamischen Prozessen ist, die keine bestimmte Agenda haben, sich aber gegenseitig auf ungute Weise potenzieren, je mehr wir miteinander kommunizieren.

Also müssen wir weiter nach Gründen suchen, warum sich Menschen in einer freier gewordenen Welt immer unfreier fühlen. Und da stoßen wir sehr schnell auf eine grundlegende Veränderung, die unsere Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten geprägt hat: eine zunehmende Hinwendung zu einem immer ausgeprägteren Individualismus. Und aus dieser Entwicklung erwächst tatsächlich ein ganz neues Potenzial zum Unglücklichsein: das Gefühl der Ohnmacht.

Ohnmacht ist etwas vollkommen anderes als tatsächliche Unfreiheit, fühlt sich aber sehr ähnlich an. Wenn ich zum Beispiel mit bestimmten Entwicklungen in unserer Gesellschaft nicht einverstanden bin, befinde ich mich als Individuum im Widerspruch dazu. Je individueller ich mich nun empfinde, desto mehr wird dieser Kontrast mich belasten. Gerade wenn ich besonders idealistisch bin, laufe ich dann Gefahr, besonders unter diesem Widerspruch zu leiden.

Wir müssen uns verschiedene Gesellschaftsformen und Kulturen auf diesem Planeten anschauen, um zu begreifen, dass der idealistische Individualismus, der uns in Europa prägt, aus einer komplexen und sehr europäischen Historie entstanden ist. Wenn Menschen hierzulande Worte wie „Grundrechte“ oder „Freiheit“ in den Mund nehmen, verstehen sie etwas völlig anderes darunter als zum Beispiel ein Mensch, der in Asien aufgewachsen ist, eben weil die Geschichte dort sehr anders verlaufen ist.

Wir tendieren sehr schnell dazu, uns gegenüber den weniger „individuellen“ Kulturen als überlegen zu empfinden. Für uns wäre der Gedanke unerträglich, eine Gängelung zu erfahren, wie sie zum Beispiel die meisten Menschen in China erleben, wo Staatsbeamte per App kontrolliert werden, ob sie auch die offiziellen Parteinachrichten regelmäßig lesen. Aber auch uns kulturell näherstehende Gesellschaften können uns beängstigend vorkommen: wie „ohnmächtig“ muss sich zum Beispiel ein Demonstrant in Belarus vorkommen, oder ein Dissident in Russland?

Es ist mir ein bisschen zu einfach, wenn die Welt auf Konzepte wie „nicht individualistisch = böse“ und „individualistisch = gut“ heruntergebrochen wird. Ich bin überzeugter Europäer und glaube an unsere Ideale der Selbstbestimmung, aber ich sehe auch, dass viele unserer Konflikte mit anderen Kulturen vor allem dadurch entstanden sind, dass wir aufgrund unseres Weltbilds manchmal gar nicht verstehen und durchschauen, was in weniger individualistischen Gesellschaften vor sich geht. Noch erfolgloser ist es, wenn wir Panzer und Waffen benutzen, um unsere Ideen zu propagieren.

Ohnmacht ist keine direkte Freiheitsberaubung – als Gefühl entsteht sie, wenn man sich als Individuum machtlos fühlt, eine Änderung des aktuellen Zustands zu erreichen. Man kann sich auch „ohnmächtig“ fühlen, wenn man in einer Demokratie lebt und eine Minderheitenmeinung vertritt. Je mehr dieses Gefühl zunimmt, desto größer ist die Gefahr einer Radikalisierung, denn der Drang, in einer Gegenmeinung wahrgenommen zu werden, kann zur Hybris der eigenen Selbstüberschätzung werden.

Die treibenden Kräfte der RAF in Deutschland waren allesamt ursprünglich Idealistinnen, die sich zunehmend in die Idee hineinsteigerten, dass möglichst krasse terroristische Aktionen eine gesellschaftliche Wandlung in ihrem Sinne herbeiführen würde. Charles Manson glaubte das übrigens auch. Auch die Terroristen von heute, ob links, religiös-fanatisch oder rechts, werden von ähnlichen Motiven getrieben – sie vertreten allesamt Extremmeinungen, die keinen größeren Konsens finden würden, daher versuchen sie möglichst viel Aufmerksamkeit zu erzeugen. Dass die Resultate dieser Art von Aufbegehren schrecklich und verachtungswürdig sind, brauchen wir nicht zu diskutieren – kein einziger einzelner gewalttätiger Terrorakt hat die Welt je zum Guten verändert, es hätte immer friedliche Alternativen gegeben.

Letztlich ist es jeder und jedem selbst überlassen, wie man mit einem entstehenden Gefühl der Ohnmacht umgeht. Die Vorstellung, dass eine einzelne Person entscheidende Änderungen in ihrem eigenen Sinne herbeiführen kann, ist etwas, das nur ganz wenigen Menschen gelingen wird, und das auch nur unter großen Aufopferungen oder mit großer Selbstdisziplin. Keinem dieser Menschen wird dies auch allein gelingen, es braucht immer Überzeugungsarbeit und die Mithilfe von anderen. Vor allem geht es nicht schnell, sondern dauert sehr, sehr lange, eine Geduld, die viele nicht aufbringen. Es ist aber – und das ist ein wichtiges Vorbild – sehr wohl auf friedliche und nicht aggressive Weise möglich, Ohnmachtsgefühl in Aktion zu verwandeln. Der Kampf von Bewegungen wie Fridays For Future oder @metoo ist ganz sicherlich noch nicht vorbei, die vielen Menschen, die sich dafür engagieren, haben aber definitiv schon etwas bewirkt, zumindest, dass diese Themen weitflächig diskutiert werden. Ein einzelnes Individuum wird hier vielleicht weniger eine große Rolle spielen als die gesellschaftlichen Prozesse, die insgesamt dadurch ausgelöst werden. Vielleicht ist es auch ein Zeichen unserer Zeit, dass Individuen zunehmend weniger wichtig sind als die Themen selbst.

Aber auch im direkten Umfeld kann man der Ohnmacht entgegenwirken, diese Möglichkeit besteht immer. Wir müssen uns nicht ständig einbilden, große Massen von Menschen in unserem eigenen Sinne mobilisieren zu können, aber in unserem direkten Umfeld können wir sehr wohl wesentlich mehr positiv gestalten, als viele sich zutrauen. Wenn wir unseren Individualismus als Wurzel des Ohnmachtsgefühls verstehen, können wir es auch viel besser kontrollieren und verstehen. Denn dann ist es auch unsere Entscheidung, wie ohnmächtig wir uns fühlen wollen und aus welchen Gründen.

München/Berlin 16.9.2021

Nach längerer Pause war gestern mal wieder Spieleabend mit meinen Freunden von den Westparkgamers. Ein Bietspiel namens „Fafnir“ haute uns nicht vom Hocker, das schon etwas ältere „On the Cards“ sorgte zumindest für Erheiterung, weil die stets neu kombinierten Regeln zum Teil in skurrilen Deadlocks resultierten, die nicht im Geringsten funktionierten. „Dune“ wiederum gefiel zumindest mir sehr gut, vor allem, weil ich mich auf den neuen Film freue. Nach einer weiteren Nacht mit Schmerzen schleppte ich mich heute Morgen zum Bahnhof. Auf dem Weg erlebte ich einen vermutlich Tourette-kranken Mann in der U-Bahn, der immer wieder „MVV – du dumme Sau, MVV – du dumme Sau“ brüllt. Wahrscheinlich ein individualistisches Aufbegehren gegen die unendliche Knechtung der Arbeiterklasse durch die Münchner Verkehrsbetriebe. So sieht er es vermutlich. Ich freue mich auf meinen ersten Besuch in meinem Präsidentenbüro bei der GEMA (DKV) und Gespräche mit Ricordi, sowie die Proben für meine Uraufführung mit Irene Kurka und Jobst Liebrecht in Berlin.

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