Gedanken

Tagebuch der Wörter (5)

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Gedanken

(während eines Rennens)

Gleich geht es los. Bin ich fit? Man fühlt sich nie fit. Wer steht schon morgens auf und kann sicher von sich sagen, dass man in der besten Form seines Lebens ist? Irgendwas zwickt immer.

Wir stehen alle auf einem Fußballplatz, eine Stimme zählt auf Schwedisch die Sekunden herunter, dann geht es durch das aufblasbare Tor, das die Startzeit nimmt. Beine und Füße. Füße und Beine. Man schaut nur nach unten, denn am Anfang ist das Feld so dicht, dass man ständig Gefahr läuft, sich gegenseitig auf die Füße zu treten. Am Anfang sind alle Läufer durcheinander gemischt, die Schnellen mit den weniger Schnellen, die Langsameren und die, die einfach nur ankommen wollen. Die meisten laufen zu schnell am Anfang, in einem Tempo, das sie nicht durchhalten können. Ich stelle mich daher bewusst oft in die Mitte des Startfeldes, das zwingt mich, das Tempo zu drosseln, weil vor einem viele Langsamere sind. Das ist am Anfang total ok. Immer wieder neue Staus entstehen auf der Strecke: an Treppen, Häuserschluchten und kleinen Pfaden. Manchmal muss man stehen bleiben und warten, bis jemand durch das Nadelöhr durch ist. Macht nichts, ein Rennen ist lang. Manche wird man jetzt überholen, später überholen sie einen wieder. Oder umgekehrt. Auf die Ausdauer kommt es an. Beharrlichkeit, meine Lieblingstugend. Nicht aufgeben und nicht nachlassen. Nicht aufgeben, auch wenn es anstrengend wird.

Atmen, atmen, atmen. Nach einer Weile wird der Atem zum wichtigsten Checkpoint des Laufenden. Erst vor kurzem habe ich es wirklich geschafft, meinen Atem von meinem Schritttempo zu entkoppeln. Das ist für einen Musiker nicht einfach, denn es gibt nichts rhythmisch Aufdringlicheres als das eigene Schritttempo, oder die „Kadenz“, wie die Läufer sagen. Also jetzt nicht von G7 nach C Dur, sondern die Anzahl Schritte pro Minute. Man sagt, dass 170-180 Schritte pro Minute ideal sind. Eher kleine Schritte unter der Körpermitte als große und weite. Ich bin im Moment bei 170, was nicht schlecht ist. Aber gerade kleine Läufer sind oft unglaublich behende, tapp, tapp, tapp gehen ihre Schritte, ganz leicht sieht das aus. Ich muss mich dazu mühsam zwingen. Ständige Konzentration darauf a) wo die Füße aufkommen (unter der Körpermitte, oder doch zu weit vorne?) b) wie hart sie aufkommen (Fußkontaktzeit zu lange?) und c) wo die Ferse aufkommt (Vorfuß? Mittelfuß? Ferse? Ferse ist ganz schlecht, als ich Fersenläufer war, hatte ich ständig Knieprobleme, jetzt nicht mehr).

Das Feld zieht sich langsam auseinander. Jetzt beginnt die eigentümliche Phase, wo man immer dieselben Leute um sich sieht. Man beginnt dann die Stärken und Schwächen der anderen Läufer zu analysieren. Aha, der ist den Berg hoch langsamer, aber auf dem Trail (=Gelände) sehr schnell. Also muss ich hinter ihm auf dem Berg mehr geben. Dann habe ich eine Chance. So entstehen immer wieder neue Miniwettbewerbe, die sich manchmal ewig hinziehen können. Immer wieder kommt aber auch jemand aus dem Hintergrund geschossen, der einen wie eine Kanonenkugel unvermittelt überholt. Das sind die sehr schnellen Läufer, die sich extra ganz hinten beim Start angestellt haben. Wahrscheinlich, weil sie einen Kick daraus beziehen, möglichst viele zu überholen. Na, dann sollen sie mal.

Und jetzt Trail. Es geht über Stock und Stein, durch enge Waldpfade, die so bewachsen sind, dass man nicht sehen kann, ob sich unter dem Gras ein Stein verbirgt, über den man stürzen kann. Ich trete dann immer sofort in so eine Art Stressmodus ein, der mich die Schönheit der Landschaft vergessen lässt. Es stressen mich mehrere Dinge. Zuerst einmal sind die Trailpassagen genau die, in denen mich viele Läufer überholen. Warum, weiß ich nicht. Ich habe beim Laufen das Gefühl, alles wahnsinnig schnell zu machen, mache waghalsige Sprünge, weiche Hindernissen aus, fühle mich wie Super Mario, der über endlose Reihen von Tonnen springt. In dem Spiel war ich auch gar nicht so schlecht. Aber egal, wie schnell ich auf dem Trail bin, links und rechts huschen leichtfüßige Schwedinnen und Schweden vorbei, die aussehen, als bewegten sie sich in Zeitlupe, die aber doppelt so schnell sind. Ich habe keine Ahnung, was die anders machen. Ich versuche, ihre Schrittfrequenz nachzuahmen, nehme exakt dieselbe Route durchs Gelände wie sie, es nützt alles nichts. Natürlich habe ich Angst zu fallen. Ich will meine Musikerkarriere nicht dadurch beenden, dass ich in einen Abgrund stürze oder mir die Hand breche. Ich will vor allem nicht auf diesem Lauf stürzen, jetzt, wo eigentlich alles so gut läuft. Interessant: gerade haben wir eine verletzte Läuferin passiert, und plötzlich sind um mich herum alle langsamer. Das ist ganz sicher ein psychologischer Effekt.

Jetzt, endlich, sind wir wieder auf einer Straße. Es ist absurd: ich mache einen Geländelauf, und freue mich am meisten über die „langweiligen“ Passagen über Landstraßen oder Betonbrücken. Dann werde ich zur Maschine, beschleunige meine Schrittfrequenz. Ich fühle mich dann richtig wohl, während die Läufer um mich Probleme haben. Meine Lieblingspassage war eine endlose hässliche Betonbrücke mit ständigem Anstieg. Auf der habe ich 10 Läufer überholt, alles riesige Schwedenhünen mit Schrittlängen von 2 Metern, die aber dann eben auch dieses ganze Gewicht beim Aufstieg mit sich schleppen müssen. Ich dagegen fühle mich da richtig wohl. Bin halt doch ein Stadtkind.

Bei einer Brücke, die hochgezogen wird, müssen wir plötzlich alle warten und dürfen ein „Time Out“ genießen. Ich warte extra lange, bevor ich über die neue Zeitmessung laufe, denn diesmal will ich das Feld von hinten aufrollen. Und das macht richtig Spaß: wie Superman fühle ich mich als ich einen nach der anderen überhole, sogar bei den Trailpassagen. Irgendwann bin ich sogar eine Zeitlang allein auf der Strecke, was immer das Schönste ist. Denn dann macht man sein eigenes Tempo, und lässt es sich nicht aufdrücken. Bis man unweigerlich das kurze schnaubende Geräusch hört, mit dem sich wieder ein schnellerer Schwedenhüne ankündigt, der einen kurz darauf wie ein Schnellzug überholt. Aus irgendeinem Grund blasen diese Läufer nämlich ständig Rotz aus der Nase aus, indem sie das Nasenloch zuhalten. Das ist wie das Signal einer Dampflok: Ich will vorbei! Ich lerne, dieses Geräusch zu fürchten, denn automatisch ist man unter Druck, bremst vielleicht sogar jemanden aus, der das nicht verdient. Denn auf den engen Pfaden kann man oft minutenlang niemanden vorbeilassen.

Jetzt wird es wieder offener. Ich überhole eine ca. 40jährige ausnahmsweise dunkelhaarige Schwedin in rotem Short, die ich in Gedanken „die Rote“ taufe (man gibt auf dem Weg allen Läufern solche Namen: der „Gelbe“, der „Glatzkopf“, die „Gazelle“, der „Tätowierte“). Kurz darauf überholt sie mich. Dann wieder ich sie. Ein ganz verrückter Zweikampf entsteht, natürlich freundschaftlich (denn ich habe gar nichts gegen die Rote). Das passiert, wenn man ungefähr dasselbe Tempo hat, was immer besonders anstrengend ist, denn überholen heißt, dass man schneller laufen muss, als man eigentlich will oder kann. Nun denn, Herausforderung angenommen. Ich überhole die Rote, sie hinter mir her. Ausgerechnet jetzt nun eine tricky Passage nach der anderen. Sie ist definitiv besser in den Trails, denn jedes Mal, wenn es landschaftlich herausfordernder wird, spüre ich ihren Atem im Nacken. Wenn dagegen ein kleiner Steg kommt, versuche ich so schnell wie möglich zu laufen, um wieder Raum zu gewinnen. So geht es geraume Zeit, geschlagene 20 Minuten lang, mindestens. Es ist wie ein Rennen um Leben und Tod, und dennoch geht es um gar nichts, denn überholte sie mich, würde ich es ihr jederzeit gönnen. Aber nun ist man in einem Reflex, der bis in die Steinzeit zurückgeht. Man fühlt quasi den Säbelzahntiger im Nacken. Man muss schneller sein, schneller sein…

Ganz, ganz allmählich hänge ich sie ab. Ihr Atem hinter mir ist leiser geworden. Ich bin unglaublich erschöpft und lasse mir wieder etwas mehr Zeit. Da, ein langer Anstieg, den man nur gehen kann, weil er so steil ist. Ich mache es so schnell es geht, oben angekommen schaue ich hinter mich: die Rote ist wieder da, sie ist knapp hinter mir! Auf eine ganz verrückte Weise ist das wie in einem Alptraum. Bei der nächsten ebenen Passage ziehe ich ab wie Speedy Gonzalez, es muss einfach sein. Vor mir taucht der „Glatzkopf“ auf, ein riesiger Läufer in ungefähr meinem Alter, vielleicht sogar älter, der meistens vor mir lief. Doch er scheint Probleme zu haben, geht ganz langsam, irgendwas hat er. Im Eifer des Gefechts freut man sich leider am Leid des anderen, weil ich weiß, dass der Glatzkopf mir eigentlich überlegen ist. Ganz schlimm ist das, ich schäme mich.

Nur noch wenige Kilometer. Kurz vor dem Ziel hat mich noch der „Gelbe“ überholt, ein junger schwedischer Läufer, der aus dem Nichts kam. Warum ist der nicht im vorderen Feld? Warum hat er so lange gewartet und muss ausgerechnet jetzt Gas geben? Ich haste ihm hinterher. Irgendwie bleibe ich dran, keuche dabei wie ein Idiot, aber das ist bei mir getrennt von den Beinen, den Beinen kann ich befehlen, einfach weiterzulaufen. Keuchen, Keuchen, Keuchen. Mindestens 3 Atemzüge pro Schritt. Lieber schnell und flach atmen. Wenn ich tief atme, rasselt es ungeheuerlich, obwohl ich nie in meinem Leben eine Zigarette angefasst habe.

Noch einen Berg runter. Das Ziel! In einem Anfall von Sadismus haben die Veranstalter die letzten Meter als Strandlauf angelegt. Man fühlt sich dann so, als ob man plötzlich in Watte läuft, und nicht mehr vorankommt. Schrecklich. Ich gebe alles, wie immer vorm Ziel, renne wie ein Wahnsinniger, der letzte Schritt ganz weit gesprungen, geschafft, Zieleinlauf.

Ich drehe mich um.

In diesem Moment läuft die Rote durchs Ziel.

Ramsvik, 5.9.2021

Es gibt keine offiziellen Altersgruppen, aber ich bin im Endergebnis der 3 Läufe von den 55-60jährigen der zweitschnellste. Weit vor mir der Österreicher W. M., ein erfahrener Marathonläufer, der schon in der Jugend Leichtathletik machte. Unerreichbar gut für mich im Moment. Aber ich trainiere noch ein bisschen, ist doch klar.

Moritz Eggert

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