2 G – bitte auch für das Bühnenpersonal

Manchmal lesen sich Meinungen von Sänger:innen zu Corona-Maßnahmen und Impfung äußerst widersprüchlich. Asmik Grigorian, derzeit als Bayreuth-Senta in Deutschland gefeiert, sprach diesbezüglich mit der Sunday-Times. Sie reist derzeit mit einem Genesenen-Nachweis durch Europa und ist noch nicht geimpft. Soweit, so gut. In Sachen „Zukunft“ wird es jetzt kontrastreich. Die Sunday-Times: „If mask-wearing in rehearsals continues for the foreseeable future “then I would say, ‘OK I’m going home.’ ” As for the regimen of offstage testing, “I can accept it. But not for long.” Der derzeit propagierte Ausweg ist derzeit vor allem die Impfung. So will die MET in New York nach ihrem anstehendem Opening nur noch Geimpfte im Zuschauerraum, im Orchestergraben, auf und hinter der Bühne zulassen. Dazu Grigorian, die damit ein eigentlich anstehendes MET-Debüt ins Unbestimmte vertagt: “I don’t like to be pushed, I don’t like to be forced to do anything. If someone says ‘vaccinate or you can’t sing at the Met’ … then I’m not going to do that.” (Update) Inzwischen nahm sie zum Interview noch Stellung auf Twitter und gab bekannt, dass sie nach der genannten Corona-Infektion nun auch bereits geimpft sei (Update Ende).

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Widersprüchliches
Einerseits lehnt sie Masken und Testen auf Dauer ab, andererseits aber auch das Impfen, (Update) wie sie sagt, auf Druck z.B. durch die MET (Update Ende). Dabei bedingt das eine das andere. Gerade wenn es um Regietheater geht, mit viel Nähe und Körperkontakt sowie etlichen Sänger:innen-Aerosolen, auf Abstände für größere Besetzungen verzichtet werden soll, auch im Publikum für eine bessere finanzielle Auslastung erreicht werden soll, wird man um das Impfen nicht herumkommen.

In Deutschland fordern derzeit z.B. das Münchener Kammerorchester, eine Initiative der Veranstaltungs- und Musik-Industrie mit Stars wie den „Die Ärzte“ oder auch der Deutsche Musikrat das Publikum auf, sich dringendst impfen zu lassen, auf dass man ohne auf Dauer teures Testen, aber vor allem mit weniger strengen Corona-Maßnahmen die Säle und Theater wieder dichter belegen kann. Blättert man durch die Spielpläne aller Orchester und Theater, scheint man fest davon auszugehen, dass man wieder so die Publikumsplätze vergeben kann und hofft möglichst auf eine hohe Impfrate.

Unerbittliche Realität am Horizont: 2 G
Der Sprecher des Verbandes der Veranstaltungsindustrie Jens Michow wurde Ende Juli noch mit Häme auf social media übergossen, als er sich zwar für Musik vor Getesteten mit weniger Abstand einsetzte, aber realistisch ein 2G-Szenario mit Geimpften und Genesenen vor Augen hatte. Das schloss auch ein, dass nicht nur das Publikum, sondern auch das Personal durchgeimpft sein wird.

Nun beginnt Hamburg mit einer 2G-Option: wer nur noch Geimpfte und Genesene hereinlässt, kann als Kulturraum z.B. seinen Saal wieder dichter belegen. Was dabei untergeht: finanziell lohnt sich Kultur erst dann wieder im größeren Stile – übrigens auch für Geförderte, man spart sich komplizierte Anträge bei Ausfallfonds. Zudem müssen bei Tanzveranstaltungen sehr wohl noch Masken getragen werden bzw. bis Erreichen des Sitzplatzes in anderen Konstellationen. Genauso aber muss das Personal mit Kundenkontakt durchgeimpft sein – überträgt man das auf die Nähe von Publikum und Musik, dann müssten sich eigentlich alle auf, vor und hinter der Bühne ebenfalls durchimpfen lassen.

Nachdem Gastronomie und Kultur zwar zum Bereich der soziokulturellen Teilhabe gehören, aber eben für das Publikum ausser im geistigen Sinne nicht existentiell sind, kann man sehr wohl in diesen Bereichen zwischen unterschiedlichen gegen Covid-19-Geschützten auch unterschiedliche Regeln gelten lassen. Gerade wenn es auch aufgrund von Privat- und Hausrecht erfolgt. Einerseits schafft man für sein Personal wie das Publikum einen sichereren Rahmen als es ein alleiniges Testregime ermöglicht. Andererseits kann man eben endlich auch wieder Geld mit der Kultur umsetzen.

Nichts ist perfekt, Imperfektes aber Ausdruck von Solidarität
Natürlich ist kein Impfschutz perfekt. Davon spricht eigentlich seit Einführung der Impfstoffe niemand. Es geht immer um einen Schutz vor Tod und schwerer Erkrankung: Geimpfte erfahren ein paar Tage Fieber, derweil Ungeimpfte auf die Intensivstation kommen. Man sieht es auch an den aktuellen Inzidenzen: von Bayern bis Schleswig-Holstein liegen die der Geimpften isoliert betrachtet im einstelligen Bereich, die der Ungeimpfte bald oder schon längst im dreistelligen. Wären Millionen von Ungeimpften nun längst geimpft, dann bliebe das bei den Geimpften auch noch im einstelligen Bereich. Auch wenn derzeit in einzelnen Staaten z.B. mehr Geimpfte als Ungeimpfte ins Krankenhaus müssen, dann deutet das auf eine hohe Impfrate hin, die insgesamt den Ozean der Geimpften schützt.

Angesichts von Logik, Finanzfragen und gesetzlichen Möglichkeiten entsteht natürlich jetzt genau der Druck, den Asmik Grigorian kritisiert. Im Juli sprach ich noch mit manchen, die sich damals noch nicht impfen ließen. Sie sprachen immer auch davon, dass sie noch nicht den entsprechenden Druck spürten. Nun, jetzt zeichnet sich dieser allmählich immer mehr ab: wer Kultur liebt und besuchen möchte, sollte sich alsbald sehr schnell impfen lassen. Jetzt, am Wochenende, kreist überall wieder ein Impfbus, starten Impfzentren Aktionen oder kann man unter der Woche seinen Hausarzt mal anfragen.

Ausserdem ist es immer auch ein solidarischer Akt, sich impfen zu lassen. Irgendwo auf social media las ich, dass demgegenüber der Impfdruck nun unsolidarisch sei. Sieht man aber, wie letztlich Ungeimpfte sich selbst gefährden und damit auch andere, natürlich auch durch asymptomtische Geimpfte infiziert werden können und diese Infizierenden aber Dank der Impfung die Krankheit nicht durchlaufen, dann ist eben der Zustand des Nicht-Geimpften das Problem, solange nicht die momentan apostrophierte Quote von 85% Prozent einer durchgeimpften Bevölkerung erreicht wurde.

Vertrauen, Geld, Körpernähe
Obendrein vermiest man Gastronomie und Kultur auch das Geschäft. Natürlich macht man das auch aus Idealismus, bevor man nichts macht, sofern man öffnen durfte. Aber jetzt haben wir die Mittel, um endlich wieder normale Besetzungen und Saalbelegungen langsam anzugehen. Für die Bühnenkünstler:innen aller Sparten sollte es zudem auch ein Akt der Solidarität sein, wenn Alle sich durchimpfen lassen. Gerade, weil man oft wochenlang stundenlang täglich den Probenraum und Pausen teilt, weil körpernahes Arbeiten wieder einfacher wird, weil insgesamt eine bessere Atmospähre untereinander entsteht, höfliches Abstandhalten – so etwas konnte man auch mal auf social media lesen – selbst in Rundfunkredaktionen dann entfallen kann.

Ich denke, keiner will mehr Situationen erleben, wo einzelne sogar mit Maskenbefreiungsattesten in Gruppen von Probenden und Aufführenden auftauchen oder jemand unter diesen Desinfektion nicht so ernst nimmt und dann wenig später positiv getestet wird. Es ist also auch eine Frage von Kollegialität den anderen z.B. Freiberuflichen gegenüber, die man nur paar Jahre mal sieht und man eben nicht so genau weiß, wie das Gegenüber eingestellt ist.

Anfang Juni 2021 erlebte ich lange vor dem Impfen für Alle z.B. das pure Gegenteil: die meisten Sänger:innen eines Projektes waren zwar noch nicht geimpft, aber hatten das auf dem Schirm und nahmen sogar als Testpersonen für den leider gescheiterten Curevac-Impfstoff teil. Musiker:innen, die auch unterrichten, waren durchwegs schon durchgeimpft. Es war nach langer Zeit wieder eine einigermaßen hohe Sicherheit einflössende Probenstimmung, weil alle mit dem Thema offen umgingen und Pro-Impfung eingestellt waren. Im Juli machte Probenarbeit dann noch mehr Spass, als damals im Probenraum wirklich alle durchgeimpft waren.

Daher: liebe Bühnen:künstlerinnen und liebes Personal aller Kulturberufe: geht morgen zum Arzt, lasst Euch beraten und bitte endlich impfen.

Komponist*in

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