Über Igor Levit, Siegfried Mauser und die Rolle von Helmut Mauró: Die unanständige Agenda des Kritikers

Es war eine der lautstärksten Debatten des Jahres, die auch deshalb so dröhnte, weil es im Jahr der Pandemie so still wurde um die Kunst und die Kultur. Nicht nur in den Feuilletons der großen Zeitungen auch in den sozialen Netzwerken entzündete sich ein Empörungssturm, der dazu führte, dass sich eine große deutsche Qualitätszeitung für ihren langjährigen Musikkritiker öffentlich entschuldigte und blamiert da stand. Man muss die ganze Geschichte um den Totalverriss des Pianisten Igor Levit durch Helmut Mauró in der Süddeutschen Zeitung vom 16. Oktober 2020 („Igor Levit ist müde“) nicht noch einmal im Einzelnen durchkauen. Es ist, das haben nahezu alle großen Medien in der Folge kommentiert, ein ziemlich verschwurbelter und handwerklich inkonsistenter Text, der in etwa diese rote Linie hatte: Levit kann nicht Klavier spielen, weil er soviel twittert. Oder umgekehrt. Selbst für die NZZ, die in dem Text keinerlei politischen Skandal erkennen konnte, blieb die Süddeutsche, die seit ihrem Kritikerguru Joachim Kaiser in Sachen Klaviermusik tonangebend ist unter den deutschsprachigen Zeitungen, „weit unter ihren Möglichkeiten“. Was nun schlimmer wiegt, das Ausmaß der persönlichen Beleidigungen oder der antisemitischen Ressentiments in dem Text, darüber streiten die Exegeten bis heute. Soweit die Levit-Debatte, der eigentliche Skandal ist ein anderer.

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Der SZ-Kritiker und der Hochschulpräsident

Beschäftigt man sich eingehender mit dem Autor des Levit-Textes, dann wird offenkundig, dass Helmut Mauró in seiner Arbeit immer mal wieder sehr persönliche Motive in einem Ausmaß in die Quere kommen, wie es das journalistische Selbstverständnis überhaupt nicht hergibt. Schon gar nicht das Selbstverständnis der international renommierten Recherche- und Investigativzeitung Süddeutsche Zeitung. Es geht um einen Vorfall, der viereinhalb Jahre zurückliegt, der nichts mit Igor Levit zu tun hat, sondern mit dem Missbrauchskomplex Siegfried Mauser. Es ist der 27. Mai 2016, – Siegfried Mauser wurde zwei Wochen zuvor wegen sexueller Nötigung einer Professorin zu einem Jahr und drei Monaten Haft auf Bewährung verurteilt – , als Helmut Mauró dem Opfer in dem Prozess auf offiziellem Süddeutsche-Papier einen Brief schreibt. In dem Brief verlangt Mauró die Einsichtnahme in die Stasiakte der Frau, selbst eine renommierte Musikerin. Die zu unterschreibende Einwilligungserklärung der Stasiunterlagenbehörde hat er beigefügt. Eine Begründung darüber, warum er die Akte lesen will, gibt Mauró nicht, aber „um Unklarheiten zu beseitigen“ könne man ja darüber sprechen, wenn er die Akten eingesehen habe. Die Frau ist geschockt, fühlt sich genötigt und erpresst, die Hochschule protestiert gegen die SZ-Recherche, daraufhin kommt vier Wochen nach dem ersten ein zweiter Brief von Mauró. Diesmal entschuldigt sich der SZ-Mann und erklärt, auf eigene Faust gehandelt zu haben und nicht im Auftrag der Zeitung. „Mit meinem Schreiben habe ich Sie als Hauptzeugin im Prozess gegen Prof. Mauser auf unzulässige Weise unter Druck gesetzt“, schreibt Mauró. Weiter erklärt er, „dass Prof. Mauser bis zur Aussetzung seines Lehrauftrages offiziell Erstbetreuer meiner Dissertation war. <…> Durch mein Handeln habe ich die Süddeutsche Zeitung wie auch Sie getäuscht und verletzt.“ Um Unklarheiten auszuschließen: Der Autor hat Maurós Briefe gelesen.

 

Hat sich Mauró instrumentalisieren lassen?

Die Frage, die sich nun stellt: Wenn nicht im Auftrag der Süddeutschen Zeitung – warum will der SZ-Pauschalist Helmut Mauró die Stasiakte der Mauser-Nebenklägerin just zu diesem Zeitpunkt einsehen? Hat er sich, so der Verdacht, der jetzt im Raum steht, von seinem Doktorvater instrumentalisieren lassen, um die Frau als Person zu diskreditieren und von ihrem Klageweg abzubringen? Helmut Mauró weist die Vorwürfe als „Fake“ zurück, SZ-Chefredakteur Wolfgang Krach spricht von „Gerüchten“, die er nicht kommentieren will. Ob Siegfried Mauser von dem Brief wusste, dazu möchte er sich nicht äußern. Vielleicht muss er das auch gar nicht.

 

„Mit dem Krummschwert aufschlitzen“

Auf Mausers privater Facebook-Seite, die inzwischen gelöscht ist, gibt es im April 2016 eine erstaunliche Diskussion unter namhaften Musikern und Mauser-Freunden, die den Verdacht erhärtet, dass Helmut Maurò Stimmung macht gegen das Opfer und die eigene Zeitung. Am 15. April 2016 berichtet die Süddeutsche Zeitung in einem ersten Artikel vor Prozessbeginn über die Anklage der Staatsanwaltschaft gegen Mauser. Ein übliches Procedere. Tags darauf schreibt Helmut Mauró auf Mausers Facebook-Seite: „Früher wäre so ein Artikel in der Süddeutschen nicht erschienen. Jedenfalls nicht so einseitig und vorverurteilend und detailgeil“. Der Komponist Jürgen Schmitt erkennt einen „ekelerregenden Rufmord“, dass Männer „wegen fingierter Übergriffe unschuldig verurteilt werden“ und empfiehlt, man solle „die Verantwortlichen mit einem Krummschwert aufschlitzen“. Und fügt hinzu: „natürlich nur verbal“. Wohlgemerkt: Schmitt meint das Opfer im Mauser-Prozess. Mauró fordert die Diskutanten daraufhin auf, anständige und  gut informierte Leserbriefe an die entsprechenden Medien zu schreiben „das wäre sinnvoller als vage beschimpfungen hier“. Der Tenor Julian Prégardien erklärt daraufhin, dass er „entsetzt“ sei und just den ersten Leserbrief seines Lebens geschrieben habe. Mauró, so hat es den Anschein, orchestriert im Netz eine Vielzahl von Leserbriefen für seinen Doktorvater. Und auch hier: Dem Autor liegen die zitierten Facebook-Posts vor.

 

Warum schweigt die SZ?

Das ist in zweierlei Hinsicht interessant. Die Berichterstattung der Süddeutschen Zeitung im Fall Mauser erweist sich in der Retrospektive als ungewöhnlich unkritisch und harmlos, spektakulär dagegen sind die Vielzahl der in der Süddeutschen abgedruckten Leserbriefe von sehr berühmten Mauser-Freunden, also von Enjott Schneider, Michael Krüger, Dieter Borchmeyer oder Hans Magnus Enzensberger, die in der Verurteilung ein „Komplott“ und einen „Justizskandal“ sehen. Die gesammelten Pro-Mauser-Leserbriefe erscheinen am 27. Mai 2016 und erreichen bundesweit Aufsehen. Auf denselben Tag, man mag gar nicht an Zufall glauben, ist auch Maurós erster Brief an das Mauser-Opfer datiert, deren Stasiakte er lesen will. Die Anklage gegen Mauser, das wissen wir heute, ist natürlich alles andere als ein „Komplott“ oder „Justizskandal“, sondern der dringend nötige Beginn einer Aufarbeitung der skandalösen „Sodom und Gomorrha“-Umtriebe an der Münchner Musikhochschule, die – siehe der jüngste Prozess gegen den Komponisten und Mauser-Freund Hans-Jürgen von Bose – bis heute andauert. Das erste Urteil gegen Mauser ist schon lange rechtskräftig, insgesamt wurde Mauser in drei Fällen zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren neun Monaten verurteilt. Die Süddeutsche Zeitung hat sich bis heute nicht zur diskreten Agenda ihres Musikkritikers erklärt, der das journalistische Selbstverständnis seiner Zeitung ad absurdum führt und im Netz gegen sie selbst, seinen eigenen Auftraggeber, polemisiert. Der neue Feuilleton-Chef der Zeitung, Alexander Gorkow sagt nur soviel: „Helmut Mauró ist ein in dieser Zeitung seit Jahrzehnten geschätzter Kollege, er wird auch weiterhin für uns schreiben.“

 

Thilo Komma-Pöllath

Freier Autor und Journalist in München, www.kommapoellath.de

3 Antworten

  1. miss_take sagt:

    Bah ist das eklig.
    Bitte dranbleiben und weiter berichten!

  2. Peter Toth sagt:

    unterirdisch das Abwehrverhalten, es männerbündelt…

  1. 21. Dezember 2020

    […] noch ein Schwenk zu Pia­nist Igor Le­vit und ei­nem ge­wich­ti­gen neu­en Ein­trag im Bad­Blog­of­Mu­sick zu Le­vit, Mau­ró und die Münch­ner […]

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