Bitte öfters Lüften! – Konzerte in Corona-Zeiten

Viele Konzerte habe ich in den letzten drei Wochen nicht besucht. Ich meine: Live-Konzerte. Streams habe ich mir seit März kaum reingezogen, eher Aprés-Streams mit freiem Abkürzen, Springen, Wiederholen. Am ulkigsten waren dabei die stummen Auftrtts- und Applausrituale. Kann man alles weglassen. Vielleicht sogar live, bis auf Applaus am Ende. Im Stream ohne Publikum wirkt formales Auftreten affig. Aber ich wollte über akute Live-Konzert-Erlebnisse schreiben.

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Mein erstes Konzert – Schreiben über Musik hat zur Zeit was von Tagebuch, Schulaufsatz – mein erstes Konzert also war auch das Schönste. Klar, es wurde ein Stück von mir gespielt, das ist immer schön. Schön spielte auch der vielversprechende junge Pianist Robert Florian Daniel. Sehr schön sogar. Richtig schön war aber, dass das Konzert im Freien stattfand und wirklich auch nur eine Stunde dauerte.

Obwohl ein paar Meter um mich weit über die Distanzregeln hinaus niemand sass, trug ich zeitweise sogar im Freien meine Alltagsmaske. Nicht allein um vielleicht auch überkritische Gesichtsmimik zu verbergen, wenn mir etwas nicht so in den Kram passte. Nein, ich fühlte mich wohler, später auch ohne. Aber eben selbst in der freien Natur im Konzert, wo man mehr als 15 Minuten Personen begegnet, die zwar alle nett waren, aber deren Corona-Verhalten ich nicht einschätzen konnte, gab das fakultative Sicherheit.

Die darauffolgenden Konzerte fanden beide im Innenraum statt. Beide waren inhaltlich wunderbar, mit informativen, spannenden Gesprächs- oder Erklärabschnitten. Das erste fand am Tag nach dem Wegfall der Maskenpflicht während kultureller Veranstaltungen in Innenräumen in Bayern weg. Die Sitze waren alle mindestens mit 1,5m zu den nächsten aufgestellt. Die Programmabläufe ließen allerdings eine längere Spieldauer als 60 Minuten erwarten. Beides mal dauerte es um die 90 Minuten, wurde sogar solistisch gesungen.

Was es nicht gab: Lüftungspausen, wenn auch nur kurze. Vielleicht bin ich der Einzige, der so etwas vermisste. Nun wissen wir aber auch, dass dort, wo überhaupt Gesang dabei ist und sich mehrere Personen im Raum befinden, während der Proben alle 30 Minuten sogar sehr ausgiebig gelüftet werden sollte. Ehrlich gesagt fühle ich mich ab Minute 35 dann selbst im Konzert im Innenraum unwohl, selbst wenn dies zu Minute 45 vorbei sein sollte. Hier waren es beidesmal je eben besagte ca. 90 Minuten, ohne dass kurz ein paar mal ein Durchzug gemacht wurde.

Ob das medizinisch sinnvoll ist, das kann ich nicht sagen. Psychologisch allerdings fühlt es sich für mich einengend an, wenn bei sommerlichen Temperaturen man dann doch langsam die abgestandene Luft nach 15, 20 oder spätestens 30 Minuten spürt. Fenster dürfen wegen der Nachbarn meist nicht offen stehen, Beflissene ziehen dann aufgrund irgendwelcher überflüssiger Abdunklungsgewohnheiten die Vorhänge vor den Fenstern zu.

Mir blieb jeweils nur eines: nach Abnahme der Maske, zog ich sie bald wieder an, behielt sie fast permanent auf, lenkte mich ab Minute 60 intensivierend mit Handy und Programmheft ab, um die unseligen, für mich klaustrophobischen verbleibenden Minuten zu überstehen.

Das ist nun sehr persönlich, individuell empfunden. Bei Sälen, wo bei 100, 200, 400 Personen normalerweise der Raum gefüllt ist, machen auch 50, 80, 100, nun 200 Personen die Luft bei geschlossenen Fenstern im Sommer die Luft dick. Das störte 2019 niemand, abgesehen vom Geruch. Jetzt fühlt man sich schnell sehr unsicher.

Ich las erst heute einen Text, in dem ein freier Konzertveranstalter meinte: selbst wenn er nun irgendwann 800 Leute z.B. im Herkulessaal in München einlassen dürfte, lohnt sich das einerseits nicht. Man könne zwar dagegen klagen, so der Text. Man würde vielleichtsogar gewinnen. Allerdings schafft das noch lange kein Vertrauen für die Kundinnen und Kunden, die Besuchenden der Konzerte. Das ist aktuell ganz schwierig wieder herzustellen.

Nun, da will ich sagen: dann lüftet mal mehr zwischen den Werken. Da wird man dann einwenden: Mahler, Beethoven, Bruckner gehen dann aber nicht, werden unnötig im Fluss des Geschehens unterbrochen, wo es doch sofort weiterzugehen habe. Da könnte man sagen: jetzt ist eben nicht die Zeit für diese. Auch nicht in Kammerversionen. Jetzt ist die Zeit für Kürzeres, Kleineres, ja, die Zeit für Kassengift. Tja, jetzt wäre eben mal die Zeit für Georg Vogler, Johann Kalliwoda, Anton Wranitzky, Jean Barraqué, Ethel Smyth, Martin Schüttler oder Benjamin Schweitzer. Da fände man Kürzeres als gewohnt und aufregend Anderes als den ewigen Gleichschritt des Durchkaurepertoires.

Und man könnte Lüften! So wäre es eine Freude. Oder man hält Konzerte in nächster Zeit nur im Freien oder im Sauerstoffzelt aus, wenn Lüftungspausen, Lüftungsmomente verweigert werden. Ich tippe mal: schriebe man, wir sorgen für gute Musik und beste Luft – das Vertrauen der Zuhörerschaft könnte steigen.

Ich mit Maske – bitte lüften

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