Blog of Bad Virus: Die größten Corona-Missverständnisse von MusikerkollegInnen (2)

 

Die größten Corona-Missverständnisse von MusikerkollegInnen

Obwohl die meisten Musiker darüber schimpfen, dass sie zu wenig Zeit haben, finden sie in normalen Zeiten anscheinend immer noch genug davon, um stundenlang im Internet zu surfen und auf sozialen Medien aktiv zu sein. Das Problem ist: momentan haben sie eher noch mehr Zeit, und was anfangs auf zum Beispiel Facebook noch als ein gegenseitiges Trösten in Corona-Krisenzeiten begann, ist inzwischen ein harter Kampf gegen Dummheit in Form von Fehlinformationen und Verschwörungstheorien geworden. Noch nie wurde so viel Stuss gepostet, wurde blockiert, gemeldet und geschimpft wie in diesen Zeiten. Und ausnahmsweise sind es mal nicht die rechten Trolle, die das Feld dominieren, sondern die – vormals oft geschätzten – KollegInnen, die z.B. der Meinung sind, dass wir alle Opfer einer unheimlichen Verschwörung sind. Schon jetzt steht fest, dass man einigen davon eigentlich nie wieder begegnen, nie wieder mit ihnen musizieren will, auch wenn morgen ein Heilmittel gefunden wird und wir auf der Straße umherspringen und uns endlich wieder umarmen dürfen. Wenn einmal jemand z.B. behauptet hat, dass Covid-19 das Werk einer satanischen Weltneuordnungsverschwörung des dritten Klons von Bill Gates ist, wird man dieser Person nie wieder unbefangen entgegentreten können. Ebenso nicht, wenn sie behauptet hat, in Wirklichkeit wäre 5G an allem Schuld oder es gäbe gar keinen Virus. Vorher mochte man über solche Verwirrungen bei anderen Themen noch milde lächeln, aber die Nerven liegen inzwischen blank.

Hier nun also in loser Folge, die schlimmsten Theorien, dümmsten Missverständnisse und absurdesten Schlussfolgerungen, alle entnommen aus tatsächlich existierenden zahlreichen Posts von MusikerkollegInnen, deren Namen ich hier gnädig nicht nennen werde.

 

  1. „Die wären doch eh gestorben, früher oder später“ – Missverständnis und moralisches Versagen gleichzeitig.

Eine der hartnäckigsten Legenden, die sich bei vielen KollegInnen hält, ist der Glaube, dass diejenigen, die an Covid-19 starben, ja „ohnehin gestorben wären“, und dass es deswegen auch keinen Sinn macht, irgendwelche Schutzmaßnahmen zu treffen. Dutzende Male geteilt wurde zum Beispiel diese wohl dümmste Schlagzeile in der Geschichte des „Nachrichtenmagazins“ Focus: „Corona-Todesopfer wären auch ohne das Virus gestorben“. Ach, wirklich? Angesichts der Tatsache, dass niemand auf diesem Planeten unsterblich ist, keineswegs eine neue Erkenntnis…

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Der hier erwähnte Hamburger Pathologe Püschel musste auch ungewollt für eine wahre Fake-News-Kampagne herhalten – seinen Untersuchungen zufolge hatten die von ihm persönlich untersuchten Hamburger Corona-Opfer Vorerkrankungen, dies wurde aber gleich als eine allgemeingültige verharmlosende Aussage vereinfacht zu „Es ist nie ein gesunder Mensch an Sars-Cov-2 gestorben“ und 2000 Mal allein auf Facebook geteilt, darunter auch von vielen MusikerInnen.

Wie falsch diese Aussage ist, zeigt schon eine flüchtige Recherche:  tatsächlich gibt es zahllose Beispiele für Corona-Tote ohne Vorerkrankungen, auch Jugendliche und Kinder. Und tatsächlich ist es so, dass gerade der Umstand, dass Menschen mit Vorerkrankungen an Covid-19 sterben, die Statistik eher in die andere Richtung verfälscht: in den Ländern, die ihre Corona-Statistik aus politischen Gründen gerne gering halten wollen, werden viele Opfer gar nicht als Covid-19-Opfer registriert, denn es ist bequemer, sie als Opfer einer anderen Krankheit zu verbuchen. Die WHO geht davon aus, dass die wahren Todeszahlen von Covid-19 ebenso wie die Anzahl der Infizierten daher wesentlich höher sind, das ist allgemein bekannt.

Als Beispiel hierfür mag der gerade eben verstorbene russische Komponist Alexander Vustin gelten – nach meinen Informationen starb Vustin an Covid-19, die offizielle russische Pressemeldung war dagegen „Verstorben an Lungenentzündung“ (siehe wikipedia, Stand 20.4.2020). Gruselig, dass man anscheinend noch nicht einmal das Recht hat, an seiner wahren Todesursache verstorben zu sein.

Wie falsch die Annahme ist, dass Tote die „an Vorerkrankungen ohnehin gestorben“ wären, in irgendeiner Form unseren Umgang mit der Pandemie verändern müsste, zeigt folgende einfache Frage: wie viele rundum gesunde Menschen gibt es denn in Deutschland? Menschen ohne die geringsten chronischen Probleme, noch nicht einmal Allergien oder Heuschnupfen? Allein in meinem Bekanntenkreis müsste ich lange suchen, um „100% Gesunde“ zu finden. Der perfekte übergesunde Mensch ist ein Phantom, selbst unter Menschen, denen Gesundheit sehr wichtig ist und die viel dafür tun. Von den vielen sportlichen jüngeren Menschen, mit denen ich bis vor Corona täglich trainiert habe, haben eigentlich die meisten irgendwelche dauerhaften Probleme, die Palette geht von Allergien und Nahrungsintoleranzen bis zu ernsteren Problemen wie Rheuma, Asthma und Diabetes, alles Krankheiten, die einen sofort zur „Corona-Risikogruppe“ abstempeln würden. Eigentlich haben wir alle irgendetwas, das irgendein Pathologe als „Vorerkrankung“ wahrnehmen würde, auch wenn es vielleicht nur eine leichte chronische Erkrankung wie eine Pollenallergie ist…denn deren Effekte würde man in unseren Atemwegen bei einer Obduktion als wahrnehmbare Entzündung finden.

Dass dies nicht einfach nur eine Vermutung ist, zeigen Statistiken wie diese: im Alter von 18-34 Jahren sind im Schnitt 32% Frauen und 20% Männer der Bevölkerung „chronisch krank“ (!), im Alter von 35-59, der größten Bevölkerungsgruppe, sind es 48% der Frauen und 40% der Männer, im Alter von 60-79 Jahre ist der Anteil noch höher. Alleine 13,2% der Frauen und 19,2% der Männer leiden in Deutschland an „Herz-Kreislaufproblemen“.Es laufen also in Deutschland momentan ca. 15 Millionen Menschen (!!!) herum, bei denen man nach einem Covid-19-Tod sofort sagen könnte „die wären ja vielleicht eh bald einer Herzerkrankung gestorben“, es wäre halt nur unendlich dumm, denn wenn in einem Jahr alle betroffenen 15 Millionen Menschen an Herzerkrankungen sterben würden, wäre unser Land massiv entvölkert und eines gigantischen Teils seiner arbeitsfähigen Bevölkerung beraubt.

Weitere Beispiele gefällig? Etwas sechs Millionen Menschen in Deutschland sind aktuell zuckerkrank, meistens Diabetes Typ 2, auch diese sind definitiv Covid-19-„Risikogruppe“ aus vielerlei Gründen , aber wie zynisch wäre es zu sagen „die wären eh gestorben“ wenn ein Großteil dieser Menschen momentan ein produktives Leben hat und gerne auch weiter haben will? Man könnte endlos weitere chronische Krankheiten aufzählen, an denen große Teile unserer Bevölkerung leiden.

Und, was ist überhaupt ein „produktives Leben“? Was ist der Wert von „Gesundheit“? Zählt man in dieser Gesellschaft nur etwas, wenn man kerngesund und jung ist, einen Körper wie ein Athlet hat und nie auch nur ein einziges Mal in seinem Leben krank ist oder war? Wird nur dann ernst genommen, wenn man gerade an Covid-19 gestorben ist, sonst nicht? Hinter der Stigmatisierung von „nicht gesunden“ Menschen mit Vorerkrankungen durch dieses Corona-Missverständnis steckt nämlich im Grunde eine Nazi-Ideologie, die wir eigentlich hinter uns lassen wollten. Ich bin ehrlich gesagt ziemlich froh, nicht mehr in einem Land zu leben, das mir arische Ideale oder „Arbeit (=“produktiv sein“) macht frei“ aufzwingt, sondern im Gegenteil in einem Land, das sich zumindest meistens erfolgreich bemüht, Chancengleichheit zu erzeugen und dessen Ideal es ist, dass absolut jedes Menschenleben lebens- und schützenswert ist, egal welche physischen oder mentalen Handicaps es hat, egal wie alt oder jung es ist. Deswegen gibt es bei uns auch gottseidank keine Konzentrationslager mehr, in denen „unerwünschtes Leben“ wie zum Beispiel geistig Behinderte systematisch ermordet werden, so wie es im Dritten Reich geschah. Und es werden auch nicht alte und gebrechliche Menschen aus dem Straßenbild entfernt, weil dies einem nordkoreanischen Diktator missfällt.

Wie pervers die Argumentation ist, dass die aktuellen Covid-19-Toten „eh gestorben“ wären und doch bitte nicht zählen sollten, zeigt dieses einfache Beispiel: Man stelle sich vor, nach dem Terroranschlag des 11. September (2996 Tote) wäre irgendein Mensch auf die Idee gekommen, diese Statistik zu „verbessern“ indem man die Krankengeschichte oder Lebensaussichten der Opfer auf die Probe gestellt hätte. Man hätte dann also all diejenigen der Opfer aus der Zahl entfernt, die zum Zeitpunkt des Attentats chronisch krank oder sehr alt waren, oder deren Lebensstil (zum Beispiel Kettenrauchen, Alkoholkonsum oder Übergewicht) eine große Chance gehabt hätte, sie im Jahr 2001 „ohnehin“ umzubringen. Ein Journalist, der dies versucht hätte, wäre zu Recht mit einem Shitstorm überschüttet worden, ebenso jemand, der dasselbe bei der großen Flutkatastrophe von 2004 getan hätte, also zum Beispiel alle Alten und Kranken subtrahiert hätte von den 230.000 Todesopfern, damit es zum Beispiel „nur noch“ 150.000 sind. Was hätte das für einen Sinn gemacht? Wären der 11. September oder die Flut von 2004 dadurch auch nur einen Hauch „weniger schlimm“ oder weniger gefährlich geworden? Ganz sicher nicht.

Es wäre nicht nur dumm, sondern auch widerlich gewesen, das zu tun. Und es ist nicht weniger widerlich, wenn heute leichtfertig so über Corona-Tote argumentiert wird, als seien sie eh schon dem Sensenmann versprochen, das sollten sich die Musiker-KollegInnen klarmachen, die dies auf Facebook zum Beispiel täglich tun.

Es ist erschreckend und zutiefst deprimierend wie einer der wichtigsten Grundsätze unseres Sozialstaats und unserer Grundmoral als Gesellschaft schnell vergessen wird, wenn es darum geht, dass man doch bitte möglichst schnell wieder Konzerte spielen will.

Moritz Eggert

6 Antworten

  1. Sonia G.Y. sagt:

    „Die wären doch eh gestorben, früher oder später“ Solche menschenverachtende Behauptung in einer öffentlichen Plattform zu hinterlassen, wagen nur wenige Hirnlose.

  2. Hannes Seidl sagt:

    Liebe NMZ Redaktion, lieber Moritz. Könnt ihr bitte das Bild des KZs entfernen?
    Trotz aller verständlicher Wut auf die derzeitige Diskussionskultur ist die Relativierung des Holocaust weder angemessen noch in irgendeiner Weise hilfreich.
    Danke

  3. Mathis Nitschke sagt:

    möchte mich der Aufforderung mit der gleichen Begründung anschließen.

  4. Benjamin sagt:

    Da ich Fbook nicht nutze, weiß ich nicht, was dort so von Musikerinnen und anderen geschrieben wird.
    Aber mir erscheint es methodisch nicht sauber, eine Debatte aus einem unseriösen Medium in ein seriöses hinüberzuziehen. Auf F
    book-Niveau soll man auf F***book diskutieren.
    Die Kombination aus der Unterstellung, jemand wolle nur so schnell wie möglich wieder Konzerte spielen, und das Leben anderer Menschen sei ihm/ihr dabei egal, mit einem Foto eines KZ-Eingangstors halte ich für gefährlich. Da könnte man genausogut die Corona-Eindämmungs-Maßnahmen mit dem Gesundheitsfanatismus der Nazis gleichsetzen und damit in Bausch und Bogen verdammen; das Wort vom drohenden „faschistoid-hysterischen Hygienestaat“ ist ja an einer Stelle gefallen, an der es besser nicht gesagt worden wäre.

    Wenn du eine konkrete Äußerung eines Musikers gefunden hast, aus der ein derart menschenverachtendes Denken hervorgeht, dann kannst du das ja hier zitieren, mit oder ohne Namensnennung. Aber so, wie der Beitrag jetzt aussieht, wirfst du ernsthafte und verantwortungsvoll kritische Geister mit Zynikern und Ignoranten in einen Pott.
    Der eine will einfach schnell wieder Konzerte spielen und viel Geld verdienen, und dabei ist es ihm egal, ob sich eventuell jemand in seinem Konzert ansteckt. Das ist inhuman.
    Die andere will einfach nur schnell wieder Konzerte spielen, und sie will, Obacht!, in einer Krisensituation für Menschen etwas zur Verfügung stellen, das ihnen Trost, Freude, Hoffnung, Gemeinschaft spenden kann. Natürlich will sie auch ihren Lebensunterhalt verdienen (sie hat nämlich 4 Kinder und keine Festanstellung), das ist ja nicht ehrenrührig. Und natürlich will sie nur solche Konzerte spielen, mit denen sie sich und andere nicht gefährdet – jedenfalls nicht mehr, als es jeder Gang zum Supermarkt auch täte.

    Über solche Dilemmata zu debattieren, wäre meines Erachtens zielführender. Der epidemologisch-statistische Teil der Debatte gehört im Grunde nicht hierher und ist ohnehin nur bedingt sinnvoll in einer Situation, in der alles von allen schon mehrfach gesagt wurde, die Argumente nur noch rotieren und selbst professionelle Statistiker die Waffen strecken angesichts von zu vielen Unbekannten.

  5. Sergej Tchirkov sagt:

    Lieber Moritz,
    Eine der Quellen ist leider falsch interpretiert: ich habe NIE behauptet, dass Alexander Wustin an COVID 19 starb. „Yes, pneumonia“ habe ich geschrieben. https://m.facebook.com/story.php?story_fbid=10157469372933160&id=704328159&anchor_composer=false

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