Donaueschinger Musiktage 2019 – Lachen in der Baarsporthalle

Das erste Orchesterkonzert in der Baarsporthalle begann mit der Uraufführung von Matthew Shlomowitz‘ „Glücklich, Glücklich, Freude, Freude“ für Tasteninstrumente und Orchester. Es begann im Klang wie eine Meta-Wurlitzerorgel. Radikal war das Stück in der konsequenten Anwendung von Dur und Moll Dreiklängen in allen erdenklichen Terzverwandschaften und kadenzierte fröhlich mit dominanten Sextakkorden. Ganz bezaubernd die zwei, drei ruhigeren Stellen, wenn zuerst ein, dann zwei Hörner nur vom Synthesizer begleitet Naturtonleitern intonierten, als spielte sich das Solo-Horn für Brittens Serenade ein. Man wurde mit einer Flut an Musik besprudelt, als würde im Strandhotel in Marina die Ravenna irgendwann in den frühen Achtzigern der besagte Wurlitzer durchdrehen bevor er in der Adria verschwindet. Nach einer konzisen Verdichtung erklang zugespieltes Meeresrauschen und spielende Menschen am Strand waren zu vernehmen. Der Wurlitzer dudelte nochmals nett dazwischen, das Solo-Klavier hinzu. Es wäre der finale Moment gewesen. Aber es war nur eine Atempaus. Shlomowitz drehte nochmals auf, es twistete im Orchester und wippte im Publikum, doch die Spannung war irgendwie dem Wurlitzer in die Adria gefolgt, auch wenn das SWR Symphonieorchester unter Emilio Pomárico formidabel aufgelegt war und leider zu sehr in den Doppelungen von Orchester- und Wurlitzersound versteckt wurde – da wurde einiges bis sehr viel, bis auf diese tollen Hornstellen, verschenkt.

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Ich folgte Spannung und Wurlitzer und musste woanders entspannen, zu viel Wildragout im Ochsen. So verpasste ich die Schüttlersche Invention, von der dieser allerdings auch ziemlich überrascht war. Das Klicken vernahm ich in der Adria – wo auch immer die im WC der Sporthalle liegt. Schade & Entschuldigung!

Zu Michael Pelzels „Mysterious Benares Bells“ für Orchester mit Elektronik war ich wieder da und machte Yoga-Turnübungen am Reck an der hinteren Saalwand. Aber nur geistig. Die Gongglissandi waren formidabel, das im Raum verteilte Orchester lächelte klanglich zeitweise wie Vishnu. Ich dachte in meinem Kopfyoga irgendwann an Param Vir und dessen großartiges Orchesterwerk H“orse Tooth White Rock“. Ich kam wieder zu mir, als die Glissandi der Elektronik und des Orchesters wie ein Plasma strömten. Dann war ich wieder bei Param Vir und seiner Oper Snatched by Gods, als leise und doch fette Unisono-Sepktralklangbäuche durch die Halle schwebten. Spannend wurde es wieder, als ca. 15 Streicher an Klangschalen mit Stabhölzern drehten, sehr apart und die Elektronik oder Pauken deren Klang co-glissandierten. Als dessen Nachhall im Raum stehen blieb, war ich schier baff. Dann ging es mit Spektralbäuchen, Quasi-Spektralbäuchen, da nur vom Spektralen inspiriert und das Wildragout forderte in meinem Bauch seinen zweiten Zoll. Schöne Ansätze, schöne Brücke zu Param Vir, ich freue mich auf weiteres!

Simon Steen-Andersens „TRIO“ für Big Band, Chor, Orchester und Video! Lachte im ersten Werk der Sound, im zweiten Vishnu, so lachte hier sehr, sehr oft das Publikum. Steen-Andersen ging in das SWR-Filmarchiv und holte Chöre des Südoststaates, Chöre des SWR, Orchester des gleichen Senders sowie Big Bands und musikalische Entertainment-Sendungen ans Licht, die allein schon ein Drittel der Sympathie des Werks ausmachten. Er schnitt Klang für Klang Archivmaterial gegen die Liveklänge des SWR-Symphonieorchesters, der SWR Big Band (mit Thorsten Wollmann) und des SWR-Vokalensembles (unter Michael Alber). Jedes Element immer nur als kurzer Fetzen, was unglaublich virtuos zu neuen Klängen aus der postmodernen Anordnung führte und einem emotionalen Dauerhoch. Meine Highlights war die Wiederbegegnung mit Sergiu Celibidache, der eine Zeit Chefdirigent in Stuttgart gewesen war. Sein „Pianissimo“-Flüstern aus einer aufgezeichneten Probe war das Zauberwort der Mitte des Werkes. Irgendwann übernahm das SWR Vokalensemble seine Worte und Seufzer und synchronisierte das Filmmaterial. Konsequent steuerte nach einer Wiederholungsschleife dieses großartige Loop-Rondo in Applausmomente der Filme, samt Aufstehen des Orchesters. Man wollte schon den Film-Klangkörpern ständig zujubeln, so standen plötzlich mitten im Film die Live-Ensembles auf und der Begeisterung war kein Ende! Ein Meisterwerk von Simon Steen-Andersen – der einzige Wermutstropfen: nicht jedem Komponisten wird es je in seinem Leben möglich sein, an so tolles Material zu kommen: bitte Alles ins Netz stellen, SWR, wie die Nasa ihre Mond-Sounds!

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