Komponistinnen 2019/20 – Fehlanzeige bei den großen Münchener Klangkörpern?

Zu Beginn der letzten Saison galt meine Münchener Nabelschau Dirigentinnen. Wie sieht es aber 2019/20 in München jenseits der zeitgenössischen Musik bei den sinfonischen und chorischen großen Klangkörpern mit Komponistinnen aus? In der letzten Saison gab es sogar weibliche Namen in sinfonischen Abo-Konzerten sowie in rein weiblich besetzten Sonderprogrammen. Das war ein zartes Pflänzchen in Sachen Gleichberechtigung. Allerdings sollte der Leitsatz sein: Education beginnt im Hauptprogramm, dort wird sie wirklich sichtbar und bereichert das Portfolio eines Klangkörpers im großen Rahmen.

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Und warum „nur“ München? Die bayerische Landeshauptstadt versteht sich als musikalische Weltstadt, hat zwei Opernhäuser mit vier Spielstätten und mindestens drei wichtige große Orchester, womit sie als stellvertretend für das gesamte deutschsprachige Musikleben betrachtet werden kann.

Musica viva
Nach den Jubiläen der älteren Herren findet in der beginnenden Saison das Komponieren von Frauen im 21. Jahrhundert größere Beachtung. Damit finden allerdings Komponistinnen nur hier ihren Platz in den Konzertprogrammen des Bayerischen Rundfunks. Insgesamt 15 Namen in Sachen Komposition (inkl. Rameau), davon drei Frauen (Nina Šenk, Olga Neuwirth und Milica DjordjeviÄ).

Theater am Gärtnerplatz
In den bisher programmierten Konzerten ist kein weiblicher Name einer komponierenden Persönlichkeit zu finden. Mit Johanna Doderer gibt es eine Opern-UA im April 2020 (Schuberts Reise nach Atzenbrugg, Libretto Peter Turrini).

Münchner Philharmoniker
Mit Claudia Monteros „Vientos del sur“ findet die einzige Aufführung eines Werkes einer Frau in einem traditionellen Abo-Sinfoniekonzert statt. Zwar sind Susanna Mälkki, Barbara Hannigan, Karina Canellakis und Oksana Lyniv Gastdirigentinnen, doch keine von ihnen dirigiert ein Werk einer Geschlechtsgenossin, dafür wichtige Namen des männlichen Repertoires wie Mahler, Strawinsky, Wagner, Strauss, Ravel und Bartok. In einem Sonderprogramm namens „Ristorante Allegro“ zeichnet Margit Sarholz neben Buch und Realisation auch für Komponiertes verantwortlich.

Bayerische Staatsoper
Zwar treten Joana Mallwitz als Dirigentin mit den Männern Liszt, Schubert und Mahler im Akademiekonzert und Marina Abramovic als Autorin und Regisseurin mit Musik von Nikodijevic in einer Musiktheater-UA auf der großen Bühne in Erscheinung. In allen bisher programmierten Konzerten und Opern sind männliche Namen in Sachen Komposition zu finden, einzig die noch im Programm offenen Konzerte des Opernstudios, der Orchesterakademie und der Festspiel-Liederabende lassen vielleicht eine minimale Hoffnung für traditionelle und historische Komponistinnen offen sowie die Musiktheater-Sonderprogramme der Festspiele, die erst im Herbst bekanntgegeben werden sollen.

BR-Sinfonieorchester, Rundfunkorchester und Chor des BR
Wenn man die Beteiligung des BRSO und des Chores bei der musica viva ausser Acht lässt, findet man bei diesen beiden Ensembles wie dem Rundfunkorchester keine einzige Komponistin.

ARD-Musikwettbewerb
Neben zwei Männern sind die Komponistinnen Milica DjordjeviÄ und Younghi Pagh-Paan mit Solowerken für das Halbfinale beauftragt worden.

Fazit
Abgesehen von den Konzerten der musica viva, der einzigen weiblichen und großformatigen Opern-UA und einem Abo-Konzert der Münchner Philharmoniker spielen Komponistinnen diese Saison in der Musikstadt München, der Weltstadt mit Herz, dem Millionendorf und der heimlichen Hauptstadt keine Rolle im Rahmen der großen sinfonischen und musiktheatralischen Hochkultur-Ensembles. 2018/19 schien man ganz zaghaft damit anzufangen, Komponistinnen einen höheren Stellenwert in den großen Konzerten einzuräumen. 2019/20 ist davon nichts übrig geblieben.

Natürlich treten nun endlich vermehrt Dirigentinnen mit den wichtigen Orchestern Münchens auf. In Sachen Programmierung lassen sie es aber an Geschlechtersolidarität mangeln, vorausgesetzt, sie haben überhaupt ein Mitspracherecht bei der Stückauswahl.

Erleben wir gerade wieder einen Rollback? Wenn man in die Klassikwelt die letzten 2 Wochen so hineinhörte, finden etliche Persönlichkeiten des Musiklebens im Lande z.B. ungewollte Zungenküsse und Berührungen von männlichen Musik- und Theatermitarbeitern gegenüber weiblichen Mitarbeiterinnen lächerlich und nicht der Rede wert – siehe die Causa Domingo, wo man Vorfälle zwischen 1998 und Mitte der Nullerjahre ausblendet, die immerhin seine aktuelle Tätigkeit als Intendant/Generaldirektor in Los Angeles mutmasslich betreffen würden und somit vielleicht arbeitsrechtlich relevant sein könnten.

Oder gibt man sich schlichtweg nicht mehr Mühe? Man programmiert durchaus selten gespielte Männer wie z.B. Rheinberger oder Paisiello. Also schöne Musik, aber keine Highlights des Repertoires. So könnte man doch auch z.B. Emilie Mayer, Ethel Smyth, Lili Boulanger, Anna Amalia, Melanie Bonis, Gloria Coates (immerhin 16 Sinfonien!) und mehr auf das Programm setzen.

Will man im 21. Jahrhundert neue Interessierte für die klassische Musik aller Epochen begeistern, dann gehört die Öffnung gegenüber historischen und lebenden Komponistinnen ganz oben auf die Agenda, auch und gerade im Hauptprogramm. Wie eingangs gesagt: Education beginnt im Hauptprogramm.

Man muss leider sagen: Frauen befinden sich zum Teil nicht einmal ganz unten auf der Agenda manches Klangkörpers, abgesehen von Nischenprogrammen mit Neuer Musik.

Wo man sich informieren kann? Bei den eigenen Konzertdramaturginnen und Konzertdramaturgen und diese könnten mal beim Archiv Frau und Musik in Frankfurt am Main anklopfen. Und im gesamten Lande statt gewollter Lippenbekenntnisse oder ungewollter Zungenküsse sich erheblich mehr bei der Werkauswahl und Recherche anstrengen.

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3 Antworten

  1. Karola sagt:

    Danke, Alexander.

  2. Thomas sagt:

    Ich kann ja mal meine Oma fragen, ob sie Lust hat ein Stück zu schreiben.

    Ist ja inzwischen eh völlig wurscht, wer diese Wegwerfware produziert.

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