Placido Domingo, 9 Frauen und eine Klatschreporterin

8 Sängerinnen und 1 Tänzerin werfen dem Opernhaus-Generaldirektor, Sänger und Dirigenten Placido Domingo in einer Recherche von Associated Press (AP) sexuelle Belästigungen vor, nur eine davon mit Klarnamen, Patricia Wulf, die bis zu 30 Jahre zurückliegen. Nicht lange ließen Verteidiger auf sich warten: Sängerinnen und Sänger, die mit Domingo arbeiteten oder für deren Karriere er wichtig war, stellten im ein Ehrenzeugnis aus. In Deutschland tat dies die Regenbogenpresse-Journalistin Beate Wedekind in der Welt. [UPDATE s.u.] Auf SWR 2 hält heute Maria Ossowski die Anschuldigungen gegen Domingo für unangemessen. Domingo selbst wies die Darstellungen der 9 Künstlerinnen als „zutiefst beunruhigend“ und „ungenau“ zurück, zudem glaube er, dass seine Beziehungen und Interaktionen mit Frauen immer einvernehmlich seien und er niemand je verletzen wolle sowie er anerkenne, dass „die Regeln und Standards, an denen wir uns heute messen lassen – und messen lassen sollten -, sehr unterschiedlich sind, wenn man sie mit früher vergleicht.“

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Der Glanz des „Gottes der Opernwelt“
Beate Wedekind wirft den 9 Frauen vor, dass „sie sich eventuell Vorteile erhofft haben, dass sie sich gern im Glanz des ‚Gottes der Opernwelt‘, wie eine sagt, sonnen wollten.“

Ganz so war es wohl nicht. Frau Wedekind pickt sich das aus dem Zusammenhang eines der neun Fälle heraus. Eine heute 49 Jahre alte Sängerin gab dort zu Protokoll, dass 1998, als Domingo Künstlerischer Leiter der Oper in Los Angeles wurde, dass Domingo anfing sie anzurufen, uneingeladen in ihre Gaderobe eindrang und sie sich in Panik und gefangen fühlte, wenn er dort ihre Kostüme lobte, sie auf die Wange küsste und dabei eine ihrer Brüste berührte. Er sagte zu ihr zuerst, er müsse mit ihr als zukünftiger Künstlerischer Leiter über ihre Karriere sprechen, um dann leiser zu ihre zu sprechen – nun redete „Placido“ privat mit ihr.

Zu AP sagte sie: „I was totally intimidated and felt like saying no to him would be saying no to God. How do you say no to God?“ Daraus leitet Frau Wedekind ihr „Glanz des Gottes der Opernwelt sonnen wollen“ ab.

Die Sängerin versuchte den Nachstellungen und Anrufen zu entkommen, sagte zu Domingo, sie sei verheiratet, ging nicht mehr ans Telefon. Irgendwann nahm sie dann doch den Hörer ab, Domingo war dran. Sie sah sich zu einem sexuellen Abenteuer gedrängt. Danach hörte der Druck Domingos allerdings nicht auf. Ihrem Ehemann gestand sie die Affäre, der berichtete AP, dass seine Frau damals nur in die Sache einwilligen konnte oder sonst bei einem „Nein“ ihre Karriere vergessen könnte. Eine Freundin bestätigte AP, dass es der Sängerin damals nervlich nicht gut ging und sie erheblich Gewicht verlor. Als Domingo die Kontrolle über die Besetzungsliste der Oper in LA erhielt, wurde sie nicht mehr eingeladen.

Das professionelle Verhältnis Sängerinnen und Domingo als Generaldirektor
Für Beate Wedekind, der die Situationen der 9 Frauen sehr bekannt vorkamen, wie sie schreibt, gibt es nur einen Grund, warum Frauen sich mit Placido Domingo einließen: sie mussten ihn, wie sie wohl selbst, unbedingt sexy finden. Ihr Fazit: „Weil sie selbst Spaß haben wollten und weil es toll war, mit weltberühmten Männern zu flirten, und so ihre eigene Attraktivität bestätigt zu sehen.“

Damit übersieht sie den gravierenden Unterschied: wenn sie sich als Klatschreporterin Domingo näherte, war das vielleicht ihrerseits im Dienste ihres Jobs. Denn trotz der gebotenen journalistischen Distanz, fand sie es lustig, wenn „er hat auch mit mir geflirtet“ hat „und ich habe den Flirt gern erwidert“. Eben nicht aus besagter journalistischer Distanz ging sie darauf nicht weiter ein, sondern aufgrund ihres Respekts vor Domingos Ehefrau. Sie kann sich den Kontakt von Frauen zu Domingo vor allem nur vorstellen, indem „jede von uns Frauen, die in seiner Nähe waren,… geradezu um seine Aufmerksamkeit gebuhlt“ haben.

Dabei ging es in Bezug auf die 9 Frauen und Domingo vor allem um professionelle Verhältnisse: entweder zwischen ihnen als Sängerinnen oder Tänzerin und ihm als Sänger. Aber vor allem auch zwischen ihm als Künstlerischen Berater, Leiter oder gar Generaldirektor der Washingtoner und LA Oper. Wenn man alle Zweifel, warum die Frauen sich erst jetzt im Zuge von MeToo melden oder eben dass Domingo immer von vielen Frauen umschwärmt war, mal weglässt und genau hinschaut: es geht um beruflichen Amtsmissbrauch durch Placido Domingo.

Coaching ist keine Einwilligung in Sex
Das unterstreicht besonders einer der jüngeren Fälle, der sich in der Mitte der Nullerjahre ereignet haben soll. Sie sang an der Oper in LA, wo damals wie heute Domingo Chef war. Er begann sich nach ihrer Darstellung „extrem für ihre Karriere“ zu interessieren. Annäherungsversuchen versuchte sie durch Ausflüchte und Entschuldigungen zu entkommen. Einmal gelang es ihm doch, sie in sein Auto zu bekommen. Vor seiner Wohnung versuchte er sich ihr anzunähern, doch sie lehnte ab und verabschiedete sich schnell.

Wochen später wusste er, dass sie bis spät nachts in der Oper probte. Er erzeugte Druck, gab sich ungedulig, ob sie nun doch endlich mit ihm an einen gewissen Stück arbeite. Sie sagte AP, wie sie das einordnete: „Ich fühlte mich so, als habe ich das herausgezögert und ihn 6 Wochen gemieden. Und er ist Placido und er ist mein Boss und er bietet mir an, an dieser Rolle zu arbeiten.“

Also ging sie mit in Domingos Wohnung, wo er zwar Wein anbot, aber tatsächlich mit ihr an der Arie arbeitete. Als die Probe vorbei war, fasste er ihr allerdings unter den Rock. Daraufhin verließ sie entgegen seinen Bitten schleunigst die Wohnung und fand sich aufgelöst in ihrem Auto wieder. Sie erfüllte dann noch die weiteren Vorstellungen gemäß ihres Vertrages. Sie wurde aber nie wieder nach LA eingeladen oder zu Projekten mit Domingo. Dass sie eine ordentliche Karriere hinlegte, zeigen laut AP ihre folgenden Engagements z.B. in San Francisco oder sogar an der New Yorker Met. Gegenüber AP resümiert sie: „Mit jemand eine Coaching Session zu haben, der Dir anbietet, Dich zu coachen, ist keine Einwilligung in Sex.“

[UPDATE] Alles 30 Jahre her? Nein!
Maria Ossowski hält in ihrem Kommentar für SWR 2 die Anschuldigungen nach 30 Jahren für unangemessen. Da muss man fragen: hat sie die AP-Recherche ausführlich gelesen? Der hier eben geschilderte Fall datiert auf die Zeit nach 2003, als Domingo Generaldirektor in LA wurde. Somit liegt er rein rechnerisch – laut AP ereignete er sich Mitte der Nullerjahre – nur ca. 12-16 Jahre zurück. Ein anderer Fall wurde auf 1998 datiert. Das sind zwar immerhin 21 Jahre, aber keine 30. Der Fall Mitte der Nullerjahre, ich wiederhole es: erst ca. 12-16 Jahre her.

Frau Ossowski versucht es mit Fakten, im entscheidenden Moment verweilt sie allerdings bei reinen Mutmassungen, wenn auch sie wie Frau Wedekind sich in ihrer Domingo-Begeisterung nicht vorstellen kann, dass Sängerinnen, die UNTER Domingo als Generaldirektor arbeiteten, seine Avancen nicht gut fanden, er ihr „Nein“ x-fach missachtete, bis er sie „umdrehen“ konnte, wie im einen Fall die verheiratete Sängerin oder er unter Coaching was anderes als seine Untergebene verstand. Frau Ossowski in ihren fragenden Mutmassungen: „Wer aber kann heute überprüfen, ob vor 30 Jahren, in einer völlig anderen Kultur des Miteinanders, die anklagenden Frauen vielleicht eine stabile Beziehung erhofften und Domingo nur eine kleine Affäre wollte? Wer weiß, welche dieser Frauen von besseren Karrierechancen im Haifischbecken der Sängerkonkurrenz träumten? Wissen sie es selbst nach 30 Jahren noch so ganz genau?“

Nein ist also für Frau Ossowski wie Frau Wedekind kein Nein, sondern nur das Gezicke von karrieresüchtigen Sängerinnen im Verhältnis Sängerin/Opernchef? [UPDATE ENDE]

Die Abhängigkeit Domingos von der Regenbogenpresse
Frau Wedekind zieht ein anderes Resümee. Die Frauen und weitere Personen berichteten AP, dass es die ungeschriebene Regel gab, mit Placido Domingo als Frau nicht allein in einem Raum zu sein. Nachdem für die Klatschreporterin schon nicht die beruflichen Beziehungen der Sängerinnen zu Domingo z.B. als Generaldirektor eine andere Sache sind als die Beziehungen, die Fans und Groupies sich zu ihm wünschen, bleibt ihrem Vorstellungshorizont nur: „Man hat sich darüber amüsiert, dass er, der stolze Spanier, so ein typischer Latin Lover war.“ Vielleicht aber war Domingo zu Reporterinnen nur deshalb der nette Latino von nebenan, weil er von ihrer positiven Berichterstattung abhängig war?

Wie die Recherchen von AP nun für die LA Oper rechtlich zu werten sind, wird die Zukunft und die eigene Untersuchung des Opernhauses zeigen. AP beschreibt sehr genau, wie man methodisch vorgegangen ist und für die Aussagen der Frauen biografische Anhaltspunkte prüfte und Kollegen, Freunde und weitere Personen zum Zustand der Aussagenden während des Zeitpunkts der mutmasslichen Geschehnisse befragte, womit das journalistisch sauber dokumentiert sein dürfte. Auch dass nur eine Frau sich namentlich äußerte und die anderen 8 anonym bleiben, gehört zum gewöhnlichen journalistischen Quellenschutz.

Man nimmt den Frauen ihre CV
Dass der vonnöten ist, zeigen etliche die Frauen automatisch desavouierende Kommentare von Leserinnen und Lesern. Patricia Wulf selbst macht man den Vorwurf, dass sie auf ihrem Linked-In-Profil den Namen Domingos biografisch anführte. Wer sich genauer mit Opfern im Bereich der Klassik befasst hat, sieht sehr oft, dass natürlich die berühmten, wenn auch übergriffigen Namen weiter in der CV stehen – was denn sonst? Will man das den Opfern auch noch nehmen?

Unrecht 1980 war auch 1980 schon Unrecht
Es gab bereits Absagen von Auftritten Domingos in den USA, andere Länder schwören Nibelungentreue wie das spanische Kulturleben, die deutschen Institutionen warten wohl eine nach der anderen ab, was die vorangehende tut oder nicht tut. Letztlich ist es vielleicht wirklich nicht so nötig, die Rolle von Domingo als Sänger zu Frauen zu beurteilen. Die Frage, ob er allerdings überhaupt je als Generaldirektor geeignet gewesen wäre jenseits vom Willen, mit solch einem Job seine Netzwerke institutionell nutzen zu können, die ist schon zu stellen. Das geht vielleicht aufgrund von Verjährungsfristen nur noch moralisch und journalistisch. Aber es sollte in der Sache der erste Eintrag ins Geschichtsbuch sein: Domingo, ein toller Sänger, aber kein so toller Generaldirektor.

Mag solch ein übergriffiges Gebaren vielerorts bis vor kurzem oder vielleicht sogar noch heute in der Klassikwelt Usus sein, so war es weder Gewohnheitsrecht oder sonstwie legal. Die Standards für Leitungspositionen im Berufsleben des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts unterscheiden sich eigentlich nicht. Somit ist Domingos Statement zurückzuweisen. Egal ob 1980 oder 2019: abgewiesene oder akzeptierte sexuelle Avancen oder gar Übergriffe als Einstellungskriterium zu nutzen, war und ist zu diesen Zeiten auf alle Fälle immer schon Unrecht gewesen und keine Frage des Zeitgeists, was eine Scheinausrede, nicht mehr, aber auch nicht weniger ist.

Screenshot aus Sesamstrasse auf Youtube – als es mit den Placidos Flamingo und Domingo noch so einfach war

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2 Antworten

  1. k. sagt:

    Vielen Dank für die Versachlichung der Debatte.

    Die Debatte zeigt den offenbar immer noch vorhandenen Bewußtseinsmangel in Teilen der Klassik- und Medienwelt auf. In der Post-#Metoo-Ära würde man eigentlich meinen, dass wir im Umgang mit dem Thema etwas weiter wären und dass wir an nachhaltigen Lösungen zu arbeiten beginnen könnten.

    Die beiden Journalistinnen stellen m.E. auch falsche Fragen. Ergänzend möchte ich daher ausführen:

    WELT: „Die Oper von Los Angeles, deren Generaldirektor er ist, prüft die Vorwürfe (…) die Hamburger Elbphilharmonie lassen seine Auftritte (…) wie geplant stattfinden, die Hamburger „vorbehaltlich weiterer Entwicklungen“.“

    Die LA Oper muss als Arbeitgeber die Vorwürfe prüfen, da es sich um Vorwürfe im eigenen Haus handelt. Bei der Hamburger Elbphilharmonie geht es um Saalvermietung an einen Fremdveranstalter, der Domingo für einen Konzert als Sänger engagiert. Das sind zwei unterschiedliche Verhältnisse.

    Domingo wäre auch nicht der erste Künstler, der nach Vorwürfen sexueller Grenzverletzungen in der Elbphilharmonie/Laeiszhalle auftrtitt. Beim Konzert von Woody Allen (11.7.2017) gab es eine Proteststöraktion der Femen auf der Bühne. Sowohl beim Konzert der Philharmoniker mit Mikhail Pletnev (13.5.2018) als auch beim Konzert der Symphoniker mit Charles Dutoit (28.6.2019) war #metoo kein Thema, auch nicht beim Publikum. Dann gibt es noch weitere Künstler, deren Namen (bisher) nicht in den Medien auftauchten. Warum sollte die Elbphilharmonie bei Domingo plötzlich anders reagieren?

    Wenn Domingo sich nicht einsichtig gezeigt hätte, und wenn er aktuell am Zenit seiner Karriere stehen würde, könnte man vielleicht über eine Aktion vor der Elbphilharmonie nachdenken. Aber was soll so eine Aktion jetzt bringen? Der Veranstalter ist kein Klassik-Spezialist, sondern kommt aus dem Pop Bereich. Begleitet wird Domingo von der Mecklenburgischen Staatskapelle Schwerin (ich glaube nicht, dass die Orchestermusikerinnen aktuell gefährdet wären). Kartenpreise laut Webseite 425/359/293/205/105, d.h. auch die Plätze im akustischen „toten Winkel“ (bei Gesangssolisten, wenn diese vorne stehen und nach vorne singen) kosten mehrere hunderte Euro. Die Zielgruppe ist damit klar. Will man diesen Menschen ihr Vergnügen verbieten? Das Konzert ist seit längerem ausverkauft.

    Maria O. im SWR: „Opernintendanten und Agenten liegen dem Tenor zu Füßen, denn Domingo verspricht immer ein ausverkauftes Haus.“

    Die Frage ist nur, auf wessen Kosten dies geschieht, und wer dafür geopfert wird. Wer denkt an die Geschädigten?

    Wenn man z.B. pro Domingo-Karte 5 Euro an die Themis Vertrauenstelle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt abgeben würde, könnte man mit dem einen Konzert eine Vollzeitstelle oder eine zusätzliche Beraterin zumindest für mehrere Monate finanzieren.

    SWR: „Die anderen acht Frauen bleiben anonym. Und dennoch wird eine künstlerische Vita ruiniert. (…) Und nicht einmal der Tod wird diese behaupteten Vergehen vergessen machen“

    Die Frage, die man stellen sollte, ist vielmehr, warum in der klassischen Welt ohne medialen und öffentlichen Druck nichts bis wenig passiert. Warum müssen erst mehrere Betroffene zusammenkommen, warum müssen sie mit der Presse reden, um gehört zu werden? Warum müssen die Betroffenen 20-30 Jahre warten, bis sie (hoffentlich endlich) ernst genommen werden? Warum werden Ermittlungsbehörden auch bei Verdacht auf Straftaten erst nach journalistischen Recherchen tätig? Warum braucht es erst prominente Namen in der Öffentlichkeit und engagierte Journalisten, damit hingeschaut wird? Warum hat keiner der Kollegen in höhereren Positionen die übergriffigen „Stars“ rechtzeitig konfrontiert? Und wenn es vergleichbare Fälle heute gibt, wagt jemand eine zeitnahe Konfrontation?

    Warum geht man eigentlich davon aus, dass eine künstlerische Vita ruiniert wird? Es ist mittlerweile z.B. Allgemeinheitswissen, dass Mozart sexuell belästigt und begrapscht hatte. Es ist höchstens eine Anekdote, kein Konzersaal streicht Mozart deshalb aus dem Jahresprogramm. Mahler hatte auch nicht den besten Ruf als Dirigent/Direktor, heute tragen sogar Jugendorchester seinen Namen.

    Oder andersrum: warum müssen bestimmte Verhaltensweisen bei großen Künstlerpersönlichkeiten beschönigt werden, damit man sie für ihre Künste verehren kann? Geht nicht beides gleichzeitig?

    WELT: „Acht Opernsängerinnen und eine Tänzerin haben entschieden, den Tenor, Dirigenten und Operndirektorals eine der prominentesten Figuren in der Opernwelt an den Pranger zu stellen.“
    SWR: „Das ist in dieser lautstärke und Vorverurteilung völlig unangemessen, und schadet dem Kampf um die Gleichberechtigung der Frauen mehr, als es nützt“

    Ist es nicht auch denkbar, dass die Frauen einfach ihre Seite der Medaille schildern und zu ihrer Lebensgeschichte stehen wollten? Ich kenne im Übrigen keine Betroffene in der Klassik, die ihre Täter unbedingt im Gefängnis sehen wollten.

    Interessant hierbei ist, dass es bei der Domingo-Debatte nicht mehr darum geht, ob die Frauen gelogen hätten und aus einem einvernehmlichen Sex eine Vergewaltigung konstruiert hätten. Das ist schon mal ein Fortschritt. Dass Handgreiflichkeiten gegen den Willen der Betroffenen nicht in Ordnung sind, scheint mittlerweile allgemein angekommen zu sein.

    (Allerdings in der WELT: „gegen Weinstein und andere Übeltäter ist ein Aufschrei zwingend notwendig.“ Wer entscheidet denn, aufgrund welcher Information, bei welchen „Übeltätern“ ein Aufschrei notwendig ist und bei welchen nicht?)

    Die Journalistinnen stellen die Schilderungen der 9 Frauen bei Domingo auch nicht in Frage.

    WELT: „Als ich die Aussagen der Frauen gelesen habe, kamen mir die Situationen sehr bekannt vor.“
    SWR: „Wer aber kann heute überprüfen, ob vor 30 Jahren, in einer völlig anderen Kultur des Miteinanders, die anklagenden Frauen vielleicht eine stabile Beziehung erhofften und Domingo nur eine kleine Affäre wollte?“

    Also geht es hier u.a. um die Frage, ob das Verhalten professionell ist, ab wann hartnäcktige und wiederholte Avancen zum Machtmissbrauch werden. Nocht mehr als bei Vergewaltigungen geht es hier um die Macht und die Abhängigkeit. Die Journalistin des WELT-Artikels hatte gern mit Domingo geflirtet, die Sängerinnen wollten es nicht und hatten wiederholt Nein gesagt (bis einige dann doch nachgegeben haben, warum sie dann doch Ja gesagt haben, war ein Thema der AP-Recherche).

    Aber selbst wenn es so wäre wie die Journalistin im SWR-Beitrag schreibt, wie würde man die Situation heute bewerten? In mir bekannten Fällen (nicht Domingo) wurde den oft viel jüngeren Frauen Naivität nachgesagt und das war’s. Jetzt schaut man eben auch die andere Seite an, eben weil die Problematik alle in der Branche angeht.

    Dass es auch im Berufsleben „menschelt“ ist klar, und dass es auch menschliche Sympathien und Antipathien jenseits des künstlerischen Könnens gibt, ist auch klar. Wenn ein Direktor aber eine Sängerin engagiert, weil er sich Sex mit ihr erhofft oder weil sie mit ihm schläft, ist es aber nicht sehr professionell.

    SWR: „Es sind Traumrollen, die Placido Domingo glaubwürdig verkörpert, voll prall-erotischer Szenen und Klänge. (…) Das Spiel der Verführung, das wir in so vielen Opern genießen, es belebt auch in der Realität. Eros hat eine ungeheure Kraft…“

    Erstens ist Eros nicht gleich ausgelebte sexuelle Handlung. Zweitens muss auch ein Sänger, ein Schauspieler nicht alles, was er auf der Bühne verkörpert oder spielt im Realleben ausleben und schon gar nicht mit jeder beliebigen Person. Drittens sind nicht alle Handlungen, die auf Opernbühnen gezeigt werden, moralisch richtig oder zeitgemäß, dies zu thematisieren ist eigentlich die Aufgabe einer tiefgründigen künstlerischen Inszenierung.

    Mich irritiert es manchmal, wenn klassische Künstler oder Bühnen sagen, dass sie die klassische Musik einem breiteren Publikum, auch bildungsfernen Menschen, zugänglich machen wollen, und sie vermitteln wollen, wie schön klassische Musik oder Oper ist. Nichts dagegen, absolut nicht. Nur klingt das für mich manchmal sehr von oben herab, wenn gesagt wird, dass man die Menschen dort abholen müssten, wo sie stehen.

    Was die Klassikbetreib verkennt, ist, dass bestimmte Schichten, bestimmte Menschen schon aus ihrer eigenen Lebenserfahrung eine intuitive Abneigung gegen Machtmissbrauch und Scheinheiligkeit haben. Das ist wie bei Allergikern, sie spüren Machtmissbrauch sofort und gehen auf Distanz. Wenn man mehr Menschen für die klassischen Konzerte und Opern begeistern wollen, muss man auch die festgefahrene Machtstruktur im Klassikbetrieb ändern.

    Die junge Generation ist da im Übrigen schon etwas weiter: https://www.ndr.de/kultur/musik/Kritik-an-Besetzung-der-Weiber-von-Windsor,weiberwindsor100.html

  1. 20. August 2019

    […] Urteil haben. Der Vorgang ist ja vielmehr, dass eine Presseagentur eine Recherche betrieben hat (Alexander Strauch hat darüber im Bad Blog Of Musick geschrieben). In dieser Recherche werfen Personen dem Opernchef und Sänger ein Verhalten vor, das nicht […]

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