Fördert das Goethe-Institut Rassisten?

Eine heftige Frage, die sich höchstwahrscheinlich nicht abschliessend beantworten lässt. Anlass für diese Fragestellung ist einmal wieder eine Verlautbarung des Cellisten und AfD-Apologeten sowie AfD-Mitarbeiters Matthias Moosdorf. Auf Facebook berichtet er vom Zustandekommen eines Konzerts des Leipziger Streichquartetts am 27. Mai 2019 im Madrider Museo Reina Sofia. Der Auftritt erfolgte im Rahmen einer Reihe des spanischen „Centro Nacional de Difusión Musical” in Kooperation mit dem „Goethe-Institut Madrid“. Moosdorf wollte wohl den rechtslastigen Komponisten Hans-Jürgen von Bose mit einem neuen Streichquartett beauftragen.

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Moosdorf im O-Ton: „Dieser Plan wurde zunichte, weil eine deutsche Stiftung die Unterstützung für Hans Jürgen von Bose aus München und sein neues Quartett zurückzog. Der Meister steht im Zwielicht, weil er u.a. den rechten Gedanken nicht entsagen kann und sich hin und wieder kritisch geäußert haben soll.“ Es sei daran erinnert, dass von Bose letzthin eine Lanze für den Migrantenschreck-Mario-Rönsch brach. Auch sei nicht vergessen, dass er der Vergewaltigung angeklagt ist, was Moosdorf natürlich geflissentlich vergisst. D.h., von „hin und wieder kritisch“ äußern kann hier nicht die Rede sein. Nein, es geht um das Befürworten von schlimmsten rechtsextremen Gestalten im braunen Sumpf Deutschlands, die vor Strafverfolgung das Land verliessen, bis sie Ungarn auslieferte.

Moosdorf zu „deutscher“ Musik 1

Doch nun dreht es Moosdorf um und erklärt das „Centro Nacional de Difusión Musical” zwischen den Zeilen zu rassistisch agierenden Programmgestaltern, da sie ihm Schwierigkeiten mit der Nationalität seiner als Ersatz vorgeschlagenen Komponisten bereiteten: einerseits sollten Spanier, andererseits Deutsche vertreten sein, von denen je mindestens ein Werk in jüngster Zeit entstanden sein sollte. Moosdorf bot wohl nicht deutsche Musikschaffende, sondern auch in Deutschland lebende und wirkende Nicht-Deutsche Komponistinnen und Komponisten an. Man konnte sich auf ein Werk von Konstantia Gourzi einigen. Das klingt ja fast schon nach absolut politisch korrekten Handeln seitens Moosdorfs.

Aber jetzt kommt’s! Was nicht einmal den Nationalsozialisten gelang, nämlich „un-deutsche“ Musik zu definieren, daran versucht er sich. Anscheinend hatte sich die spanische Seite auch was anderes als die Musik Gourzis vorgestellt. Und Moosdorf versucht nun, das nationalistisch-kulturell pseudo-musikwissenschaftlich zu untermauern, als gäbe es heute noch nationale Schulen: „Was man dabei nicht bedacht hatte: sie komponiert natürlich aufgrund ihrer Herkunft eher in einem griechischen als in einem deutschen Stil.“ Ist schon bizarr genug.

Moosdorf zu „deutscher“ Musik 2

Nun läuft er zu Hochform auf: „Und der Unterschied ist gewaltig: die Komplexität der deutschen Musik ist weltweit nahezu einzigartig, jedenfalls völlig anders als die mehr auf eine Melodie aufgebaute osteuropäische.“ Aha, deutsche Musik gleich parametrisch komplex, osteuropäische Musik gleich parametrisch unterkomplex bzw. da reicht’s nur zu Melos? Als Musiker, der im Streichquartett sehr häufig zeitgenössische Musik aufführte, sollte Moosdorf eigentlich bekannt sein, dass im aktuellen Komponieren die Herkunft der Komponierenden keine Rolle spielt, sondern nichts als der individuelle Ansatz im Mittelpunkt steht. Auf was man sich dabei bezieht, liegt nicht am Pass, am Blut oder der Musikerziehung. Es liegt an einer persönlichen Entscheidung des autarken Künstlers, der autarken Künstlerin.

Ein griechischer Komponist wie z.B. Dimou Stylianos ist von spektralen und musikelektronischen Ansätzen geprägt, die von Athen über Paris bis New York von Persönlichkeiten aller Nationalitäten individuell ausformuliert werden. Die Musik von Briten wie Richard Barrett oder Brian Ferneyhough ist so komplex, so dass bayerische, modal und tonal schreibende Komponisten Kasachen sein müssten, würde man mit der Musikgeographie Moosdorfs hantieren.

Auch wenn Moosdorf das dem Veranstalter in die Schuhe schiebt, erklärt er damit das Gefälle von „deutscher“ und „griechischer“ Musik und beleidigt meine wundervolle Kollegin Konstantia Gourzi, die er ja vorschlug: „Damit war der Veranstalter nicht glücklich, sie klang ihm vor allem in der Gegenüberstellung zu naiv, eindimensional, nicht in der deutschen Tradition.“

Am Ende mag es für naive Ohren und Augen so aussehen, als würde Moosdorf die europäische Vielfalt beschwören. In Wirklichkeit ist ein Bekenntnis homo-ethnischer und vor allem identitärer Weltsicht: „Das sind nun die Wirren des neuen Europas: es ist vielfältig – aber vor allem durch jahrhunderte alte nationale Prägung. Und für die Musik gesprochen: es wäre ein Totalverlust, wenn es diese Nationalstile nicht mehr gäbe. Eine gemeinsame europäische Musik jedenfalls wird es hoffentlich niemals geben!“

Wie gesagt, worauf man sich bezieht, seien es internationale Kompositionsmethoden oder regionale Einflüsse des Kulturraumes, aus dem man zufälligerweise stammt: es ist keine Frage des Blutes und der Herkunft, um sich auf französische Elektronik, die ausgerechnet ein Grieche wie Iannis Xenakis mitprägte oder griechische bzw. nahöstliche Melodik zu beziehen. Es ist eine hochkomplexe, individuelle künstlerische Entscheidung. So ist J.S. Bach v.a. Bach, der erwiesenermassen alle massgeblichen Kompositionstechniken seiner Zeit in sein Werk einbezog. Genauso Mozart ist ohne seine internationale Prägung nicht als Mozart denkbar. Auch ein Richard Wagner redet zwar von deutscher Musik, ist aber genauso von in Frankreich und Italien geprägten Techniken massgeblich beeinflusst. Arnold Schönbergs Schritte in die Dodekaphonie finden zeitgleich seine Pendants in der Sowjetunion. Die Italiener Nono und Berio lassen sich von Deutschland bis Armenien beeinflussen, der deutsche Lachenmann findet sich zwischen Nono und Sciarrino wieder.

Mehr gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen. Nur das Goethe-Institut muss sich nach diesen Äusserungen Moosdorfs fragen lassen, ob es nationalistisch-identitäre und homo-ethnische Sichtweisen weiter fördern will oder ob vielleicht AfD-Sympathisanten in seinen Reihen arbeiten wie man es in der Gestalt des letzten Bundesverfassungsschutzpräsidenten mutmasslich meinte wiederfinden zu können, sieht man, wie ausgerechnet die AfD jenen verteidigte?

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1 Antwort

  1. Sonia G.Y. sagt:

    Was ist mit „Nationalstile“ eigentlich gemeint? Wie erkennt man national charakterlich musikalisch „Deutsches“, z.B. bei Bach, Beethoven oder Schönberg? In Wagners Opern gibt es zwar nationale Momente in den Texten, seine Musik aber ist nationenübergreifend. Gerade ihre Übernationalität schafft den internationalen Zuhörern Zugang zu dieser Musik und dadurch ihre Beliebtheit.

    Sollte diese „Nationalstile“ nach der Deutung des H. Moosdorf irgendwann verschwinden, sind Migranten und Vielfalt garantiert nicht daran schuld. Sondern vor allem, mangelndes Interesse der Deutschen, an ihrer eigenen Kultur.

    H. Moosdorf behauptet „Und der Unterschied ist gewaltig: die Komplexität der deutschen Musik ist weltweit nahezu einzigartig, jedenfalls völlig anders als die mehr auf eine Melodie aufgebaute osteuropäische.“
    Wer sich einmal mit Klavierwerken von Prokofiev, Strawinsky oder Szymanovski auseinandergesetzt hat, kann über die obige Bemerkung des Cellisten nur lachen.

    Laut H. Moosdorf: „Eine gemeinsame europäische Musik jedenfalls wird es hoffentlich niemals geben!“
    Es gibt schon lange keine spezifizierte deutsche oder französische Tonkunst mehr, sondern europäische Tonkunst von deutschen oder französischen Komponisten.

    Mit seinen absurden Behauptungen entlarvt H. Moosdorf nur seine krude Weltanschauung: Andere Herabsetzen und Ausgrenzen. Schade nur, dass so ein Musiker Deutschland in internationalen Podien repräsentiert.

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