DAS PODCAST UFO – Die E-Musik-Transkripte 6

Die bisherigen Folgen: Folge 1 (PODCAST-UFO-FOLGE 1), Folge 2 (PODCAST-UFO-FOLGE 8), Folge 3 (PODCAST-UFO-FOLGE 12), Folge 4 (PODCAST-UFO-FOLGE 15), Folge 5 (PODCAST-UFO-FOLGE 19).

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Alles, was Florentin Will und Stefan Titze in ihrem seit Ende 2014 ausgestrahlten Podcast „DAS PODCAST UFO“ über klassische Musik gesagt haben und sagen, schreibe ich hier ab. Und korrigiere es fachmännisch (wenn nötig). Rückwirkend! Und zwar exakt so (nur kurze Sprechpausen und Stockungen werden durch drei Punkte ersetzt), wie es die beiden ehemaligen Böhmermann-Autoren in ihrem Podcast gesagt haben.

Folge 23 (16. Juni 2016)

Bis zu der hier transkribierten Stelle geht es in Folge 23 um die vermeintliche Beschwerde der Zuhörer, dass Florentin und Stefan angeblich zu viel singen. Dann fangen die beiden an, die John-Williams-Titelmelodie von „Jurassic Park“ zu textieren.

(…)

(Minute 04.11)

(Stefan und Florentin singen die Titelmelodie von „Jurassic Park“) „Dinosaurier, Dinosaurier…“ (Singen etwas durcheinander).

Florentin: (weiter singend) „Dinosaurier…“

Stefan: (singend) „Flugsaurier auch!“

Florentin: Genau so ist es nämlich entstanden.

Stefan: (singt während Florentin lacht): „Und dann…“

Florentin: (redet rein) Genau so…

Stefan: (singt einfach weiter): „…kommt der T-Rex und dann kommt der (hier merkt Stefan, dass die Rhythmisierung nicht mehr funktionieren wird und nuschelt das folgende Wort entsprechend schnell auf eine Silbe dahin) Brachiosaurus – und dann hau’n die die Menschen…“

Florentin: (singt noch halb): „Menschen und…“

Stefan: (singt): „…kaputt!“ (will neu anheben, wird aber von Florentin unterbrochen) „Dinosau…“

Florentin: (tiefer auf der John-Williams-Melodie einsetzend, singend): „Und Chris Pratt ist…“

Stefan: (spricht wieder normal und möchte den Gesangsreigen offenbar jetzt abbrechen): Sehr schön.

Florentin: (singend) „…mittlerweile (unverständlich)“. So wurden früher Lieder geschrieben! (singt, die ersten vier Takte von Beethovens Sinfonie Nr. 5 c-Moll, 1. Satz imitierend) „Beethovens Fünfteeeee! Beethovens Fünfteeeeee!“

Stefan: Nein, der (er meint Ludwig van Beethoven) war einfach nur (danach unverständlich, weil Florentin gleichzeitig weiter singt)…

Florentin: „Einfach nur…“ (nun tatsächlich noch die nach den vier Einleitungstakten folgenden Töne – gleichsam neu textierend – weitersingend) „War das beste Stück, das jemals geschrieben wurde.“ (Hier singt Stefan wahllos einen Ton hinein.) So wurden früher Lieder geschrieben!

Stefan (wie gewohnt nuschelnd): Aber ich glaube, der hat schon so (hier fügt Florentin noch ein unverständliches Wort aus dem Hintergrund hinzu)… …der war schon so ein kleiner Downie dann am Ende. Der hat halt nicht mehr so viel gehört…

Florentin (zweifelnd): …naja…

Stefan: …und hat halt einfach irgendwie so richtig gelang… (hier ist nicht klar, ob Stefan „gelangweilt“ sagen will oder ob er meint: „Beethoven hätte wütend auf die Tastend gelangt.“) …und auf die Tasten gehauen.“ (Wieder das Thema der Fünften imitierend, aber mit einem heiser-schnoddrig-ätzend-angekotzen Ausdruck): „Dä-dä-dä-dääää! Dä-dä-dä-däääää!“ Das war… Da war nicht…

Florentin: (lacht) (unverständlich) …bißchen was von…

Stefan: (gleichzeitig und fast unverständlich) Da war nicht viel mehr dahinter dann.

Florentin: (fast gleichzeitig mit Stefan) …von so einer vierzehnjährigen Teenagerin, ne? So: (wieder im schimpfend-rümpfenden Tonfall wird das Beethoven-Thema intoniert) „Nä-nä-nä-nääää“. So ein bißchen…

Stefan: (nicht ganz zufrieden) Ja. Der (gemeint ist wieder Beethoven) war auch genervt von seinen Fans. Und dann sagte er: „Komm, jetzt einen Song für euch!“ (Wieder mit Beethoven-5-Imitation und unzufrieden-meckerndem Ausdrucke) „Dä-dä-dä-dääää! Dä-dä-dä-dääää!“

Florentin: So stelle ich mir das in Prenzlauer Berg vor, wenn diese hocherzogenen Kinder irgendwie keinen Bock haben. … „Räum… dein Zimmer auf, Bianca Setima Stefania!“ – „Nä-nä-nä-näääää!“ So kommt das dann rüber (danach unverständlich).

Stefan: (erst unverständlich) Ich wohne… …in einer Wohnung, wo gerade über mir irgendwer Klavier lernt oder so. Und ich finde…

Florentin: Ja…

Stefan: …es toll, dass es (sic) einfach komplett keinen Fortschritt macht. Sondern bei (sic) jedem Tag…

Florentin: (lacht dreckig)

Stefan: …setzt er sich pünktlich irgendwann so gegen 18 Uhr einfach hin…

Florentin: (lacht etwas gemäßigter)

Stefan: …und spielt Tonleitern.

Florentin: (fast unterbrechend) Und nervt einfach.

Stefan: Ich weiß nicht. Das macht doch gar keinen Bock! (unverständlich, fast gestottert) Versuch mal wenigstens einen Song zu spielen, der supereinfach ist – oder wenigsten „Alle meine Entchen“ oder irgendwie sowas – (ringt nach Worten) oder… „Für Elise“. Das hat am Anfang zwei Töne… das kann man durchziehen! Viertelstunde!

Florentin: (fängt mitten im Satz auf die ersten Töne von „Für Elise“, in ähnlich ätzendem Tonfall wie zuvor anlässlich von Beethovens Fünfter zu singen) „Nä-nä-nä-nä-nä-nä-nä-nä- (unterbricht aber vor dem entscheidenden „Nääääää“)…

Stefan: (unverständlich ) …also mir würde das eine Stunde Spaß machen. Aber eine Tonleiter abzuspielen (sic) die ganze Zeit? Und einfach die ganze Zeit (singt in wenig motiviertem Tonfall im Stile einer auf- und wieder absteigenden Dur-Dreiklangs-Übung): „Wä-wä-wä-wä-wä-wä-wä-wä-wäää. Dä-dä-dä-dä-dä-dä-dä…“ – das ist auch für alle Nachbarn nervig!

Florentin: Vielleicht ist es auch nur eine Katze einfach, die auf dem Klavier liegt.

Stefan: Ja, vielleicht, ja.

Florentin: Ich wohne ja tatsächlich… Gegenüber, meine… …Nachbarin ist ja Klavierlehrerin. Das heißt, ich habe einen regen Durchfluss an vierzehnjährigen… …Mädchen, die ständig… …an meiner Haustür vorbeigehen und zu ihr in die Wohnung. Das heißt, ich höre eigentlich jeden Nachmittag ununterbrochen dasselbe Stück erst schlecht, dann gut, dann dreimal schlecht, dann einmal gut, dann viermal schlecht – und dann kommt die nächste Person, (leicht lachend) dann höre ich das nächste Lied genau in dieser Taktung. Einfach immer wieder (Stefan atmet dabei – Amüsement andeutend – kurz hörbar durch die Nase aus) – und das ist… …das ist wirklich anstrengend. Aber das ist ganz… …ganz nett.

Stefan: Bringt sie denn jedem Schüler (Florentin redet hier völlig unverständlich dazwischen) immer bloß ein Lied bei – (hier kommt es zu einer der mysteriösesten Stellen im PODCAST UFO überhaupt, Stefan scheint zu stottern, gleichzeitig könnte es auch ein merkwürdiger Schnittfehler sein…) – pebei… …bei… …und dann (unverständliches Wort)?

Florentin: Nee. Jeder… …jeder Schüler hat ein eigenes Lied, aber das wird genau in diesem Rhythmus gespielt.

Stefan: (leise und inzwischen leicht desinteressiert) Ah, sehr gut.

Florentin: Da kannst du immer genau abwarten: „Ah, jetzt kommt erstmal wieder viermal schlecht – und… …dann kannst du wieder zuhören und dann gefällt es dir.“

Stefan: (während Florentin noch etwas Unverständliches reinredet) Ich will dann die Leute immer auf Fis-Dur (ob er wirklich „Fis-Dur“ sagt ist nicht ganz sicher festzustellen) anhalten und sagen: „So, das war jetzt die fünfte Woche in Folge, wo das Lied gar nicht geklappt hat! Was ist denn Zuhause los? Hast du grad auch nicht geübt?“ – oder so, ne? Einfach mal die Kinder…

Florentin: …ja, genau… (danach unverständlich, weil gleichzeitig mit Stefan)

Stefan: …so (vermutlich:) ein bisschen im Flur konfrontieren damit.

Florentin: (noch halb zuende lachend) Ja, auch die… …die… …Musiklehrerin so als Druckmittel: „Mir ist es egal ob du übst oder nicht! Aber Florentin Will von neben (leicht lachend) hat gesagt: ‚Wenn du das jetzt nicht schon (Stefan signalisiert sein amüsiert-Sein erneut durch das charakteristische Ausstoßen eines Nasenwindes) langsam auf die Reihe kriegst, dann wird es hier ernsthafte Konsequenzen geben, deshalb strenge dich mal ein bisschen an!'“ Jetzt mal eine Frage an dich: …wir reden hier ja gerade über Skype, ne? (An dieser Stelle wird das Thema abrupt gewechselt).

Die musikwissenschaftliche Analyse: Tatsächlich vollziehen Florentin und Stefan mit ihrer (eigenen?) Textierung der John-Williams-Melodie aus „Jurassic Park“ (gesungen: „Dinosaurier“ – übrigens eine im PODCAST UFO wiederkehrende Erscheinung) unbewusst eine uralte musikgeschichtliche Praktik nach, nämlich die der nachträglichen Textierung einer eigentlich einst textlosen Melodie. Das gab es in ganz verschiedenen Ausprägungen. So interpretierten Musikwissenschaftler in bestimmte Phrasen von Instrumentalwerken einzelne Worte hinein, so angesichts der fallenden Quinte des zweiten Themas im Kopfsatz von Robert Schumanns Klavierquintett Es-Dur op. 44, mittels der – und längst nicht nur hier, sondern immer wieder in allen Sätzen des Werkes – angeblich Schumann seiner geliebten Frau wortlos (und doch aussagekräftig genug) zuschmachtet: „Clara…“

Okay, das ist vielleicht nicht das beste Beispiels. (Aber ich hatte die Grafik schon erstellt, haha.)

Aber tatsächlich ist Schuman ein Komponist, der gerne „sprachähnliche“ Motive, also kleinteilige Abschnitte verwendete, bei denen eine Textierung von fremder (?) Hand naheliegt. Mein Klavierprofessor hat das beispielsweise angesichts des Stücks „Armes Waisenkind“ aus Schumanns „Album für die Jugend“ einmal im Unterricht ausgeführt. Die Worte des Titels passen perfekt auf die Noten des Beginns…

Viel bekannter die nachträgliche Textierung von Samuel Barbers „Adagio for strings“ (1938), die der Komponist selber im Jahre 1967 vornahm. Aus einem reinen instrumentalen Musikstück für Streichquartett beziehungsweise Streichorchester wurde ein Chorwerk mit dem lateinischen Text des „Agnus Dei“…

Des Weiteren wäre anzumerken, dass Beethovens Klavierstück „Für Elise“ in der Tat nicht nur zu häufig gespielt wurde und wird, sondern im weiteren Verlauf des Werkes (also nach dem charakteristisch nervenden Zwei-Ton-Beginn, über das sich bereits Fluxuskünstler und Helge Schneider lustig machten) alles andere als „leicht“ ist. Da haben sich schon diverse – und zu Beginn noch „stolze“ – Eltern und Großeltern bei verheerenden Musikvorspielen gewundert, in welche verzweifelten Verstrickungen ihr achso begabtes Kind geriet…

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Arno Lücker wuchs in der Nähe von Hannover auf, studierte Musikwissenschaft und Philosophie in Hannover, Freiburg - und Berlin, wo er seit 2003 lebt. Er arbeitet als Autor (2020 erschien sein Buch »op. 111 – Beethovens letzte Klaviersonate Takt für Takt«, 2023 sein Buch »250 Komponistinnen«), Moderator, Dramaturg, Pianist, Komponist und Musik-Satiriker. Seit 2004 erscheinen regelmäßig Beiträge von ihm in der TITANIC. Arno Lücker ist Bad-Blog-Autor der ersten Stunde, Fan von Hannover 96 und den Toronto Blue Jays.